02.01.2020

Running Movies 2019

Parasite
Einer der besten Filme des Jahres 2019: Parasite von Bong Jon-hoo (Foto: Koch Films/capelight pictures)

Die Filme rauschen nur so an einem vorbei. Wir halten in einem Satz fest, was wir gesehen haben – ein rasanter Durchgang durchs Kinojahr

Von Dunja Bialas, Wolfgang Lasinger und Felicitas Hübner

Januar

Ben is Back (Peter Hedges)
Drogen-Familien-Drama 1: in Mutter-Sohn-Konstel­la­tion.

Adam und Evelyn (Andreas Goldstein)
Egal ob im Osten oder im Westen, Haupt­sache mit Evelyn.

Fahren­heit 11/9 (Michael Moore)
Welcome to Hell.

Maria Stuart, Königin von Schott­land (Josie Rourke)
Köni­ginnen mit roten Haaren: Es kann nur eine geben!

Rey (Niles Atallah)
Patagonien als experimentelles Filmdelirium – nach der wahren Geschichte.

The Favourite (Yorgos Lanthimos)
Der Körper der Königin I. Poli­ti­sches Irresein und sexuelle Entfes­se­lung gehen eine Macht-Liaison ein – so tollkühn kann Historie sein. // Von Köni­ginnen und Kaninchen – Lanthimos versteht es auf hinter­trie­bene Weise, die Haupt- und Staats­ak­tion Shake­speare'schen Formats in ein minu­tiöses Drama der körper­li­chen Gebrechen und der niedersten Instinkte, aber auch der unmit­tel­baren Affekte zu zersetzen.

Green Book (Peter Farrelly)
Ein distin­gu­ierter Pianist und sein unge­ho­belter, aber lebens­froher Chauffeur schlagen weiße und schwarze Tasten an.

Das Mädchen, das lesen konnte (Martine Francen)
Welchen Nutzen hat der Mann? Geist und Körper befruchten. Deshalb heißt der Film im Original auch: »Der Sämann« (Le semeur). // Biopo­li­ti­sches Expe­ri­ment mit einem einzigen Kerl in ansonsten männer­ver­las­senem Dorf mitten in der unberührten Land­schaft Südfrank­reichs im 19. Jahr­hun­dert – es hätte auch ein Porno draus werden können.

Womit haben wir das verdient? (Eva Spreit­zhofer)
Ungleich witzigere und intel­li­gen­tere Cultural-Clash-Variante der fran­zö­si­schen Blaupause Monsieur Claude (Qu'est-ce qu'on a encore fait au bon Dieu?).

Die Geheim­nisse des Schönen Leo (Benekdikt Schwarzer)
Mit dem BMW nach Bonn, zu Wein, Weib und Politik.

Glass (M. Night Shyamalan)
Hinter­glas­ma­lerei mit Super­schurken.

Manhattan Queen (Peter Segal)
J.Lo bringt Tauben zum Explo­dieren.

Yuli (Icíar Bollaín)
Der erste schwarze Romeo im weißen Ballett-Business.

Capernaum – Stadt der Hoffnung (Nadine Labaki)
Ein Kind klagt an. // Herz­zer­reißender Tear Jerker, der zeigt, wie wichtig es ist, ein Skate­board zu haben.

Raus (Philipp Hirsch)
Wohl­stands­kids auf Abwegen. // Selbst­fin­dungs­trip durch die wilde Natur. Es grüßt »Herr der Fliegen«.

Chaos im Netz (Rich Moore)
»Das Internet? Gibt‘s den Blödsinn immer noch?« (Homer Simpson)

Beautiful Boy (Felix van Groe­n­ingen)
Drogen-Familien-Drama 2: in Vater-Sohn-Konstel­la­tion.

The Posses­sion of Hannah Grace (Diederik Van Rooijen)
Ihre einzigen Kollegen sind Leichen.

Plötzlich Familie (Sean Anders)
Familie ante portas.

Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten (Martin Tischner)
In 84 Minuten um die Welt.

Februar

Big Fish & Begonia (Zhang Chun, Liang Xuan)
Farben­frohes chine­si­sches Anime mit rotem Delphin.

Asche ist reines Weiß (Jia Zhang-ke)
Nur der Wandel macht das Vergan­gene sichtbar. Ein schmerz­haft schöner Film. // As time goes by I: ein großar­tiger epischer Bogen, der Zeiten und Land­schaften über­spannt und dabei die schmerz­li­chen Verluste der von den gewal­tigen Ände­rungen betrof­fenen Menschen in unver­gess­li­chen Bildern aufhebt.

Holmes & Watson (Etan Cohen)
Dr. Watson – verliebt in die Queen.

Glück ist was für Weicheier (Anca Miruna Lazarescu)
Schöner sterben für Anfän­ge­rinnen.

Hard Powder (Hans Petter Moland)
Deutsche Verleih­titel-Policy: im Original heißt der Film Cold Pursuit. Der »Nichts für Weicheier«-Schnee­pflug-Killer-Film hätte wenigs­tens irgend­etwas mit »Fargo« heißen können.

Frühes Verspre­chen (Eric Barbier)
Gut gespielt aber schwer auszu­halten: Charlotte Gain­s­bourg.

Alita: Battle Angel (Robert Rodriguez)
Manga-Mädchen Alita als Kampf-Engel.

Swee­the­arts (Karoline Herfurth)
Männer sind in diesem Film entweder nutzlos oder Sexobjekt.

Die Blüte des Einklangs (Naomi Kawase)
Juliette Binoche in Kawases Gegen­licht.

Can You Ever Forgive Me? (Marielle Heller)
Lee Israel, die kratz­bürs­tige Fälscherin von Manhattan.

Vice – Der zweite Mann (Adam McKay)
Cheney als Prince of Darkness.

Der verlorene Sohn (Joel Edgerton)
Der Film behandelt das, was Gesund­heits­mi­nister Jens Spahn gerade verbieten will: die Konver­si­ons­the­rapie gegen Homo­se­xua­lität. (Drogen-Familien-Drama 3: in Vater-Sohn-Konstel­la­tion)

Der Goldene Handschuh (Fatih Akin)
Fritz Honka zerlegt mit dem kleinen Hacke­beil­chen Frau­en­körper in St. Pauli // Von Fritz Honkas verwun­deter Frau­en­mör­der­seele zeigt sich nur die misogyne Pappmaché-Fratze. »Killing by numbers« statt Hamburger-Hafen-Nach­kriegs­ge­schichte. // Schnaps, viel Schnaps, noch mehr Schnaps: aber damit ist auch niemandem geholfen.

Die Winzlinge – Abenteuer in der Karibik (Hélène Giraud, Thomas Szabo)
Verliebte Mari­en­käfer kämpfen für ihr Glück.

Escape Room (Adam Robitel)
Bist Du schon tot oder lebst Du noch?

Kommissar Gordon & Buffy (Linda Hambäck)
Wenn etwas Schlimmes im Wald passiert, können nur Kommissar Gordon und Buffy helfen.

Wie gut ist deine Beziehung? (Ralf Westhoff)
Wenn aus Liebe Paranoia wird.

Ein könig­li­cher Tausch (Marc Dugain)
Keine zu klein, Königin zu sein. // Der Körper der Königin II. Coming of Age am Königshof oder: Man kann auch zu Gemälden mastur­bieren.

März

White Boy Rick (Yann Demange)
Nice people take drugs.

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerech­tig­keit (Mimi Leder)
Das passiert, wenn Männer Frauen im Weg herum­stehen.

mid90s (Jonah Hill)
Selbst­ret­tung eines hinreißenden Teenagers. // Skate­boards: Bretter, die die Welt bedeuten. // Wie das Skate­board zur rettenden Planke für einen Heran­wach­senden wird. Schönstes ameri­ka­ni­sches Inde­pen­dent-Kleinod seit langem.

Beale Street (Barry Jenkins)
James Baldwin-Verfil­mung als Albtraum des Rassismus. // Betörende Liebes­ge­schichte, die auch politisch aufwühlt.

Vom Lokführer, der die Liebe suchte... (Veit Helmer)
Sexis­ti­scher Unsinn mit vielen BHs.

Destroyer (Karyn Kusama)
Nicole Kidman kulti­viert den weib­li­chen Bad Cop.

Was Männer wollen (Adam Shankman)
Man muss nicht alles wissen wollen.

Rocca verändert die Welt (Katja Benrath)
Pippi Langstrumpf-Verschnitt mit Astro­nauten-Papa.

Vakuum (Christine Repond)
60 Jahre alt und HIV-positiv.

Misfit (Erwin van den Eshof)
Umziehen nach Deutsch­land, dem Land der Schlager, Leder­hosen und Brat­würste.

Das Haus am Meer (Robert Guédi­guian)
Verlo­renes Paradies mit eben­sol­cher Villa. // Licht­durch­flu­teter Abgesang auf die Idylle am fran­zö­si­schen Mittel­meer. // As time goes by II: Wie man trotz verlo­rener Illu­sionen nicht die Hoffnung aufgibt – mit einem der wunder­schönsten Kino-Momente des Jahres, in dem die Zeit aufge­hoben scheint.

Iron Sky: The Coming Race (Timo Vuoren­sola)
Von aller­letzte Nazis, die noch immer hinter dem Mond leben.

Wir (Jordan Peele)
Blutiges Gemetzel mit Doppel­gänger*innen. // Ich ist ein anderer. Philo­so­phi­sche Zombie-Geschichte mit rassen­po­li­ti­schem Scharf­sinn. Großar­tiger Blackness-Horror. // Doppel­gän­ger­horror über die Abgründe im trüge­ri­schen Idyll einer schwarzen Familie, die es geschafft zu haben scheint – aber alles hat hier einen doppelten Boden, auch schein­bare Gewiss­heiten, die man als Zuschauer gewonnen zu haben glaubt.

Die Gold­fi­sche (Alireza Golafshan)
A-Team aus Gold­fi­schen schmug­gelt sich durch.

Frau Mutter Tier (Felicitas Darschin)
Uner­trä­g­li­ches Mutti-Pamphlet.

Vorhang auf für Cyrano (Alexis Michalik)
Großnasig in Paris.

Will­kommen in Marwen (Robert Zemeckis)
Cross­dresser bear­beitet seine PTBS kreativ.

Dumbo (Tim Burton)
Töröh!

Beach Bum (Harmony Korine)
Matthew McCo­naughey in all seiner Pracht. // The dark side of Florida. Bukowski meets Spring Brakers vor Geld-meint-Phallus-Skys­cra­pern.

Unheim­lich perfekte Freunde (Marcus H. Rosen­müller)
Spieglein, Spieglein an der Wand –
warum klingt der Titel so bekannt?

Alfons Zitter­backe – Das Chaos ist zurück (Mark Schlichter)
Zitter­backe! Hühner­kacke!

Niemands­land – The Aftermath (James Kent)
Schön gecastete Edel-Schnulze.

Hellboy – Call of Darkness (Neil Marshall)
Umge­poltes Monster will die Welt retten.

After Passion (Jenny Gage)
Wie die Lücke nach dem Ende der Fifty Shades of Grey-Saga füllen?

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerech­tig­keit (Mimi Leder)
»The Bias of Sex«: Der aufre­gende Kampf um Sex und Gender als kreuz­braves Biopic.

A Young Man with High Potential (Linus de Paoli)
Ekelhaft misogynes Horror-Movie, das zeigt, dass auch deutsches Genre nicht immer unsere Sympa­thien verdient.

Hi, AI (Isabella Willinger)
Die Seele der Maschinen. Intel­li­genter Doku­men­tar­film über die Künst­liche Intel­li­genz und die Roboter. // Zurück­hal­tend-nach­denk­liche Doku­men­ta­tion über die Brave New World der künst­li­chen Intel­li­genz.

Winter­mär­chen (Jan Bonny)
Ergrei­fend insze­niert: die tödliche NSU-Spirale von Sex, Gewalt, Verach­tung und Mord.

The Sisters Brothers (Jacques Audiard)
Endlich wieder starke Männer in einem starken Western. // Cowboys machen Bekannt­schaft mit der zivi­li­sie­renden Wirkung von Mund­hy­giene – Audiard gewinnt dem Western zarte Facetten ab, ohne dem Genre Unrecht zu tun.

April

Bildbuch (Jean-Luc Godard)
Fiebriger Bilder­bogen. Godard ist als Bilder- und Textsam­pler mit raunender Stimme erstmals auch auf Deutsch zu vernehmen. Mit einem donnernden Finale, das sich zur Gott-Art aufschwingt. // Die hohe Kunst des Zitierens: Godard als Sample-Master fügt mit magischen Händen hete­ro­gene Fragmente zu einem virtuosen Essay aus Tönen, Bildern und Gedanken zusammen.

Wenn Du König wärst (Joe Cornish)
Fantasy auf Brexit-Niveau.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit (Julian Schnabel)
Ein Maler erzählt von einem anderen Maler.

Border (Ali Abbasi)
Queeres Märchen mit Trollen als gesell­schafts­kri­ti­scher Thriller. // Horror-Movie goes Natur­mystik: Tief­grün­dige Geschichte über das Verdrängte in uns selbst und die Außen­seiter, die sich am Rande der Gesell­schaft auch unheil­voll entwi­ckeln können.

Goliath96 (Marcus Richardt)
Katja Riemann performt nach allen Kräften als Mutter eines Hiki­ko­mori-Halb­wüch­sigen – meist vor dem Computer. Über­flüs­sigster Film des Jahres.

Lloronas Fluch (Michael Chaves)
Geis­ter­bahn­stim­mung für die ganze Familie.

Der Fall Collini (Marco Kreuz­paintner)
Elyas M’Barek auf filmi­schen Abwegen.

Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu (Cirro Guerra, Cristina Gallego)
Kolumbien war mal drogen­frei. // Matri­ar­chat und Drogen­handel, Spiri­tua­lismus und Kapital, Leben und Vergäng­lich­keit. // Hundert Jahre Einsam­keit meets Mafia-Saga: die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines indigenen Drogen­clans vereinigt ethno­gra­phi­sche Beob­ach­tung und wuchtige Action-Drama­turgie.

Monsieur Claude 2 (Philippe de Chauveron)
Politisch nicht korrekt und das ist gut so. // Unsäglich lang­wei­lige Nummern­revue, in der vorgeb­lich mit Klischees jongliert wird. Das soll lustig sein. Gähn.

Ayka (Sergei Dvor­ts­evoy)
Über­le­bens­kampf im sozialen und meteo­ro­lo­gi­schen Ausnah­me­zu­stand.

Ein letzter Job (James Marsh)
Alte Männer auf krimi­neller Abschieds­tournee.

Atlas (David Nawrath)
Gewicht­heber verhebt sich.

Tea with the Dames – Ein unver­gess­li­cher Nach­mittag (Roger Michell)
Tea for four.

Auch Leben ist eine Kunst – Der Fall Max Emden (Eva Gerber­ding, André Schäfer)
Erhel­lender Doku­men­tar­film über den jüdischen Kunst­sammler Max Emden. Provi­ni­enz­for­schung sollte das erste Thema des neuen Jahr­zehnts werden.

Mai

Royal Corgi – Der Liebling der Queen (Ben Stassen)
Macht­kämpfe in der Hundehütte des engli­schen Königs­hauses.

Das schönste Paar (Sven Taddicken)
Opfer sein wäre die zweite Demü­ti­gung.

The Hole in the Ground (Lee Cronin)
Arthaus-Horror im Allein­er­zie­henden-Sektor.

Stan & Ollie (Jon S. Baird)
Schon dick, aber nicht doof.

Les garçons sauvages (The Wild Boys) (Bertrand Mandico)
Stummfilm reloaded I. Schwül-schwüls­tiger Sex-Fieber­traum in schönster Stumm­fil­mäs­thetik.

»Mir ist es egal, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen« (Radu Jude)
Perfor­mance-Regis­seurin arbeitet sich an der Geschichts­ver­ges­sen­heit und Verdrän­gungs­be­reit­schaft ihrer Lands­leute ab. So sollte ein Film über Geschichte sein! // Radu Jude lässt die rumä­ni­sche Gegenwart mit der verdrängten Vergan­gen­heit kolli­dieren – entzieht er damit der rumä­ni­schen Neuen Welle die ästhe­ti­sche Grundlage strikt phäno­me­no­lo­gi­scher Beob­ach­tung?

High Life (Claire Denis)
Juliette Binoches toll­kühner Welt­raum­ritt auf einer Orgas­mus­ma­schine. Die Binoche ist unsere Schau­spie­lerin des Jahres! // Biopo­li­ti­sches Expe­ri­ment im Weltraum, das am Rande des Ereig­nis­ho­ri­zontes direkt ins Schwarze Loch führt. Eigent­lich ein Sexfilm.

Glam Girls – Hinreißend verdorben (Chris Addison)
Verg­lam­mertes Remake

Anything (Timothy McNeil)
Die LGBTI-Szene kriti­sierte, dass mit dem schwulen Schau­spieler Matt Bomer wieder ein cis-Mann für eine trans-Rolle gecastet wurde.

Das Ende der Wahrheit (Philipp Leinemann)
Wo der Feind im Innen­mi­nis­te­rium lauert.

Kleine Germanen (Mohammad Farokh­manesh, Frank Geiger)
Doitsch sein für Anfänger*innen.

Das Fami­li­en­foto (Cécilia Rouaud)
Demente Groß­mutter kittet zerstrit­tene Familie

The Sun is also a Star (Ry Russo-Young)
Wetten, daß Du Dich innerhalb eines Tages in mich verliebst!

Maquia – Eine unsterb­liche Liebes­ge­schichte (Mari Okada)
Die Unsterb­liche Maquia stößt an die Grenzen unend­li­cher Liebe.

All My Loving (Edward Berger)
Drei Geschwister – drei Krisen.

John Wick: Kapitel 3 (Chad Stahelski)
Der erste John Wick-Film war gut.

Rocketman (Dexter Fletcher)
Schil­lerndes Biopic um Glamour boy Elton John und seine Selbst­hil­fe­gruppe.

Godzilla 2 – King of the Monsters (Michael Dougherty)
Godzilla als Alphatier.

Ray & Liz (Richard Billingham)
Verlot­tert in der Souter­rain-Wohnung. Perfekt insze­nierte und nach­ge­stellte Kindheit des British Young Artist Billingham. // Kitchen-Sink-Stoff ohne mora­li­schen Zeige­finger – eindring­liche Innen­an­sichten einer Kindheit aus dem engli­schen Prole­ta­riat.

Der Boden unter den Füßen (Marie Kreutzer)
Verdrän­gung in der Busi­ness­class. Burnout mit psychisch kranker Schwester oder: Der Krug geht zum Wasser, bis er bricht.

Roads (Sebastian Schipper)
Ein Film, der die Flücht­lings­krise nicht als Zombie-Apoka­lypse erzählt.

Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer (Chris Butler)
Sensibles Zottel­tier verwirrt nicht nur Elite-Aben­teurer.

Ma (Tate Taylor)
Das kommt davon, wenn Jugend­li­chen keinen Zugang zum Alkohol haben. Großar­tiger Blackness-Horror II.

Juni

Zwischen den Zeilen (Olivier Assayas)
Ironisch scharf­sin­niges Sitten­ge­mälde der Pariser Verlags­welt. // Palaver- und Beisch­laf­komödie der Pariser Intel­lek­tu­ellen, die sich an der Digi­ta­li­sie­rung abar­beiten. Mit Juliette Binoche, unserer Schau­spie­lerin des Jahres. // Pariser Autoren und Verleger – ratlos in der Digi­ta­li­sie­rungs-Kuppel.

Burning (Lee Chang-dong)
Aller­erste Video-Film­kritik im arteshots Kanal. // Wunder­schön insze­nierte Horror-Mystery-Sozi­al­dra­matik in Südkorea, die ins Fantas­ti­sche hinein­geht. Das südko­rea­ni­sche Kino ist das aufre­gendste des Jahres. // Wie aus einer unschein­baren Kurz­ge­schichte von Murakami die sugges­tive Evokation gesell­schaft­li­cher Verwer­fungen zwischen den sozialen Schichten wird, ist schon meis­ter­haft – Lee Chang-dongs Gespür für unauf­dring­liche Poesie lässt sich hier im Vergleich zu seinen früheren Filmen aber letztlich zu sehr von Mysti­fi­ka­tionen verführen.

Men in Black: Inter­na­tional (F. Gary Gray)
(WO)MEN in Black – die Welt rettet sich nicht von selbst.

The Dead Don’t Die (Jim Jarmusch)
Rumpel-Pumpel-Zombies und eine unka­putt­bare Kaffee­kanne, die Iggy Pop gehört. // Direkt aus der Grab­kammer entsteigen motten­z­er­fressen die schrägsten Zombies der Film­ge­schichte. Wetten, dass es böse enden wird? // Zombies suchen das gemäch­liche Leben im ameri­ka­ni­schen Hinter­land heim – so stoisch und melan­cho­lisch wie die Provinz­po­li­zisten Bill Murray und Adam Driver hat noch niemand seinem Untergang entge­gen­ge­blickt.

Britt-Marie war hier (Tuva Novotny)
Meta­mor­phose einer Hausfrau.

Los Perros (Marcela Said)
Von Hunden und Pferden – die Pinochet-Verstri­ckungen der chile­ni­schen Ober­schicht bilden den düsteren Hinter­grund der Affäre zwischen einer 40-jährigen verzo­genen Groß­bür­gersgöre und einem Ritt­meister mit Folter­ver­gan­gen­heit: großar­tige Schau­spiel­per­for­mance von Antonia Zegers und Alfredo Castro.

O Beautiful Night (Xaver Böhm)
Wenn der Tod dir auf den Fersen ist, ist es Zeit, was zu erleben.

Eine mora­li­sche Entschei­dung (Vahid Jalilvand)
Moralist mit selbst­ge­rechten mora­li­schen Ansprüchen richtet viel Unheil an.

Verach­tung (Christoffer Boe)
Was den Durst nach Rache vergessen läßt: wieder­ge­won­nene Lebens­freude.

Der Klavier­spieler vom Gare du Nord (Ludovic Bernard)
Sozi­al­mär­chen vom Klein­ga­noven, der zum Superstar-Pianisten aufsteigt.

Five Fingers for Marseilles (Michael Matthews)
Harte Männer, harter Western, der direkt aus Südafrika in der Bantu­sprache Sesotho zu uns kommt. Die Entde­ckung des Jahres!

Nuestro tiempo (Carlos Reygadas)
Die Matri­ar­chin, das Rodeo und der Schrift­steller. Atmo­s­phä­ri­sches Rancher-Movie, das zusammen mit Birds of Passage und Five Fingers for Marseilles ein schönes Triple ergibt. // Ein unge­heurer Film über Poeten, Stiere und Autos: es kommt dabei vor allem auf Pfer­de­stärken an – tolle Grat­wan­de­rung zwischen Größen­wahn und Eifer­suchts­me­lo­dram.

Wo ist Kyra? (Andrew Dosunmu)
Leider wenig beach­tetes New Yorker Misery-Drama, in dem Michelle Pfeifer sich in ihre tote Mutter verwan­delt, um weiterhin deren Rente zu beziehen.

Sunset (László Nemes)
Tour de Force im k.u.k.-Vorabend des Ersten Welt­kriegs, mit der typischen Nemes-Kamera (4:3 folgen wir einer Figur auf den Fersen). // Der verglim­mende Glanz des k.u.k.-Reichs aus der margi­nalen Perspek­tive einer unga­ri­schen Hutma­cher­erbin: der verengte Blick gebiert Phan­tasmen und Monster.

Happy Lamento (Alexander Kluge, Khavn de la Cruz)
Durch­ge­knallter filmi­scher Brief­wechsel zwischen zwei Genera­tionen und Kulturen. Das geht nicht immer gut.

Das melan­cho­li­sche Mädchen (Susanne Heinrich)
Femi­nisten-Pamphlet, das sich an zu viel Diskurs und Thesen verschluckt. // Tableaus aus dem neuen Bieder­meier: viel­leicht auch nur Scherz, Satire, Ironie und, ganz gewiss, tiefere Bedeutung.

Long Shot – Unwahr­schein­lich, aber nicht unmöglich (Jonathan Levine)
Großartig, sexy, witzig: Charlize Theron und Seth Rogen.

Pets 2 (Chris Renaud)
Haustiere unter sich.

Ein Becken voller Männer (Gilles Lellouche)
Synchron­schwimmen für depres­sive Gemüter. // Depres­sion und Lebens­angst als Komödie mit melan­cho­li­schem Vorzei­chen, wie es die gepflegte fran­zö­si­sche Tradition verlangt. Mathieu Amalric ist nur so gut, wie die Rolle, die er bekommt. Gähn.

Juli

Tel Aviv on Fire (Sameh Zoabi)
Was haben die Menschen in Palästina und Israel gemeinsam? Freude an Humus und der Seifen­oper »Tel Aviv on Fire«.

Geheimnis eines Lebens (Trevor Nunn)
Agentin spioniert auf roten Socken.

Rebel­linnen – Leg' dich nicht mit ihnen an! (Allan Mauduit)
Prole­ta­ri­sche Schla­massel-Köni­ginnen ziehen’s durch.

Ausge­flogen (Mon bébé) (Lisa Azuelos)
Robuste Komödie mit Heli­ko­pter­kin­dern und ihrer allein erzogen habenden Mutter. // Bürger­liche Milieu­studie von einer Allein­er­zie­henden, ihrer Tochter, die Abitur macht und die großen Lebens­ver­än­de­rungen. Endlich mal wieder mit Sandrine Kiberlain.

Made in China (Julien Abraham)
Zu dicht an Monsieur Claude und seine Töchter.

Back to Maracanã (Jorge Gurvich)
Genera­ti­ons­ü­ber­grei­fender Fußball­fa­na­tismus inkl. Lebens­lüge.

La Flor (Mariano Llinas)
Binge-Watching geht auch im Kino. Voraus­ge­setzt, man bekommt einen Platz.

Cleo (Erik Schmitt)
Zeitreise unter dem Pflaster von Berlin.

Leid und Herr­lich­keit (Pedro Almodóvar)
Almo­dó­vars verwe­genes Autoren­kino. // Noch Autoren­kino oder schon Alther­ren­kino? // Banderas als Almodóvar: ein Porträt des Künstlers als Schmer­zens­mann.

Abika­lypse (Adolfo Kolmerer)
Abi-Klamotte mit sehr reifen Darsteller*innen.

Ein ganz gewöhn­li­cher Held (Emilio Estevez)
Aufstand der Obdach­losen in einer Biblio­thek

Vox Lux (Brady Corbet)
Kinder­star spielt Kinder­star. // Natalie Portman spielt drogen- und traum­age­plagten Rockstar, der sich mit seiner Tochter anschreit. Einer der schrillsten Lieb­lings­filme des Jahres.

Die Drei !!! (Viviane Ander­eggen)
Auf die Inter­punk­tion kommt es an.

August

Benjamin Blümchen (Tim Trachte)
Noch mal Töröh!

Leber­käs­junkie (Ed Herzog)
Fron­ten­hausen (im Film »Nieder­kal­ten­kir­chen«) hat nun einen »Franz-Eberhofer-Kreisel«.

Der unver­hoffte Charme des Geldes (Denys Arcand)
Geld verdirbt den Charakter. // Gauner­komödie mit Geld­koffer.

Es gilt das gespro­chene Wort (Ilker Çatak)
Sextou­rismus der anderen Art.

Und wer nimmt den Hund? (Rainer Kaufmann)
Trennung mit Schei­dungs­hund.

Die Einzel­teile der Liebe (Miriam Bliese)
Spie­le­risch und charmant, wie hier moderne Wohn­ar­chi­tektur im Berliner Hansa­viertel zur Bühne für eine zeit­ge­mäße Paar­ge­schichte wird.

So wie du mich willst (Safy Nebbou)
Selbst­ver­lust in den sozialen Medien. // Liebes­rache im digitalen Zeitalter, mit perfider Zeit- und Illu­si­ons­struktur. Mit der unglaub­li­chen Juliette Binoche, unserer Schau­spie­lerin des Jahres. // Eine Art Mons­ter­ge­schichte: Juliette Binoche im Banne ihres Avatars.

Photo­graph (Ritesh Batra)
Zwei Mauer­blüm­chen in Mumbai.

A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando (Josh Cooley)
Spielzeug – außer Rand und Band.

Once Upon a Time... in Hollywood (Quentin Tarantino)
Tarantino schreibt die Geschichte um. // Brad Pitt als ober­kör­per­freier Arbeiter auf dem Dach ist schon gut. Der Rest ist die Enttäu­schung des Jahres. // Er kann’s nicht lassen: Der kleine Quentin holt wieder mal Lieb­lings­spiel­sa­chen aus dem Regal und setzt sie neu zusammen, um sie am Ende doch kaputt­zu­hauen.

Ich war zuhause, aber... (Angela Schanelec)
105 Minuten über den Zustand, den man Leben nennt. // Tiere sehen dich an. Zwischen Film und Theater, Action und Kontem­pla­tion, Komik und Verzweif­lung entsteht die Kunst des reinen Kinos. Das ist nicht immer einfach, aber überaus ergrei­fend. // Hier wird auf klar­sich­tige und doch magische Weise allge­gen­wär­tige Verwirrt­heit und Verun­si­che­rung in filmische Schönheit umge­wan­delt.

Endzeit (Carolina Hellsgård)
Zombies in Thüringen. // Einer der Filme des Jahres, die in München nie zu sehen waren, was aber jetzt im Januar nach­ge­holt wird. Das Werk­statt­kino ist damit Münchner Kino der Jahres! // Eine Art Durch­schla­geü­bung zwischen Weimar und Jena – das Kern­ge­biet der deutschen Klassik wird Ort einer Zombie-Heim­su­chung. Bühnen­hoff­nung Gro Swantje Kohlhof vermag auch unter dem strengen Blick des berühmten Goethe-und-Schiller-Denkmals vor dem Weimarer Natio­nal­theater als Schau­spie­lerin zu über­zeugen.

Frau Stern (Anatol Schuster)
Die Neun­zig­jäh­rige spielt sich selbst. So aufregend kann das hohe Alter sein, wenn man es unkon­ven­tio­nell angeht. No role model!

Becoming Animal (Peter Mettler)
Filmi­sches Nature Writing mit dem Ökophi­lo­so­phen David Abram, dessen Ansatz manchmal arg esote­risch anmutet, hier aber immer wieder von den undog­ma­ti­schen Doku­men­tar­fil­mern Emma Davie und Peter Mettler in über­zeu­gend sprach­lose Bilder übersetzt wird.

Das zweite Leben des Monsieur Alain (Hervé Mimran)
Fran­zö­si­sche Tragi­komödie mit ausge­knocktem Work­aholic.

Good Boys (Gene Stupnitsky)
Die Rache der guten Jungs: smart, subversiv und saukom­isch.

I Am Mother (Grant Sputore)
Mutter­wahn mit Roboter

Stuber – 5 Sterne Under­cover (Michael Dowse)
(ST)UBER – Werbefilm für ein Taxi­un­ter­nehmen

Crawl (Alexandre Aja)
Wie viele Krokodile passen in einen Keller?

Gloria – Das Leben wartet nicht (2018)
Remake mit Julianne Moore.

Paranza – Der Clan der Kinder (Claudio Giovan­nesi)
Baby-Mafiosi in Spirale der Gewalt.

Prélude (Sabrina Sarabi)
Man müsste Klavier spielen können.

Playmobil – Der Film (Lino DiSalvo)
Mit dem Playmobil-Porsche ins Fantasy-Land.

Late Night (Nisha Ganatra)
Culture Clash zwischen den Genera­tionen: Emma Thompson und Mindy Kaling.

Golden Twenties (Sophie Kluge)
»Die Jugend von heute …«

Hot Air (Frank Coraci)
Die Läuterung eines bösen Onkels.

Der Honig­garten – Das Geheimnis der Bienen (Annabel Jankel)
Von den Bienchen und den Blümchen.

September

Petting statt Pershing (Petra Lüschow)
Häkelchic, Femi­nismus und Anti-Atomkraft-Demos in der west­deut­schen Provinz der 80er Jahre.

Und der Zukunft zugewandt (Bernd Böhlich)
Vom Scheitern einer Vision

Super Friede Liebe Love (Till Coester)
Doku­men­tar­film über Wohnungs­lose in München, der erhellend und sensibel ist, ein Pflicht­pro­gramm für alle Politiker und Sozi­al­ar­beiter sein sollte und zugleich zeigt, wie gut Doku­men­tar­film sein kann, wenn er Kino ist.

Ein leichtes Mädchen (Rebecca Zlotowski)
Kluger Sommer­film über junge Frauen mit Gewicht. // Godard und Le mépris lassen grüßen in diesem sommer­leichten Yacht-Sozi­al­lehr­stück. // Schau­platz Cannes. Hier aber nicht für die Film­fest­spiele, sondern als schil­lernder Ort einer sommer­li­chen Coming-of-Age-Geschichte, die mit scheinbar einfachen Class-und-Gender-Stereo­typen ein hinter­sin­niges Getändel insze­niert.

Mein Leben mit Amanda (Mikhaël Hers)
Maman has left the building.

Rambo: Last Blood (Adrian Grunberg)
Rambo will have never left the building.

Downton Abbey (Michael Engler)
Klas­sen­kampf in der Küche.

Liberté (Albert Serra)
In Zeiten der Aufklä­rung: Sex unter Adeligen im nächt­li­chen Bois de Boulogne. Großartig! // Das Ancien Régime auf Abwegen in einem preußi­schen Wäldchen, in dem es nächtens goldene Schauer regnet. Ziemlich abge­fah­rene sexuelle Phan­tas­ma­gorie des größten kata­la­ni­schen Regis­seurs aller Zeiten.

Heimat ist ein Raum aus Zeit (Thomas Heise)
Erin­ne­rungssog aus einem Jahr­hun­dert deutsch-deutsche Geschichte, dem man nicht entkommen kann. // As time goes by III: Beein­dru­ckende filmische Zeugen­schaft, in der die persön­liche Fami­li­en­ge­schichte des Regis­seurs zum Zeit-Raum der gespal­tenen deutschen Geschichte des 20. Jahr­hun­derts wird.

System­sprenger (Nora Fing­scheidt)
Problembär Problem­kind Problem­ge­sell­schaft.

Shaun das Schaf – Der Film: UFO-Alarm (Richard Phelan)
Wolliger Klamauk

Nurejew – The White Crow (Ralph Fiennes)
Ralph Fiennes' Film über einen tanz­wü­tigen Unsympath. // Altba­ckenes Erzähl­kino mit einem hoch­karä­tigen Tänzer-Schau­spieler.

Synonymes (Nadav Lapid)
Parisfilm im Geiste von Berto­luccis Träumern, der virtuos auf der Klaviatur der Sprache spielt. // Wenn man seine Natio­na­lität unbedingt loswerden will, dann ist das gerade bei einem Israeli von einiger Brisanz – in bester Pariser Autoren­film­tra­di­tion knüpft Lapid hier an die Nouvelle Vague an und erzählt in radikaler Weise von dem radikalen Versuch eines Indi­vi­duums, sich selbst neu zu defi­nieren. Nicht ohne Beckett'sche Komik ist es, wenn sich Identität nicht restlos in den Synonymen einer fremden Sprache auflösen lässt.

Ready or Not – Auf die Plätze, fertig, tot (Tyler Gillett)
Fins­terster Fami­li­en­horror – garan­tiert nicht für die GANZE Familie.

Midsommar (Ari Aster)
Abge­drehter Horror im hellsten Sonnen­licht.

Gelobt sei Gott (François Ozon)
Schwie­riges Thema beweist sich in schwie­rigem Film. // So aktuell war Ozon noch nie. Während in Frank­reich noch die Prozesse laufen, hat er schon seinen fragenden Film zu den Miss­brauchs­fällen in der katho­li­schen Kirche abgedreht. Aufklä­rungs­kino, das einem nahe geht. // Ozons ernst­hafte Themen­be­ar­bei­tung des Miss­brauchs­skan­dals im katho­li­schen Lyon weitet sich, gelobt sei der Regisseur, am Ende zu einem aufschluss­rei­chen sozialen Panorama im aktuellen Frank­reich.

Oktober

Skin (Guy Nattiv)
Radikale Tattoo­ent­fer­nung – weder schmerzarm noch narben­frei‎.

Fritzi – Eine Wende­wun­der­ge­schichte (Ralf Kukula, Matthias Bruhn)
Welt­wun­der­wen­de­ge­schichte ohne Mauertote, aber mit Hund.

Joker (Todd Phillips)
Wie ein wütender weißer »kleiner Mann« zu Batmans Feind wurde. // Erstaun­lich sozi­al­dra­ma­ti­sches DC-Universe-Prequel mit hohem Debatten- und Diskurs­po­ten­tial. Die Über­ra­schung des Jahres. // Auch wenn sich Joaquin Phoenix schon wieder – diesmal mit einer bravourös-verzwei­felten Lach­nummer – als Rampensau für den Oscar empfiehlt: Der gesamte Film kann als verstö­rende Arbeit am Batman-Mythos gewaltig punkten.

Bait (Mark Jenkin)
Mark Jenkins rauhe 16-mm-Ästhetik besticht durch Hand­ar­beit. Fischer und Touristen in Cornwall verstri­cken sich in den Netzen einer straff geknüpften Kolli­si­ons­mon­tage.

Dora und die goldene Stadt (James Bobin)
Mit Blattgold verzierte Hochglanz-Kids toben durch den Urwald.

After the Wedding (Bart Freund­lich)
Noch ein Remake mit Julianne Moore.

Ich war noch niemals in New York (Philipp Stölzl)
Fröh­li­ches Singspiel zum Mitpfeifen.

Termi­nator: Dark Fate (Tim Miller)
Female trio infernale mit Arnie im Schlepptau.

Porträt einer jungen Frau in Flammen (Céline Sciamma)
Frauen in Flammen – lich­terloh und wunderbar. // Die Malerin und ihr Modell. Wunder­volles, lich­ter­fülltes und leicht bebendes Sitten-Gemälde. // Malerei und Musik heben sich bei Céline Sciamma inein­ander auf und werden zu Kino, um dann ein Ende hervor­zu­bringen, wie es ergrei­fender nicht sein kann.

Parasite (Bong Jon-hoo)
Klas­sen­kampf als durch­trie­bene Notwehr, darwi­nis­ti­scher Stel­lungs­krieg und Splatter-Groteske – sinnliche Sozi­al­dra­matik, die sich nicht mit unnötigem Ernst aufhält. Einer der besten Filme des Jahres. // Buñuel hätte sicher seine Freude an dieser subver­siven Unter­wan­de­rung einer super­rei­chen Schnö­sel­fa­milie durch die Underdogs aus den kana­li­sa­ti­ons­nahen Niede­rungen Seouls.

Weiter­ma­chen Sanssouci (Max Linz)
Unialltag zwischen Dritt­mit­teln-Akquise, Mensa-Essen und mit Prof. Alfons Abstract-Wege. Spaßige Diskurs-Satire mit gespieltem Ernst. // Dr. Abstract-Wege als dritt­mit­tel­gie­riger Guru der Kultur­wis­sen­schaften ist eine der köst­lichsten Figuren des Kino­jahres.

Djon Africa (João Miller Guerra, Filipa Reis)
Revi­ta­li­sie­rende Reise auf die Kapverden, zu den eigenen Ursprüngen. Das ist sehr schön, aber auch ein wenig zu schön. // Da bricht einer auf, die Spuren seines Vaters und seine eigenen Wurzeln auf den Kapverden zu erkunden – und kommt übers Tourist-Sein kaum hinaus. Versöhn­lich-nach­sich­tige Erdungs­ge­schichte für einen Luftikus.

November

Scary Stories to Tell in the Dark (André Øvredal)
Altmo­di­scher Horror mit Gänse­haut­ga­rantie.

Halloween Haunt (Scott Beck)
Halloween 2019.

Das perfekte Geheimnis (Bora Dagtekin)
Homo­phobes Schi­cki­micki-Remake. // Allein der Trailer und die Erzäh­lungen der kino­ge­henden Freunde genügen, um diesen Film NICHT anzusehen. Statt­dessen das fran­zö­si­sche Remake gesehen und sich an dem Irrealis der Erzählung erfreut.

Invisible Sue – Plötzlich unsichtbar (Markus Dietrich)
Unsichtbar und Spaß dabei.

Querência – Heim­kehren (Helvécio Marins Jr.)
Hat sich auf den weiten Weg gemacht, um bei Chloé Zhaos großar­tigem The Rider anzu­kommen – ist aber unterwegs in der brasi­lia­ni­schen Pampa verlo­ren­ge­gangen.

Das Wunder von Marseille (Pierre-François Martin-Laval)
Schach­drama mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund.

2040 – Wir retten die Welt! (Damon Gameau)
Anstren­gend, aber gut gemeint.

Unsere Lehrerin, die Weih­nachts­hexe (Michele Soavi)
Viel­be­schäf­tigte Europa-Hexe in Turbu­lenzen.

Midway – Für die Freiheit (Roland Emmerich)
Gut gecastete Männer­riege.

Lara (Jan-Ole Gerster)
Klavier­spie­lerin mit Hinder­nissen.

Morgen sind wir frei (Hossein Pourseifi)
Die Revo­lu­tion fraß ihre Kinder.

Booksmart (Olivia Wilde)
Delta Air Lines hatte aus der Airline-Fassung eine lesbische Sexszene entfernt. Mit Vorwürfen von Homo­phobie konfron­tiert, entschul­digte sich die Flug­ge­sell­schaft und gelobte Besserung.

My Zoe (Julie Delpy)
Morbider Sci-Fi in der Repro­duk­ti­ons­me­dizin.

Was gewesen wäre (Florian Koerner von Gustorf)
Altba­ckene Eifer­suchts­ge­schichte im Rückblick auf die Wendezeit. Chris­tiane Pauly und Ronald Zehrfeld mühen sich redlich ab.

Die Kinder der Toten (Kelly Copper, Pavol Liška)
Christoph Schlin­gen­sief meets Guy Maddin in Elfriede Jelineks Zombie­land. // Syrische und stei­ri­sche Küche sind gar nicht mal so weit ausein­ander, vor allem im Engli­schen nicht, das und vieles mehr lernt man in diesem deli­ranten Heimat­film, der eine Fremde erkundet.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance (James Mangold)
Über­hol­manöver auf der Über­hol­spur.

Black and Blue (Deon Taylor)
Sie ist Polizei.

Die schönste Zeit unseres Lebens (Nicolas Bedos)
Zeit­reisen als Therapie. // Das Leben als Kulis­sen­traum. Ganz okay, aber auch harmlos.

Der Leucht­turm (Robert Eggers)
Leucht­turm­wärter im maritimen Nahkampf. // Stummfilm reloaded II. Guy Maddin meets Robert Flaherty. Nebel­horn­durch­drun­gene Stumm­film­apo­theose mit Wahnsinns-Schau­spiel­per­for­mance. Der schnaps­trun­kene Willam Dafoe und Robert Pattinson liegen sich in den Armen. // Archai­sche Wucht: Seemanns­garn von Prome­theus' und Herman Melvilles Gnaden – und das schwarz­weiß auf analogem 35mm-Material – ein Film, der wie ein Leucht­turm in der Kino­land­schaft dasteht und verlo­renen Cine­philen den Weg in der Dunkel­heit weist.

Hustlers (Lorene Scafaria)
Wall Street-Nutten im Chin­chil­la­pelz.

Alles außer gewöhn­lich (Olivier Nakache)
»Hors normes« – außerhalb der Normen und eben unge­wöhn­lich.

A Rainy Day in New York (Woody Allen)
Trennung von Künstler und Werk? Dieser Film kam in den USA nicht in die Kinos.

All I Never Wanted (Annika Blendl, Leonie Stade)
Frauen, die sich trauen.

Searching Eva (Pia Hellen­thal)
Zwischen Instagram, Iden­ti­täts­in­sze­nie­rung und perma­nenter Selbst­be­fra­gung begibt sich Pia Hellen­thal bereit­willig in die Obhut ihrer starken Prot­ago­nistin. Einer der besten Doku­men­tar­filme des Jahres, der die Grenzen des Doku­men­ta­ri­schen an und für sich aufzeigt.

Die Wache (Quentin Dupieux)
Skuriller Irrsinn in belgi­scher Poli­zei­wache. // Lakonisch-sarkas­ti­scher Poli­zei­wa­chen­film mit den knurrigen Komikern Benoît Poel­vo­orde und Grégoire Ludig. The Daim wird aber besser.

Mother­less Brooklyn (Edward Norton)
Düstere Geschichte über die Ursprünge der Gentri­fi­zie­rung.

Jumanji – The Next Level (Jake Kasdan)
Der Cliff­hanger im Abspann wirft seinen Schatten voraus.

Wild Rose (Tom Harper)
Was macht einen Country-Song aus? »Drei Akkorde und die Wahrheit«, sagt Rose.

Dezember

The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden (Lone Scherfig)
Vom großen Glück, in einer Großstadt gleich mehreren Fremden zu begegnen, die unbedingt helfen wollen und dabei alles riskieren würden. // Unver­schämter Märchen­kitsch über die Romantik von Suppen­küchen im verschneiten New York. Einer der schlech­testen Filme des Jahres.

Alva (Ico Costa)
Becoming animal: Ein Mann flieht nach einem Verbre­chen, zieht sich in den Wald zurück – beein­dru­ckend mini­ma­lis­ti­sche Natur­studie, auf 16mm gedreht. Was bleibt vom Menschen übrig, wenn er sich nicht mehr mitteilt?

Campo (Tiago Hespanha)
Ein weiteres Mal: becoming animal – bizarre Feld­for­schung auf einem portu­gie­si­schen Trup­pen­ü­bungs­platz. Aus dem Off die Stimme des Regis­seurs: mit Platon, Pessoa und Kafka wird eine eigene Schöp­fungs­ge­schichte entworfen.

Super­vized (Steve Barron)
Superheld*innen im Alters­heim mit durch­trie­bener Leiterin.

Einsam Zweisam (Cédric Klapisch)
Zwangs­ver­paa­rung in Paris. // ...und jeder sucht sein Kätzchen, Teil 2, oder: Was im Zeitalter des Online-Datings geschah. Neunzig Minuten Paral­lel­mon­tage können ganz schön ermüdend wirken, ansonsten ist der Film doch recht charmant. Ein Nach­bar­schafts­mär­chen aus Paris eben.

The Peanut Butter Falcon (Tyler Nilson, Michael Schwartz)
Roadmovie mit über­holtem Frau­en­bild.

The Farewell (Lulu Wang)
Wahrheit oder Lüge?

Cats (Tom Hooper)
Mit Judy Dench als singende Boss-Katze

Spione Under­cover – Eine wilde Verwand­lung (Nick Bruno, Troy Quane)
Brutaler James Bond Abklatsch für die Kleinen

Cunningham (Alla Kovgan)
Großar­tiger Tanzfilm, der in die Fußstapfen von Wim Wenders Pina tritt. Nur sogar besser ist, auch wenn ihn keiner gesehen hat.

Latte Igel und der magische Wasser­stein (Nina Wels, Regina Welker)
Schöner Film mit Bären beim Synchron­schwimmen.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (Caroline Link)
Multi­lin­guale Flucht­ge­schichte.

Pavarotti (Ron Howard)
Weltstar mit weißem Schnuf­fel­tuch.

Madame (Stéphane Riet­hauser)
Coming out als Nabel­schau, in der alle Register gezogen werden, die bei Doku­men­tar­filmen in der Ich-Form heute angesagt sind.

Die Sehnsucht der Schwes­tern Gusmão (Karim Aïnouz)
Starke Schwes­tern im Kampf gegen das Unsicht­bar­sein. // Elegi­sches Melodram, das alle Register seines Fachs zieht und überaus sinnlich in das Rio de Janeiro der 50er Jahre versetzt. Einer der schönsten Filme des Jahres. // Heißer Melodram-Stoff im Río de Janeiro der 50er Jahre: tropische Schwüle und patri­ar­chale Strenge ergeben eine sorg­fältig ausba­lan­cierte Mischung, die ganz ohne Samba-Exotik und Jorge-Amado-Fieb­rig­keit auskommt.

Der geheime Roman des Monsieur Pick (Rémi Bezançon)
Eitel­keiten im Lite­ra­tur­be­trieb, mit Witz und Häme betrachtet.

Jeannette – Die Kindheit der Jeanne d’Arc (Bruno Dumont)
Jeannette in den Dünen der Normandie als head­ban­gende Hirtin. Einer der großar­tigsten Kino­mo­mente des Jahres: der doppelte Auftritt von Madame Gervaise. // Verspielt­heit und Strenge – dass das zusam­men­geht, ist ein echt Dumont'sches Kinowunder.

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