06.01.2005

Gute Menschen kennen keine Filme

Filmszene »Stratosphere Girl«
Guter Film, schnell weg vom Fenster: Stratosphere Girl

Das Filmjahr 2004 in subjektiven Listen

Von Rüdiger Suchsland

Einem der besten Filmjahre, 2003, mit seinen lauter kleinen und größeren Meis­ter­werken – Hero, Femme Fatale, The Quiet American 25th Hour, Go, Wolfsburg – um mal einige der größeren zu nennen, folgte eines der schwächsten seit langem. Es gab gute, ja sehr gute Filme. Aber es gab kaum einen Film, jeden­falls im deutschen Kino, der wirklich positiv über­raschte (was auf Festivals lief, das ist eine ganz andere Frage). Und die wenigen, denen das gelang – Böse Zellen, Elephant, Stra­to­sphere Girl, Wolfzeit – waren schnell wieder weg. Die großen Über­ra­schungen erlebte man vor allem an einem Ort: In Cannes. Dort frap­pierte die Wucht, mit der das asia­ti­sche Kino auf sich aufmerksam machte. Nicht, dass das neu wäre, aber neu war die Breite dieser Nouvelle Vague, die längst nicht mehr nur von ein paar Namen getragen wird. Der Rest waren einige kleine feine Filme und viele banale, belang­lose Mega-Projekte.

2004 bot die schlech­teste Berlinale seit langem und die schlech­teste Mostra seit Menschen­ge­denken. Böse Menschen kennen viel­leicht keine Lieder, gute Menschen aber offenbar keine Filme. Jeden­falls läuft das letzt­jäh­rige Berlinale-Wett­be­werbs­pro­gramm mit seinen Thesen­filmen, läuft ein Venedig-Festival, das aussieht, wie eine schlechte Cannes-Imitation mit seinem ange­schminkten Glamour auf eine Bank­rott­erklärung des Autoren­films hinaus – freilich von Außen. Dass er lebt, dass es Regis­seure und Produ­zenten gibt, die die Tradition des cinema engagée fort­setzen, in die Welt treten, genau hingucken und zeigen „was ist“, und dabei auch moralisch und politisch klar Position beziehen – aber eben nicht nur, sondern zual­ler­erst ästhe­tisch, zeigen außer Cannes auch viele kleine Festivals wie San Sebastian, Wien, Istanbul, Mannheim.

2004 bot einen Pseu­do­auf­bruch im deutschen Kino, der bald wieder verpufft sein wird, weil er kein inhalt­li­cher ist, und von den wirk­li­chen Problemen ablenkt. Bestes Beispiel: Wein­gart­ners gnadenlos über­schätzter Die fetten Jahre sind vorbei, ein nettes Filmchen, das über­ra­schende Erfolge feierte, und gegen das wenig zu sagen wäre, würde der Regisseur nicht dauernd im Film wie in öffent­li­chen State­ments damit koket­tieren, dass er einen poli­ti­schen Film gemacht hat. Das hat er nun gerade nicht.

2004 bot auch den endgül­tigen Verfall des fran­zö­si­schen Kinos auf dem deutschen Markt. was aller­dings mehr über das deutsche Publikum sagt, dass lieber (T)Raum­schiff Surprise – Periode 1 und 7 Zwerge guckt, als Cinq fois deux und Nathalie..., als über fran­zö­si­sche Filme.

Natürlich können Listen dies alles nur unvoll­s­tändig abbilden. Darum machen sie ja soviel Spaß, sie zu erstellen. Und darum kann man sich über sie streiten. Hier sind sie, immer in einer wertenden Reihen­folge (der beste/schlech­teste oben), in der Regel ohne Begrün­dungen:

Die Top-20

  1. Lost in Trans­la­tion
  2. Böse Zellen (der überhaupt unter­schätz­teste Film des Jahres)
  3. Elephant
  4. Colla­teral
  5. The Dreamers
  6. Stra­to­sphere Girl
  7. Oldboy
  8. Samaria
  9. Wolfzeit
  10. Birth
  11. The Village
  12. Agnes und seine Brüder
  13. The Missing
  14. Wir
  15. Farland
  16. Milchwald
  17. My Girl
  18. 5x2
  19. In the Cut
  20. Spider

Guilty Pleasures

Auch gut (Honorable Mentions):

Sonder­fälle

  • The Fog of War (supergut. Aber außer Konkur­renz)
  • Die Spiel­wü­tigen
  • Ararat (schlechter Film, guter Aufsatz)
  • Die Nacht singt ihre Lieder (hierzu kann ich mir wirklich kein Urteil erlauben. Mal ist er in der Erin­ne­rung super, mal ganz schlimm. Man muss ihn vertei­digen, schon aus grund­sätz­li­chen Erwä­gungen, weil man mit Filmen und Regis­seuren nicht so umspringen darf. Aber richtig Lust dazu hat man nicht.)

»Naja, naja«-Filme

(Filme, bei denen der Hype doch viel größer war, als das Ergebnis, oder die Mund-zu-Mund-Propa­ganda so schlecht, dass man positiv über­rascht wurde)

Größte Enttäu­schungen:

  • Twisted (wegen Ashley Judd angeguckt, aber selbst sie rettet diesen Film nicht – und das will was heißen)
  • Catwoman (also… ich hatte mir schon was erwartet)
  • Big Fish (Selbst­ge­fäl­liger, manie­rierter Schmarrn. Der schlimmste Tim Burton-Film, eine Zumutung von der ersten Minute an.)
  • The EdukatorsI (Sabbel­film, so unpo­li­tisch wie unfil­misch, selbst­ge­fällig wie nichts­sa­gend. Ok, Das weiße Rauschen war auch schon schlecht. Könnte also auch eins weiter unten stehen. Aber von einem Film im Cannes-Wett­be­werb hatte man doch zumindest irgend­etwas erhofft. Aber das einzige, was über die Durch­schnitts­be­zie­hungs­komödie hinaus­ging, war Präten­tion).
  • Ocean’s Twelve (Weil Sonder­bergh viel mehr kann. Weil Ironie mit einem »Ironie«-Schild keine Ironie ist. Und weil der »Kaiser’s -neue-Kleider-Effekt schon nach Ocean’s ElevenN erschöpft war«)
  • 21 Gramm (Enttäuschte, weil die erste halbe, drei­viertel Stunde gut war, und der Film sich dann als eine blöde Behaup­tung und ein ausge­latschtes Nichts entpuppte. Und hässlich war.)
  • Ong-bak (bis auf die aller­erste Szene)
  • Zatôichi (Weil er von Kitano ist)
  • The Terminal (Ein Rückfall in schlech­teste Spielberg-Zeiten)

Wirklich schlimme Filme:

(Wer nix erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden, sondern nur bestätigt.):

  • La mala educación (Ich weiß schon. Wer Almodovar schlecht, wirklich schlecht, öde und lang­weilig und mies gemacht und von vorges­tern findet, versteht nichts von Film. Ok, sei’s drum. Aber warum verzeihen die gleichen Kritiker, die Napola doof finden, Almodovar alles? Warum jauchzen die Femi­nis­tinnen in Filmen, in denen keine Frau vorkommt? Ok, ich verstehe nichts von Film. Aber ich finde La mala educación saudoof.)
  • The Motor­cycle Diaries (»Uns bleibt/ was gut war und klar war/ Coman­dante Che Guevara« – Wolf Biermann; Che konnte sein Tagebuch leider nicht mehr redi­gieren, wetten, dass er es gern getan hätte?)
  • Before Sunset (Ein Film als Hörbuch. Klar würde ich gern, dass Julie Delpy auch für mich Gitarre spielt. Aber deshalb muss ich den Film noch lange nicht gut finden. Und ist Richard Linklater nicht viel­leicht der zwei­tü­ber­schätz­teste Regisseur der 90er?)
  • Coffee and Ciga­rettes (Ein Film wie Ment­hol­zi­ga­retten mit Idee-Caffee – für Rentner, die sich an ihre Jugend erinnern wollen. Lange­weile von der ersten Minute an. Läuft nur in Nicht­rau­cher­kinos.)
  • Lady­kil­lers (Eigent­lich eine Frechheit, der schlech­teste Film der Coen-Brüder, bei denen sich die Manie­rismen zunehmend verselb­stän­digen, noch nicht mal gut zum Kasse machen)
  • Unterwegs nach Cold Mountain (nicht nur »eigent­lich« eine Frechheit)
  • Monster (viel Hype und nix dahinter)
  • Schultze Gets the Blues (Der ostdeut­sche Patient)
  • Schuss­angst (Die Aufgabe, die der Regisseur erfolg­reich bewäl­tigte lautet: Wie verarsche ich die deutsche Film­för­de­rung?)
  • The Bourne Supremacy (Europe in two hours)
  • American Splendor (Die Rache der Nerds)
  • Die Geschichte vom weinenden Kamel
  • Super Size Me (Der Titel ist Programm. Eine Auffor­de­rung an Publikum und Geldgeber. M.a.W.: der egozen­trischste Film des Jahres)
  • Human Nature (der präten­ten­tiö­seste Film des Jahres)

Filme, bei denen einem die Worte fehlen:

Filme, die ich leider nicht gesehen habe:

(in der leider-leider Reihen­folge):