06.01.2005

Leinwand-Illusionen

Filmszene aus »Oldboy«
Oldboy
(Foto: 3L Filmverleih)

Ein Rückblick auf das Kinojahr 2004

Von Michael Haberlander

Regel­mäßig kann man in den Medien von Neuro­wis­sen­schaft­lern hören, dass sie aufgrund ihrer aktuellen Forschungen davon ausgehen, dass unsere gesamten geistigen Fähig­keiten auf rein physi­ka­lisch-chemische Prozesse zurück­zu­führen sind und somit sowohl unsere Hand­lungs­frei­heit als auch unser eigenes Ich nichts anderes sind, als schlichte Illu­sionen.
Diese Thesen aufgrei­fend, disku­tieren nun Fachleute der verschie­densten Gebiete (von den Rechts­wis­sen­schaften über die Psycho­logie bis hin zur Philo­so­phie), was die Rich­tig­keit dieser Behaup­tungen für unser tägliches Leben bedeuten würde. Die dabei immer gestellte Grund­satz­frage lautet: Wie könnten wir mit der Gewiss­heit, dass unser Bewußt­sein, unser eigenes Ich, nur eine Illusion ist, glücklich weiter­leben?

Hilfreich bei der Beant­wor­tung dieser schwer­wie­genden Frage könnte der Besuch eines Kinos sein, denn nirgendwo sonst gibt sich der Mensch so bedin­gungs- und vorbe­haltlos den Illu­sionen hin.
Obwohl wir in jeder Sekunde eines Kino­be­suchs wissen, dass das Gezeigte eine Fiktion ist, die mit großem tech­ni­schem Aufwand (der uns durch entspre­chende Making-of Sendungen auch noch nahe gebracht wird) erzeugt wurde, obwohl wir die Schau­spieler schon in 20 anderen Rollen gesehen haben, obwohl wir wissen, wie die gruse­ligen Monster aus Kunst­stoff gebaut und die phan­tas­ti­schen Welten im Computer errechnet wurden, obwohl wir wissen, dass im Film kein Mensch wirklich stirbt, obwohl wir all das wissen, sitzen wir doch immer wieder im Dunkeln und spüren Freude, Angst, Spannung, Trauer, Hass, Mitleid...
Wenn man es so betrachtet, ist jeder gelungene Kino­be­such eine Über­win­dung der Vernunft und somit ein kleines Wunder.

Im vergangen Jahr gab es zum Glück wieder eine ganze Reihe von Filmen, die mich dieses »Wunder« erleben ließen. Sie, und nur sie, seien im Folgenden genannt.

Brüchige Welten

Während also die Wissen­schaftler die Existenz des selbst­be­stimmten Ichs disku­tieren, waren im Kino 2004 auffällig viele Filme zu sehen, die gerade die Ver- und Zers­törung der eigenen inneren Sicher­heit zum Thema hatten.
Etwa im russi­schen Film Die Rückkehr, in dem das uner­war­tete Auftau­chen des Vaters zwei Brüder wort­wört­lich aus ihrem bishe­rigen Leben reißt und zu einer rätsel­haften Reise mit drama­ti­schem Ausgang zwingt.
In Oldboy wird ein Mann scheinbar grundlos entführt und für Jahre in ein Zimmer einge­sperrt. Als man ihn schließ­lich gehen läßt, ist er zwar körper­lich wieder frei, doch geistig ist er gefan­gener als zuvor.
Gefangen in den eigenen Gedanken ist auch der von Ralph Fiennes gespielte Spider, der in seiner schi­zo­phrenen Welt noch einmal die Traumata seiner Kindheit durchlebt und in der Gegenwart wie ein zufäl­liger Besucher wirkt (unbedingt den 25.1. und 26.1.05 vormerken, wenn das Film­mu­seum Spider in der Reihe »Unsicht­bares Kino« noch einmal zeigt!).
Einen Bruder im verwirrten Geiste hatte Spider in Trevor Reznik aus dem Film The Machinist. Der mit Abstand kafka­es­keste Film des Jahres, in dem der Hunger­künstler Christian Bale eines Tages aus einem schlaf­losen Alptraum erwacht, um sich in einen Mörder verwan­delt zu finden.
Nicht anders ergeht es dem The Manchu­rian Candidate, den selbst sein verzwei­felter Golfkrieg-Kamerad (Denzel Washington) nicht mehr retten, sondern nur noch erlösen kann. Selbst bei den durch­ge­hend guten Schau­spiel­leis­tungen dieses Films, sticht doch die Darstel­lung von Meryl Streep, als gnaden­lose Mutter, hervor.
Nicht nur Männer plagen Reali­täts­ver­lus­tängste, so dass Nicole Kidman in Birth mit der Behaup­tung eines 10jährigen Jungen, er sei ihr wieder­ge­bo­rener Ehemann, um- und beinahe unter­gehen muss.
Als Spezia­list für die lustige Seite der geistigen Fehl- und Über­funk­tion, lieferte auch 2004 der noto­ri­sche Dreh­buch­autor Charlie Kaufman mit Vergiss mein nicht seinen Beitrag. Jim Carrey läßt sich einige unschöne Erin­ne­rungen absaugen, was nicht ohne aber­wit­zige Konse­quenzen bleibt.

Neben diesem thema­ti­schen Schwer­punkt gab es noch weitere gelungene Dramen, die nichts mit Reali­täts­pro­blemen zu tun hatten und sich z.B. mit dem Zufall beschäf­tigten.
Ein drama­ti­scher Zufall löst in 21 Gramm eine noch drama­ti­schere Ketten­re­ak­tion aus. Einmal mehr großartig die Schau­spiel­kunst von Benicio Del Toro und mit dem Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu (Amores perros) wird man auch in Zukunft rechnen müssen.
Seit Jahren rechnen muss man mit Gus van Sant, dessen Erfolgs­filme gerne übersehen lassen, dass er zu den inno­va­tivsten Regis­seuren Amerikas zählt. Bewiesen hat er dies einmal mehr mit Elephant, in dem er unter dem Mantel der zufäl­ligen Schlicht­heit eine äußerst komplexe und brillante Insze­nie­rung versteckte. Noch expe­ri­men­teller und mindes­tens genau so faszi­nie­rend wie Elephant war van Sants Gerry, der es leider nur zu einem Kurz­auf­tritt im Film­mu­seum brachte.

»Wo die Liebe hinfällt...«, sagt man gerne, wenn es um die Unbe­re­chen­bar­keit der zwischen­mensch­li­chen Gefühle geht. Eine sehr gelungene Variante dieses Themas fand Liebe mich, wenn du dich traust, eine lebens­lange Liebes­ge­schichte, die auf absurden Wetten aufbaut. Der gerne gezogenen Vergleich zur Fabel­haften Welt der Amelie hinkt zwar was Inhalt und Stimmung betrifft, kann aber bezüglich der visuellen Umsetzung durchaus bemüht werden.
Noch unbe­re­chen­barer als die Liebe ist das Glücks­spiel. Das hält Philip Seymour Hoffman als klugen Bank­an­ge­stellten in Owning Mahowny aber nicht davon ab, immer wieder gegen die Wahr­schein­lich­keit anzu­treten. Sein Verhängnis: er ist nicht nur ein beses­sener Spieler, sondern auch ein beses­sener Verlierer.

Um ganz andere Dinge ging es in Akin Fathis Gegen die Wand, der sich auf dem sehr harten Boden der Realität um Liebe, Freiheit und Identität dreht. Wenn deutsches Kino nur öfter so heftig und zugleich so schön wäre.
Ähnliche Themen, aber unter ganz anderen Vorzei­chen, behan­delte Atom Egoyans Ararat, der sich zusätz­lich mit den Schwie­rig­keiten des künst­le­ri­schen Prozesses befasste. Ein Film, der anfäng­lich beinahe unter der Last seines Inhalts erdrückt wird, um zum Schluß aber mit erstaun­li­cher Leich­tig­keit alles zu einem großen Bild zusam­men­zu­fügen.
In Young Adam wird nichts zusam­men­ge­fügt, sondern vieles ausein­ander gerissen. Eine düstere Boots­fahrt in das Herz der Fins­ternis des vermeint­lich netten Möch­te­gern­au­tors Joe, großartig darge­stellt von Ewan McGregor.

Fahr­rad­fah­rer­diebe und Gegen-den-Strich­männ­chen

Zum Glück war das Kinojahr 2004 nicht nur ernst und drama­tisch, sondern oft genug humorvoll und unter­haltsam.
Über everybody’s darling Lost in Trans­la­tion weitere Worte zu verlieren spare ich mir, um dafür ausdrück­lich auf American Splendor hinzu­weisen.
Die wunderbar bissige, geist­reiche und form­voll­endete Mischung aus Doku und Comic(real)verfil­mung über das Leben des ewig schlecht gelaunten Comic­au­tors Harvey Pekar, gehört zum meinen High­lights 2004.
Eine gewisse geistige Verwandt­schaft zu American Splendor besaß der Anti-Weih­nachts­film Bad Santa mit Billy Bob Thornton als white christmas trash. So lange solch bitter­böse Filme aus Amerika kommen, mache ich mir (zumindest was Kunst und Kino betrifft) keine Sorgen um das Land des wieder­ge­bo­renen Christen George W. Bush.
Nicht durch­ge­hend perfekt, aber mit vielen guten und einigen besonders schönen Episoden, präsen­tierte sich Jim Jarmusch' Kurz­film­samm­lung Coffee and Ciga­rettes. Die Episode mit Bill Murray, zusammen mit seiner Perfor­mance in Lost in Trans­la­tion, unter­mauert nur meine persön­liche Theorie, dass Murray der beste lebende Film­ko­miker Amerikas ist.

Eine der erfreu­lichsten Über­ra­schungen bot Status Yo!, eine (1.) very low budget (2.) deutschen Komödie über (3.) die Berliner Hip Hop-Szene. Während sonst meist schon einer der drei Punkte reicht, um mich aus dem Kino zu treiben, ist Status Yo! wirklich rundum gelungen, mit echten Charak­teren, erstaun­lich schönen Bildern und natürlich feinstem Hip Hop. Yo, die fetten Jahre sind noch lange nicht vorbei.
Von der Berliner Hip Hop-Szene zur gehobenen Pariser Lite­ra­tur­welt. In Schau mich an! sprühen die Dialoge nur so vor Geist, Witz und Boshaf­tig­keit. Ein fast zynischer Film über die Verlo­ckungen des Ruhms, das gnaden­lose Kasten­system unserer modernen Gesell­schaft und (natürlich) die Liebe, oder was manche dafür halten.

Losgelöst von allem Realem, boten zwei äußerst unter­schied­liche Filme die Möglich­keit zur Flucht in eine andere Welt.
Das große Rennen von Belle­ville war mein Trickfilm des Jahres. Ein visuelles Fest, das den alten Zeiten huldigt, voller freund­li­cher Ironie gezeichnet und eine verrückte Geschichte erzählend. Noch nie hat sich eine Trick­film­figur so über einen Berg gequält.
Ganz anders präsen­tierte sich da Hellboy. Ange­sichts all der glatten Comic­ver­fil­mungen der letzten Jahre, ist der Regisseur Guillermo Del Toro genau der richtige Mann, dem Super­helden aus der Hölle die notwen­dige Melan­cholie und Süffisanz zu verleihen. Zudem garan­tiert der Name Del Toro, dass der Film in einem düster pitto­resken Schat­ten­reich spielt.

Es gab Zeiten, da standen Western und Samurai-Filme in einer frucht­baren Symbiose, doch seit beide Genres massiv an Popu­la­rität verloren haben, über­nehmen westliche Action- und östliche Martial Arts-Filme ihre Rolle. Um so schöner, zwei sehens­werten Vertre­tern der „alten Schule“ im Kino zu begegnen.
Im bild­ge­wal­tigen Open Range nimmt Kevin Costner und der (zum Glück) unver­wüst­liche Robert Duvall den Colt in die Hand, um gegen unfreund­liche Grund­be­sitzer anzu­treten. Man sollte sich nicht von der ruhig lako­ni­schen Stimmung des Films täuschen lassen. Am Schluß wird derart heftig geschossen, wie schon lange nicht mehr.
Auf japa­ni­scher Seite greift Takeshi Kitano als blinder Zatôichi zum Schwert, um für Recht und Ordnung und eine enormes Blutbad zu sorgen. Und da Kitano in seiner Heimat auch einer sehr ange­se­hener Komiker ist, bekommen wir nebenbei ein ordent­liche Portion japa­ni­schen Humors geliefert, der – wie so vieles aus diesem Land – sehr fremd aber auch sehr inter­es­sant ist.

Und was konnte man in 2004 tun, um sich einfach nur in bester Manier unter­halten zu lassen, ohne die gewohnten Ansprüche an ein gepflegtes Kino­er­lebnis vor Film­be­ginn abschalten zu müssen, wie sein Handy?
Möglich­keit 1: Starsky & Hutch. Dort über­nehmen Ben Stiller und Owen Wilson die Rollen der legen­dären Fern­seh­helden (die in persona natürlich nicht fehlen dürfen), das obli­ga­to­ri­sche Auto ist auch dabei und Snoop Dogg gibt den Huggy Bear. Sehr amüsant, sehr beschwingt, sehr flott, sehr clever.
Möglich­keit 2: Ocean’s Twelve. Steven Soder­bergh und die ihm treu verbun­denen Schau­spie­ler­kum­pels gehen mal schnell Geld verdienen, um dann wieder Kunst­filme zu drehen.
Ein aber­wit­ziger Ritt durch die Kino­ge­schichte im Allge­meinen und den Gangs­ter­film im Spezi­ellen, bis oben hin voll mit bestens gelaunten Stars, mit der Soder­bergh eigenen Dreis­tig­keit insze­niert und im Hinter­grund groovt der Sound­track von David Holmes.
So wie dem Gangster Danny Ocean, ist auch Soder­bergh wieder ein großer Coup gelungen.

Some kind of reality

Erfreu­lich groß war das Doku­men­tar­film­an­gebot in 2004, was hoffent­lich darauf hindeutet, dass die Verleiher endlich erkannt haben, wieviel gutes Geld damit zu verdienen ist (inwiefern das mit den Erfolgen von Michael Moore zu tun hat, sei einmal dahin­ge­stellt).
Was aber haben Doku­men­tar­filme in einem Jahres­rück­blick, der sich mit Leinwand-Illu­sionen beschäf­tigt, zu tun? Sind Doku­men­tar­filme in ihrer Darstel­lung der Tatsachen nicht das genau Gegenteil einer Illusion?

Da ich dieser schwie­rigen Frage bereits am 22.07.04 in einem eigenen Artikel ausführ­lich nach­ge­gangen bin, erlaube ich mir, auf diesen Text zu verweisen und in aller Kürze die Doku­men­tar­filme zu nennen, die mich in den letzten zwölf Monaten sowohl inhalt­lich als formal unein­ge­schränkt überzeugt haben. Es waren dies Höllen­tour, The Other Final, The Five Obstruc­tions, Metallica: Some Kind of Monster, Rhythm Is It!, The Fog of War und Touch the Sound.

Alle eben genannten Filme haben es in 2004 also geschafft, mich auf die ein oder andere Art wirklich zu berühren, obwohl sie nüchtern betrachtet nichts anderes sind, als bewegte, bunte Bilder auf einer weißen Leinwand.
Wenn also unser Bewußt­sein und unser freier Wille – wie es die Gehirn­for­scher behaupten – auch nur eine solche Illusion ist, was sind dann unsere Gedanken anderes, als der Film unseres Lebens, der Tag für Tag vor unserem inneren Auge abläuft?
Eine Vorstel­lung, mit der ich sehr gut leben könnte.