06.01.2005

Wir blicken zurück!

Filmszene »Lost in Translation«
Umstritten: Lost in Translation
(Foto: Constantin)

Die schönsten, bemerkenswertesten und ärgerlichsten Momente des Filmjahres 2004

Von artechock-Redaktion

Es schreiben Dunja Bialas, Anja Marquardt, Nani Fux, Rüdiger Suchsland, Markus Nechleba, Thomas Schöffner, Thomas Willmann und Michel Haber­lander

MOMENTE, DIE BLEIBEN

Die Zigarette danach. Die junge Charlotte (Scarlett Johansson) tritt aus dem Karaoke-Raum heraus, in dem sie eben noch gesungen hatte, verlässt seine stickige Intimität. Der zerfurchte Bob Harris (Bill Murray) folgt ihr. Sie rauchen eine Zigarette. – Ein Moment der Stille in Sofia Coppolas Lost in Trans­la­tion, bevor die Fahrt durch das nächt­liche Tokio im Sound von »My Bloody Valentine Loveless« badet. Ein Moment ohne Worte, jenseits von »trans­la­tion« und ganz bei sich.

Sound­level 55. Bevor die Gesangs­leh­rerin Sylvia Millet (Agnès Jaoui) das Landhaus des egoma­ni­schen Verlegers Étienne Cassard (Jean-Pierre Bacri) verlässt, der noch nie seine Tochter singen gehört hat, legt sie eine Tonauf­nahme von ihr in den Kasset­ten­re­korder und dreht voll auf. So schön kann Rache sein, wenn man nur das Bild, das man sich von jemandem gemacht hat, hinter sich lassen kann. (Comme une image, von Agnès Jaoui.)

Stepptanz-Eskapade. Wenn am Schluss der Samurai-Satire Zatôichi die Bauern aus dem 19. Jahr­hun­dert auf der Bühne einen Stepptanz hinlegen, der in nichts den Tanz­ein­lagen eines Fünfziger-Jahre-Musicals nachsteht, dann scheint Takeshi Kitano der Illu­sion­ma­schine Kino die lange Nase zu zeigen und zu sagen: »All is fiction, the show must go on!«

Die Kapelle am Bosporos. Gegen die Wand hat Fatih Akin seinen Film mit Sicher­heit nicht gefahren, und doch sind seine schönsten Momente die, wenn die Handlung ange­halten wird und wie in einer grie­chi­schen Tragödie die Gescheh­nisse singend kommen­tiert werden. Dezenter und schöner konnte Akin sein wütendes Märchen über die »Allemançi« nicht betten.

Rettende Schach­tel­spiele. Wenn Erzäh­lungen in der Erzählung zu immer weiteren Erzäh­lungen innerhalb der Erzäh­lungen führen, dann wird allein das Drehbuch zum Film. Das kann trotz aller Drögheit, die sich da anbahnt, zu einem großen Moment der Erleich­te­rung werden. Nichts ist dann mehr da von der schon entstan­denen Befürch­tung, Almodóvar werde in La mala educación seine schlechte Erziehung ausspielen, indem er auf die lang­wei­lige Erzähl­struktur der Binnen­er­zäh­lung zurück­greift. Man läßt sich von ihm bereit­willig verschach­teln, und bleibt dabei ganz bescheiden. Dunja Bialas


Jim Carrey, der durch die visuellen Irrgärten des »Charlie Gondry« mäandert und am Strand von Hesses Montauk mit der Hand durch den Sand streicht: »Sand is overrated. It’s just tiny little rocks.« Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist zu Anhimmeln großartig.

Wäre der Film ein Tier, wäre er ein Panther. The Village ist so samtweich wie gefähr­lich, elegant und gut im Anschlei­chen. Und so reali­siert man in der Zeitlupe des Gesche­hens erst, wenn Joaquin Phoenix nach hinten kippt, dass Adrien Brody ihm soeben ein Messer zwischen die Rippen gerammt hat.

Birth. Wegen des atem­be­rau­benden Kame­ra­fahrt im Vorspann, durch den verschneiden Central Park unter die dunkle Brücke, unter der sich schon Edward Norton in 25th Hour zum Abschied von seinen Freunden zusam­men­schlagen ließt, unter der Woody Allen sich in Anything Else verdat­tert zum Mord bekannte und wahr­schein­lich noch einige andere bedeu­tende Wende­punkte erzählt wurden. Birth erzählt viele Dinge, viele Bilder und Momente so, als hätte es sie noch nie gegeben. Einiges könnte von Kubrick sein.

Muxmäu­schen­still. Mux schießt sein Mäuschen still, weil sie nicht hören will. Über den Rücken der Gesell­schaft und einen verbohrten Jüngling, der nach ihren Zitzen schnappt. Selbst­be­trug und Selbst­justiz im selbst­ge­machten Kino. Black Comedy, Mocku­men­tary, Satire – Deutsch­land braucht mehr davon!

Blueberry. Der erste ernst­zu­neh­mende Versuch, einen Castaneda-Western auf die Leinwand zu bringen. Blueberry macht das, was Berli­nal­e­film The Missing sich nicht traute. Die besten Momente: Alle, in denen Vincent Cassell Peyote nimmt.

Kill Bill: Vol. 2. „Trailer Home“-Michael Madsen doziert über den Unter­schied zwischen Superman und Batman.

The Machinist. Auf dem Rummel Geis­ter­bahn fahren und merken, dass man sich in der eigenen Twilight Zone befindet. Frauen werden verge­wal­tigt, Männer ans Kreuz geschlagen, und der kleine Junge, den man unvor­sich­ti­ger­weise mitge­nommen hat, steuert den Wagen an der einzigen Gabelung statt in die „Road to Salvation“ in den „Highway to Hell“. Anja Marquardt


Reigen in schwarz-weiß - Ein Tisch, ein Päckchen Ziga­retten und viele, viele Tassen Kaffee – mehr braucht man nicht für einen gran­diosen Film. Coffee and Ciga­rettes, von Jim Jarmusch.

Monster in der Psycho­kiste – Die Ober­ro­cker von Metallica auf der Couch – solche Geschichten denkt sich kein Dreh­buch­schreiber aus, die schreibt einfach nur das Leben. Ein Hoch auf die Kunst des Doku­men­tar­films! Metallica: Some Kind of Monster.

Zappelnde SashimiOldboy, nach jahre­langem Kerker­mar­ty­rium erstmals wieder in einem Restau­rant, braucht nach eigenem bekunden etwas leben­diges und verschlingt einen sich windenden Kraken.

Rache­engel – Ebenfalls um eine ausge­spro­chen kunst­vollen Rach­feldzug dreht sich alles in Kill Bill. Taran­tinos Story ist zwar weniger raffi­niert, dafür sieht Uma Thurman in ihrem kana­ri­en­gelben Overall deutlich besser aus als Old Boy.

Zeit­sprung – Eine Frau und ein Mann bummeln durch Paris, reden wie ein Wasser­fall. Unter der plät­schernden Ober­fläche des ebenso intel­li­genten wie witzigen Dialogs läuft ein stummer der da fragt: Liebst auch Du mich noch? Before Sunset haben die zwei das glücklich geklärt. Nani Fux


Carina Lau rauchend in der Tür stehend, in Zeitlupe, in Wong Kar-wais 2046 – ein kurzer Augen­blick. Coolness trifft Weib­lich­keit, Chris Doyle die unter­schätz­teste Schau­spie­lerin Asiens. Man kann, muss sich sofort verlieben. Zu sehen bisher nur in Cannes, ab kommender Woche im deutschen Kino.

Nicole Kidman in Birth. Eine einzige Groß­auf­nahme, zwei, drei, viel­leicht vier Minuten. Die Kamera schaut sie an. Und sie uns. Dazu läuft Wagner. Und das erzählt mehr, als über hundert Filme in diesem Jahr zusammen.

Eine kleiner Oktopus wird bei leben­digem Leib verspeist. Nur noch ein paar Beine des Tiers ringeln sich poetisch um den Mund des Essers. Animals were harmed in this movie. Und Oldboy schlägt Kill Bill. Asien kommt. Endlich!

Bryce Dallas Howard ihrer ersten Filmrolle in The Village, in dem Augen­blick, als sie Joaquim Phoenix ihre Liebe gesteht. Schon davor lebt der Film fast ausschließ­lich von ihr. Danach kippt er. Aber dieser Moment ist eine Offen­ba­rung.

Kate Winslet mit knall­roten Haaren, schön wie nie, in einem Haus, das sich in seine Bestand­teile auflöst, das Meer dringt ein, ein Bild, das den Tsunami der asia­ti­schen Kata­strophe voraus­ahnt, und doch etwas ganz anderes sagen will. Mag und Jim Carrey auch noch so auf die Nerven gehen und Charlie Kaufmann sowieso – Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist ein Film wie ein Vergiss­mei­nicht. Rüdiger Suchsland


Demain on déménage, Chantal Akerman. Zwei junge Frauen lernen sich bei einer Wohnungs­be­sich­ti­gung kennen und verab­reden, sich die Wohnung zu teilen, weil die eine in ihr nur tagsüber (an einem eroti­schen Roman) arbeiten möchte, die andere nur abends und nachts darin wohnen. Und dann stellt die eine aber doch klar, dass sie nicht auf eine neue Freund­schaft aus sei, weil sie schon so viele Freunde und Bekannte habe, dass sie gar nicht mehr zu sich selbst komme. – Nicht mehr zu wissen, wer man ist, in all den Funk­ti­ons­zu­sam­men­hängen, die nicht mehr dem eigenen Leben wirklich dienen, das könnte ein Zeichen der Zeit sein. – Und im übrigen musi­zieren in diesem Film ständig alle zusammen, ob tatsäch­lich mit Instru­menten, singend, oder sprechend, sich bewegend.

Une visite au Louvre, Straub/Huillet. Eine Frau­en­stimme, die Äuße­rungen rezitiert, die Cézanne ange­sichts einiger Bilder im Louvre gemacht hat, und die sein Freund Joachim Gasquet nach dessen Tod aus dem Gedächtnis aufschrieb, gekürzt und dirigiert von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Viele Verschie­bungen, weg vom authen­ti­schen Ursprung. Und doch genau so viele, dass ein authen­ti­sches Sehen wieder möglich wird, einen ganzen Film lang, ein mate­riales, sinn­li­ches und auch ein zorniges und abschät­ziges, jenseits aller gutbür­ger­li­chen Kunst­küche, die unter­schiedslos alles schmack­haft macht. Und Jean-Marie Straub hat auch verspro­chen, Museen zu hassen und dass ihn niemand jemals wieder in den Louvre kriegt.

S21, Rithy Pan. Ein Film, der von den kambo­dscha­ni­schen Arbeits­la­gern handelt, so wie sie heute die Betrof­fenen noch immer bestimmen. Ein ehema­liger Häftling beschreibt seine gemalten Bilder, die visua­li­sieren, was er immer wieder empfindet. Ehemalige Wärter, in den damaligen Räumen und Gängen, spielen und verkör­pern plötzlich wieder, wie sie mit den Gefan­genen umge­gangen sind, sie anschrien, rumkom­man­dierten und schlugen. Viel­leicht ist der größte Teil des Gedächt­nisses ein körper­li­ches. Eines, das in der strengen und pathe­ti­schen Reinsze­nie­rung scho­nungslos zu Tage treten kann als Einbruch der Wahrheit.

Notre musique, Jean-Luc Godard. »Ja, das Bild ist Glück, aber neben ihm liegt das Nichts. Die Kraft des Bildes kann nur dann Wirk­lich­keit werden, wenn es dieses anruft.« Olga, die junge Französin, Jüdin russi­scher Herkunft blickt auf zwei Schrift­ta­feln, auf denen steht: »Es wird mein Martyrium sein / Morgen werde ich im Paradies sein.« Am Ende betritt sie das Paradies, weil sie mit Büchern im Rucksack eine Geisel­nahme in einem Kino in Tel Aviv veran­staltet hat. Judith, die andere junge Frau, israe­li­sche Jour­na­listin fran­zö­si­scher Herkunft, flüstert dann im Off: »Sie sind zu zweit, sie, und ich, sie habe ich nie gesehen. Es ist wie ein Bild, aber eines, das von weitem käme.« Markus Nechleba


Station Agent von Tom McCarthy:
Wenn der klein­wüch­sige Eisenbahn-Fan Fin zusammen mit dem ewig quas­selnden Joe im Eiswagen dem Zug nachjagt, wird hier der bedächtig erzählte Station Agent von Tom McCarthy ganz abrupt aufge­bro­chen. Freund­schaften werden in diesem Film in aller Ruhe geschlossen, aber beim Train­cha­sing dann energisch und mit viel Humor zele­briert.

Oldboy von Park Chan-wook:
Dae-su war fünfzehn Jahre lang einge­sperrt. Zurück in der Freiheit, schlägt er mit einem Hammer seinem ehema­ligen Peiniger für jedes Jahr der Gefan­gen­schaft einen Zahn heraus. Dass dazu Vivaldis muntere »Vier Jahres­zeiten« erklingen, macht in diesem bitteren Moment deutlich, dass Park Chan-wook in seinem Oldboy gleich­zeitig mit blutigem Ernst wie mit augen­zwin­kernder Leich­tig­keit zur Sache geht, seinen über­wäl­ti­genden Fluss an Bildern und Geschichten bis ins kleinste Detail liebevoll zusammen geschus­tert hat.

Gegen die Wand von Fatih Akin:
Während Sibel Kekilli und Birol Ünel sich in Gegen die WandD das Leben vom Leib spielen, sich durch eine europäi­sche Gesell­schaft lieben und töten, in der auch die Sicher­heits­zone Familie nur noch zur Explosion taugt, musiziert eine türkische Gruppe direkt unten am Bosporus. Fatih Akin hat damit leit­mo­ti­vi­sche Momente der Medi­ta­tion geschaffen. Eine wohl­klin­gende und in Sonnen­schein getauchte Nebenwelt, in der die harte Realität musi­ka­lisch gespie­gelt wird, und danach umso finsterer wieder vor das Kamera-Auge tritt.

Ong-bak von Prachya Pinkaew:
Der Jung­priester Ting vom thailän­di­schen Lande ist auf der Suche nach einem Buddha-Kopf und hat schon reihen­weise fiese Schlä­ger­typen übel zuge­richtet. Auf der Flucht vor einer Bande durch das belebte Bangkok macht er Salti über in den Gassen laufende Händler, springt im Spagat über fahrende Autos, oder rutscht ebenfalls mit gespreizten Beinen unter ihnen durch. So findet in ONG BAK von Prachya Pinkaew hartes Körper-Kino zu seinen Wurzeln der Unter­hal­tung zurück. Auch die Wieder­ho­lungen dieser Szenen aus anderen Perspek­tiven zeugt vom großen Spaß, den gerade das asia­ti­sche Kino immer wieder mit seinen harschen Direkt­heiten verbindet.

Ararat von Atom Egoyan:
Der jugend­liche Raffi sitzt in Atom Egoyans Ararat mit dem Zoll­be­amten David im kleinen Hinter­zimmer des Flug­ha­fens von Toronto. David vermutet Drogen in den Film­rollen, kommt Raffi doch damit gerade aus der Türkei. Was Raffi ihm dann auf dem winzigen Display einer Digi­tal­ka­mera vorspielt, ist seine Reise in die Vergan­gen­heit, zeigt in pixeligen Bildern den Ararat, den heiligen Berg, in dessen Nähe vor knapp hundert Jahren ein Genozid an Raffis arme­ni­sche Vorfahren verübt wurden. Egoyan macht diesen kleinen Moment des Film-im-Films zum vibrie­renden Ereignis der persön­li­chen Offen­ba­rung, zum schmer­zenden Splitter der vielen Über­la­ge­rungen von Film und Wirk­lich­keit, von Geschichten und Geschichte in ARARAT. Thomas Schöffner


Der aller­schönste Film­mo­ment des vergan­genen Jahres war für mich kein neuer: Filmfest München, Kauris­mäki-Retro (überhaupt DAS Highlight 2004), Tatjana. Eine wortlose Szene, in der die filmi­schen Mittel scheinbar gar nichts machen, in der fast nichts passiert, aber gerade deswegen von herz­zer­reißender Größe, Zärt­lich­keit, Einsam­keit, Hoffnung: Matti Pellonpää legt seinen Arm um Kati Outinen, die ihren Kopf an seine Schulter, und auf dem Sound­track fährt Tschai­kow­skys »Pathé­tique« hoch. Mehr nicht. Aber nichts anderes kam da für mich letztes Jahr im Kino ran.

Ziemlich nah war dieser Größe immerhin Lost in Trans­la­tion, Sofia Coppolas wunder­schöner Film über das Fremdsein in der Welt und im Leben – und da insbe­son­dere der Moment am Schluss, wo Bill Murray doch noch einmal Scarlett Johannsen trifft und ihr etwas ins Ohr flüstert, und der Film den Anstand hat, es uns nicht hören und somit diesen Augen­blick seinen Figuren ganz allein zu lassen.

Tief berührt hat mich auch das Ende von Les Triplettes de Belle­ville (dt. Das große Rennen von Belle­ville), überhaupt ganz hoch auf meiner Jahres-Favo­ri­ten­liste: Beim ersten Anschauen kann man die grandiose Trau­rig­keit des Films etwas übersehen, vor lauter Begeis­te­rung und Freude über seine visuelle Gran­dio­sität, über seinen bizarren Witz. Aber wie in das Vakuum nach einem großen Knall rauscht nach der über­drehten Verfol­gungs­jagd mit dem letzten Bild alle verdrängte Trau­rig­keit schlag­artig wieder herein und überspült einen regel­recht.

Wunder­schöne Szenen vor einem Finale: Der Moment in Open Range, wo die alternden, harten Cowboys sich, kurz bevor es ans poten­ti­elle Sterben geht, zum ersten Mal in ihrem Leben ein Stück Scho­ko­lade gönnen.

Und schließ­lich ein Super-Anfang: Die Nummer mit dem großen Baum, den vielen jungen Männern und der unbarm­her­zigen Schwer­kraft in Ong-bak. Da wusste man gleich, dass dieser Film was Beson­deres sein würde. Und Martial Arts-Sensation Tony Jaa enttäuschte nicht, bewies im atem­be­rau­benden Rest des Films, dass die Vergleiche mit dem jungen Bruce Lee und Jackie Chan kein hohles Marketing-Gewäsch sind.

Aus meinem Film des Jahres hingegen, Infernal Affairs II, kann ich selt­sa­mer­weise gar keinen Lieb­lings­mo­ment nennen. Es ist die brillante Eleganz seiner Gesamt­heit, die mich so begeis­tert hat.

Zu viele grandiose Momente dagegen in Rob Zombies House of 1000 Corpses – und genau dies Über­bor­dende war so herrlich an diesem Film, der die Wurzeln des Kinos bei Jahrmarkt und Freakshow nicht vergessen hat, der weiß, dass Horror-Filme derb, fies, unbe­re­chenbar zu sein haben und nebenbei noch eine prima Geis­ter­bahn-Collage aus 100 Jahren ameri­ka­ni­schem Enter­tain­ment bot – und der selbst­ver­s­tänd­lich das wahre Texas Chainsaw Massacre-Remake war letztes Jahr.

Schwer auch, einen Lieb­lings­mo­ment aus Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm heraus­zu­pi­cken. Helge Schnei­ders Meis­ter­werk war nun mal der schönste deutsche Film des Jahres, basta, und das in jeder albernen, melan­cho­li­schen, verschro­benen, avant­gar­dis­ti­schen Minute. Aber wenn ich mich festlegen müsste, dann viel­leicht doch die Stumm­film­se­quenz.

Frohe Kunde zum Schluss: Einige der schönsten Film­mo­mente 2004 stehen Ihnen, werte Leser, erst noch bevor. Die letzte Woche Pres­se­vor­füh­rungen im vergan­genen Jahr brachte Wong Kar-wais 2046, Scorseses The Aviator, Jeunets Un long dimanche de fiançailles (dt. Mathilde – Eine große Liebe). Einer größer als der andere, allesamt Meis­ter­werke, die nochmal zu sehen ich kaum erwarten kann. Der erste Kinomonat 2005 kann kommen.

Thomas Willmann


Oldboy ist ein Film, in dem sich die denk­wür­digen Szenen anein­ander reihen, wie die Perlen an einer Kette, doch besonders nach­haltig war der wohl verzwei­feltste Kampf des Kinojahrs. Der 15 Jahre lang einge­sperrt Dae-su hat gerade seinem „Gefäng­nis­wärter“ die Zähne heraus­ge­bro­chen und muss sich nun mit dessen kämp­fe­ri­schen Schergen ausein­an­der­setzen. Es entspinnt sich ein schier endloser Kampf, brutal, erschöp­fend, fern jeder Martial Arts-Eleganz, uner­bitt­lich, hoff­nungslos und beinahe uner­träg­lich.

Fast meint man, es sei ein Standbild. Der massive Körper von Philip Seymour Hofmann in Owning Mahowny auf einen weiteren Spiel­tisch gelehnt. Schließ­lich fordert eine minimale Finger­be­we­gung eine weitere Karte, die wieder nicht die richtige sein wird. Eine einzige kleine Geste, in der die Tragik dieses ganzen Menschen steckt.

Schlechte Laune ist der (meist berech­tigte) Grund­zu­stand des Comic­au­tors Harvey Pekar im täglichen Leben wie im Film American Splendor. Doch plötzlich, in diesem ständig zwischen Spiel-, Doku­mentar- und Trickfilm wech­selnden kleinen Meis­ter­werk, die Szene, in der der echte Pekar mit seinem besten Freund und beken­nenden Nerd Toby Radloff im Film­studio stehen und sich über Jelly Beans unter­halten. Ein kurzer Moment, der in seiner ruhigen Belang­lo­sig­keit sogar für Pekar einen kurzen Moment der Zufrie­den­heit bereit­hält.

Echtes Glück kann man im Kino finden, wenn es einem Film gelingt, gute Musik und schöne Bilder perfekt zu synchro­ni­sieren.
Hervor­ra­gendes Beispiel hierfür bot der Schluß des insgesamt sehr gelungen Starsky & Hutch. In einer fließenden Kame­ra­ein­stel­lung folgen wir dem legen­dären rot-weißen Ford Gran Torino bei seiner entspannten Fahrt durch einen leeren Wasser­kanal und Aerosmith singen von Sweet Emotions. Wie wahr.

Während sich der clevere Robert McNamara in The Fog of War geschickt davor drückt, seine wahren Gefühle und Gedanken zu zeigen, gelingen Pepe Danquart in Höllen­tour außer­ge­wöhn­lich enthül­lende Momente. So auch als Erik Zabel nach einer weiteren Etappe der Tour de France halbnackt und erschöpft im Bus sitzt, sich von seinem Betreuer abwaschen und -trocknen läßt und dabei irgendwie ratlos darüber redet, was für ein Wahnsinn das alles doch sei. In seinen Augen dabei ein angst­voller Blick, als ob er gerade einen Geist gesehen hätte. Michael Haber­lander


ENTTÄUSCHUNGEN, DIE VERGEHEN

Gelber Regen­mantel auf Asphalt. Leider lässt Romuald Karmaker sein inten­sives Kammer­spiel Die Nacht singt ihre Lieder über die Desil­lu­sionen eines jungen Paars im Tatort-Gestus enden. Es gibt keinen Grund, weshalb sich der Kame­ra­fokus zusammen mit Frank Giering über die Balkon­brüs­tung stürzen sollte. Tödlicher Absturz des Films aus der hohen Höhe, auf der das Drama sich bis kurz vor Schluss bewegt hatte.

Manche Menschen ändern sich nie. An die Wand gepinnte, besser­wis­se­ri­sche und mora­li­sie­rende Worte, mit denen Hans Wein­gartner den Showdown seiner Befind­lich­keits­komödie Die fetten Jahre sind vorbei einleitet. Was am Schluss noch ein poli­ti­sches Märchen hätte werden können über die gelin­gende Revo­lu­tion bundes­re­pu­bli­ka­ni­scher Dreamers, und den Film mit dem nied­li­chen Daniel Brühl und der wild­mäh­nigen Julia Jentsch zumindest partiell noch hätte retten können, wird hier endgültig zum pseu­do­po­li­ti­schen Thesen­film plaka­tiert. Dunja Bialas


Ocean’s 12. eine große Enttäu­schung, weil die Story keine ist und die Slickness des Erzählens, die bei Oceans' Eleven so begeis­tert hat, von bekloppten Hand­lungs­fetzen ersetzt wird. Gleich­zeitig aber definitiv einer der hellsten Momente des Kino­jahres 04, weil er das, was an ihm enttäuscht, so exzessiv über­stei­gert, dass es schon wieder sehr genial wird. Die Presse bejubelt den neuen Main­stream-Film von Soder­bergh? Der lacht sich ins Fäustchen, weil niemand Lunte riecht. Ocean’s 12 ist eine Jazz Variation der Motive des ersten Teils – also expe­ri­men­telles Kino. Anschei­nend reicht ein Dutzend Star-Visagen, um den land­läu­figen Publikum das Gegenteil zu sugge­rieren. Well done, Stevie.

Lost in Trans­la­tion. Den Film zuerst auf deutsch gesehen, Billy Murray sagt. Ihn dann noch einmal, um den Hype zu verstehen, auf englisch gesehen. Irgendwie beides belanglos. Besonders die »intime« Szene, in der beide auf dem Bett liegen, Tee trinken und Fernsehen schauen. Jim Jarmush ohne Zauber­stock.

Alexander. »Alllex­an­drrr, you must conqurrr the thrrrone of yourrr fathrrr.« Mit den Schlachten-Epen sollte jetzt erst mal gut sein. Die Welt braucht es nicht, dass ihre histo­ri­schen Schlacht­felder (wohl um ein wenig Licht in die „generated Crowd“ zu bringen) mit der Choreo­gra­phie eines Football-Spiels insze­niert werden. Anja Marquardt


Blass und tuntigLa mala educación – nie war Almodóvar so farblos wie hier. Nani Fux


»Super Size Me I.«: Bruno Ganz in Der Untergang – ein einziger Manie­rismus, eine einzige Pein­lich­keit in einem Film, der weitaus cooler war, als man befürchten musste.

»Super Size Me II.«: Charlize Theron in Monster. Sollte im UNTERGANG eigent­lich Göring spielen. Tut sich dann irgendwie doch. Mensch­lich halt.

»Super Size Me III.«: Gael Garcia Bernal in La mala educación – sorry Ihr Damen, er mag ja auch in Frau­en­klei­dern noch der süßeste Posterboy sein. Aber warum ruft bei Almodovar nicht endlich einer laut, dass dieser Kaiser gar nichts an hat. Noch nicht mal Frau­en­kleider.

»Super Size Me IV.«: American Splendor – Die Rache der Nerds. Hier könnte auch Michael Moore stehen. Oder Mel Gibson. Aber American Splendor ist schlimmer. Viel schlimmer.

»Super Size Me V.«: Die Geschichte vom weinenden Kamel. Das Kamel hat geweint, klar. Mein Patenkind hat geweint. Ich auch. Ohne Worte. Rüdiger Suchsland


Alexander von Oliver Stone:
Das Störende an Alexander beginnt mit dem ersten und endet mit dem letzten Ton. Von den Fanfaren zu Beginn bis zum aller­letzten Strei­cher­tep­pich hat Vangelis kein Gefühl unkom­men­tiert, keine Dramatik ohne musi­ka­li­sche Entspre­chung gelassen. Der brüchige und oft ziellos umher irrende Film wird an allen rauen Stellen von synthe­ti­schen Sounds zuge­kleis­tert. Was beim futu­ris­ti­schen Blade Runner noch irgendwie passte oder bei Henry Maskes Boxkampf­ein­mär­schen einst den nötigen Heroismus in die Hallen donnerte, das wirkt hier unmo­ti­viert und höchst beliebig.

Der Untergang von Oliver Hirsch­biegel:
Oliver Hirsch­biegel möchte zusammen mit Bernd Eichinger einen möglichst objek­tiven Film über die NS-Zeit machen und verfällt bei Der Untergang gefähr­lich oft einem Nazi-Blick. Am unver­zeih­lichsten in der Szene, in der Adolf Hitler zusammen mit Eva Braun Selbst­mord begeht, im privaten Zimmer des Führer­bunker, im Angesicht der Nieder­lage. Anstatt mit filmi­schen Mut einfach mit der Kamera die beiden beim Sterben ins Visier zu nehmen, oder wenigs­tens einen Blick auf den toten Hitler zu richten, bleibt der Film hier dem Führer-Wunsch treu und verhüllt die Leiche stets andächtig. Dem Nazi-Mythos des unsterb­li­chen Führers wird damit ganz ungeniert in die Hände gespielt. Thomas Schöffner


Enttäu­schungen habe ich mir weit­ge­hend erspart dieses Jahr. Soweit ich Filme, mit denen ich nichts anfangen kann, nicht gleich komplett vermieden habe, haben sie meist dann doch meine Erwar­tungen erfüllt – zum Beispiel, dass Wolfgang Petersen ein einfalls­loser Lang­weiler ist und bleibt und Troy da keinen Deut dran ändert, oder dass man in Deutsch­land Genre-Kino nicht einfach so aus dem Boden stampfen kann, wie das glücklos LautlosS versuchte.

Uner­wartet traf mich nur, was für ein possier­li­cher Post­karten-Kitsch The Motor­cycle Diaries war, und dass sich der viel­ge­prie­sene Monster als reinstes TV-Movie der Woche heraus­stellte.

Und ein klein bisschen enttäuscht war ich vom ersten Sehen von Big Fish – weil ich zu sehr immer nur auf Tim Burton-Typisches wartete und weniger Augen dafür hatte, was für ein wunder­voller Film das unab­hängig davon ist. Beim zweiten Mal hat mich diese schöne Geschichte darüber, wie es sich anfühlt, wenn einem sein Leben, seine Welt als zu kleiner Teich erscheint, aber dann voll erwischt.

Einen der schönsten Kino­mo­mente bescherte mir hingegen The Passion of the Christ: Als der Abspann von Mel Gibsons Oberammer endlich über die Leinwand war und ich den zähne­flet­schenden Fundi-Kitsch­post­karten-Krampf hinter mir hatte.
Thomas Willmann


Enttäu­schungen entstehen ja vor allem dann, wenn man mehr von etwas erwartet hat oder wenn ein Film seinen Möglich­keiten nicht gerecht wird.
So war es etwa in Martins-Passion, einer Doku über den brasi­lia­ni­schen Klavier­vir­tuosen Joao Carlos Martins. Das kaum zu glaubende Leben dieses Mannes würde Stoff für fünf spannende Doku­men­tar­filme bieten, aber die Regis­seurin schafft es, daraus einen unstruk­tu­rierten, diffus dahin­plät­schernden, gestelzten Film zu machen. Sehr schade.

Bei 1000 anderen Regis­seuren hätte ich ange­sichts von Feel Like Going Home einfach die Schultern gezuckt und gedacht: »Passt schon«. Aber für Martin Scorsese, dem Master­mind des sogn. Blues-Projekts, dem Mann, der uns u.a. die Mafia, New York, Profi­bil­lard und den italie­ni­schen Neorea­lismus bis in die letzte Faser hinein erklärt hat, für den Musik-, Film- und Geschichts­be­ses­senen, bleibt der Film zu weit an der Ober­fläche und wird so (leider) zur Enttäu­schung.

Die unglaub­lich intensive Präsenz von Denzel Washington konnte man 2004 sowohl in Der Manchu­rian Kandidat wie auch in Mann unter Feuer bewundern. Um so enttäu­schender sein Auftritt im lauwarmen Out of Time. Der Regisseur Carl Franklin galt mal als große Hoffnung, was er mit unin­spi­rierten 08/15 Krimis wie diesem sicher nicht einlösen kann.

Immer ärgerlich sind verschenkte Möglich­keiten wie z.B. in The Cooler, der Geschichte eines fleisch­ge­wor­denen Pech­vo­gels, der einem Spiel­ka­si­no­be­treiber als probates Mittel gegen allzu glück­liche Spieler dient. Wer könnte diesen armen Tropf besser darstellen, als William H. Macy, der dem ameri­ka­ni­schen Verlierer ein so markantes Gesicht gegeben hat. Dazu Alec Baldwin als fiesen Kasi­no­be­sitzer, da kann eigent­lich nicht mehr viel schief gehen und dann wird der Film doch zur Enttäu­schung, weil das Drehbuch und die Insze­nie­rung viel zu feige sind und doch nur Altbe­währtes aufwärmen.
Wirklich beschä­mend wird es für The Cooler schließ­lich im direkten Vergleich zum oben genannten, thema­tisch ähnlichen, Owning Mahowny. Michael Haber­lander