18.02.2022

72. Berlinale 2022: Kurzkritiken

Ulrich Seidl Rimini
Eines der dichtesten, beeindruckendsten Spielfilmdebüts: Kurdwin Ayubs Sonne
(Foto: Berlinale Kurdwin Ayubs Sonne)

Fortlaufend aktualisierte Kurzkritiken diesjähriger Berlinale-Filme aus allen Sektionen in Tweet-Länge

Von Redaktion

Montag, 21. Februar 2022

Nana (Before, Now & Then) (Indo­ne­sien 2022 | R: Kamila Andini | Wett­be­werb)
Gekonnt führt Kamila Andini in ihrem vierten Film eine Vielzahl an wohl­kos­tü­mierten Figuren durch eine Vielzahl an schön ausge­stat­teten Locations und eine welt­hal­tige, mit mystisch aufge­la­denen Bildern gespickte Story – und dennoch bleibt das Resultat, trotz perma­nentem, Wong-Kar-wai-eskem Musik­ein­satz, merk­würdig abstrakt und fern, wie die Holo­gra­phie einer früheren Liebe. (Sedat Aslan)

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Liebe, D-Mark, Tod
(Foto: © filmfaust, Film Five)

Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod (D 2022 | R: Cem Kaya | Panorama Dokumente)
Nach dem fulmi­nanten Remake, Remix, Rip-Off nun der zweite geschichts­schrei­bende Crowd­pleaser des Berliner Doku­men­tar­film­re­gis­seurs Cem Kaya. Wo er sich im Vorgänger dem türki­schen Explo­ita­tion-Kino widmete, geht es nun um die Musik der türki­schen Gast­ar­beiter von den 60ern bis ins neue Jahr­tau­send. Was will man viel schreiben – inhalt­lich wie filmisch ist es wieder ein leicht­füßiges Potpourri mit toller Musik und tollen Typen (Mann/Frau/unklar), doch das emotional aufge­la­dene Archiv­ma­te­rial, das wie eine Chronik der türki­schen Gast­ar­beiter zu lesen ist, haut stel­len­weise ganz tief rein. (Sedat Aslan)

Les passagers de la nuit (F 2022 | R: Mikhaël Hers | Wett­be­werb)
Eine tolle, subtile Perfor­mance von Charlotte Gain­s­bourg und die leicht­füßige und süßliche Amour Fou eines Teenagers können nicht verhin­dern, dass sich dieser äußerst flüchtig erzählte Film nach dem Kino­be­such genauso schnell wieder verflüch­tigt. Fast schon lachhaft, wie die Figuren nach einem sieben­jäh­rigen Zeit­sprung in genau demselben Kostüm weiter rumrennen. 80cp? C‘mon, werter Ekkehard! (Sedat Aslan)

Eine deutsche Partei (D 2022 | R: Simon Brückner | Berlinale Special) (Sedat Aslan)
In sechs Kapitel geglie­dert, schafft es Simon Brückner mit seinem AfD-Beob­ach­tungs­film, Einblicke in eine über alle Maßen zerris­sene Partei zu bieten. Anfangs steht die Erkenntnis, dass in der AfD nicht nur Idioten zu finden sind, aber die Gemäßig­teren zunehmend in den Hinter­grund gedrängt werden; später jedoch gibt es eine uner­war­tete Begegnung mit einem politisch talen­tierten und charis­ma­ti­schen jungen Mann, der an Sebastian Kurz denken und einem das Blut gefrieren lässt. Ein span­nender und univer­sell lesbarer Prozess in filmi­scher Form. (Sedat Aslan)

Schwei­gend steht der Wald (D 2022 | R: Saralisa Volm | Perspek­tive Deutsches Kino)
Stim­mungs­voll insze­niertes und stark produ­ziertes Debüt der Schau­spie­lerin und Produ­zentin Saralisa Volm, nach dem gleich­na­migen Roman von Wolfram Fleisch­hauer, vom Autor selbst adaptiert. Hier liegt dann auch das Problem, denn die Verbin­dung junge Spuren­su­cherin – geheime NS-Massen­gräber – Fata­lismus des deutschen Waldes mag in der Vorlage funk­tio­nieren, auf 95 Minuten Film gequetscht fühlt sich vieles nur behauptet und konstru­iert an. Man hofft bei der zweiten Regie­ar­beit auf mehr Wagemut jenseits von über drei Ecken doch fern­seh­kom­pa­ti­bler Krimikost. (Sedat Aslan)

The Outfit (USA 2021 | R: Graham Moore | Berlinale Special Gala)
Ein Seht-her-wie-clever-ich-bin-Thriller um einen engli­schen Maßschneider im Chicago der 60er, hand­werk­lich sehr gut, der aber irgend­wann mit seinen Twists und Turns ermüdet und uns lieber mehr übers Handwerk mit Schere und Nadel erzählt hätte, denn das wäre auch unge­plottet spannend. (Sedat Aslan)

Une fleur à la bouche (F/D/KOR 2022 | R: Éric Baude­laire | Forum)
Piran­dello, die Zweite: Nach Der Nagel die zweite freie Adaption einer Erzählung des italie­ni­schen Nobel­preis­trä­gers im Programm, eine lang­ge­zo­gene doku­men­ta­ri­sche Sequenz über den Schnitt­blu­men­handel ist diesem Zwei-Personen-Stück voran­ge­stellt und kommen­tiert, kontex­tua­li­siert diese. Ein rares Misch­wesen, das lange nachhallt. (Sedat Aslan)

A Love Song (USA 2022 | R: Max Walker-Silverman | Panorama)
Da sind sie wieder, Liebe und Vergäng­lich­keit, die beiden großen Themen der Welt­li­te­ratur, die in konge­nialer Weise von Max Walker-Silverman ohne jede Aufregung zusam­men­ge­bracht werden. Lauter kleine Einfälle wie die Unmö­g­lich­keit, alleine Waffeleis zu essen oder das immer passende Radio-Roulette, schaffen so viel mit so wenig, von der majes­tä­ti­schen Land­schaft, genauso zerfurcht wie das Gesicht der Prot­ago­nistin, ganz abgesehen. Ein Glanz­stück. (Sedat Aslan)

Myanmar Diaries (NL/Myanmar/NOR 2022 | R: The Myanmar Film Collec­tive | Panorama Dokumente)
Film ist ein faszi­nie­rendes Medium, das innerhalb weniger Minuten den Bürger­krieg in Myanmar zu meinem persön­li­chen Problem macht, wenn eine 67-jährige Mutter sich gegen eine Armada von Poli­zei­trans­por­tern stellt. Eine Collage an Augen­zeu­gen­vi­deos und refle­xiven Spiel­szenen, gefertigt und montiert von einem anonymen Kollektiv, das einen den Atem raubt und den Spruch »Sharing is Caring« in neuem, poli­ti­schem Licht erscheinen lässt. Würdiger Gewinner des Doku­men­tar­film­preises 2022. (Sedat Aslan)

Sonntag, 20. Februar 2022

Schwei­gend steht der Wald (D 2022 | R: Saralisa Volm | Perspek­tive Deutsches Kino)
NS-Gräuel einmal ganz anders erzählt. Hat auch Robert Schwentke in seinem tollen Hauptmann die Gegenwart fast schon perfide mit der Vergan­gen­heit konfron­tiert, geht Saralisa Volm noch einen Schritt weiter und setzt die Forst­prak­ti­kantin Anja Grimm (Henriette Confurius) als Spuren­su­cherin in Szene, die über das Verschwinden ihres Vater auf KZ-Todes­mär­sche stößt und sogar noch Franz Josef Strauß mit ins Spiel bringt – und die Gegenwart der 1990er Jahre das Schweigen der Vergan­gen­heit kapert. Wolfram Fleisch­hauer, der auch schon für das wild-kreative Drehbuch von Fikke­fuchs verant­wort­lich war, hat hier seinen eigenen Roman filmisch adaptiert, der unter der Regie von Volm und mit einer wie immer betont subkutan spie­lenden Confurius zum über­zeu­genden (und span­nenden) Gothic-Thriller wird. (Axel Timo Purr)

Schweigend steht der Wald
Henriette Confurius in Schwei­gend steht der Wald (Foto: Berlinale Presse Service/POISON/if... Produc­tions)

Samstag, 19. Februar 2022

El Veterano (CL 2022 | R: Jerónimo Rodríguez | Forum)
Faszi­nie­rend, wie ungerührt der Chilene Jerónimo Rodríguez hier Text und Bild in einer strengen Paral­lel­füh­rung durch­zieht. Der sachlich-nüchterne Bericht über die Recher­chen um die obskure Geschichte eines ameri­ka­ni­schen Priesters auf Mission im Süden Chiles in den 50er Jahren führt zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Der Priester soll als US-Soldat am Abwurf der Atombombe in Japan beteiligt gewesen sein.
Während in lako­ni­schen Sätzen die spröden Fakten eine Atmo­s­phäre wie in einer Jorge-Luis-Borges-Erzählung erzeugen, zeigen die fixen Einstel­lungen Fassaden, Mauern, Straßen, Geschäfte, Schilder, Graffiti, Plätze, Land­schaften, die zu den im Text erwähnten Örtlich­keiten gehören, von Santiago de Chile über Dörfer im Süden Chiles bis New York und Iowa. Die metho­di­sche Konse­quenz, mit der uns die Bilder jegliche Form von fiction verwei­gern, uns auf Geschichten-Entzug setzen, erzeugt eine kalt strah­lende Magie und eine Poesie von ganz eigenem Reiz. (Wolfgang Lasinger)

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afterwater
(Foto: © Flaneur Films)

After­water (DE/ES/KR/RS 2022 | R: Dane Komljen | Forum)
Filmische Gewäs­ser­kunde: Limno­logie, die sich mit Binnen­ge­wäs­sern beschäf­tigt, wird hier nicht als abstrakt-begriff­liche Reflexion betrieben, sondern als sinnliche Erkundung durch Körper und Leiber, von Körpern und Leibern. Namenlos bleibende, nur sparsam über Worte kommu­ni­zie­rende Figuren über­lassen sich ganz dem Ertasten und Erspüren der natür­li­chen Umgebung an einem See, sie tauchen ein ins klare Wasser, bis die Grenzen von Haut und Person sich auflösen. Die Kamera führt uns in drei verschie­dene Gewäs­ser­land­schaften vom Stechlin-See bis nach Spanien, und jedes Mal ist es eine andere Drei­er­kon­fi­gu­ra­tion von Körpern, die sich darin der Umgebung überlässt. Die Bilder und die Text­spuren (von Unamuno bis Adorno) werden immer aura­ti­scher und somnam­buler, Trans­pa­renz und Opakheit verschränken sich. Glei­cher­maßen weit entfernt von roman­ti­scher Natur­feier wie von mysti­scher Versen­kung, geht es hier um eine hallu­zi­nie­rende Klarsicht jenseits von Narration. Das führt in einen utopi­schen Zustand außerhalb jeglicher Zeit­lich­keit, der von einer seltsamen Sanftmut erfüllt ist. (Wolfgang Lasinger)

Kdyby radši hořelo (CZ 2022 | R: Adam Koloman Rybanský | Panorama)
Adam Koloman Rybanskýs Debütfilm ist ein schnell getak­teter Grenzgang zwischen schwarzer Komödie und Burleske. Wie eine Versuchs­an­lei­tung sehen wir ein kleines tsche­chi­sches Dorf an Rassismus und »Fake News« beinahe zugrunde gehen. Rybanský zeigt klug Mecha­nismen und Ursprünge dieser Fehl­ent­wick­lung auf, zeigt über lokale Verhält­nisse, was global genauso passiert, bietet doku­men­ta­risch anmutende, furcht­ein­flößende Einblicke in das Leben auf dem Land, verhebt sich dann aber am Genre, denn nur selten stimmt das Timing, bleiben Slapstick und Humor genauso auf der Strecke wie die Moral der Prot­ago­nisten. (Axel Timo Purr)

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Comedy Queen
Sigrid Johnson in Comedy Queen (Foto: Berlinale Presse Service/Johan Paulin)

Comedy Queen (SE 2022 | R: Sanna Lenken | Genera­tion)
Der Preis­träger der Kinder­jury Genera­tion Kplus, die den »Gläsernen Bären« vergibt, heißt Comedy Queen und ist kein lockerer Gute-Laune-Film, sondern erzählt mit großer Sensi­bi­lität von einer schwie­rigen Phase im Leben der 13-jährigen Sasha. Sie muss mit dem Tod ihrer Mutter, die unter zuneh­menden Depres­sionen litt und diesem Leben ein Ende setzte, zurecht­kommen. Nach ersten, weniger gelun­genen Versuchen, auch den trau­ernden Vater durch ein paar witzig gemeinte Wort­spie­le­reien aufzu­mun­tern, legt sie eine »Über­le­bens­liste« an mit persön­li­chen Zielen, um den Vater wieder zum Lachen zu bringen. Sanna Lenken hat diese Geschichte einfühlsam und für das junge Publikum (empfohlen ab 10 J.) nach­voll­ziehbar insze­niert und Sigrid Johnson als Sasha spielt ihre anspruchs­volle Rolle mit einer beein­dru­ckenden Natür­lich­keit. Für die schwe­di­sche Regis­seurin Sanna Lenken (geb. 1978), die am Drama­tiska Insti­tutet in Stockholm studierte und am Talent­för­de­rungs­pro­gramm »Berlinale Talents« teilnahm, ist Comedy Queen nach ihrem Spiel­film­debüt Stella (Berlinale Genera­tion 2015, Gläserner Bär) der zweite – preis­ge­krönte – Film bei Genera­tion. (Christel Strobel)
Das muss man sich erst einmal trauen: Depres­sion, Selbst­mord und ein unge­zü­geltes Coming-of-Age in einen Film zu packen! Da wirken die Bemühungen des deutschen Kinder­films fast schon bieder und hilflos, wenn wir der von der großar­tigen Sigrid Johnson verkör­perten 13-jährige Sascha beim konse­quenten, fast schon brutalen Abhaken ihrer Über­le­bens­liste zusehen. Sie ist eine fast schon über­mäch­tige Wieder­gän­gerin von Caroline Links Der Junge muss an die frische Luft, denn auch hier will das Kind eigent­lich nur eins, ein trau­erndes Eltern­teil wieder zum Lachen zu bringen, um dadurch den Weg zum Comedian zu finden. So beein­dru­ckend wie wichtig ist, dass Regis­seurin Sanna Lenken sich nicht scheut, die böse Fratze der Depres­sion mit all ihrer Gnaden­lo­sig­keit in den Raum zu stellen. (Axel Timo Purr)

Das stille Mädchen (IR 2022 | R: Colm Bairéad | Genera­tion)
Cáit, ein zartes Kind, das mehr beob­achtet als spricht, wächst mit vier Geschwis­tern im rauen Klima einer irischen Familie auf und wird in den Sommer­fe­rien zu Verwandten aufs Land gebracht. Es sind fried­liche Sommer­tage, doch Cáit spürt, dass es ein Geheimnis in diesem Haus gibt. Aber auch, als sie es von Seán erfährt, geschieht das in großer Ruhe. Schließ­lich geht auch so ein glück­li­cher Sommer zu Ende, Cáit muss zurück in die Schule und in ihre um einen Bruder größer gewordene Familie. Die Wärme und Aner­ken­nung in diesem Sommer haben das stille Mädchen verändert, Cáit weiß, was sie will, und es ist ihr zu wünschen – das Ende lässt es hoffen. Ein außer­ge­wöhn­li­cher Film (empfohlen ab 8 J.) voller tiefer Gefühle und mit einer in unglaub­li­cher Inten­sität agie­renden Darstel­lerin (Catherine Clinch), die man nicht so schnell vergisst. Und nicht zuletzt trägt auch die atmo­s­phä­ri­sche Musik zur starken Wirkung bei. Das alles wurde von der Inter­na­tio­nalen Jury von Genera­tion Kplus zurecht mit dem Großen Preis für den besten Film honoriert. (Christel Strobel)

Freitag, 18. Februar 2022

Echo (DE 2022 | R: Mareike Wegener | Perspek­tive Deutsches Kino)
Vergan­gene Schrecken hallen nach wie Echos Stimme. Zweiter Weltkrieg, Todes­marsch, Bomben, Afgha­ni­stan, eine Mumie. Eine eigen­ar­tige, etwas zu simpel gedachte Zusam­men­stel­lung und Über­la­ge­rung! Einfach abschließen mit dem Gestern, alles verdrängen? Die Bombe fix wegsprengen? Zum Glück schreitet Mareike Wegeners Film in letzter Sekunde ein! Pinker Nebel erinnert an eigene und kollek­tive Wunden, er lässt das Chaos losbre­chen, wo die gedehnten, teils symme­trisch aufge­bauten Einstel­lungen noch Kontrolle sugge­rieren. Das erinnert abwech­selnd an Wes Anderson und Roy Andersson, ohne den Witz, ohne die Trau­rig­keit.

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mutzenbacher
(Foto: © Ruth Becker­mann Film­pro­duk­tion)

Mutzen­ba­cher (AT 2022 | R: Ruth Becker­mann | Encoun­ters)
Ruth Becker­manns Casting-Expe­ri­ment provo­ziert hervor­ra­gend. Es funk­tio­niert, weil es genau um seinen Zündstoff weiß, um die Dinge, die es aus den Probanden mit der Kraft der Kunst heraus­kit­zeln kann, aber niemals mit bloßstel­lenden, sondern neugie­rigen Absichten vorgeht. Becker­mann hat mit den Porno-Texten über die Mutzen­ba­cherin quasi das »Elders react to«-Format aus dem Internet auf die Leinwand geholt. Sexismus gerät ins Strau­cheln, Sorgen brechen anrührend, teils witzig hervor. Schade, dass die Texte meist nur Anstoß­geber sein dürfen! Mitunter entgleiten Becker­mann drängende Fragen und Fokus­sie­rungen in all den Plau­de­reien.

Grand Jeté (D 2022 | R: Isabelle Stever | Panorama)Isabelle Stevers Leibes­be­trach­tungen bekommt man so schnell nicht aus dem Kopf. Ihr anstößiges Porträt einer Mutter-Sohn-Affäre ist ein Skandal, weil es gerade nichts skan­da­li­siert, nichts erklärt oder disku­tiert, sondern nur darstellt. Und wie intensiv das gelingt! Mit einem virtuosen Spiel mit Licht, Unschärfe, Nahauf­nahmen, entfes­selter Kamera, teils kaum zu ertra­gender Körper­lich­keit. Stever ist eine Meisterin hapti­scher Kino­bilder. Romantik ist bei ihr die Aneignung der Kata­stro­phen und Verfeh­lungen der eigenen Biogra­phie. Rebellion gegen Rollen­bilder und Verlus­tängste als ewiger Teufels­kreis­lauf aus Lust und Frust. Eine Romanze im Fahr­wasser von Die Klavier­spie­lerin, Black Swan und Titane.

Occhiali Neri (Dark Glasses) (IT, FR 2021 | R: Dario Argento | Berlinale Special Gala)
Warte bis es dunkel wird: Nach einer Sonnen­fins­ternis – die andere Corona-Gefahr – verliert die Prot­ago­nistin, eine Sex-Arbei­terin in Rom, ihr Augen­licht. Das Sehen und Mit-Blicken-verfolgt-werden war bei Argento schon immer ein so riskanter wie lust­voller Akt. Dieser Film widerlegt nicht gerade Taran­tinos These, dass man vor dem entzau­bernden Alters­werk aufhören sollte. Dennoch hat sich noch ein bisschen was bewegt beim einstigen Meister. Mörder und Kamera sind im male gaze nicht mehr ganz so eins; der Killer schaut das misogyn-voyeu­ris­tisch Maniac-Remake, während Argento unge­wohntes Mitleid, relative Milde mit seinen (weib­li­chen) Opfern zeigt. Und außerdem erfahren Blin­den­hunde eine späte Ehren­ret­tung nach Suspiria. (Anna Edelmann & Thomas Willmann)

La ligne (CH, FR, BE 2022 | R: Ursula Meier | Wett­be­werb)
La ligne, die Linie, ist ein 100 Meter-Umkreis um das Haus ihrer Mutter, den Margaret seit einem hand­greif­li­chen Streit laut Gerichts­be­schluss nicht mehr betreten darf. Nachdem Margaret sich den ganzen Film über an dieser Grenze abar­beitet und auf Nähe drängt, findet sie am Ende die Befreiung in der inneren Entfer­nung, wo sie das passiv-aggres­sive Knöp­fedrü­cken nicht mehr erreicht. Doch den Weg dorthin bringt der Film nie richtig auf den Punkt. Vor allem die sonst so schät­zens­werte Valeria Bruni-Tedeschi lässt er bis fast zur Farce über­steuern, zu viele Details, Momente landen knapp am Ziel vorbei. Dabei scheint gerade in der Figur der vermeint­lich lang­wei­ligsten der drei Schwes­tern immer wieder ein stim­mi­gerer Blick auf. (Anna Edelmann & Thomas Willmann)

Ever­ything will be OK (FR/KH 2021 | R: Rithy Panh | Wett­be­werb)
»Denk da mal drüber nach! – Der Film«. Aber nein. Wir denken nicht drüber nach, ob Holocaust, Küken­schred­dern und Social Media völlig gleich­wer­tige Mensch­heits-Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit sind. Nicht drüber, ob ungewitzt hand­ge­schnitzte Dioramen, selbst­ver­liebt abgefilmt, mit banal »poeti­schem« Voice Over aus plat­testen Botschaften (Welt schlecht! Mensch böse! Poesie toll!) große Expe­ri­men­tal­kunst machen. Nicht drüber, ob dieser Film beim tausendsten Zeigen der ersten Google-Treffer zu Film­ge­schichte, Ausschnitte (Metro­polis, Méliès...) uns erstmals die Augen für deren Kunst öffnet. Und – insbe­son­dere auf dieser nur dank 2G+ durch­führ­baren Berlinale – nicht drüber, ob Impfungen finstere Instru­mente tota­li­tärer Regie­rungen sind. (Anna Edelmann & Thomas Willmann)

Alcarràs (ES/IT 2022 | R: Carla Simón | Wett­be­werb)
An und pfirsich lässt man sich ja gern mal aus dem Berliner Februar nach Kata­lo­nien auf eine Plantage versetzen. Aber obst es schon großes Kino ist, wenn man empfindet »Ja, so ist das dort wohl...«, steht auf einem anderen Blatt. Recht schnell ist der Ort, die Bauern­fa­milie etabliert – und über zwei Stunden bleibt alles weitere Treiben dann, trotz Protesten gegen Großhändler und Solar­an­lagen, Ernte, Dorffest, drama­tur­gisch eher fruchtlos. Der pseudo-doku­men­ta­ri­sche Stil lässt nur kümmer­lich Gestal­tungs­kraft aufkeimen. Dass der Film tatsäch­lich den Goldenen Bären einfährt, war baum zu erwarten. (Thomas Willmann)

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keiko
(Foto: © 2022 KEIKO ME WO SUMASETE »Produc­tion Committee & COMME DES CINEMAS«)

Keiko, me wo sumasete (Small, Slow, But Steady) (JP/FR 2022 | R: Shô Miyake | Encoun­ters)
Der viel­leicht sanfteste Boxfilm überhaupt. Und nicht, weil die gehörlose Keiko als Frau nicht austeilen, einste­cken könnte. Die Spuren in ihrem Gesicht zeugen vom Gegenteil. Doch die Kämpfe im Ring sind hier Neben­sache – der eine nur ange­deutet gezeigt, der zweite pande­mie­be­dingt ohne aufpeit­schende Kulisse. Shô Miyake subli­miert das Genre: Der Charakter offenbart sich nicht nach Punkten, durch K.O. – sondern schon ganz im Erringen der Bereit­schaft zum Kampf. Keiko ist ein wunderbar fein­ge­zeich­netes Doppel­por­trait seiner Prot­ago­nistin und des alternden Chefs ihres vor der Schließung stehenden Boxclubs. Die besten Boxfilme sind immer Verlie­r­er­filme. (Thomas Willmann)

Klondike (UA/TR 2022 | R: Maryna Er Gorbach | Panorama)
Tages­po­li­tisch aktueller kann man einen Film kaum lancieren – denn nicht nur Russland droht ja seit Wochen dem Land, seit heute schießen die von Russland unter­stützten Sepa­ra­tisten im Donbass auch wieder. Und genau hier ist Maryna Er Gorbachs düsteres Kriegs­all­tags­drama verankert. Es schildert die Tage vor und nach dem Abschuss von Malaysia Airlines Flug 17, zeigt ein Paar in einem kriegs-versehrten Haus, die Frau ist hoch­schwanger, der Bruder ist gegen die Sepa­ra­tisten, die auch den Ehemann rekru­tieren wollen, ein Leben zwischen Kühe­melken, Fußball­gu­cken und Geschossen jeder Art aus dem Weg gehen. Ein sogar­tiges, verzwei­feltes, in matten Farben und kargem Licht gehal­tenes Drama, das der Breaking-News-Ober­fläche mit klas­si­schen Western-Elementen endlich das notwen­dige Fundament unter­wuchtet. (Axel Timo Purr)

Leonora addio (IT 2021 | R: Paolo Taviani | Wett­be­werb)
Der mit dem FIPRESCI-Preis ausge­zeich­nete zweite Film Paolo Tavianis ohne seinen 2018 verstor­benen Bruder Vittorio ist eine beein­dru­ckende Hommage an das gemein­same Werk – zumindest thema­tisch, da auch hier wie so oft in ihren Filmen Menschen und Italien in einem Über­gangs­sta­dium gezeigt werden. Doch wie so viele Regis­seure, man denke nur an Godard, oder Schrift­steller (Arno Schmidt, James Joyce), inter­es­siert sich Taviani auf seine alten Tage nicht mehr für die gerad­li­nige Erzähl­weise, die Tradition, sondern er expe­ri­men­tiert mit Schwarz-weiß- und Farbfilm (allein der Übergang vom einen zum anderen, das Erblühen des Meeres!), inte­griert Film­aus­schnitte von Rosselini und Antonioni und altes doku­men­ta­ri­sches Archiv­ma­te­rial, wechselt von arti­fi­zi­eller, thea­tra­li­scher Insze­nie­rung zu neorea­lis­ti­scher Klassik und setzt auf die Kern­er­zäh­lung über die bizarre Über­füh­rung von Luigo Piran­dellos Asche nach Sizilien gleich noch die Verfil­mung von Piran­dellos symbol­ge­la­dener letzter Erzählung drauf, um dann mit großar­tiger musi­ka­li­scher Unter­ma­lung zum Anfang zurück­zu­kehren und damit in einem großen Moment auch den Kreislauf des Lebens zu vollenden: poetisch, melan­cho­lisch, erhaben, kris­tall­klar, fast schon ein Abschied­nehmen. Aber was für eins! (Axel Timo Purr)

Donnerstag, 17. Februar 2022

unrueh
(Foto: © Seeland Film­pro­duk­tion)

Unrueh (CH 2022 | R: Cyril Schäublin | Encoun­ters)
Wer Uhren baut, formt Zeit, formt Menschen, Epochen. Allein dieses Bauen ist eine Schau, so sinnlich erkundet und bebildert Unrueh das Uhrma­cher­ge­schaft. Kalte Mechanik entfaltet sich als Wunder auf der Leinwand, während poli­ti­sche Strö­mungen unter dem Brennglas kolli­dieren. Menschen wollen die Zeit anhalten, Fotos werden geschossen – Ende des 19. Jahr­hun­derts noch ein Akt des Wartens. Arbeits­wesen werden geformt, in den Bildern stehen sie entrückt und in Ecken gedrängt. Zeit ist auch Ideologie, der Film lässt das noch einmal ganz neu wahr­nehmen und ertasten. Einzig­artig! Solche Encoun­ters-Werke stehlen auch 2022 dem Berlinale-Wett­be­werb die Show. (Janick Nolting)

Rooz-e sib (IR 2022 | R: Mahmoud Ghaffari | Genera­tion Kplus)
Es ist erstaun­lich, wie selten das iranische Kino enttäuscht. Auch dieser Film über eine Familie, deren Erwerbs­ar­beit der Verkauf von Äpfeln ist, beein­druckt durch seine neorea­lis­ti­sche Wucht und ist anders als die kürzlich in die Kinos gekommene Ballade von der weißen Kuh (und viele andere iranische Filme) völlig frei vom Para­bel­haften. Statt­dessen sehen wir den knall­harten Über­le­bens­kampf in einem Vorort Teherans, sehen fast doku­men­ta­risch-nüchterne Schul- und Fami­li­en­szenen, die Häss­lich­keit der Stadt und der Traum vom Land und einer besseren Welt. (Axel Timo Purr)

Ladies Only (DE/IN 2021 | R: Rebana Liz John | Perspek­tive Deutsches Kino)
Der Sieger­film im Wett­be­werb um den besten jungen deutschen Film ist eine klas­si­sche femi­nis­ti­sche Beob­ach­tung, die an die Filme Helke Sanders erinnert. Rebana Liz John inter­viewt junge und alte Frauen in den legen­dären Vorort­zügen Mumbais, fragt sie nach ihrer Wut und lässt sie Gedichte vorlesen, um sie zu einer Reflexion über ihr Frausein zu animieren. Obwohl an einigen Stellen zu lang und repetitiv, zu sehr im poeti­schen Leerraum verhar­rend, überzeugt Johns Arbeit nicht nur wegen der eindring­li­chen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die die bunte, indische Klei­dungs­welt links liegen lassen und auf die Worte und die eindring­li­chen Gesichter fokus­sieren. Sondern vor allem auch, weil dies ein markanter Gegen­ent­wurf zu den all den Stereo­typen ist, die gemeinhin über Indien und seine Frauen im Umlauf sind. (Axel Timo Purr)

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe (DE/FR 2022 | R: Nicolette Krebitz | Wett­be­werb)
Krebitz' Film ist ein seltsamer Hybrid, der genauso auf den Spuren eines Alt-Jung-Bezie­hungs-Klas­si­kers wie Harold und Maude wandelt als auch Nouvelle Vague-Filme wie Außer Atem oder Patricia Highsmith alias Tom Ripley- Verfil­mungen wie Nur die Sonne war Zeuge erzäh­le­risch und formal einver­leibt. Dennoch eman­zi­piert sich Krebitz immer wieder von den Schatten der Vergan­gen­heit, etwa mit der poetisch-wilden Vogel­szene und den Sprachü­bungen und führt eine großar­tige Sophie Rois soweit, dass sie sogar Isabelle Huppert in den Schatten stellt. Schade, dass all das mit keinem Preis belohnt wurde. (Axel Timo Purr)

Un été comme ça (CA 2022 | R: Denis Côté | Wett­be­werb)
Einer der über­ra­schendsten Filme. Denn Côté nimmt in seiner Versuchs­an­ord­nung über drei hyper­se­xu­elle Frauen und ihre Thera­peu­tinnen in einem sommer­li­chen Therapie-Retreat nebenbei so ziemlich alles mit, was es thema­tisch so gibt: Krafft-Ebings Psycho­pa­thia Sexualis und neue Therapie-Ansätze des Hamburger Instituts für Sexu­al­for­schung, wirft das aber auch im nächsten Moment gleich wieder von sich. Denn von den thera­peu­ti­schen Sitzungen sehen wir eigent­lich kaum etwas, dafür begibt sich Côté mit großar­tigen Close-ups in die seeli­schen und körper­li­chen Innen­räume seiner eindring­lich spie­lenden Prot­ago­nis­tinnen, nimmt sich Zeit, etwa für eine intensive Bondage-Szene, die eben nicht porno­gra­fisch, sondern so subtil psycho­lo­gisch angelegt ist, demons­triert und gleich­zeitig mit einem Augen­auf­schlag erklärt, dass Côtés Film gerne noch zwei­ein­halb weitere Stunde hätte dauern können, so gut ist das alles. (Axel Timo Purr)

Mittwoch, 16. Februar 2022

hong
(Foto: © Jeonwonsa Film Co. Produc­tion)

So-seol-ga-ui yeong-hwa (The Novelist’s Film) (KR 2021 | R: Hong Sangsoo | Wett­be­werb)
Hong ist der Meister der Wieder­ho­lungen. Zu sagen, dass sich seine Filme alle gleichen, wäre falsch: Im Grunde arbeitet er an dem einen großen Film, der in sich lauter kleine narrative Schleifen zieht. Diese verweisen selbst­re­flexiv auch auf sich selbst und das, was gerade passiert: Ein Film ist im Entstehen. Hong hat wieder eine solche Miniatur in den Wett­be­werb mitge­bracht. Diesmal sieht er einer Schrift­stel­lerin zu, wie sie sich an einem sonnigen Wintertag durch eine südko­rea­ni­sche Klein­stadt treiben lässt. Alles startet in einer Buch­hand­lung, dann geht sie in eine Ausstel­lung, wo sie ein Paar trifft, mit dem sie dann spazieren geht, wo sie wiederum einer Schau­spie­lerin begegnet, mit der sie zurück in die Buch­hand­lung kehrt. Beim Sauf­ge­lage mit einem befreun­deten Regisseur kommt die (Schnaps-)Idee zu einem Film auf, den die Schrift­stel­lerin mit der Schau­spie­lerin drehen wird, und den wir am Ende sehen werden. Im Hong-Sangsoo-Bingo: Alle Felder ausge­füllt! Das bereitet wie immer großes Vergnügen (Dunja Bialas)

Against the Ice (IS/DK 2021 | Peter Flinth | Berlinale Special)
Auch Netflix hat es wieder ins Berlinale-Programm geschafft und hüllt einen in die miefige Decke des Altbe­kannten. Against the Ice ist ein müde arran­giertes Best of von Survi­val­film-Zutaten vor hübscher Kulisse. Nikolaj Coster-Waldau und Joe Cole müssen sich Anfang des 20. Jahr­hun­derts durch Grönlands Eis schlagen, basierend auf wahren Bege­ben­heiten. Zu seinen histo­ri­schen Tatsachen rund um terri­to­riale Besitz­an­s­prüche weiß sich dieser Film kaum zu verhalten, er betreibt lieber Mythen­pflege für einen Verges­senen. Selbst als reines Affekt­kino gelingt es ihm selten, seine Strapazen fühlbar werden zu lassen, dafür muss man sich schon selbst ohne Jacke auf den kalten Potsdamer Platz stellen. (Janick Nolting)

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alcarras
(Foto: © LluisTu­dela)

Alcarràs (ES/IT 2022 | R: Carla Simón | Wett­be­werb)
Die Kinder in diesem Wett­be­werbs­bei­trag sind eine Sensation oder vielmehr das Talent der Regis­seurin, diese in Szene zu setzen. Wie sie deren Perspek­tive einnimmt, um glei­cher­maßen unver­froren, neugierig wie bewusst ellip­tisch auf diesen Werte- und Wirt­schafts­kampf auf der bedrohten kata­lo­ni­schen Pfir­sich­plan­tage zu blicken. Carla Simón betreibt ein sozi­al­rea­lis­ti­sches Filme­ma­chen, das in seinem Konflikt zwar schnell durch­schaut ist, aber mit einer unge­heuren Leben­dig­keit und Inten­sität besticht, einem Gespür, wann es an der Zeit ist, sich in den abge­schot­teten Mikro­kosmos zurück­ziehen und wann und wie man die große Welt in ihn herein­bre­chen lassen sollte.  (Janick Nolting)

Drii Winter (CH/D 2022 | R: Michael Koch | Wett­be­werb)
»What is love?« Dieser ewigen Frage widmet sich Michael Koch in seiner Liebes­tra­gödie in den Schweizer Alpen. Als Marco einen Hirntumor bekommt, muss Anna sich dazu verhalten, präzise und konzen­triert nimmt der Regisseur diesen Prozess ausein­ander. Es ist im Grunde die dezente, dennoch uner­bitt­liche Geschichte eines Verfalls und des Umgangs damit, nicht mehr und nicht weniger, wenn man die beein­dru­ckenden Beob­ach­tungen einer alpinen Existenz mal außen vor lässt. Das reicht dem Regisseur aber nicht, er ist vor manie­ris­ti­schen Marotten nicht gefeit, wenn er im spär­li­chen Dialog über Gebühr prophe­ti­sche Zeilen, kommen­tie­rende Songtexte (s. Haddaway) und einen leib­haf­tigen grie­chi­schen Chor in schwy­zer­düt­schem Gewand präsen­tiert, um dem ganzen mehr Gravitas und den Geruch von Zwangs­läu­fig­keit zu verleihen, aber es bekommt dadurch auch etwas Episie­rendes, Exem­pla­ri­sches. In diesem Zwiespalt zwischen betont nüch­ternem Zugang und pathe­ti­scher Zuspit­zung, zwischen kunst­voller Unauf­dring­lich­keit und über­stei­gertem Gestal­tungs­willen bewegt sich auch die Titel­ge­bung, Drii Winter gegenüber dem engli­schen Titel A Piece of Sky. Ein etwas fader Beige­schmack bleibt, da kann das Programm­heft noch so jubi­lieren. (Sedat Aslan)

Brain­wa­shed: Sex-Camera-Power (USA 2022 | R: Nina Menkes | Panorama Dokumente)
Wenn Ideo­lo­gie­kritik selbst Ideologie wird: Nina Menkes‘ abge­filmter Vortrag liefert durchaus wichtige Ansätze, wie man als Filme­ma­cher*in bewusster mit der Wahl seiner Bilder umgeht. Dabei ist die Analyse keines­wegs tief­gründig, im Prinzip wieder­holen sich die Erkennt­nisse der ersten 10 Minuten wie ein Mantra in den folgenden 100. Zur Verdeut­li­chung dienen neben einigen Testi­mo­nials vor allem Film­aus­schnitte. Menkes vermeidet allzu deutliche Beispiele wie Basic Instinct oder Der letzte Tango in Paris, sondern nimmt auch subtilere und ambi­va­lente Schnipsel aus Lost in Trans­la­tion und Le mépris, wobei das Urteil immer dasselbe ist – so sollte man es nicht machen, Punkt. Weder wird der male gaze kultur­his­to­risch oder sozio­kul­tu­rell herge­leitet, noch die per se voyeu­ris­ti­sche Natur des Kinos thema­ti­siert, noch heraus­ge­ar­beitet, dass im Kino gezeigte maskuline Körper­bilder und Verhal­tens­weisen nicht etwa selbst­er­mäch­ti­gend, wie hier darge­stellt, sondern genauso proble­ma­tisch sind. Der Film erklärt letztlich Frauen und generell jeden Zuschauer zum wehrlosen Opfer einer subli­mi­nalen Mani­pu­la­tion. Kunst müsste in letzter Konse­quenz normiert werden, um das auszu­schließen, und der Film bestätigt sich in dieser Hinsicht fort­lau­fend selbst, kurze State­ments etwa von Laura Mulvey, die den Begriff des male gaze geprägt hat, sugge­rieren wissen­schaft­liche Legi­ti­mität, ohne jeden Zweifel oder Diskurs oder nähere Kontex­tua­li­sie­rung der verwen­deten Bilder, und auch ohne jedes Verständnis dafür, dass hier eine Ideologie einfach eine andere ersetzt. Darüber hinaus wird man den Verdacht nicht los, dass es sich hier um ein »Vanity Project« der Regis­seurin handelt, neben ihrer ganz persön­li­chen Helden­reise nimmt vor allem ihre Filmo­grafie über Gebühr Raum ein – dies geht so weit, dass sie sich nicht entblödet, für Beispiele, wie man es richtig macht, allen Ernstes größ­ten­teils aus den eigenen Filmen bedient. Serio­sität geht anders. (Sedat Aslan)

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camuflaje
(Foto: © Alina Films and Off The Grid)

Camuflaje (ARG 2022 | R: Jonathan Perel | Forum)
Der doku­men­ta­ri­sche Land­ver­messer Jonathan Perel arbeitet weiter an seinen Topo­gra­phien des Terrors der argen­ti­ni­schen Mili­tär­dik­tatur. In Camuflaje heftet er sich an die Fersen des Schrift­stel­lers Félix Bruzzone, der um das Mili­tär­gelände Campo de Mayo herum die Pfade als uner­müd­li­cher Jogger abläuft, jenes Mili­tär­gelände, auf dem die Armee ein Konzen­tra­ti­ons­lager unter­hielt, in dem auch die Eltern Bruzzones verschwunden sind. Bruzzone befragt Verwandte und Leute, die sich mit dem Mili­tär­gelände auf die unter­schied­lichste Weise befassen; Perel ist als gedul­diger Beob­achter, Zeuge und Zuhörer dabei, auch auf den Laufwegen Bruzzones: abstrus-absurder Höhepunkt der Erkundung ist der »Killer Race«, der auf dem Mili­tär­gelände als großer Volkslauf veran­staltet wird und der Bruzzone als Teil­nehmer in Teile des Lagers führt, an die er als Recher­chie­render mit dem Kame­ra­team sonst nie hinge­lassen worden wäre. Der umgäng­liche Plau­derton, der bei den Befra­gungen am Anfang vorherrscht, erweist sich als trüge­risch: beein­dru­ckend an dem Film ist, wie der Rhythmus des Laufens die Pace vorgibt und unbe­irrbar ein Zentrum des Wortlosen sich auftun lässt. (Wolfgang Lasinger)

Dienstag, 15. Februar 2022

Brat vo vsyom (Brother in Every Inch) (RU 2022 | R: Alexander Zolo­tukhin | Encoun­ters)
Gibt es eine Anmut des Krieges? In diesem zarten Military-Coming-of-Age-Film allemal. Die blonden Wimpern der Zwillinge Mitya und Andrey flackern, wenn sie die Luft mit ihren schnellen Jets durch­schneiden. Der eine fällt gar in Ohnmacht, hat immer eine Kotztüte dabei. Die entschei­dende Flugprobe durch einen Stark­regen aber überlebt er – und fährt anschließend zärtlich einer Missile-Rakete über den Nasen­rü­cken. In 16mm und leicht über­be­lichtet erzählt der Armee-Spezia­list Alexander Zolo­tukhin nach Russian Youth erneut ästhe­tisch leicht überhöht von einem dunklen Kapitel in der russi­schen Jugend. Das ist heute nur deshalb im Kino­sessel erträ­g­lich, weil jetzt Nach­richten von einer langsamen Entspan­nung an der russisch-ukrai­ni­schen Grenze durch­si­ckern. Die latente und unge­müt­liche Verklä­rung der schnellen Fighter bleibt trotzdem.

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noche
(Foto: 2022 UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E)

Un año, una noche (ES / FR 2021 | R: Isaki Lacuesta | Wett­be­werb)
Mit dem Blutbad von Bataclan ereignete sich 2015 eines der größten Erschüt­te­rungen der west­li­chen Jugend­kultur. »Die Luft war voller Partikel«, erinnert sich Céline in Isaki Lacuestas Trauma-Bewäl­ti­gungs­film, »wir sollten nicht nach unten sehen«. Sie tut es trotzdem und sieht einen mit Leichen bedeckten Boden, Blut­ge­ruch im ganzen Raum. Die nur langsam wieder­keh­rende Erin­ne­rung rückt die eigen­ar­tige Schönheit der in der Luft schwe­benden Teilchen zurecht: Es war ein Gemisch aus Schieß­pulver und Haut­fetzen, ein visuelles Echo des Anschlags. Céline hat überlebt, und auch ihr Freund Ramón. Wie unter­schied­lich sie mit dem Trauma umgehen, wird das Thema des Films sein, ausge­tragen zwischen den Antipoden von inten­siver Erin­ne­rungs­ar­beit und totaler Verdrän­gung, bei der sich erst mit großer Zeit­ver­zö­ge­rung die Wunde zeigt. Zum Ende hin nimmt der Film noch einen über­ra­schenden Twist, eine über­flüs­sige Verun­si­che­rung, die allzu gewollt und wenig plausibel ist. Den konstru­ierten nur »einge­bil­deten Freund«, l’ami imagin­aire, gibt schon die Dreh­buch­vor­lage nicht her, ist der Film doch nach dem Roman des realen Über­le­benden Ramón Gonzalez entstanden. Dem jungen Paar, gespielt von Nahuel Pérez Biscayart und Noémie Merlant, aber schaut man gerne zu, und auch die klaus­tro­pho­bi­sche Nacht von Bataclan rekon­stru­iert sich ange­messen frag­men­ta­risch. (Dunja Bialas)

Keiko, me wo sumasete (J/F, 2022 | R: Shô Miyake | Encoun­ters)
Die auf 16mm gedrehte Verfil­mung der Auto­bio­grafie von Keiko Ogasa­waras Auto­bio­grafie »Makenaide!« über eine jugend­liche, taube Profi­bo­xerin ist fast so etwas wie die sport­liche Variante von Drive My Car.Was dort Tschechow ist, ist hier das Boxen – ein Weg zu reflek­tieren, Wider­stand zu leisten und wieder lebendig in einem Tokyo zu sein, das Leben­dig­keit im Keim erstickt. Gleich­zeitig erzählt Miyake mit doku­men­ta­ri­scher Klarheit auch von den kleinsten Alltags­par­ti­keln, erzählt von den Folgen der Corona-Pandemie, dem Verlust von Tradi­tionen und Träumen. Und davon, wie es einem gelingen kann, wieder Vertrauen in das Sprechen mit den Mitmen­schen entwi­ckeln. Und immer wieder davor, dazwi­schen, über allem: die grandios foto­gra­fierte Stadt und ihre Innen­räume, die ihre Bewohner zu verschlu­cken droht. (Axel Timo Purr)

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joan
(Foto: © 247films)

À propos de Joan (F/D/IRL, 2021 | R: Laurent Larivière | Berlinale Special Gala)
Leider hat es Isabelle Huppert dann doch nicht zur Berlinale geschafft, um ihren Goldenen Berlinale-Bären für ihr Lebens­werk entge­gen­zu­nehmen, weil sie kurz vor Abflug positiv getestet wurde. Das macht aber gar nichts, denn ihr neuer Film macht den roten Teppich wieder wett. Nachdem sie mich in Eine Frau mit berau­schenden Talenten eher enttäuscht hatte, präsen­tiert sie sich hier mit all ihren Facetten. Das liegt auch an dem guten Drehbuch dieses Films über eine verbit­terte Frau, die die Zeit ihres Lebens wie eine Spirale hinab­reist und sich den Gespens­tern ihrer Vergan­gen­heit stellt. Es ist ein Porträt, das an Jan-Ole Gersters Lara erinnert, dann aber über­ra­schend poetisch wird und eine Frau skizziert, die vom Leben und der Liebe betrogen, weder ihre Kinder noch ihre Männer so lieben kann, wie das erwartet wird und am Ende von einem großartig aufspie­lenden Lars Eidinger ganz wunderbar geerdet wird. (Axel Timo Purr)

Sorry Genosse (D 2022 | R: Vera Brückner | Perspek­tive Deutsches Kino)
Vera Brückners HFF-Abschluss­film doku­men­tiert die Geschichte einer durch den eisernen Vorhang verhin­derten Liebe, die sich Anfang der 1970er durch surreale Momente und eine abstruse Flucht eine gemein­same Zukunft erkämpft. Doch Brückner erzählt mehr als nur eine Liebes­ge­schichte mit einem gar nicht mal so über­ra­schenden, aber ernüch­ternden Ende. Mit Hilfe von Archiv­ma­te­rial und den Erzäh­lungen und vorge­le­senen Briefen ihrer Prot­ago­nisten lässt sie auch zwei System wieder­auf­er­stehen, die unter­schied­li­cher nicht hätten sein können und als noch alles andere als klar ist, was die Geschichte entscheidet, ob nicht doch die DDR das viel­leicht bessere Land ist. Starke, flirrende, Madelaine-artige Momente, wenn Hedi beim Vorlesen der alten Briefe die alte Liebe zu Karl-Heinz wieder vor Augen steht, und das, was daraus geworden ist, in die Quere kommt. Ein starkes Debüt, dessen einziger Wermuts­tropfen viel­leicht ist, dass nicht die Original-Ton-Steine-Scherben-Songs einge­spielt werden. (Axel Timo Purr)

Montag, 14. Februar 2022

europe
(Foto: © pong film)

Europe (DE, FR 2022 | R: Philip Scheffner | Forum)
Alles scheint sich bestens zu fügen für Zohra, die eine kompli­zierte Rücken­ope­ra­tion über­standen und nun aufrecht gehen und richtig atmen kann. Hoff­nungs­froh und selbst­ge­wiss blickt sie in die Zukunft, leicht liegt der klare Sommertag in der fran­zö­si­schen Klein­stadt Châtel­ler­ault vor ihr, und sie glaubt, trotz der alge­ri­schen Herkunft ihren Platz in der fran­zö­si­schen Gesell­schaft finden zu können. Doch ein behörd­li­cher Bescheid verändert alles. Die Bilder vom gelin­genden Leben entleeren sich, die Koor­di­naten der Kadrie­rung geraten aus den Fugen. Die Bushal­te­stelle »Europe« in ihrem Viertel, am Anfang noch belebt, ist plötzlich verwaist. Oder kann Zohra die Wirk­lich­keit ausblenden und kraft ihrer Wünsche in der Fiktion weiter­leben? Scheffner lässt seinen trans­pa­renten doku­men­ta­ri­schen Stil ein Trugbild der Realität vorspie­geln. Oder ist doch alles in die Funk­tio­nale gerutscht? (Wolfgang Lasinger)

Un été comme ça (CA 2022 | R: Denis Côté | Wett­be­werb)
Jenseits jeglicher Mora­li­sie­rung und ohne Angst vor dem male gaze hat sich Denis Côté an eine der größten Provo­ka­tionen unserer aufge­regten Zeit gewagt. Er – als Mann! – insze­niert eine Handvoll sexsüch­tiger junger Frauen, die sich in ein Retreat begeben, um ihr zwanghaft lust­ge­steu­ertes Denken zumindest hin und wieder zu vergessen. Die Versuchs­an­ord­nung ist die einer Anti-Therapie, weder »heilender« noch moralisch-sank­tio­nie­render Eingriff, gefilmt wurde in sehr nahen, das Körper­liche beto­nenden Close-ups, in denen das Filmkorn mit den Hautporen zur Kern­schmelze gebracht wird. Provo­zie­rend ist es, Frauen in ihrer Lust zu zeigen, und auch die Vertau­schung der Lust­ob­jekte Frau gegen Mann. Dass dies alles ein Mann gefilmt hat, wenn auch auf Basis ernst­hafter Recherche, wird die Zuschaue­rinnen noch mehr gegen diesen Film aufbringen, noch dazu, weil er so kunstvoll ist. Ein Miss­ver­ständnis, denn: Eine ganze Fußball­man­schaft zu befrie­digen ist hier eben keine Männer-Phantasie. (Dunja Bialas)

Sonntag, 13. Februar 2022

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (D/F 2022, R: Andreas Dresen, Wett­be­werb)
Deutscher Film goes ameri­ka­ni­sches Justiz­drama. Der wahre Guan­ta­namo-Hinter­grund verspricht klirrende Authen­ti­zität, aber anders als in seinem Gunder­mann, der auf allen Ebenen aus einem Guss ist, fragt man sich in Dresens neuem Film alle paar Minuten, ob die hier gewählte Form die richtige für das Thema ist. Denn Dresen schwankt zwischen Drama und schlechter deutscher Komödie unent­schlossen hin und her, garniert abstoßende und zu Recht kriti­sierte Lokal- und Welt­po­litik mit Klischee und plumpem TV-Witz, der selten witzig ist und kaum Biss hat und am Ende eigent­lich nur eine beun­ru­hi­gend Frage aufwirft: was hätte Steven Soder­bergh aus diesem Stoff gemacht, gäbe es nicht schon Erin Brock­ovich. (Axel Timo Purr)

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amour
(Foto: © Curiosa Films 2022)

Avec amour et acharne­ment (F 2021, R: Claire Denis, Wett­be­werb)
Wer sich immer schon einmal gewünscht hat, dass Catherine und Jim in François Truffauts Jules und Jim nicht sterben, sondern alle drei zusammen alt werden, für den ist Claire Denis' so wilde wie sprung­hafte Ménage-à-trois wie geschaffen. Denn Denis zeigt so poetisch wie platt, dass alte Liebe nicht rostet und auch die Genera­tion Ü50 noch zu Spaß, Leiden und vor allem Liebe fähig ist. Wirk­li­cher Höhepunkt dieses toxischen Liebesrei­gens ist der finale, laut­starke Streit zwischen Jean und Sara, ein verbales Dauer­feuer der Super­la­tive – so etwas gab es im Kino schon lange nicht mehr zu sehen. Wem das alles zu fran­zö­sisch ist, dem sei die gerade im tages­ak­tu­ellen Kino ange­lau­fene ameri­ka­ni­sche Ménage-à-trois in Marry Me – Verhei­ratet auf den ersten Blick empfohlen. (Axel Timo Purr)
Wenn Sara dauernd von ihrem Ex François spricht, dauernd nach François fragt, bei François’ bloßer Erwähnung Saras Stimme und Knie zittern, dann sollte das Jean, seit zehn Jahren Saras Freund und neuer­dings Geschäfts­partner von François, doch zu denken geben, möchte man glauben, aber Jean hat sein eigenes Päckchen zu tragen, nämlich seinen problem­be­la­denen Sohn aus geschie­dener Ehe mit einer Schwarzen, einen »Mischling« also, aufge­setzte Rassen­the­matik inklusive, die nur seiner Ablenkung dienen soll. Ein in mehr­fa­cher Hinsicht blen­dendes Werk, sugges­tive Super-Close-Ups, bedeu­tungs­schwer wummernde Streicher und bewusste Achs­sprünge in Reihe (ernsthaft jetzt?) gehören zum Register. Ich liebe Drei­ecks­ge­schichten, aber dies ist geschmack­voll gefer­tigter Edel­kitsch, der wie seine Prot­ago­nisten – ach was, Schach­fi­guren! – um ein Schwarzes Loch kreist. (Sedat Aslan)

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe (D/F 2022, R: Nicolette Krebitz)
Wie Sophie Rois eine Gruppe Halb­starker verbal brutzelt, das ist schon großes Kino. Nicolette Krebitz erzählt nach der unge­wöhn­li­chen Beziehung Frau-Wolf in Wild von der etwas weniger unge­wöhn­li­chen Beziehung Lehrerin-Schüler. Schräg und verspielt genug, um unvor­her­sehbar zu bleiben. Für den Großteil dieses Schau­spiel-Tohu­wa­bohus haben Jugend­liche inzwi­schen den Begriff »cringe«. (Janick Nolting) Nicolette Krebitz möchte das Alphabet der Liebe buch­sta­bieren, und man musste anfangs befürchten, dass sie zumindest alle Vokale durch­nimmt, doch sie bleibt schon bei »A« hängen, nimmt sich für diesen Buch­staben Zeit, und das ist gut so – Anna trifft Adrian, und heraus kommt ein flüch­tiger, sommer­li­cher (oder eben zweiter-frühling-hafter) Liebes­film, bisweilen zu brav und zu lite­ra­risch geraten, aber dafür voll entwaff­nendem Charme. (Sedat Aslan)

Taurus (USA 2022 | R: Tim Sutton)
Machine Gun Kellys Alter-Ego-Drogen­trip ist sympto­ma­tisch für viele Star-Geschichten: Für über­zo­gene Mythen- und Legen­den­bil­dung, für Vermark­tung ist Exzess gerade noch gut genug, zugleich gibt man sich allzu erzie­he­risch, mora­li­sie­rend, warnend vor dem bösen Show­ge­schäft. Wieder einmal zieht sich jemand unter dem Druck der Öffent­lich­keit in Selbst­mit­leid und Rausch zurück. Doch nicht alles nur gespielt? Wen juckt’s! Fehlt nur noch der Kampf­be­griff Authen­ti­zität. Der Rest ist Nuscheln, Krächzen und Raunen. Immerhin: Machine Guns Auftritt nebst Verlobter, Megan Fox, in Berlin war...speziell. (Janick Nolting)

Super Natural (P 2022 | R: Jorge Jácome | Forum)
Ein poeti­scher Essay, der auf spie­le­risch-leichte Weise die Grenzen zwischen den Arten auflöst. Mal doku­men­ta­ri­sche Medi­ta­tion über die Land­schaft Madeiras, mal Tierfilm, mal Perfor­mance mit Mitglie­dern einer inklu­siven Thea­ter­gruppe, mal bloßes Gekritzel, das ein bisschen herum­spinnt – alles erweist sich hier als mit allem verbunden, als unend­liche Verschach­te­lung von Körpern in Körpern in Körpern: Menschen, Tiere, Pflanzen und Felsen, unbe­kannte Wesen, deren unar­ti­ku­lierte Stimmen hörbar gemacht werden… Das droht zwar immer wieder ins Animis­ti­sche oder Esote­ri­sche hinü­ber­zu­schwappen, jedoch bleibt Jácomes Erkundung immer in der Balance zwischen einer heiterer Gelas­sen­heit und neuen Naivität, die sich nicht bevor­mun­dend über ihre Gegen­s­tände erhebt. Spezie­sismus-Kritik ohne aufdring­liche Zeige­finger-Attitüde. (Wolfgang Lasinger)

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coma
(Foto: © Les films du Bélier)

Coma (F 2022 | R: Bertrand Bonello | Encoun­ters)
Der Lockdown gebiert Monster, wie es der Traum und der Schlaf nie vermochten: Bonello erkundet in seiner hypno­ti­sie­renden Mischung aus Essay, Tagebuch und Horror­vi­sion die inneren Irrgänge einer jungen Frau in der durch das »confi­ne­ment« erzwun­genen Isolation. Die perfekt insze­nierten Netz-Auftritte der Influ­en­cerin Patricia Coma werden zum Orien­tie­rungs­punkt zwischen gespens­ti­schen Zoom­sit­zungen mit den Freun­dinnen, den Ausflügen ins Zwischen­reich des eigenen Unter­be­wusst­seins und der imagi­nierten Soap Opera im barbie-artigen Puppen­s­tüb­chen. Bonello scheut nicht das Pathos der Verzweif­lung und Betrof­fen­heit, das er eindring­lich im persön­lich-poeti­schen Prolog und Epilog zeigt. Auf verstö­rende Weise erwächst am Ende aus der Erha­ben­heit von Natur­ka­ta­stro­phen­bil­dern eine kathar­ti­sche Kraft. (Wolfgang Lasinger)

Yin Ru Chen Yan – Return to Dust (CHN 2022 | R: Li Ruijun)
Der Berlinale-Wett­be­werb besticht endlich einmal mit Bild­ge­walt. Anmutiger kann man beschwer­liche Feld- und Hand­ar­beit kaum noch in Szene setzen. Zu schön, um sich nicht irgend­wann zu fragen, ob man da nicht gerade auch gewisser Ideologie auf den Leim geht, die das Bauen und Werkeln, das Durch­halten zum Sinn des Lebens erhebt, allen äußeren Umständen zum Trotz. Doch die tragische Kehrt­wende sitzt. Wofür die ganze Schin­derei, wenn ihr Zweck hinfällig wird? Das System ist stärker, ein Lebens­ent­wurf zerfällt in Sekunden. Staub zu Staub. Ein heißer Bären-Kandidat? (Janick Nolting)

Happer’s Comet (USA 2022 | R: Tyler Taormina | Forum)
Die Errettung der physi­schen Realität der Nacht. Profanes als Fragment erscheint plötzlich als mysti­sches Faszi­nosum. Aufwachen und Aufwachsen in der Dunkel­heit, Erin­ne­rungen an Film­ge­schichten ziehen vorbei. Keine Dialoge, kein Geschwätz, nur ein umwer­fendes Zusam­men­spiel aus Bild und Klang in diesen stim­mungs­vollen Szenen der nächt­li­chen Vorstadt. Ein Horror­film, Drama, Liebes­film, eine Coming-of-Age-Geschichte, alles in nur einer fantas­ti­schen Stunde. Wo die Menschen Kontakte und Sprache verloren haben, muss das Kino aushelfen. Ein Glanz­stück der Forum-Sektion! Viel­leicht der erste über­ra­gende Lock­down­film. (Janick Nolting)

Samstag, 12. Februar 2022

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (D/F 2022 | R: Andreas Dresen | Wett­be­werb)
»Eine Frage der Ehre« meets »Die Friseuse«: Ja, der Film macht aus einer welt­hal­tigen Story holly­wood­kom­pa­ti­bles Boule­vard­theater; ja, er hat die Ästhetik von Fern­seh­filmen; ja, er ist mehr als brav und hat das Herz viel­leicht zu sehr auf dem rechten Fleck. Aber wir haben im deutschen Kino echt kein Über­an­gebot an publi­kums­wirk­samen Filmen, die Herz haben, wirklich witzig sind und über die eigene Nasen­spitze hinaus­weisen – und das mit einer kleinen, dicken türki­schen Mutter als Haupt­figur. Der Filmsnob in mir ist heute mal ruhig, und der Kinofan soll sich freuen. (Sedat Aslan)

La ligne (CH/F/BEL 2022 | R: Ursula Meier | Wett­be­werb)
Drei Schwes­tern plus eine Mutter spielen in Ursula Meiers Arthouse-Dramedy die Haupt­rollen, wobei Mutter und älteste Tochter ihr gemein­sames post­na­tales Trauma, beginnend mit einer folgen­rei­chen Ohrfeige, die zu einer aufer­legten zeit­li­chen wie räum­li­chen Trennung führt, in der finalen Konfron­ta­tion dann doch nicht aufar­beiten, was man wohl so hinnehmen muss. Bis dahin überzeugt neben dem Ensemble vor allem das geschlif­fene Drehbuch – man wird aber den Verdacht nicht los, dass dem Film ein Äqui­va­lent zu der genannten Ohrfeige abgeht. (Sedat Aslan)

La edad media (The Middle Ages (ARG 2022) | R: Alejo Moguillansky, Luciana Acuña | Forum)
Ein argen­ti­ni­sches Künst­ler­ehe­paar performed während des Lockdowns in den eigenen vier Wänden einen verspielten Beckett, und man wird beim Zusehen fast zu einem Fami­li­en­mit­glied. Star der Show ist die zehn­jäh­rige Tochter Cleo, zugleich auch Erzäh­lerin – unglaub­lich, was die Kleine für ein Timing hat! Wegen solch unver­hoffter Entde­ckungen geht man auf Film­fes­ti­vals. (Sedat Aslan)

Sonne (AT 2022 | R: Kurdwin Ayub | Encoun­ters)
Da sieht man mal, was man davon hat, wenn man Minder­heiten selbst die Kamera in die Hand drückt, statt ihre Geschichten in Produkten der Mehr­heits­ge­sell­schaft zu verwursten, nämlich: keine dauernd nur über sozio­po­li­ti­sche Fragen defi­nierte Figuren, sondern solche wie aus Fleisch und Blut, mit Konflikten, die nicht abstrakt erscheinen, sondern für jeden Menschen, egal welchen Geschlechtes oder welcher Herkunft, nach­fühlbar sind. Kurdwin Ayup mixt Tiktok-Videos und WhatsApp-Nach­richten souverän mit Cine­ma­scope-Bildern, ohne jemals beliebig zu sein. Ihre Haupt­figur Yesmin ist sowas wie eine System­spren­gerin in leise, und solcherlei Vibes hat man auch beim Sehen dieses Films – für mich eines der dich­testen, beein­dru­ckendsten Spiel­film­de­büts seit Nora Fing­scheidts System­sprenger. (Sedat Aslan)

L’état et moi (D 2022 | R: Max Linz | Forum)
Max Linz‘ gewitzte Anschläge auf die Grund­festen des Bildungs­bür­ger­tums mit seinen eigenen Mitteln gehen in die dritte Runde und widmen sich diesmal v. a. der Juris­terei. Mehr eine Variation von Vertrautem als eine grund­le­gende Neuaus­rich­tung, schaut man dem Ganzen mit prole­ta­ri­schem Dauer­g­rinsen zu: Sollte Max Linz tatsäch­lich der Wes Anderson sein, den wir verdienen und, vor allem, haben? Heribert Fass­bender würde sagen: Ein lupen­reiner Hattrick! (Sedat Aslan)

Ever­ything Will Be Ok (F/KH 2021 | R: Rithy Panh | Wett­be­werb)
Nach Gunda von 2020 der nächste Beitrag, der die Beziehung Mensch-Tier in sein Zentrum stellt: Rithy Panhs essay­is­ti­sches Puppen­theater ist hervor­ra­gend gestaltet und insbe­son­dere technisch eine Meis­ter­leis­tung, inhalt­lich eine Abrech­nung mit der Spezies Mensch, wenn z. B. ein an den Flügeln aufgehängtes Fleder­maus­fi­gür­chen zu den Worten der beglei­tenden Suada (»wir sind eure Nahrung und euer Test­ge­biet«) klar macht, dass ein solcherart »kuli­na­ri­sches Kino« für die Berlinale eine ganz andere Relevanz bekommen hat, doch wird man der über Bild und Ton unauf­hör­lich einge­trich­terten Botschaft irgend­wann über­drüssig und möchte zynisch zurück­rufen: schön, dass uns das mal jemand sagt. (Sedat Aslan)
Neues vom Planet der Affen. Das Übel einer grausamen Mensch­heit, beob­achtet durch Tieraugen. Der Spieß dreht sich um, Affen an die Macht, alte Vergehen bleiben. Rithy Panhs aufre­gende Montage von Minia­turen und Archiv­ma­te­rial besitzt noch immer ihre Reize. Die Kultur­kritik seiner Dystopie gerät derweil ähnlich plump und konfus wie in seinem letztem Berlinale-Film Irra­diated. Panh hat seinen Künstler-Zenit über­schritten. Philo­so­phi­sche und ethische Fragen zerfasern nur noch in wüst über­la­denen Schock­ef­fekten und einem didak­ti­schen Pamphlet voller Binsen. (Janick Nolting)

Avec amour et acharne­ment (F 2021 | R: Claire Denis | Wett­be­werb)
Claire Denis und die Tinder­sticks gehören einfach zusammen. Genau wie Juliette Binoche und Vincent Lindon in ihrem Schau­spiel. Man möchte den beiden noch ewig dabei zusehen. Wie sie sich anschreien, verletzen, während die zärt­li­chen Wohl­fühl­bilder der ersten Film­mi­nuten zittrigem Chaos weichen. Eine Liebe zerfällt in ihre Einzel­teile. Die Beziehung zwischen den beiden ist eine heim­ge­suchte, Vergan­genes schwelt noch in der Gegenwart. Man trägt es selbst in der Hosen­ta­sche spazieren. Schade, dass Denis dieses Mal so betulich und zäh durch ihre bekannten Motive tappt, bevor der über­wäl­ti­gende Schlussakt gelingt. (Janick Nolting)

Freitag, 11. Februar 2022

Occhiali neri (Dark Glasses (I/F 2021) | R: Dario Argento | Berlinale Special)
Das ist doch tatsäch­lich ein wasch­echter Giallo im Jahre 2022, mit aufge­schnit­tenen Kehlen, blanken Brüsten, blut­rüns­tigen Hunden: Altmeister Dario Argento schafft es trotz sichtbar limi­tiertem Budget und merklich kurzer Entwick­lungs­zeit, einmal mehr mithilfe eines trei­benden elek­tro­ni­schen Scores, eine stimmige gespens­ti­sche Atmo­s­phäre zu zaubern wie nur wenige sonst. Über genre­ty­pi­sche Unzu­läng­lich­keiten soll man nicht weiter meckern, jedoch schon mal den „Male Gaze“ proble­ma­ti­sieren, aber wenn Argento eh gerade in Berlin ist, kann er sich ja am Montag die Doku­men­ta­tion darüber ansehen. (Sedat Aslan)

Wir könnten genauso gut tot sein (D/ROM 2022 | R: Natalia Sinel­ni­kova | Perspek­tive Deutsches Kino)
Vom ersten Moment an ist Natalia Sinel­ni­kova aufs Wohl­wollen ihres Publikums ange­wiesen, anstatt es zu über­zeugen, denn sie zeigt die Dystopie nicht, sie behauptet sie nur und verlangt, dass man ihr das trotz mangelnder Beweise abnimmt; sie will, dass man sich emotional invol­viert, obwohl sie ihre blasse Haupt­figur wie die anderen robo­ter­haften Wesen mit maximal zwei Gesichts­aus­dru­cken durch den Film scheucht; und bedeu­tungs­schwere Quer­ver­weise wie zur »Festung Europa« in der Migra­ti­ons­krise, sekten­ar­tigen Reli­gi­ons­ge­mein­schaften oder gar einem orwell’schen Poli­zei­staat zieht, wovon die Zombie-Apoca­lypse dann auch nicht mehr allzu weit entfernt ist. Eine Kopf­ge­burt, die nie zu einer ästhe­ti­schen Erfahrung wird und wie eine Vorent­wick­lungs­stufe anmutet, anstatt ein für sich stehendes Werk zu sein. Somit wiederum besäße dieser Eröff­nungs­film der Perspek­tive ein Erken­nungs­merkmal vieler Filme dieser Sektion über die Jahre, was dann tatsäch­lich etwas über die Menta­lität des deutschen Kinos und seines Nach­wuchses aussagen würde. (Sedat Aslan)

Robe of Gems (MEX/ARG 2022, R: Natalia López Gallardo): Im mexi­ka­ni­schen Niemands­land sollte man sich lieber nicht verirren, das ist inzwi­schen bekannt. Natalia López Gallardo wieder­holt in ihrem Wett­be­werbs­bei­trag trotzdem noch einmal zum Mitschreiben. Dafür braucht es bleiche Bilder, starrend-schwei­gende Menschen, zeit­li­chen Still­stand und Gewalt-Schocks. Kryptisch und ellip­tisch gibt sich dieses Gesell­schafts­por­trät. Fernanda Valadez hat das jüngst in ihrem artver­wandten Debüt Was geschah mit Bus 670? wesent­lich packender verdichtet, wesent­lich poeti­scher. (Janick Nolting)

Peter von Kant (F 2021) | R: François Ozon | Wett­be­werb
Was Spider-Man: No Way Home für einge­fleischte Marvel-Fans ist, ist PETER VON KANT für Fass­binder-Affi­cio­nados: Sehr viel »Ach, das erkenne ich wieder!«, »Hach, das kommt daher!«, »Ei, das ist ja wie früher...«. Aber aus zweiter Hand, als Abbild, ohne die Rohheit, Ruppig­keit des Originals. Und dann kommt Hanna Schygulla, singt »Schlaf, Kindlein, schlaf« – und wir auch so: »Hach!« (Anna Edelmann & Thomas Willmann)

Incroyable mais vrai (B/F 2021 | R: Quentin Dupieux)
Let’s do the time warp again: Es ist nur ein kleiner Sprung runter ins vermeint­liche Abfluss­loch im Keller – und 12 Stunden voraus. Zeit und Körper bewegen sich immer weiter vonein­ander fort. Auf seine zunehmend verschro­bene, immer fran­zö­si­schere Weise hat der einstige Mr. Oizo im Einfa­mi­li­en­haus einen alltä­g­li­chen »Twilight Zone« Film über den Umgang mit dem Älter­werden ersponnen. Doch frei nach Ein anda­lu­si­scher Hund: Natür­liche Fäulnis kommt von innen. (Anna Edelmann & Thomas Willmann) Quentin Dupieuxs Szenen einer Ehe. Ein Paar lässt sich ein neues Haus aufschwatzen, dessen Keller einen verlo­ckenden Zauber­trick birgt. Dupieux zerlegt damit eine Midlife-Crisis, irgendwo zwischen Verjün­gungs­wahn, Arbeits­stress und Elek­tro­penis. Exis­ten­zia­lismus im Mini-Format, als gewohnt bizarrer Mix aus Nonsens und Bösar­tig­keit. Das Gag-Feuerwerk fehlt dieses Mal aller­dings, Dupieux war schon unter­halt­samer, bissiger. Erst zum Schluss legt der Meister der Nicht-Pointen los. Eine grandiose Montage will die Welt brennen sehen. (Janick Nolting)

Rimini (A/F/D 2022 | R: Ulrich Seidl | Wett­be­werb)
Ulrich Seidl nimmt sich einen abge­half­terten Schla­ger­sänger vor – man fragt sich, ist das nicht ein zu leichtes Ziel? Und tatsäch­lich reihen sich Klischees anein­ander, Alko­ho­lismus, Auftritte vor Rent­ner­gruppen, selbst beim anima­li­schen (aber immerhin alters­ge­rechten) Sex mit Groupies reinste Tristesse in Zentral­per­spek­tive. Dennoch stellt sich bei aller ausge­stellten Lächer­lich­keit diese unauf­dring­liche Empathie für die Figuren ein, die Seidls Marken­zei­chen ist. Nur, wenn er zu sehr auf Pathos und Plot macht, verhebt sich Seidl, und das nach­haltig: bei der Vater-Tochter-Geschichte, dem eigent­li­chen Herz des Films, springt der Funke nicht über, zertram­pelt er seine eigene Wahr­haf­tig­keit. Das können auch grandiose Fragmente und Beob­ach­tungen drumherum nicht kitten. (Sedat Aslan) Nichts war so schön wie der Kuss von der Mama... Selbst der greise Vater, zum Ende seines Lebens (ein so großer wie schmerz­hafter Abschied von Hans-Michael Rehberg), ruft nach seiner Mutter. Aber eigent­lich geht es um seinen (noch) virilen Sohn: »Richie Bravo«, schla­ger­sin­gendes Kaffee­fahr­ten­idol, Gigolo, wodka­ge­tränkt. Ein echtes Viech, in Unterhemd und Seehund­mantel, im menschen­leeren, nebel­ver­schol­lenen Winter-Rimini. Ulrich Seidls The Wrestler. Und man möchte Ja sagen, und weiß, dass die Antwort eher Nein lautet, auf die Frage: Findest Du, dass Richie Bravo ein liebens­wür­diger Mensch ist? (Anna Edelmann & Thomas Willmann) Ein depri­mie­rendes, im besten Sinne untröst­li­ches Spätwerk. Seidls Ausein­an­der­set­zungen mit Ausbeu­tung und Bigot­terie stoßen an ein grausames (Lebens-)Ende. Wieder geht jemand ins Ausland, um das zu spielen, was er sonst nicht ist. Sänger Richie Bravo verstrickt sich in seinen Lebens­lügen. Tochter braucht Geld, Vater stirbt im Heim. Eine finstere Schlager-Revue ist das, mit Figuren, die nichts mehr haben, aber doch nach unten treten können. Nichts mehr zu retten in der damp­fenden, umwerfend foto­gra­fierten Geis­ter­stadt Rimini. Neues, das dort womöglich entsteht, ist nicht mehr zu erleben. Das Alter lässt alle dahin­sie­chen. Auch der Rausch ist keiner mehr. (Janick Nolting)

Flux Gourment (USA/HU/UK 2022 | R: Peter Strick­land | Encoun­ters)
Open wide: Eine voll­mun­dige Reduktion der Kanni­ba­lismus-Szene aus The Cook, The Thief, His Wife And Her Lover. We're very fond of it! (Anna Edelmann & Thomas Willmann)
Blähungen können poetisch sein, daran erinnert dieser Film. Sie rumoren wie die Konflikte zwischen den Bewohnern einer geschlos­senen Gesell­schaft, die obskure Sound-Perfor­mances mit Nahrungs­mit­teln aufführt. Peter Strick­land ist ein begna­deter Klang- und Effekt­künstler; seine thea­tralen Sequenzen in einem Kinosaal zu erleben, ist ein Ereignis. Der Rest hingegen eher zielloses Sekten-Bohei, dem es an Klarsicht und Exzess fehlt. Zum Schluss müsste hier nur noch gematscht, zerfleischt und ausge­schieden werden, würde Flux Gourmet Konse­quenz beweisen. Mundet nicht im Abgang! (Janick Nolting)

Donnerstag, 10. Februar 2022

Peter von Kant (F 2021 | R: François Ozon | Wett­be­werb)
Wenn es so etwas wie einen »Lead-In« im Kino gäbe, müsste man sagen: PETER VON KANT war nicht zu beneiden, denn die flam­menden Eröff­nungs­reden von Claudia Roth und Sibel Kekilli hallen einem noch im Ohr (oder die ansonsten zähe Eröff­nungs­ze­re­monie hängt in den Knochen), doch merk­wür­di­ger­weise funk­tio­niert der nach einer Schnaps­idee klingende Einfall, aus Petra Peter zu machen und das Objektiv gewis­ser­maßen auf Fass­binder zurück zu richten, erstaun­lich gut, weil Ozon das Drama aufs Wesent­liche reduziert und vor allem den bitteren Ernst und die Eitelkeit der Vorlage tilgt. Damit einher geht eine nicht unpro­ble­ma­ti­sche Trivia­li­sie­rung der Künst­ler­per­sön­lich­keit Fass­bin­ders, pardon, von Kants, doch habe ich mir dieses Companion Piece mit einem größeren Genuss angesehen als das ange­staubte Original (was auch an dem wie entfes­selt aufspie­lenden Denis Ménochet liegt). (Sedat Aslan)

Viens je t‘emmène (Nobody‘s Hero | R: Alain Guiraudie)
Anfangs konzen­triert und vernü­g­lich, zerfasert der politisch-burleske Eröff­nungs­film des dies­jäh­rigen Panorama mit zuneh­mender Dauer, nötigt sein tolles Ensemble immer mehr in Richtung Lustspiel und gelangt schließ­lich bei den ange­ris­senen Fragen von Xeno­phobie, kollek­tiver Psyche sowie eroti­schem Chaos nicht zu erhofften tieferen Einsichten – man hätte dem Zuschauer schon mehr zutrauen können. (Sedat Aslan)