08.01.2004

Menschen am Abgrund – Kino an den Rändern

Dogville
Dogville
(Foto: Leonine Distribution)

Ein Rückblick auf das Kinojahr 2003

Von Michael Haberlander

Hinsicht­lich seiner aktuellen Entwick­lung und seiner gesell­schaft­li­chen Relevanz, gleicht wohl keine Kunstform dem Kino so, wie die Popmusik. Doch während selbst die wech­sel­hafte und unstete Popbranche im Jahr 2003 wieder einige markante (wenn auch oft kurz­le­bige) Moden und Hypes hervor­brachte, ist es nahezu unmöglich, im Kino des vergan­genen Jahres eindeu­tige Trends zu entdecken.

Der einzige gemein­same Nenner des Jahrgangs 2003 ist wohl, dass es keinen gemein­samen Nenner gab, dass sich das Kino inhalt­lich und formal in einer unüber­seh­baren Vielfalt und Unein­heit­lich­keit darbot, dass milli­ar­den­schwere Block­buster selbst­ver­s­tänd­lich neben Low Budget-Dramen exis­tierten, dass sich die Filmkunst dabei immer weiter aufspaltet, spezia­li­siert und einzelne Teil­aspekte so weit ins Extrem treibt, dass manche Werke an die Grenzen unserer üblichen Vorstel­lung des Mediums Film stießen.

Die folgenden Filme habe immerhin eine Sache gemeinsam; trotz der verwir­renden Vielfalt und des einmal mehr enormen Angebots (zumindest in einer Stadt wie München), haben sie es geschafft, einen positiven Eindruck bei mir zu hinter­lassen.

Gab es im abge­lau­fenen Jahr auch keine klaren Trends, so zeigten sich doch gewisse Tendenzen, die aber ebensogut reiner Zufall sein konnten. So präsen­tierten sich etwa einige der amüsan­testen Filme im perfekten Retro-Chic, etwa die swingende Hoch­stap­ler­farce Catch Me If You Can, die moder­ni­sierte Screwball-Comedy Into­le­rable Cruelty und die mild ironische Doris Day Remi­nis­zenz Down with Love. Gerade an diesen drei so unter­halt­samen Komödien läßt sich aber noch eine weitere Strömung des Kino­jahres 2003 ablesen: Der unbe­schwerte Spaß ist vorbei, der Ernst des Lebens hält wieder Einzug, selbst in den Komödien steckt ein ordent­li­ches Maß mensch­li­cher Tragik (aber auch umgekehrt, so dass sich in den Tragödien oft auch etwas Komisches fand) und vor allem die Liebe wurde in Frage gestellt, verteu­felt oder in ihren sonder­barsten Formen ausgelebt.

In diesem Zwischen­reich aus Vergnügen und Verzweif­lung, fanden sich dann Filme wie die bitter­böse Senio­ren­sa­tire About Schmidt oder Paul Thomas Andersons Punch-Drunk Love mit einem der bizarrsten Liebes­be­kennt­nisse der Film­ge­schichte oder die erstaun­lich zurück­hal­tenden Sado-Maso Lovestory Secretary

Die perfek­testen Beispiele der gerade beschrie­benen Richtung bot aber das Filmpaar Auto Focus von Paul Schrader und Confes­sions of a Dangerous Mind von George Clooney. Auch in der Vergan­gen­heit ange­sie­delt, zeichnen diese Filme die weit­ge­hend wahre, aber­wit­zige und abgrün­dige Lebens­ge­schichte eines sexbe­ses­senen Fern­seh­schau­spie­lers bzw. eines mordenden Fern­seh­pro­du­zenten. Beide Filme sind technisch makellos, erzählen auf atem­be­rau­bende Weise eine faszi­nie­rende Geschichte und packen den Zuschauer auf mehr als einer emotio­nellen Ebene. Hervor­ra­gend dabei auch die Schau­spieler wie Greg Kinnear und Willem Dafoe bzw. Julia Roberts in einer ihrer besten Rollen und Sam Rockwell, der auch in Ridley Scotts mittel­mäßigem Tricks einer der wenigen Aktiv­posten war.

»Geschlagen« wird Sam Rockwell aber von George Clooney, der mit seinem fulmi­nanten Regie­debüt, in dem er auch noch selber mitspielte, sowie seinen Rollen in der Komödie Into­le­rable Cruelty und Steven Soder­berghs Solaris einer der Film­künstler des Jahres war. Das »Künst­ler­kol­lektiv« des Jahres war dann auch der Kreis um die Film- und Geschäfts­partner Clooney und Soder­bergh, der nicht nur den elegisch bild­ge­wal­tigen Solaris, sondern auch den kontro­versen Low Budget-Film Full Frontal (wieder mit einer sehr über­zeu­genden Julia Roberts) ins Rennen schickte.

Full Frontal ist ein Film über Film im Film im Film und manchen verwirrten die zahl­rei­chen Wirk­lich­keits­ebenen. Doch Soder­berghs Film ist bis zum Schluß konse­quent und logisch und bietet neben einer gekonnten Satire auch eine inter­es­sante Reflexion darüber, was Begriffe wie Wirk­lich­keit oder Wahrheit im Kino bedeuten.
Fast das selbe Thema, aber eine andere Form, wählte Spike Jonze mit seinem dreimal um die Ecke gedachten Adaption. Die Geschichte von Nicolas Cage als Dreh­buch­autor mit Schreib­blo­ckade, sich selbst als nervenden Bruder und einem Drehbuch, das sich irgendwie selbst verfilmt, ist ein geist­rei­ches Vergnügen, das nur manchmal an der intel­lek­tu­ellen Maßlo­sig­keit des neuen Kult-Dreh­buch­au­tors Charlie Kaufman zu leiden hat.

An ganz anderen Rändern des Kino­uni­ver­sums bewegte sich der zweite Spike Jonze Film (hier aber nicht als Regisseur, sondern als kreativer Kopf im Hinter­grund), Jackass: The Movie. Natürlich hat die Kino­ver­sion der populären MTV-Show wenig mit einem üblichen Spielfilm zu tun, doch berührte er (absicht­lich oder nicht) viele Themen des Kino: Was z.B. macht eigent­lich einen »richtigen« Film aus? Zeigt Jackass: The Movie nicht in Reinform das, worüber wir seit jeher in den Komödien vom Slapstick der Stumm­filme bis zu den gross out-Comedies der 1990er lachen? Ist Jackass nicht die freund­lich chao­ti­sche Version dessen, was uns der Film Fight Club gezeigt hat? Fest steht, dass Jackass um ein Viel­fa­ches subver­siver ist, als alle seine Nach­folger und rip-offs und dass er einer der ganz wenigen Filme war, die es in 2003 schafften, für eine öffent­liche Kontro­verse zu sorgen (bis hin zu einer Warnung durch das Baye­ri­sche Fami­li­en­mi­nis­te­rium).

Ebenfalls für Kontro­versen, jedoch nur unter Cineasten, sorgten die neuen Filme von Lars von Trier und Quentin Tarantino. Von Triers mini­ma­lis­ti­scher Dogville und Taran­tinos über­bor­dender Kill Bill ähnelten sich zwar inhalt­lich mit ihrer Geschichte von den Leiden und der Ernied­ri­gung einer Frau (auch das war eines der wieder­keh­renden Themen in 2003), doch der formale Unter­schied zwischen den Filmen konnte nicht größer ausfallen. Die spar­ta­ni­sche Versuchs­an­ord­nung in Dogville und die hand­lungs­arme Bilder­flut in Kill Bill führte oft zu diametral entge­gen­ge­setzten Meinungen bei den Filmfans. Meine ganz persön­liche Ansicht: Dogville ist schlicht und ergrei­fend ein Meis­ter­merk, Kill Bill ist sicher furios, verzet­telt sich aber in den endlosen Möglich­keiten, die Tarantino zur Verfügung standen.

Das Gleiche muss man leider auch Martin Scorseses lange ersehnten Gangs of New York vorwerfen, der zwar einer seiner opulen­testen Filme ist, aber hinter der Inten­sität manch seiner unspek­ta­kulä­reren Werk zurück­blieb. Die Erin­ne­rung an die Kraft des frühen Scorseses blitzte dagegen im brasi­lia­ni­schen City of God auf. Der zum Teil erhobene Vorwurf, City of God ästhe­ti­siere die »Ghetto-Romantik«, war dabei nicht nur dumm, sondern auch reak­ti­onär, da sich das kritische Kino zum Glück endlich aus der verhäng­nis­vollen Doktrin »triste Bilder für triste Geschichten« löst.

Wie mitreißend und faszi­nie­rend dann auch poli­ti­sches Kino sein kann, zeigte das zweite große Schau­spieler-Regie­debüt Der Obrist und die Tänzerin von John Malkovich. Die besondere Intel­li­genz und Sensi­bi­lität, die man von der Schau­spie­lerei Malkovich' kennt, liegt auch in seiner mutigen Regie­ar­beit, die sich in keinem Punkt auf bewährte Erfolgs­re­zepte verläßt (viel­leicht hat es deshalb zwei Jahre gedauert, bis der Film ins Kino kam).

Der Einfluß des asia­ti­schen Kinos war auch in 2003 unge­bro­chen und jeder Action­film, der auf sich hielt, wartete mit entspre­chenden Martial Arts Einlagen auf. Trotzdem ist uns die klas­si­sche asia­ti­sche Erzähl­weise immer noch kaum vertraut, so dass man sich mit Hero und Takeshi Kitanos Dolls wieder in berau­schend schöne und faszi­nie­rend fremde Welten entführen lassen konnte.

Wie bereits erwähnt, gingen in diesem Jahr die Tragödien und die Komödien sehr häufige und sehr gelungene Verbin­dungen ein. Besonders tragi­ko­misch ist dabei offen­sicht­lich der Alltag junger Männer, die am Leben und vor allem an der Liebe verzwei­feln und sonder­bare Namen tragen. Egal ob Wilbur in Wilbur Wants to Kill Himself im tristen Schott­land, Noi Albinoi im kalten Island, Igby im reichen New York oder Kaja in Wilde Bienen in der länd­li­chen Tschechei; ihre Probleme sind univer­sell, ihre Umwelt erscheint unwirk­lich, ihr täglicher Kampf führt zu nichts. Als Zuschauer kann man gar nicht anders, als Sympathie zu empfinden, mit zu leiden, mit zu lachen.

Kajas Ange­be­tete aus Wilde Bienen heißt Bozka und obwohl sie doch im selben Film sind, ist ihr Leben bedeutend trister und weniger zum Schmun­zeln, als das von Kaja. Und in der Tat hatten die Frauen im Kino 2003 einiges mehr zu ertragen und zu erdulden, als ihre männ­li­chen Kollegen. Das war zwar dann selten sehr amüsant, deshalb aber nicht weniger sehens­wert, noch dazu, da es Platz für viele hervor­ra­gende, weibliche Schau­spiel­leis­tungen bot. Etwa die von Sarah Polley in Mein Leben ohne mich oder die von Nina Hoss in Wolfsburg oder die von Oksana Akinshina in Lilya 4-Ever, der der mit Abstand schmerz­haf­teste und trau­rigste Film über den Miss­brauch einer Frau war. Auch wenn die Demü­ti­gung von Uma Thurman in Kill Bill und von Nicole Kidman in Dogville ähnlich absolut ausfiel, so wurde ihnen in ihrer künst­li­chen Welt doch Rache gewährt. Lilja dagegen lebt in einer tief­schwarzen Wirk­lich­keit, aus der sie nur einen verzwei­felten Ausweg sieht.

Den gleichen »Ausweg« wie Lilja, wählte auch Virginia Woolf, die in The Hours eindrucks­voll von Nicole Kidman darge­stellt wurde. Der elegant inein­ander verwobene Film über­zeugte durch ein hervor­ra­gendes Drehbuch, eine fein­sin­nige Regie und einem erstaun­li­chen Schau­spie­ler­en­semble, allen voran aber auch hier wieder starke Frauen(rollen) u.a. eben Nicole Kidman (die neben Dogville auch noch in Der mensch­liche Makel zu sehen war), Meryl Streep (auch in ADAPTION) und Claire Danes, die mit diesem Film und ihren Rollen in Igby und Thomas Vinter­bergs It’s All About Love zu den Nach­wuchs­schau­spie­le­rinnen des Jahres zählte und etwa die omni­prä­sente Brittany Murphy »alt« aussehen ließ.
Ähnlich stark (mit Frauen besetzt) wie The Hours war Things you can tell über den Alltag einiger Frauen in Los Angeles, der trotz Stars wie Glenn Close, Holly Hunter und Cameron Diaz leider kein größeres Aufsehen erregte. Trotzdem sehr sehens­wert. Das span­nendste Zwei-Frauen-Stück schließ­lich drehte Francois Ozon (wie übrigens bei fast allen der gerade genannten »Frau­en­filme« Männer die Regie führten) mit dem erotisch aufge­la­denen Swimming Pool.

Der deutsche Film zeigte sich gewohnt durch­wachsen, wobei der Erfolg von Good Bye, Lenin! sehr erfreu­lich und absolut berech­tigt ist und man sich weitere Worte hierzu wohl sparen kann. Zusätz­liche Aufmerk­sam­keit verdient dagegen Narren von Tom Schreiber, der bedau­er­li­cher­weise nur ein sehr kleines Publikum erreichte. Ein kafka­esker Alptraum über Köln zur Karne­val­zeit und ein schräges Kino­er­lebnis nicht nur für beken­nende Faschings­hasser. Mit löblicher Konstanz lieferte Christian Petzold mit dem bereits erwähnten Wolfsburg auch im vergan­genen Jahr einen subtil span­nenden Film ab. Mit seinen unter­kühlt klaren Bildern hat sich Petzold eine der markan­testen Bilder­spra­chen des jungen deutschen Kinos erschlossen.

Ähnlich zurück­hal­tend wie bei Petzold, ist der Regiestil von Andreas Dresen, nur dass bei Dresen nicht kühle Sach­lich­keit, sondern augen­zwin­kernde Schlicht­heit dominiert. So auch in seinem hervor­ra­genden Doku­men­tar­film Herr Wichmann von der CDU, der bewies, wie nahe die Spiel­filme Dresens an der Realität sind. Womit wir auch schon bei den wenigen Doku­men­tar­filmen sind, die sich gegen die Übermacht der Spiel­filme durch­setzen konnte. Scheinbar herrscht immer noch die irrige Annahme, dass ein Doku­men­tar­film nur dann von Interesse ist, wenn man einen Bezug zu seinem Thema hat. Merkmal einer guten Doku ist es jedoch, Dinge nahe zu bringen, die einem bisher voll­kommen fremd waren. So musste man kein Punkfan, Dekon­struk­ti­vist oder Film­ver­rückter sein, um sich bei Golden Lemons, Derrida und Cinemania hervor­ra­gend zu unter­halten und viel­leicht sogar noch die ein oder andere neue Erkenntnis mitzu­nehmen.

Vom cine­as­ti­schen Stand­punkt aus gesehen schwach präsen­tierte sich in 2003 das Genre-Kino. Auch die Wieder­be­le­bung von Sujets wie dem Pira­ten­film half nicht darüber hinweg, dass sich etwa Action- oder Horror­filme immer stärker den kommer­zi­ellen Anfor­de­rungen anpassen und die Freiheit ihrer Genre­ni­sche immer seltener Ausnutzen. Positive Ausnahme bot hier vor allem 28 Days Later von Danny Boyle, ein gerad­li­niger, geradezu klas­si­scher Horror­film, der eine aufrechtes Grüppchen auf eine Legion von Untote und eine Truppe weit­ge­hend hirntoter Soldaten treffen läßt.

Das Kommerz­kino erreichte im letzten Jahr neue Einspiel­re­korde, was nicht nur mit einer perfek­tio­nierten Vermark­tung zu tun hat, sondern auch an einer immer diffe­ren­zier­teren Anpassung der Filme an den Geschmack und die Erwartung des Massen­pu­bli­kums liegt. Am ehrlichsten (und somit noch am erträg­lichsten) in diesem Sinne war 3 Engel für Charlie – Volle Power, der sich gar nicht mehr die Mühe machte, dem Zuschauer ein durch­dachtes »Film­kunst­werk« vorzu­gau­keln, sondern – befreit von über­flüs­siger Handlung – schöne Frauen, spek­ta­kuläre Action und flotte Sprüche zu einem Kino der reinen Form und Unter­hal­tung kombi­nierte.

Unsere Vorstel­lung davon, wie ein Film sein muss, sein kann, sein darf, wurde 2003 also mehrfach und aus sehr unter­schied­li­chen Rich­tungen in Frage gestellt. Man sollte darin das positive Lebens­zei­chen einer immer noch gerne unter­schätzten Kunstform sehen. Auch von der viel beschwo­renen Krise des Kinos kann ange­sichts der hier aufge­zählten Filme keine Rede sein (die größten Miss­stände gibt es momentan noch in der Auswer­tung und dem Verleih vieler Filme). Man kann also vorsichtig opti­mis­tisch in das Kinojahr 2004 blicken.