27.06.2024
41. Filmfest München 2024

Filmfest München: Kurzkritiken

Filmfest München

Kurz und gut: Spots auf Filme aus allen Sektionen des Filmfest München (in alphabetischer Reihenfolge)

Von artechock-Redaktion

In Koope­ra­tion mit der LMU München.

Die Akademie (Deutsch­land 2024 · R: Camilla Guttner · Neues Deutsches Kino)

Art does not come easy: Wie schon vor zwei Jahren in der Reihe Neues Deutsches Kino mit The Ordi­na­ries gibt es auch dieses Jahr wieder einen wunder­schönen, wenn auch manchmal etwas zu durch­kom­po­nierten München-Film. Das München von Camilla Guttner ist jedoch kein Gedan­ken­spiel, sondern die sehr reale, bitter-böse Welt des Münchner Kunst­be­triebs. Guttner mag sich nicht zwischen Satire und Drama entscheiden, aber das ist auch egal, denn mit einer großartig leuch­tenden Maja Bons und ihrer düsteren Anta­go­nistin Luise Aschen­brenner, muss und will dieser Film mehr als nur über ein Jahr über ein Coming-of-Age als Künst­lerin an der Akadamie in München zu erzählen. Das gelingt auch deshalb so gut, weil sich Guttner über ihr kluges Drehbuch der Schwarz-Weiß-Malerei verwei­gert und selbst die toxischen, alten, weißen Männer-Profes­soren eben nicht nur als Gift, sondern auch als Möglich­keit zeichnet. Jeder, der regel­mäßiger Gast der Jahres­aus­stel­lungen an der Akademie ist – in zwei Wochen ist es wieder soweit – dürfte nicht nur sie, sondern auch das auf diesem Weg vergos­sene Blut junger Künstler mit anderen Augen sehen. – Axel Timo Purr

All we ever wanted (Deutsch­land 2024 · R: Frédéric Jaeger · Neues Deutsches Kino)

Weiße Wolken. Unin­ter­es­sante Gespräche unin­ter­es­santer Menschen in unin­ter­es­santen Land­schaften, so ließe sich Frédéric Jaegers Abschluss­film an der UdK Berlin viel­leicht am besten beschreiben. Dabei ist die Grund­dis­po­si­tion wirklich spannend, weil der Sehn­suchtsort Fuer­te­ven­tura wunderbar gegen den Strich gebürstet wird und Jaeger dafür groß­ar­tige Bilder findet. Doch das Personal, das hier ein wenig expe­ri­men­tell sein spät­pu­ber­täres Coming-of-Age erlebt, bleibt bei all den Leer­stellen so sche­men­haft wie der Ort und die Gespräche, die hier geführt werden. Ein paar Realo-Anleihen aus Mithu M. Sanyals Identitti oder Yandé Secks Weiße Wolken hätten dem Film gut getan. Statt­dessen gibt es neben leeren Blicken und dürftigen Erklär­dia­logen eine Portion magischen Realismus in Form einer erra­ti­schen Griot, die mit mahnendem Blick klärt, was nicht zu klären ist. – Axel Timo Purr

Wie Spiel­steine verteilt Frédéric Jaeger seine Thir­ty­so­me­things in der Geröll­wüste von Lanzarote. Es darf gewürfelt werden, um die Figu­ren­kon­stel­la­tionen auszu­han­deln: Die schwarze Désirée, tonan­ge­bend und vergnü­gungs­be­reit, der schwarze Sal, voyeu­ris­tisch und schwul, der weiße Elias, gender­fluider Stei­ne­sammler, sie alle können in dieser unter­schwel­ligen Komödie stets die Posi­tionen wechseln. Wer schläft im Zelt in der Mitte? Wer schlägt ein Rad? Wer verwaltet das Geld? Die aufge­wor­fenen Fragen des Lebens, denen man ausge­setzt ist, wenn man jäh an den exis­ten­zi­ellen Nullpunkt gerät, sind: Wer mit wem, und warum nicht? Geht Geld über Liebe? Tonan­geber der Wüste sind die Spiele von Liebe und Macht als Essenzen der Existenz. In den groß­zü­gigen Cine­ma­scope-Bildern (Kamera: Maxi­mi­lian Andereya) bleibt viel Raum für neue Gedanken. Lassen wir sie zu. – Dunja Bialas

Lasset die Selbst­fin­dung beginnen. Drei junge Erwach­sene begeben sich auf einen Low-Budget-Roadtrip durch die Wüste Fuer­te­ven­turas. Dabei werden Bezie­hungen auf die Probe gestellt, Maxime hinter­fragt und reichlich sexuelle Span­nungs­felder entwi­ckelt. Selten traf das Prädikat »Style over Substance« so sehr auf einen Film zu. Die Aufnahmen der Land­schaft sind wahrlich phäno­menal. Aller­dings wird das Werk vor allem durch seine eher mäßigen Schau­spieler und drögen Dialoge ständig von sich selbst ausge­bremst. Die Fragen, die sich die Figuren stellen, scheinen eher ein Vorwand zu sein, um die unge­wöhn­liche und eindrucks­volle Land­schaft zu präsen­tieren. Manchmal findet sich zwischen den Zeilen eben doch nicht mehr, als weißes Papier. – Christian Schmuck, LMU München

All We Imagine As Light (F/IND/L/NL 2024 · R: Payal Kapadia · Wett­be­werb Cine­mas­ters)

All We Imagine As Light
(Foto: Filmfest München | Payal Kapadia)

Betäubte zwischen Licht und Nacht: In seinen stärksten Momenten, wenn die Sound­ku­lisse bewusst umschlägt, den alltäg­li­chen Lärm verdrängt und ein einfaches Klavier­stück einsetzt, löst All We Imagine As Light die Spannung zwischen Doku­men­ta­ri­schem und Spielfilm auf. Er negiert beide Ansätze und zielt auf ein imaginäres Drittes. Wir sehen dann keine Bilder mit konkreter Bedeutung mehr; die andau­ernde Betäubung durch die Beleuch­tung, die ständige, auch nächt­liche Licht­be­schal­lung, die die Figuren umgibt und ihre Wahr­neh­mung formt, wird aufge­hoben und genau darin für den Zuschauer erfahrbar. Da ist Anu, die mit ihrem Liebhaber am Beginn der Nacht steht, und Kran­ken­schwester Prabha, die schon desil­lu­sio­niert ist und nicht mehr an die Rückkehr einer Zukunft mit ihrem nach Deutsch­land zur Fabrik­ar­beit emigrierten Mann glaubt. Die Erfüllung bezie­hungs­weise die Rettung bleibt selbst eine imaginäre, keine wirklich zu sehende, weil sie nicht in der (uns gezeigten) Gegenwart liegt. – Noah Mrosczok, LMU München

Alles Fifty Fifty (Deutsch­land 2023 · R: Alireza Golafshan · Spotlight)

Mau mau: Wer sich noch an Alireza Golaf­shans bitter­böses und äußerst mutiges Debüt, die »Behin­der­ten­komödie« Die Gold­fi­sche, erinnert, dürfte bei Golaf­shans inzwi­schen dritten Film schon ein wenig schlucken. Denn aller Mut zum Risiko ist völlig verschwunden. Zwar wird ein an sich rele­vantes Thema, Heli­ko­pter-Eltern und die Erziehung ihres »dege­ne­rierten« Nach­wuchses, mit immer wieder bissigen und guten Dialogen ange­messen vorbe­reitet, spielen Moritz Bleibtreu und Laura Tonke leiden­schaft­lich ihre Rollen aus, doch entwi­ckelt das Drehbuch nach den ersten zehn Minuten nicht mehr den geringsten Wider­stands- oder Über­ra­schungs­mo­ment, fügt sich alles so, wie ein jeder es erwartet, gibt es allen­falls mit Tonke als vermeint­li­cher Femme Fatale ein wenig altba­ckenen Klamauk. Am Ende bleibt das Gefühl, einen netten Sommer­film mit Bade­meis­ter­be­treuung gesehen zu haben, in der sich keiner der Prot­ago­nisten von der Stelle bewegt hat. Das ist nicht nur mau, sondern mau mau. – Axel Timo Purr

Another German Tank Story (Deutsch­land 2024 · R: Jannis Alexander Kiefer · Neues Deutsches Kino)

Quo vadis DDR? Gibt es im Lite­ra­tur­be­trieb gerade auf allen Ebenen Aufar­bei­tungen und Preise für Post-DDR-Themen, scheint es zumindest in dieser Ausgabe Neues Deutsches Kino gerade ad acta gelegt zu sein. Jannis Alexander Kiefers Film ist die große Ausnahme. Kiefer variiert das Thema sehr originell und immer wieder über­ra­schend. Sein Film im Film inte­griert intel­li­gent auch die Zeit, ohne die es weder BRD noch DDR gegeben hätten und erzählt mit exzellent foto­gra­fierten Bildern ein Klein­stadt­leben, das in seiner Absur­dität und fast schon zärtlich anmu­tenden Hoff­nungs­lo­sig­keit an das Kino von Aki Kauris­mäkis erinnert. Hoffnung und Verzweif­lung sind hier offen­sicht­lich die Seiten der gleichen Medaille, doch viel schöner als in der Szene, als sich einer der Prot­ago­nisten über seine Beat­boxing-Fähig­keiten für Momente aus der Umklam­me­rung seiner Sozia­li­sie­rung befreien kann, lässt sich davon kaum erzählen. – Axel Timo Purr

Black Box Diaries (Japan/USA 2024 · R: Shiori Ito · Spotlight)

»If you have a trauma – make a film.« Diesen Ratschlag gibt Regis­seurin Shiori Ito ihrem Publikum, das mit ihr durch Höhen und Tiefen gehen muss. Sie hat genau das getan und in Black Box Diaries die eigene sexuelle Miss­brauchs­er­fah­rung aufge­ar­beitet. Als Jour­na­listin musste sie zur Wahrheit vorzu­dringen; einzig dieser Ansporn hielt sie über Wasser und ist doch so eng mit der schlimmsten Nacht ihres Lebens verbunden. Denn auch ihr Verge­wal­tiger Noriyuki Yamaguchi ist ein renom­mierter Fern­seh­jour­na­list. Dies als Frau gerade in Japan zur Anzeige zu bringen, bricht nicht nur ein Tabu, sondern setzt auch ihre Karriere aufs Spiel. Nach dem Vorfall 2015 sammelte Ito über 400 Stunden an Video- und Tonma­te­rial, welches vier Jahre Monta­ge­auf­wand nach sich zog. Das Ergebnis zeigt immer wieder: Man wird als Opfer einer Gewalttat nicht durch das Erlebte definiert, sondern bleibt vor allem Mensch. Ein Film, der mit dem Mut einer jungen Frau die #MeToo Bewegung einlei­tete, ohne zu wissen, wie viele ihrem Beispiel folgen werden. – Maria Feckl, LMU München

Born to Be Wild – Eine Band namens Step­pen­wolf (Deutsch­land/Kanada 2024 · R: Oliver Schwehm · Spotlight)

Step­pen­wolf ohne magisches Theater. Die Band folgt Hesses »Step­pen­wolf« in der Zusam­men­set­zung: John Kay, Nick St. Nicholas, eine einzige Ambi­guität, mehr Wechsel der Mitglieder als große Gigs. Naja, fast: Die Band war riesig. »Born to Be Wild« in Kombi­na­tion mit Easy Rider ein großes Stück ameri­ka­ni­scher Kultur­ge­schichte. Oliver Schwehm begleitet John Kay spora­disch acht Jahre lang, zeigt nicht nur die Band, sondern auch die Personen dahinter: Kay und Nicholas zogen beide als Kinder aus einem zerbro­chenen Nach­kriegs­deutsch­land nach Nordame­rika, nahmen aber den Bruch im Innern mit. Der Film ist ein Nach­kriegs­drama, die Geschichte eines Aufstiegs und Falls, eine des Hardrocks und die Lebens­ge­schichte zweier Außen­seiter-Jungen, zweier Step­pen­wölfe zugleich. Und darin gelungen: Er ist so abwechs­lungs­reich, dass er bezüglich des Enter­tain­ments Spiel­film­cha­rakter hat, ohne die Vorteile, eine Doku­men­ta­tion zu bleiben, zu verlieren. – Sela­hattin Genis, LMU München

A Boy and a Girl (Taiwan 2023 · R: Li-Da Hsu · Filmfest-Inter­na­tional Inde­pend­ents)

»Would you let your girl­friend do this, too?« Die beiden Jugend­li­chen schauen sich prüfend in die Augen, als könnten sie mit stei­gender Dauer des inten­siven Blick­kon­taktes die gewünschte Antwort vom Gegenüber herbei­zau­bern. Doch was an die Unschuld der ersten Liebe und unbe­schwerte Jugend­tage erinnert, dem haftet in A Boy and A Girl von Li-Da Hsu ein bitterer Beige­schmack an. Denn der jugend­liche Prot­ago­nist lässt die Minder­jäh­rige allein ins Hotel­zimmer gehen, in dem bereits ein Freier auf sie wartet – ein gemein­sames Geschäfts­mo­dell, um endlich ihren trost­losen Leben entfliehen zu können. Der Alltag bedeutet für die beiden Herz­schmerz und leere Eltern­häuser; zumindest auf emotio­naler Ebene. Eigent­lich sind sie längst auf sich selbst gestellt auf den ziellosen Radfahrten durch die Gegend, über nächtlich leer­ge­fegte Straßen und verlas­sene Dünen. Kein Wunder, dass sie auf der Suche nach Erwach­senen, die sie kümmern, statt­dessen einander fanden. – Maria Feckl, LMU München

Confi­denza (Italien 2023 · R: Daniele Luchetti · Spotlight)

Amore e Paura. Liebe und Angst, die gehören zusammen. In diesem Drama nach einem Buch von Domenico Starnone sind sie ungleich verteilt. Die hoch­be­gabte Schülerin Teresa (Federica Rosellini) ist in ihren gutmü­tigen Lite­ra­tur­lehrer Pietro (Elio Germano) obsessiv verliebt. Eine Geschichte, wie sie tausend­fach passieren kann. In einer unsäg­li­chen Nacht gestehen sie sich ihre abgrund­tiefsten Geheim­nisse als Zeichen ihrer Liebe. Teresa verlässt ihn, und Pietro fürchtet um die Enthül­lung, die sein ganzes Leben zerstören würde. Ein Strudel von Albträumen, manischer Liebe, Selbst­mord­phan­ta­sien, Ausge­lie­fert­sein und Mord­ge­danken dreht sich im Kreis. Kommt Teresa irgend­wann zurück? Sehr fesselnd. Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Ich werde meines auf jeden Fall für mich behalten. – Hubert Schön­wetter, LMU München

Die geschützten Männer (Deutsch­land 2024 · R: Irene von Alberti · Neues Deutsches Kino)

Die geschützten Männer
(Foto: Filmfest München | Irene von Alberti)

Eine weibliche, radikal femi­nis­ti­sche Partei – und die sympa­thischste Figur ist ein Mann. Wobei man allgemein nicht sagen kann, dass die Männer besser wegkämen als die Frauen, denn tatsäch­lich ist von den Haupt­fi­guren kaum jemand wirklich sympa­thisch. Aller­dings ist genau das auch irgendwo der Punkt: Es geht letzt­end­lich um Machtgier und -beses­sen­heit. Als die Männer von einem neuar­tigen Virus befallen werden und reihen­weise sterben, über­nehmen die Frauen die Regierung und alle anderen gesell­schaft­li­chen Bereiche. Das geht so lange gut, bis unter einigen Frauen ähnliche Macht­spiel­chen auftau­chen wie vorher unter den Männern. Dabei haben die Figuren mehr eine Funktion als einen Charakter, was zu einer schön bunten und absurden Satire führt, die aller­dings auch ein paar Längen aufweist. – Paula Ruppert, LMU München

Macht korrum­piert. Diese Binsen­weis­heit dekli­niert Irene von Alberti für eine queere Partei durch, die durch eine bizarre Epidemie, die nur Alpha-Männchen trifft (also alle Politiker), an die Macht kommt. Das erinnert in den Auswüchsen an Thomas Cailleys exzel­lente Dystopie Animalia. Doch Alberti will die Komödie und zeigt einmal mehr, wie schwer die Königs­dis­zi­plin Komödie ist und wie wenig funk­tio­nieren kann, auch und viel­leicht gerade, wenn die Absicht besonders gut ist. Das mag auch daran liegen, dass die Realität im Grunde die Fiktion und die Gedan­ken­spiele dieses Films schon längst von unserer woken Cancel-Realität und den Irrungen und Wirrungen der Grünen eingeholt worden sind. Der schwächste »poli­ti­sche Film« in der dies­jäh­rigen Ausgabe Neues Deutsches Kino. – Axel Timo Purr

Holly (R: Fien Troch u.a. · Belgien, Frank­reich 2023 · CineMas­ters)

Hoffnung weilt unter uns. Schon immer hatte die 15-jährige Holly etwas an sich, das die Aufmerk­sam­keit ihres Umfelds auf sich zog. Denn die einfache Herkunft der »Hexe«, wie ihr die Mädchen hinter­her­rufen, sorgt im Alltag für Ausgren­zung. Als eine Tragödie die Schule heimsucht, nimmt der Fokus auf ihre Person ein unge­ahntes Ausmaß an. Etwas an Hollys stechend blauen Augen und ihrer fried­li­chen Aura löst in Trau­ernden eine Blockade – durch bloße Berührung des Mädchens. Immer größer wird das Verlangen nach ihrer Nähe, aber wer kümmert sich um sie? Auch das Publikum kann sich dieser Wirkung nicht entziehen. Denn ihr Blick fällt wieder­holt auf das eigene Selbst und changiert zwischen wissendem Lächeln und unge­wisser Leere. Holly verliert das Gespür für einen schmalen Grad, den Regis­seurin Fien Troch in ihrem fein­füh­ligen Drama zeigen möchte: die Balance zwischen Nächs­ten­liebe und Aufop­fe­rung. – Maria Feckl, LMU München

Im Rosen­garten (Deutsch­land 2024 · R: Leis Bagdach · Neues Deutsches Kino)

Vexier­bilder migran­ti­scher Realität: Leis Bagdachs Roadmovie ist einer der über­ra­schendsten Filme dieses Jahrgangs Neues Deutsches Kino. Nicht nur, weil er die richtigen Fragen bezüglich migran­ti­scher Realität(en!) stellt, sondern auch, weil er dafür die richtigen und immer wieder hervor­ra­gend foto­gra­fierten Bilder findet. Wie in Max Frisch’s »Andorra« geht es auch bei Bagdach um die »Bild­nis­pro­ble­matik«: wie kann sich der einzelne seine eigene Identität bewahren gegenüber dem Bild, das sich die Umwelt von ihm macht? Vor allem auch gegenüber dem Bild, das er von sich selbst macht! Dieser so hoch­po­li­tisch wie tief­pri­vate Ansatz wird in eine hyper­reale, winter­liche Reise durch Deutsch­land einge­bettet, die durch über­ra­schende Begeg­nungen und exzel­lente Dialoge eine subtile Spannung erzeugt. Dass Bagdachs Held viel mehr ist und sogar der Prototyp eines Coming-of-Age eines Neuen Deutsch­land – so schön, dass es schmerzt – sein könnte, wird in der letzten Szene deutlich, in der die Musik dem Wort die Show stiehlt. Oder anders: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man singen. - Axel Timo Purr

Kinds of Kindness (IR/GB 2024 · R: Yorgos Lanthimos · CineMas­ters)

Sweet dreams* sind das wahrlich nicht, was uns der Director von Poor Things präsen­tiert. Eher stimmt: »Wir sind viel­leicht alle in Gefahr!« Mafiöse Abhän­gig­keiten, trüge­ri­sche Wahr­heiten, irreale Apoka­lypsen, das ergibt drei Filme in einem. Von der ersten Minute an erfasst uns ein Sog in die Untiefen der Phantasie. Dem man sich nicht entziehen kann. Emma Stone, Jesse Plemons und Willem Dafoe sind gewohnt wand­lungs­fähig. Robbie Ryans latent bedroh­liche Kamera in Unter­sicht bis hin zu extremen Close-ups sowie die mitreißende, auffah­rende Musik von Jerskin Fendrix: Alles harmo­niert perfekt. Der wilde Psycho-Tanz voller Über­ra­schungen und drama­ti­schen Wendungen verblüfft immer wieder. Eine Prise Coen, eine Spur Tarantino, ein echter Lanthimos. Nichts für schwache Nerven, aber eine unbe­dingte Empfeh­lung. *(Intro Song) – Hubert Schön­wetter, LMU München

Wer braucht schon Konven­tionen? Drei Geschichten mit dreimal demselben Ensemble. Der Antho­logie-Film von Lanthimos präsen­tiert dem Zuschauer mehr Fragen, als er beant­wortet. Durchweg dominiert Lanthimos' Blick für Ästhetik, er kann sich visuell nichts vorwerfen lassen. Auf narra­tiver Ebene scheint sich der Regisseur jedoch damit zufrieden zu geben, die zueigen gemachten unan­ge­nehmen Situa­tionen und ins Groteske abschwei­fenden, teilweise urko­mi­schen Momente, die ihn als Regisseur kenn­zeichnen, zu präsen­tieren. Anders jedoch, als bei seinen bishe­rigen Filmen, fehlt es ihm an inno­va­tiven erzäh­le­ri­schen Ideen und einem thema­ti­schen Leitfaden, weswegen der Film sich eher im Mittelmaß seiner Filmo­grafie bewegt. Sofern man Fan von unkon­ven­tio­nellen Erzäh­lungen ist und bereit ist, dem stark spie­lendem Ensemble etwas abzu­ge­winnen, lohnt es sich aber, dem Film eine Chance zu geben. – Christian Schmuck, LMU München

Klan­destin (Deutsch­land 2024 · R: Angelina Maccarone · Neues Deutsches Kino)

Karriere, Über­zeu­gung, Hoffnung, Muse, Moral, Pech: All das behandelt das Drama Klan­destin. Im Mittel­punkt stehen der illegal einge­wan­derte Malik, der Maler Richard, seine beste Freundin und EU-Abge­ord­nete Mathilda und deren Assis­tentin Amina. Während Malik auf ein besseres Leben hofft, gerät Tilda in einen Gewis­sens­kon­flikt, da er bei ihr in der Wohnung schläft, sie aber beruflich eine harte Migra­ti­ons­po­litik befür­wortet – zumal nach einem isla­mis­ti­schen Anschlag in Frankfurt die Nerven sowieso blank liegen. Der Film erzählt die Handlung nach­ein­ander aus der Sicht jeder einzelnen Figur. Dadurch werden diese sehr nuanciert gezeichnet und man bekommt Einblicke in die jewei­ligen Stand­punkte, die sich zwei­fels­ohne aktuell auch in der Gesell­schaft wieder­finden; aller­dings ist der Film dadurch oft etwas schlep­pend und nimmt erst spät an Fahrt auf. – Paula Ruppert, LMU München

Iron Lady Reloaded: Ein Film, der alles will und wenig dabei verliert. Der die Sehnsucht nach Europa, die Flücht­lings­po­litik und Flücht­lings­mi­sere in die richtigen, doppel­bö­digen und doppel­mo­ra­li­schen Bilder gießt und sich dabei immer wieder genug Zeit lässt, um seine ebenso politisch ange­legten Charak­tere nach und nach zu ange­mes­sener Komple­xität zu entwi­ckeln. Wie ein Schach­spiel, das aus seiner schwarz-weißen Polarität subtile Spannung und Grau­zo­nen­ana­lyse entwi­ckeln kann. Über­ra­gend Barbara Sukowa, die ein Herz aus Stein gibt und Euro­pa­po­litik mit Privat­po­litik furios amal­ga­miert und in ihrer Ambi­va­lenz ähnlich angelegt ist die vin Anne Ratte-Polle verkö­perte Marion Bach in wie İlker Çataks Es gilt das gespro­chene Wort. - Axel Timo Purr

Krish­na­murti, la révo­lu­tion du silence (F 2023 · R: Françoise Ferraton · Wett­be­werb CineVi­sion)

Verschneite Panoramen, weit­läu­fige Flüsse, bedroh­liche Wasser­fälle: Für ihren Debüt-Film fährt die fran­zö­si­sche Regis­seurin Françoise Ferraton ein natur­ge­wal­tiges Spektakel auf, eine kontem­pla­tive Version unserer Welt. Es sind gedachte Land­schaften auf Basis des indischen Philo­so­phen Jiddu Krish­na­murti. Verbunden werden diese herr­li­chen Bilder mit gelesenen Texten des Philo­so­phen. Schnell ist man in Gedanken bei Duras India Song, bei Text/ Kontext Über­le­gungen, bei einem Wett­streit der Bilder mit dem (darüber) Gesagten, samt der Hoffnung der Auflösung des einen im anderen.
Dieser Formwille wird aber leider nicht erzielt, mal wird zu abrupt geschnitten, mal das Konzept völlig aufgelöst: Immer wieder kommen Archiv­auf­nahmen des Philo­so­phen zum Einsatz, die ihm selbst das (sein) Wort anver­trauen, den medi­ta­tiven Ansatz des Films stören. So entsteht nichts neues oder heraus­for­derndes, die Drama­turgie ist nicht expe­ri­men­tell, sondern langsam und schwel­ge­risch.
Schlimm ist das nicht unbedingt, es bleibt ein hübscher Film, der es nur leider nicht vermag über sich selbst hinaus­zu­greifen.
- Benedikt Gunten­taler

Lars ist lol (Norwegen 2023 · R: Eirik Sæter Stordahl · Wett­be­werb CineKindl)

Die erste Liebe ist immer schwierig. Und wenn zum allge­meinen Puber­täts­ge­fühls­chaos auch noch ein neuer Klas­sen­ka­merad kommt, kann alles sehr schnell völlig aus dem Ruder laufen. So geht es Amanda, die in einen Jungen aus ihrer Klasse verknallt ist und dann ein Tandem mit dem Neuen gründen soll – der aber Down-Syndrom hat und sie, ist sie überzeugt, garan­tiert blamieren wird. Der norwe­gi­sche Kinder­film behandelt Themen wie Vorur­teile, (Cyber-)Mobbing und Grup­pen­zwang, aber auch Freund­schaft sowie das Gefühls­chaos beim ersten Crush. Dabei sind die Prot­ago­nist*innen so nahbar gestaltet, dass sie das junge Publikum ziemlich sicher verstehen wird. Dadurch entstehen eine absolut kind­ge­rechte Darstel­lung und Ausein­an­der­set­zung mit diesen wichtigen Themen, die eigent­lich nicht nur Kinder betreffen. – Paula Ruppert, LMU München

Madame Sidonie in Japan (D/F/J/CH 2023 · R: Élise Girard· Wett­be­werb CineCoPro)

Lieber flanieren statt leben und lieben: So wie Wim Wenders in Perfect Days verschwur­belt auch Élise Girard japa­ni­sches Lebens­ge­fühl zu einem folk­lo­ris­ti­schen Potpourri, durch das Isabelle Huppert als Schrift­stel­lerin tapst und stakst und im vermeint­li­chen Land der Ghibli-Geister auf ihren verstor­benen, von August Diehl darge­stellten Ehemann trifft. Das ist aufge­setzt dämlich und überhaupt nicht poetisch, auch wenn das der Film immer wieder behauptet. Tokio sieht hier so aus wie bei Wenders oder das Paris in Woody Allens Ein Glücks­fall: Schöne Hotels, elegische Land­schaften und wunder­bare Auto­fahrten mit einer Autorin, die nicht mehr schreibt und nicht mehr liest – safer Writing so wie safer Sex. Immerhin das über­rascht. – Axel Timo Purr

Fremd­scham statt Fremde erfahren: Eine geist­bleich-geschminkte Schrift­stel­lerin, gespielt von Isabelle Huppert, reist beruflich nach Japan, begegnet dort ihrem verstor­benen Geliebten als August-Diehl-Geist, und verliebt sich neu in ihren japa­ni­schen Verleger. Was sich wunderbar in einer anzi­tierten Tradition aus Hiroshima, mon amour, Ghost – Nachricht von Sam und Lost in Trans­la­tion hätte einreihen können, verliert sich im Banalen. Fäden zu den Themen der Vorbilder wie die Krise der Erzählung, der Darstell­bar­keit oder der Kommu­ni­ka­tion werden hier zwar in der Prämisse aufge­worfen und ästhe­tisch angetippt, jedoch an keiner Stelle weiter­ge­sponnen oder verwoben. Über­le­gungen des Films über Trauer und das Schreiben grätschen entweder pathe­tisch in den Kitsch oder lösen sich auf in unreifer Komik. Dann Schnitt. Nach­hal­tigen Grusel hinter­lässt lediglich August Diehls Anzug. Eine wirkliche Fremd­heits­er­fah­rung wird dem Zuschauer nicht zuteil, von der durch Humor und Green­screen hervor­ge­brachten Fremd­scham einmal abgesehen. – Noah Mrosczok, LMU München

Milch ins Feuer (Deutsch­land 2024 · R: Justine Bauer · Neues Deutsches Kino)

Warum werden Schnecken nicht 5 Meter hoch? Wer sich vor zwei Jahren nicht so recht mit der Darstel­lung bäuer­li­chen Lebens in Sabrina Sarabis Niemand ist bei den Kälbern anfreunden konnte, sollte sich Justine Bauers Film ansehen. Mit einer starken, eigen­wil­ligen Bild­sprache erzählt sie von Jugend­li­chen und jungen Erwach­senen, die dem Leben und Sterben des bäuer­li­chen Berufs, ja sogar einer Schwan­ger­schaft, mit über­ra­schender und beein­dru­ckender Noncha­lance begegnen und dementspre­chend auch Verlo­ckungen und Berufs­ver­bes­se­rungs­al­ter­na­tiven wie bei Aldi an der Kasse zu arbeiten, eine atem­be­rau­bende Resilienz entge­gen­bringen. Und wenn es auch nur in diesem einen, erzählten Sommer so ist, in dem die stillen Helden dieses stillen Films aufs Joghurt­glas gekommen sind. Allein die Eingangs­se­quenz mit Schaukel und der immer wieder­keh­renden Stimme aus dem Off ist es wert, diesen Film anzusehen. Und das nicht nur wegen des umwer­fenden deutschen Dialekts des Aleman­nisch-Hohen­lo­ni­schen, der hier gespro­chen wird. Zurecht mit dem Förderpeis Neues Deutsches Kino in der Kategorie »Produ­zen­ti­sche Leistung« ausge­zeichnet. – Axel Timo Purr

Motel Destino (R: Karim Aïnouz · Brasilien, Deutsch­land, Frank­reich ·2024 · Wett­be­werb CineCoPro)

Rot und blau. Neonlicht umspült die Figuren in Motel Destino wie ein Sumpf. Verfolgt und erschüt­tert vom Tod seines Bruders sucht Heraldo Zuflucht im Sex-Motel Destino und in den Armen der Frau seines despo­ti­schen Betrei­bers. In den fens­ter­losen Suites, getränkt in konstantem Lust­stöhnen unge­se­hener Anderer, scheint die Zeit jede Bedeutung zu verlieren, zu schmelzen. Hinter­gründig plät­schert die Noir-Handlung um Verfol­gung, Eifer­sucht und Gewalt über die Masse ästhe­ti­scher Kniffe: eklek­ti­sche Schnitte, poppiges Neonlicht, surreale Tier­sym­bolik, eine Menge expli­ziter Sexszenen, flackernde Heim­su­chungen, weich­ge­wa­schene Traum­vi­sionen und lyncheske Neben­fi­guren. Sie sind für sich genommen spannend, verschwimmen in ihrer scheinbar wahllos gemischten Fülle doch zu einer eher dünnen Brühe. – Lee Rede­pen­ning, LMU München

Ein Film der verpassten Chancen. Diese Bezeich­nung trifft leider nicht nur auf »Motel Destino« als Film zu, sondern auch auf seine diversen Hand­lungs­stränge und Ideen. Der Film kann sich nicht entscheiden, was er nun sein will – Liebes­ge­schichte, Porno, Mafia Thriller. Verschie­denstes wird begonnen, aber nichts davon konse­quent weiter­ver­folgt.
Die Ästhetik versucht, über allem zu stehen – zu Beginn noch in starken Blau-Rot-Kontrasten gehalten verliert sie sich in der zweiten Hälfte in einer enttäu­schend normalen Farb­ge­bung. In dieser Abwärts­ent­wick­lung spiegelt sich dann auch das vorher­seh­bare Ende eines Plots mit stereo­typen Figuren wider. Der Großteil des Poten­tials eines starken Beginns und seinen diversen Elementen wird damit verschwendet. – Anna Schell­kopf, LMU München

Muxmäu­schen­still x (Deutsch­land 2024 · R: Jan Henrik Stahlberg · Neues Deutsches Kino)

Luther auf LSD: Wenn die Realität die Satire überholt, funk­tio­niert auch die Film­sa­tire nicht mehr. Vor 20 Jahren, als Stahlberg den groß­ar­tigen ersten Muxmäu­schen­still gemacht hat, ging das noch. Jetzt gibt es kaum noch über­ra­schende Momente, weder wenn die Deutsche Bahn abge­watscht wird, noch die Melange aus AFD, BSW und Selbst­jus­tiz­for­maten lustvoll insze­niert wird. Zwar gibt es kluge Andeu­tungen an Nicht-Satiren wie Je suis Karl und The East, doch Stahl­bergs Mocku­men­tary dreht sich im Kreis und zündet nur ganz selten die anar­chi­sche Wucht, mit der Stahlberg etwa in seinem letzten Film Fikke­fuchs noch so gnadenlos wie brillant jonglierte. – Axel Timo Purr

O Chale (Deutsch­land 2024 · R: Jan Hendrik Lübbers · Neues Deutsches Kino)

Oh Boy: Darf man das noch? Als deutscher Regisseur nach Ghana gehen und einen Film über das Coming-of-Age von ein paar basket­ball­be­geis­terten Jugend­li­chen in Ghanas Haupt­stadt Accra machen, ohne das irgendwer den Vorwurf kultu­reller Aneignung äußert? Man sollte, man muss dürfen, denn Jan Hendrik Lübbers Hybrid aus Spiel- Doku­mentar- und modernem ethno­gra­fi­schem Film ist eine groß­ar­tige Liebes­er­klärung an Accra und seine Bewohner. Lübbers dringt mit einer präzise suchenden Kamera und einem subtilen und gott­sei­dank überhaupt nicht folk­lo­ris­ti­schen Score bis in den intimsten Alltag seiner Helden, zeigt die Hinter­höfe und Wäsche­leinen genauso wie das Essen und Alltags­hand­lungen wie Busfahren mit irren Predigern. Und dann gibt es genaue, wichtige Dialoge, wie der zwischen Mutter und Sohn, der so viel mehr von der ghanai­schen Gesell­schaft erzählt als der Reuters-Jour­na­lismus und man merkt, dass Lübbers nach dem Abitur elf Monate lang als frei­wil­liger Basket­ball­trainer in Accra gear­beitet hat. Lübbers Film ist auch ein hervor­ra­gendes Beispiel daafür, dass man anders als etwa Matteo Garrone in Io Capitano, auch ohne magischen Realismus und einen Schwer­punkt Migration (obwohl das Thema durchaus zur Sprache kommt) auskommen kann, wenn man von West­afrika erzählt. – Axel Timo Purr

Paris Paradies (R: Marjane Satrapi • Frank­reich 2024 • Spotlight)

Paris Paradies
(Foto: Filmfest München | Marjane Satrapi)

Das Leben rettet uns vor dem Tod. Eine alternde Operndiva (hinreißend: Monica Belucci), lebendig im Patho­lo­gie­schrank, ein junges, suizi­dales Mädchen treibt ihren Entführer zur Verzweif­lung, ein älterer Mann bestellt einen Sarg mit allen Schikanen, ein philo­so­phi­scher Barmann betrauert den Verlust seiner Liebe. Die lebens­müden Prot­ago­nisten wollen sterben – und doch wieder nicht. Fünf simultan erzählte Geschichten erscheinen zunächst über­for­dernd, doch man ist schnell mitten­drin. Unterm Himmel von Paris, der eigent­li­chen Prot­ago­nistin. Eine herrlich schräge Komödie. Crazy, jede Pointe sitzt, und mit nach­denk­li­chen Momenten. Fran­zö­sisch in bester Tradition. Zum Mitlachen und Mitfühlen. Dieser unter­halt­same Film ist der Eröff­nungs­film der kommenden Film­kunst­wo­chen München! – Hubert Schön­wetter, LMU München

Pedágio (R: Carolina Markowicz · Brasilien, Portugal 2023 · Inter­na­tional Inde­pend­ents)

Tiquinho möchte Influencer werden. Doch nicht nur das: seine Lieb­lings­farbe ist pink, er expe­ri­men­tiert mit Make-up und geht mit Lip-Sync-Nummern live auf Social Media. Während­dessen zündet die allein­er­zie­hende Suellen früh­mor­gens auf einem Berg Kerzen für ihren homo­se­xu­ellen Sohn an – in Hoffnung auf Heilung. Ihre Kollegin weiß: die Zeit dafür drängt. Denn ist Tiquinho erstmal voll­jährig, ist der Zug zur Umkehr endgültig abge­fahren. Dass sich diese während der Arbeits­zeit mit Kollegen zum Stell­dichein trifft, verschweigt die streng­gläu­bige Dame ihrer Freundin jedoch; schließ­lich feiert sie 39. Hoch­zeitstag. Eine Umkehr­the­rapie verspricht Hoffnung, aber wie soll Suellen sich diese leisten? Regis­seurin Carolina Markowicz erzählt in ihrer bissigen Komödie von einem (doppel)mora­li­schen Dilemma und stellt die Frage, wieweit wir von unseren eigenen Prinzipen abweichen, um denen der Gesell­schaft gerecht zu werden. – Maria Feckl, LMU München

Petra Kelly – Act Now! (R: Doris Metz · Deutsch­land 2024 · Neues Deutsches Kino)

Das enfant terrible der deutschen Politik. Anti­po­li­ti­kerin in den höchsten Sphären der Politik, Mitgrün­derin der Anti­par­tei­en­partei: Petra Kelly. Doris Metz zeigt die Verkör­pe­rung des deutschen Philis­ter­schrecks nicht nur politisch, sondern vor allem privat. Einer­seits zwischen Honecker und Kennedy, ande­rer­seits zwischen den USA, Bonn und der Oma in Mittel­franken. Nicht Petra Kelly, die Akti­vistin, auch Petra, der Mensch. Metz fängt beide Perspek­tiven durch die Berück­sich­ti­gung unter­schied­lichster Stimmen ein: Otto Schily, Luisa Neubauer, Kellys Bruder John, ihre Freundin Eva. Neue unge­se­hene Bilder, Stimmen zu Kelly aus drei Gene­ra­tionen – mit poli­ti­schem, wie privaten Fokus. Dem Film gelingt viel. Man sieht ihn politisch, sieht aber auch, wogegen Kelly abstrakt kämpft im Alltag ihres eigenen Lebens: eine gequälte Frau, am Ende wohl durch die Hände eines einneh­menden Mannes ermordet. Politik und Privates sind nicht zu trennen – Metz zeigt das und auch deswegen hat man einen (leider!) aktuellen Film gesehen. – Sela­hattin Genis, LMU München

Planet Magnon (Deutsch­land 2024 · R: Luis August Krawen · Spotlight)

Was passiert, wenn man ein Thea­ter­en­semble mithilfe von Motion-Capturing animiert und in ein futu­ris­ti­sches Setting setzt? Diese Idee liegt Planet Magnon zugrunde. Die uns bekannte Welt­ord­nung hat sich grund­le­gend geändert; die Menschen leben in Kollek­tiven, die teils sekten­ar­tige Züge anzu­nehmen scheinen. Plötz­liche, in den sonst eintö­nigen Farben giftgrüne Gewalt­an­schläge stören den herr­schenden Frieden, und es folgt gewis­ser­maßen eine Aben­teu­er­reise durch die verschie­denen Planeten des Sonnen­sys­tems. Dabei hat jeder Planet seine eigenen Farben, seine eigenen Struk­turen, seine eigene Land­schaft. Der sehr realis­ti­sche, aber auch extrem glatte Anima­ti­ons­stil wird wohl nicht jede*r gefallen. In Kombi­na­tion mit der komplett elek­tro­ni­schen Musik entsteht alles in allem ein expe­ri­men­telles Science-Fiction-Werk. – Paula Ruppert, LMU München

Realm of Satan (USA 2024 · R: Scott Cummings · Wett­be­werb CineRe­bels)

Sie sind die Geister, die stets verneinen! Und das mit Stil. So in etwa lässt sich Scott Cummings' Realm of Satan wohl am besten beschreiben. Der Film portrai­tiert Mitglieder der Church of Satan und liegt dabei irgendwo zwischen Doku­mentar- und Spielfilm. Er gibt Einblicke in die Häuser, Gewohn­heiten und Rituale seiner Figuren, verteu­felt sie aber nie, da alle Szenen in Zusam­men­ar­beit mit den Prot­ago­nist*innen selbst insze­niert sind. Man hat jedoch nicht das Gefühl, dass dadurch eine arg ideell geprägte Darstel­lung zustande kommt; vielmehr entsteht ein Kalei­do­skop von sehr auf die Ästhetik bedachten Indi­vi­duen. Diese prägt den dialog­armen Film, der durch den Ton mit den Möglich­keiten einer weiteren Ebene spielt. Das führt zu einem sehr lohnens­werten Doku­men­tar­film – der im klas­si­schen Sinne nicht wirklich einer ist. – Paula Ruppert, LMU München

Ein dunkler Raum, rote Tapeten, eine Ziege auf dem Esstisch. Dieses Spiel mit Klischees und gelebter Realität durch­dringt den gesamten Film, der den Führungs­per­sonen der »Church of Satan« Raum zur Selbst­in­sze­nie­rung gibt. Gleich­zeitig wird den Zuse­henden durch Scott Cummings ein einzig­ar­tiger und faszi­nie­render Blick in die Leben von Satanist:innen gewährt, der glei­cher­maßen mit doku­men­ta­ri­schen wie fiktio­na­li­sierten Elementen arbeitet und frei von Vorver­ur­tei­lung ist.
Die durch­ge­stylte Ästhetik der Satanist:innen – ein wichtiges Element im prak­ti­zierten Sata­nismus – bildet die Grundlage der visuellen Gestal­tung des Films selbst. Es wird eine eine fast fieber­traum­ar­tige Erfahrung geschaffen, getragen von wech­selnder Musik verschie­dener Stile und dunklen Farben, nur selten von gespro­chenem Wort unter­bro­chen. – Anna Schell­kopf, LMU München

Rumours (R: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson · Deutsch­land, Kanada · 2024 · Wett­be­werb CineCoPro)

Rumours
(Foto: Filmfest München | Guy Maddin)

Krisen­gipfel. Oder: Stell dir vor, es ist G7-Treffen und die Apoka­lypse bricht aus. Gerade noch bei Foto­termin und Arbeits-Dinner sehen sich die Regie­rungs­chefs der bedeu­tendsten Indus­trie­staaten der west­li­chen Welt mit einer neuen, brisanten Krise konfron­tiert: die wieder­auf­er­stan­denen Moor­lei­chen Nieder­sach­sens. Auf der Suche nach Hilfe kämpfen sich die Kari­ka­turen bekannter Politiker*innen – eine Angela Merkel zwischen sachlich und schmach­tend, die sich an einen hyper­emo­tio­nalen Justin Trudeau schmeißt, während Joe Biden schwur­belnd über seine Todes­wün­sche sinniert – durch künst­liche Sets und ihre eigene Über­for­de­rung. Die sati­ri­sche Über­zeich­nung vom Typ »Heute Show« findet in Kombi­na­tion mit dem Remix klas­si­scher Genreh­orror-Elemente eine bizarre Balance aus reinem Klamauk und bissigem Humor. – Lee Rede­pen­ning, LMU München

Polit­gro­teske, die sich alle Frei­heiten nimmt. Auf Burg Dankerode treffen sich die Staats­chefs zum G7-Gipfel, nach getaner Arbeit sollen sie in einem Pavillon im Park ein vorläu­figes Statement zur globalen Lage verfassen. Hilde, Gast­ge­berin und deutsche Kanzlerin, süffisant von Cate Blanchett verkör­pert, teilt in Arbeits­gruppen ein, alle brain­stormen dilet­tan­tisch, lassen sich von ihren Gelüsten (Wein, Sex) ablenken und vom Banalen, das ihnen so durch den Kopf geht (Urlaub, Hobbys). Während die Präsi­denten tagen, versinkt der Park im Nebel, als wäre würde hier noch einmal Lars von Triers Melan­cholia gegeben. Sex, Schlamm und ein Zombie-Rudel zersetzen schließ­lich die Versamm­lung. Das ist deutsche Angst, ist deutscher Wald, märchen­haft und absurd. Vom kana­di­schen Expe­ri­men­tal­filmer Guy Maddin. – Dunja Bialas

Sabba­tical (Deutsch­land 2024 · R: Judith Anger­bauer · Neues Deutsches Kino)

Uns geht es gut hier. Was natürlich alles andere als wahr ist, so wie bei jedem, der das von sich und seiner Beziehung behauptet. In Judith Anger­bauers dichtem Psycho­gramm über ein Paar mit Kind während einer Auszeit auf einer grie­chi­schen Insel bricht das Karten­haus der behaup­teten Fami­li­en­idylle jedoch schnell zusammen, gibt es wuchtige, wahr­haf­tige Streit­szenen und nicht mal der Sex ist noch schmerz­frei. Angerbau zieht die Schrauben mit weiteren Prot­ago­nisten souverän und psycho­lo­gisch diffe­ren­ziert an, so dass am Ende ein Totentanz der Dysfunk­tio­na­lität entsteht, der kaum besser insze­niert sein könnte und immer wieder an den großen Klassiker einer erodie­render Beziehung, an Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe erinnert. – Axel Timo Purr

Sad Jokes (Deutsch­land 2024 · R: Fabian Stumm · Neues Deutsches Kino)

Sad Jokes
(Foto: Filmfest München | Fabian Stumm)

Stell dir vor, du erzählst einen Witz und keiner lacht. So ähnlich geht es dem Dreh­buch­autor Joseph, dem Prot­ago­nisten in Fabian Stumms Sad Jokes. Nur findet bei ihm ein Produzent sein ganzes Drehbuch überhaupt nicht lustig, obwohl es eigent­lich eine Komödie hätte werden sollen. Eine Komödie, deren Witze ab und zu auch traurig sind. Und so ungefähr lässt sich der ganze Film beschreiben: lustig und irgendwo traurig. Witzige Dialoge, tragi­ko­mi­sche Momente, Situa­ti­ons­komik und ernstere Episoden wechseln sich ab. Zum Glück möchte man hier, anders als in Josephs Drehbuch, gern ab und zu lachen. Gleich­zeitig kann man hinter den Dialogen und Fassaden entweder eine tiefere Ebene suchen, oder aber sich einfach nur unter­halten lassen, was „Sad Jokes“ zu einem sehr ange­nehmen Seherlebnis macht. – Paula Ruppert, LMU München

Dieser Film-im-Film ist so klug wie emotional und wirklich außer­ge­wöhn­lich. Unter der Regie von Fabian Stumm, der auch vor der Kamera als Haupt­dar­steller brilliert, entfaltet sich ein tief­sin­niger, komischer und immer wieder berüh­render Reigen über Leben und Überleben im Alltag eines Filme­ma­chers. Die grund­sätz­lichste Frage deutet sich bereits im Titel des Films an: ist nicht Trau­rig­keit und Scheitern die eigent­liche Grundlage jeden Humors? Stumm gibt nicht nur eine Antwort, sondern über seine bis in die kleinste Neben­rolle groß­ar­tiges Ensemble variiert er seine Antworten auf beruf­li­cher und persön­li­cher Ebene mit Dialogen, die fast immer unter die Haut gehen und über­ra­schen. Allein der sich grandios entwi­ckelnde Monolog aus Schillers Jungfrau von Orleans erzählt ein ganzes Leben, so traurig wie schön. Keine Über­ra­schung ist es, dass Stumms Film sowohl den FIPRESCI- als auch den Förder­preis Neues Deutsches Kino für Regie erhalten hat. – Axel Timo Purr

Sem Coração (BR/F/I 2023 · R: Nara Normande, Tião · Wett­be­werb CineVi­sion)

Über die Bürde, erwachsen zu werden. Am Strand eines brasi­lia­ni­schen Fischer­dorfes erlebt Tamara ihren letzten Sommer mit ihren Freunden, bevor sie in die Stadt Brasilia zieht. Dabei arbeitet sich der Film an den gängigen Coming-of-Age Themen ab. Die Regis­seure kreieren stre­cken­weise groß­ar­tige Momente, wenn sie das Setting und die Figuren frei agieren lassen und man das Gefühl bekommt, einfach nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Jugend­li­chen zu verfolgen, wobei der Film emotional häufig die richtigen Töne trifft. Trotz dieser sehr guten Momente kommt der Film nicht um einige Klischees und Längen umher. Insgesamt dennoch definitiv sehens­wert, alleine wegen der erfri­schenden Darbie­tungen der Jung­dar­steller. – Christian Schmuck, LMU München

Snow Leopard (Xue Bao) (China 2023 · R: Pema Tseden · Inter­na­tional Inde­pend­ents)

»When I die, you can eat me.« Am Ende seiner Kräfte trifft der buddhis­ti­sche Mönch im tibe­ti­schen Hochland auf den Schnee­leo­parden, den er früher einmal gerettet hat. Mystische Bilder eines einzig­ar­tigen Wesens in einer gran­diosen Land­schaft. Das ist großartig. Derselbe Schnee­leo­pard reißt später mehrere Schafe und wird fest­ge­setzt. Reporter, Beamte und Poli­zisten streiten mit dem Schäfer um Entschä­di­gung und Frei­las­sung des streng geschützten Tieres. Diese aggres­sive Ausein­an­der­set­zung nimmt leider einen zu großen Teil des Films ein und passt nicht zum Kern der Story um die magische Beziehung von Mönch und Schnee­leo­pard. Eine erstaun­liche Parallele: Wolf und Bär verschmähen auch hier­zu­lande keine Schafe. Noch pikanter wird’s, wenn die Staats­kanzlei Problem­bären im Wirt­schafts­mi­nis­te­rium verortet. – Hubert Schön­wetter, LMU München

Sonnen­plätze (Deutsch­land/Spanien 2024 · R: Aaron Arens · Neues Deutsches Kino)

Künstler sind keine leichten Menschen. Hat man mehrere von ihnen auf einmal und steckt sie auch noch in eine kompli­zierte Fami­li­en­si­tua­tion, sind Chaos und Drama vorpro­gram­miert. In „Sonnen­plätze“ werden alle Figuren auch in ihren schlechten Eigen­schaften gezeichnet, aller­dings wird man weder genervt von ihnen, noch hasst sie am Ende. Dazu gäben sie jedoch genug Anlass: Die Tochter, aufstre­bende Autorin, kriegt ihr Buch nicht verlegt und flüchtet vor der Realität ins familiäre Feri­en­haus auf Lanzarote. Dort findet sie ihren Vater, ebenfalls Autor, der scheinbar aus ähnlichen Gründen da ist. In den hügeligen Weiten der Insel kommt sich die Familie letzt­end­lich nicht aus und muss sich ausspre­chen – was keines­wegs einfach ist, da kaum ein Fami­li­en­mit­glied im gespro­chenen Wort die offen­sicht­liche Wahrheit sagen kann. – Paula Ruppert, LMU München

Liebe ohne Leiden? Künstler ohne Exzentrik? Sein ohne Schein? Diese Fragen werden in Aaron Arens' komö­di­an­tisch aufbe­rei­tetem Fami­li­en­drama aufge­worfen. Eine zerbro­chene Künst­ler­fa­milie kommt am Ort des Glücks vergan­gener Tage zusammen. In ihrem Haus auf Lanzarote zerbricht sie an der Exzentrik und am Schein – und findet schließ­lich aber doch ihren Platz in der Sonne. Arens, der an der HFF in München studierte (wo Wim Wenders noch immer Hono­rar­pro­fessor ist) folgt in seinem Abschluss­film dem Drive, lässt seinen Film durch die Wüste laufen; äußerlich unauf­ge­regt, innerlich brennend betrachten; schreien; den Zuschauer Kind sein wollen – den Künstler sich das Ohr abschießen. Der Film lohnt sich, sofern man akzep­tiert, dass das Leben zwischen Liebe, Leid, Kunst, Exzentrik oder dem Sein und Schein statt­finden. Zu verstehen: Er lohnt sich. – Sela­hattin Genis, LMU München

Glück für alle Zeit oder die Hölle ist immer zuerst die eigene Familie. Da hilft es natürlich auch nicht, wenn die Familie sich wie in Aaron Arens Fami­li­en­drama im intel­lek­tu­ellen Milieu einer Schrift­steller- und Verle­ger­fa­milie bewegt und das Reflek­tieren über das eigene Leben zum beruf­li­chen und privaten Alltag wie die Butter aufs Brot gehört. Arens Intro­spek­tive einer dysfunk­tio­nalen Familie überzeugt vor allem durch den mutigen Ansatz keine Person sympa­thisch zu zeichnen und irgendwie alle schlecht wegkommen – so wie in dem Debü­t­roman der hier gezeigten Tochter und Jung­s­chrift­stel­lerin. Dass es wieder einmal ein Sehn­suchtsort der Deutschen sein muss (Lanzarote, siehe Sabba­tical und All we ever wanted für andere Beispiele dieser Spielart in diesem Jahr), um eine deutsche Familie zu dekon­stru­ieren, also eine etwas banale Hinter­fra­gung eines vermeint­li­chen Para­dieses, hätte nicht unbedingt sein gemusst, aber für den Drehbuch-Förder­preis Neues Deutsches Kino, hat es dennoch gereich. – Axel Timo Purr

Swimming Home (R: Justin Anderson · Brasilien, Grie­chen­land, Nieder­lande, Verei­nigtes König­reich · 2023 · Inter­na­tional Inde­pend­ents)

Körper­sym­me­trien. Die Figuren in Swimming Home kreisen um sich selbst, uner­gründ­lich, abge­schlossen, schön. Fast obsessiv wirkt die Über­set­zung von Bezie­hungs­kon­stel­la­tionen ins Visuelle. In jeder Einstel­lung werden Körper zu Skulp­turen kompo­niert, in satten Farben des 16mm-Films und kaum spürbaren Kame­ra­be­we­gungen zu Kunst­werken insze­niert. Handlung (beim Fami­li­en­ur­laub in Grie­chen­land bringt eine Fremde Chaos ins System) ist Neben­sache, vielmehr formieren sich an der unge­be­tenen Gästin Frakturen in der Schein­har­monie. Und doch ist da mehr unter der Ober­fläche; Knackse in der Patina, die Einblicke zulassen in ein Inneres, das hervor­zu­bersten droht. Die Adaption von Deborah Levys Roman entwi­ckelt in seiner bild­ge­wal­tigen Lang­sam­keit einen vers­tö­renden Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. – Lee Rede­pen­ning, LMU München

Eigen­ar­tige, mit Horror­ele­menten versetzte Intru­der­ge­schichte des briti­schen Künstlers Justin Anderson. Eine Familie mit einem depressiv-melan­cho­li­schen Poeten als Vater macht Urlaub in Grie­chen­land. Eines Tages treibt im Swim­ming­pool ein nackter Frau­en­körper: Kitty (Ariane Labed). Sie ist die zentrale Figur, die das familiäre Gefüge in Off-Balance bringen wird, auch ganz wörtlich, denn Kitty, die Bota­ni­kerin, lernt nicht nur sehr schnell Gedichte auswendig, sondern inter­es­siert sich auch für die lokale Modern-Dance-Szene, in der Artisten auf allen Vieren performen, als wären sie Spin­nen­tiere, um sich hinter­rücks ins Bewusst­sein der Menschen zu schlei­chen. Statt auf einen verdrehten Horror-Plot vertraut der Film jedoch aufs Atmo­sphäri­sche, auf leise Psycho­gramme seiner Figuren, erzählt von der Schwüle und (sexuellen) Über­hit­zung der Gemüter im Huis-Clos einer Sommer­villa. – Dunja Bialas

Tatami (Georgien/USA 2023 · R: Zar Amir, Guy Nattiv · Spotlight)

Sport ist Politik. Es mag sich ein wenig plakativ anhören, dass Tatami der erste Spielfilm ist, der von einem iranisch-israe­li­schen Regie-Duo insze­niert wurde. Doch der Film hält dieses Werbe­ver­spre­chen, auch weil er wie jeder gute Sportfilm ein poli­ti­scher Film ist, in dem psycho­lo­gisch diffe­ren­ziert austa­riert wird, wie schwer der Weg ist, sich in einem tota­li­tären Regime »richtig« zu verhalten, ohne dabei Freunde und Familie zu gefährden. Wie schon in seinem hervor­ra­genden Golda zeigt Nattiv auch hier, wie aus einem fast schon kammer­spiel­ar­tigen Setting ein beklem­mendes Thriller-Narrativ entstehen kann, in dem alle Facetten des Wider­stands und der Anpassung durch­de­kli­niert werden, ohne das dabei mora­lin­sauer aufge­stoßen werden muss. Und nicht zuletzt überzeugt auch der Sport selbst, zeigen Amir und Nativ, was Judo ist und wie sehr dieser hier aufregend insze­nierte und gefilmte Sport so wie Fußball an sich schon poli­ti­sches Handeln arti­ku­liert. Ein Film, der viel­leicht zu einem ähnlichen poli­ti­schen Türöffner werden könnte wie die Serie Tehran. – Axel Timo Purr

Touch (R: Baltasar Kormákur • Island, Verei­nigtes König­reich 2023 • Spotlight)

Islän­di­sches Haiku. Flashback in der Corona-Anfangs­zeit 2020: 1969 arbeitet der islän­di­sche Student Kristófer aus einer Laune heraus in einem japa­ni­schen Restau­rant in London. Er verliebt sich in Miko, die Tochter des Chefs. Bald darauf verschwindet die japa­ni­sche Familie spurlos. Nach 50 Jahren (erst jetzt, weil er bislang verhei­ratet war?) macht sich Kristófer auf die Suche nach seiner damaligen Liebe, die ihn bis nach Hiroshima führt. Baltasar Kormákur erzählt das Liebes­drama nach der Roman-Vorlage von Ólafur Jóhann Ólafsson durch­ge­hend sehr leise und ruhig. Ein schüch­terner Isländer und eine junge, aufmüp­fige Japanerin. Unge­wöhn­lich. Das aufrüh­rende Geheimnis ihrer Flucht aus London löst sich erst am Ende der Story auf. Darauf muss man lange warten. Ein Film, auf den man sich besonders einlassen muss. Dann entfaltet er seine Wirkung. – Hubert Schön­wetter, LMU München

Una Noche con los Rolling Stones (Kuba/Nicaragua 2023 · R: Patricia Ramos Hernandez · Spotlight)

Ladies and Gentlemen…The Rolling Stones! Der klas­si­sche Beginn eines Stones Konzerts bildet hier die letzten Worte des Films. Man fragt sich jedoch, was die Stones denn jetzt genau mit diesem Film zu tun hatten. Wir verfolgen das Leben der Mitte 40-jährigen geschie­denen Mutter Rita, die eine Midlife-Crisis durchlebt. Der Film plät­schert mehr oder weniger so dahin, während Rita mit ihrem Sohn, ihrer alternden Mutter und ihrem Liebes­leben zu kämpfen hat. Dabei schafft es der Film kaum, inter­es­sante oder emotio­nale Momente herzu­stellen, sondern beschränkt sich auf ober­fläch­li­ches Abklap­pern der gängigen Themen eines solchen Dramas. Mitunter vermag es der Film an einigen Stellen eine gewisse humo­ris­ti­sche Leich­tig­keit zu präsen­tieren, um jedoch spätes­tens im letzten Drittel seinen erzäh­le­ri­schen Schwächen zu erliegen. – Christian Schmuck, LMU München

Viêt and Nam (Frank­reich, Nieder­lande, Vietnam 2024 – R: Minh Quý Trương – Ciner­ebels)

Zwischen junger Liebe und trau­ma­ti­scher Enfilade. Ein Film, der sich gleich zwei großen Themen­kom­plexen annimmt. Einer­seits verfolgen wir das junge Paar Viet und Nam, die ihre Homo­se­xua­lität verbergen müssen. Zum anderen thema­ti­siert der Regisseur Nach­kriegs­folgen und Traumata. Mit poin­tierter Ruhe wird die Geschichte in außer­ge­wöhn­li­chen Analog­film-Bildern und episo­den­haften Abschnitten erzählt. Mitunter verliert der Regisseur etwas den Blick fürs Wesent­liche. Trotzdem weiß er zu beein­dru­cken und dem Zuschauer ein gesell­schaft­li­ches Bild von Vietnam um die Jahr­tau­send­wende aufzu­zeigen, welches nach­haltig im Gedächtnis bleibt. Lässt man sich einmal auf das Tempo und die Erzähl­weise ein, sieht man einen bewe­genden Film. – Christian Schmuck, LMU München

Xoftext (Deutsch­land 2024 · R: Noaz Deshe · Neues Deutsches Kino)

Ein Traum von Europa: Mit einem eindring­li­chen Elektro-Score erzählt Noaz Deshe von dem surrealen, dann wieder hyper­realen Alltag in einem grie­chi­schen Flücht­lings­camp. Ein wenig stört der magische Realismus, den Deshe immer wieder benutzt, um seine Geschichte mit einem allzu vagen mora­li­schen Impetus zu verankern. Doch der Film ist gerade dann am stärksten, wenn er sich wie die Fort­set­zung von Agnieszka Hollands Green Border sieht, wenn er von Trau­ma­ti­sie­rung und Klein­grup­pen­po­li­ti­sie­rung und von völlig grotesken Sehn­süchten nach einem Europa spricht, dass es so natürlich gar nicht gibt, dass dann auch in dem finalen Teil des Films einem asep­ti­schen Tagtraum gleicht. – Axel Timo Purr

Zwei zu Eins (Deutsch­land 2024 · R: Natja Brunck­horst · Neues Deutsches Kino)

»Eine geile Zeit« haben die Familien im Hinterhof eines DDR-Wohn­blocks. Zufrieden mit ihrem einfachen Leben, doch Arbeits­lo­sig­keit und Zukunfts­ängste in der Zeit der Währungs­um­stel­lung nach der Wieder­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands belasten. Zufällig finden sie Millionen bald ungül­tiger Ostwäh­rung und die Markt­wirt­schaft – sprich: die dunkle Seite des Kapi­ta­lismus – stürzt die Haus­ge­mein­schaft in absurde Geschäf­tig­keit. Natja Brunck­horst, zuerst bekannt als 13jährige »Chris­tiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, schrieb auch das Drehbuch. Der große Star Sandra Hüller als Maren (in einer für den Plot über­flüs­sigen Drei­ecks­be­zie­hung) nimmt sich angenehm zurück, Peter Kurth (Onkel Markowski) ist der über­zeu­gende »Pate«, wobei man bei ihm immer den Eindruck hat, er braucht nicht groß zu schau­spie­lern. Trotz Über­längen in der zweiten Hälfte und teils unpas­sender Musik bietet die leichte Komödie humor­volle Unter­hal­tung. Ein aller­letztes DDR-Märchen mit vermeint­li­chem Happy End. – Hubert Schön­wetter, LMU München

Wann endlich hören wir damit auf, die DDR als Märchen zu erzählen? Durch den Gelb­filter betrachtet Natja Brunck­horst die Zeit direkt nach dem Mauerfall, die Währungs­union steht bevor. Klar, dass die Ossis mit der abge­wi­ckelten Mark Reibach machen und es den Wessis zeigen wollen! Dabei wird über­stra­pa­ziert: der Mythos von der guten deutschen (DDR-)Mark, die Zeichnung der bösen Kapi­ta­lis­ten­schweine, die Gemüt­lich­keit der Ost-Gemein­schaft, als wäre die DDR lediglich »Marienhof«. Sandra Hüller und Ronald Zehrfeld geben sich alle Mühe, den Film zu retten, arbeiten sich aber erfolglos an den Redun­danzen und plumpen Dialogen ab. Zwei zu eins sollte wohl ein zweiter Good Bye, Lenin! werden. Angeblich nach einer wahren Geschichte. Wann endlich werden die wirklich wahren Geschichten über die DDR erzählt? Wann endlich nehmen wir das Schicksal des Osten ernst? – Dunja Bialas