08.01.2026

»Kinder sind kein Genre«

Tobias Krell
»Checker Tobi« Tobias Krell
(Foto: Hans F. Hopfner)

»Checker Tobi« Tobias Krell spricht über die Verschmelzung von Person und Figur, über Kinderfilm als unterschätzte Kunstform, Sehgewohnheiten und Kinoökonomie – und über seinen neuen Film »Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde«. Ein Gespräch über Haltung, Verantwortung und Publikum.

Tobias „Tobi“ Krell (*29. April 1986 in Mainz) ist ein deutscher Fern­seh­mo­de­rator, Reporter und Redakteur, bekannt als Moderator und Namens­geber der Kinder­wis­sens­sen­dung Checker Tobi, die seit 2013 regel­mäßig im KiKA und im Ersten ausge­strahlt wird. Nach dem Abitur arbeitete Krell in verschie­denen Medien und studierte Sozio­logie, Poli­tik­wis­sen­schaft sowie Medi­en­wis­sen­schaft, letztere mit Abschluss 2014 an der Konrad-Wolf-Hoch­schule für Film und Fernsehen . Von 2013 bis 2021 hat er über 130 Themen für Kinder gecheckt. Seine Kinofilm-Reihe startete 2019 mit Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten, gefolgt 2023 von Checker Tobi und die Reise zu den flie­genden Flüssen; 2026 erscheint der dritte Kinofilm. Krell führte Rollen in Kino­filmen und publi­zierte Sach­bücher für Kinder. Seit 2021 leitet er das CineKindl des Filmfest München.. Er lebt in München und wurde 2025 Vater.

Axel Timo Purr traf Krell im SAX im Münchner Glocken­bach­viertel anläss­lich seines neuen Films, Checker Tobi 3 – Die heimliche Herr­scherin der Erde.

artechock: Ich möchte mit einer Frage anfangen, die mein 15-jähriger Sohn gestellt hat. Ihn inter­es­siert ganz grund­sätz­lich, wie weit die Person Tobias Krell und die Figur Checker Tobi eigent­lich identisch sind. Wie viel von dir selbst steckt in dieser Rolle? Reist du privat genauso gern? Und lässt sich deine Persön­lich­keit tatsäch­lich eins zu eins in den Film über­tragen? Das ist ja immer die zentrale Frage bei so stark personen-zentrierten Filmen.

Tobias Krell: Eins zu eins würde ich sagen: eher nicht. Aber dadurch, dass es das Format jetzt schon seit 13 Jahren gibt und ich 39 bin, heißt das natürlich auch, dass ich ein gutes Drittel meines Lebens diese Kunst­figur Checker Tobi bin. Und in so einem Zeitraum lässt sich das irgend­wann kaum noch trennen. Das ist längst mitein­ander verschmolzen.
Und das ist auch gut so. Ein großer Teil der Persön­lich­keit, die ich als privater Mensch habe, ist ganz selbst­ver­s­tänd­lich in diese Sendung einge­flossen. Ich wäre nicht schon so lange diese neugie­rige Entde­cker­figur, wenn ich nicht im echten Leben neugierig wäre. Das könnte man nicht spielen. Ich bin ja kein Schau­spieler, überhaupt nicht, sondern komme aus dem Jour­na­lismus.
Insofern ist das alles sehr eng mitein­ander verwachsen. Gleich­zeitig würde ich schon sagen: Der private Tobias Krell ist noch einmal anders als der neugie­rige Entdecker für Kinder. Er ist viel­leicht komplexer, auch wider­sprüch­li­cher. Aber umgekehrt gäbe es den Entdecker für die Kinder nicht, wenn ich nicht so wäre, wie ich bin. Das bedingt sich gegen­seitig.

artechock: Ist diese Rolle manchmal auch ein Korsett? Würdest du dir gele­gent­lich wünschen, aus dieser Figur heraus­zu­treten, die du ja schon sehr lange mit dir trägst? Das kennt man ja auch von großen Komikern, die sich irgend­wann bewusst ernstere Rollen schreiben wollten. Woody Allen hat sich irgend­wann gefragt: Ich möchte jetzt traurige Filme machen – und hat dann September gedreht.

Tobias Krell: September ist ein toller Film, völlig unter­schätzt. Und Mia Farrow ist großartig darin. Ein Korsett ist meine Rolle für mich persön­lich eigent­lich nicht. Zumindest fühlt es sich nicht so an. Du hast ja vorhin auch gefragt, ob ich privat gern reise. Alles, was der Checker mitbringt – Neugier, Unter­wegs­sein, Lust auf neue Erfah­rungen –, entspricht ziemlich genau dem, was ich privat gut finde und wie ich mich auch beruflich entfalten möchte. Insofern empfinde ich das nicht als Einengung. Wenn überhaupt, dann entsteht dieses Korsett durch die Wahr­neh­mung von außen. Also durch Entschei­dungs­trä­ge­rinnen und Entschei­dungs­träger, denen es manchmal schwer­fällt, sich einen Tobias Krell vorzu­stellen, der nicht für ein Kinder­pu­blikum arbeitet. Das ist viel­leicht das Korset­tigste daran. Das kennt man von vielen Marken oder Figuren. Du hast es ja ange­spro­chen: bei Komikern, bei Schau­spie­lern, bei Figuren wie Mutter Beimer, die nie wieder etwas anderes spielen konnte. Oder auch Tatort-Kommis­sare, denen es nach Jahren schwer­fällt, aus dieser Rolle heraus­zu­kommen. Ich glaube für uns alle, die lange im Kinder­fern­sehen arbeiten, ist es schwie­riger, im Erwach­se­nen­fern­sehen Fuß zu fassen, weil viele Verant­wort­liche gar keinen wirk­li­chen Blick für unsere Arbeit haben. Und das hängt damit zusammen, dass Kinder oft mit einem Genre verwech­selt werden. Dabei sind Kinder natürlich kein Genre, sondern einfach ein anderes Publikum. Dann heißt es schnell: »Nee, das Genre, das der kann, ist Kinder.« Aber ich mache Repor­tagen, es gibt Kinder­nach­richten, es gibt Kinder­fik­tion – es gibt eigent­lich alles. Warum sollten die Menschen, die solche Formate für Kinder entwi­ckeln, diese Genres nicht auch für ein anderes Publikum bedienen können?

artechock: Bei deinen Kino­filmen – auch beim neuen – musste ich an Heinz Sielmann denken, diesen großen Tier­filmer der 1970er-Jahre, der Expe­di­tionen ins Fernsehen gebracht hat. Er hat es geschafft, Kinder wie Erwach­sene glei­cher­maßen anzu­spre­chen: spannend für Kinder, seriös für Erwach­sene. Er ist diesem Schub­la­den­denken ein Stück weit entgangen. Anders ist es, wenn ich an die Sendung mit der Maus denke: Christoph und die anderen sind mit der Sendung gealtert. Wäre es für dich auch eine Vision, noch mit 70 oder 80 der Checker zu sein?

Tobias Krell: Bis 70 oder 80 weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir aktuell noch eine Staffel produ­zieren, die bis Ende 2026 läuft. Und der BR – das muss man auch mal sagen – beauf­tragt immer wieder eine erfreu­lich große Zahl von Folgen für jeweils zwei Jahre. Das ist ein sehr ange­nehmes Arbeiten und zeigt großes Vertrauen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich danach unbedingt die Segel streichen möchte. Ob ich mit 50 noch Checker Tobi bin, weiß ich nicht. Ich werde jetzt bald 40. Aber man sieht ja bei der Sendung mit der Maus, dass man auch älter werden kann und trotzdem glaub­würdig Jugend­ar­beit leistet. Man muss nicht jung sein, um ein junges Publikum zu erreichen. Entschei­dend ist die Haltung. Es geht darum, Kinder ernst zu nehmen und ihnen nicht das Gefühl zu geben, da versucht jemand krampf­haft, jünger zu sein, als er ist. Dieses „Forever Young“-Ding funk­tio­niert nicht. Kinder merken das sofort.

artechock: Absolut. Dann verlieren sie sofort das Interesse – und das ist auch vers­tänd­lich. Was mich noch inter­es­siert: Beim neuen Film, der ja Mada­gaskar, Spitz­bergen und Mexiko ins Zentrum stellt – wie viel Mitspra­che­recht hattest du eigent­lich bei Drehbuch und Regie? Regie und Buch sind ja offiziell Antonia Simm zuge­schrieben. Ist das eine echte Zusam­men­ar­beit oder eher etwas Mono­li­thi­sches?

Tobias Krell: Überhaupt nicht mono­li­thisch. Es ist inzwi­schen der dritte Kinofilm, und alle Regis­seu­rinnen und Autoren – jetzt eben Antonia – sind keine extern hinzu­ge­holten Leute, sondern im Checker-Tobi-Fern­seh­format groß geworden. Antonia hat sogar ihr Volon­ta­riat bei uns gemacht. Die Filme entstehen im Prinzip genauso wie die Sendung: in einem Mitein­ander. Ich habe alle drei Filme mitge­schrieben oder zumindest miter­dacht. Jetzt, beim dritten Film hatten wir sogar erstmals einen Writers’ Room mit fünf weiteren Auto­rinnen und Autoren, in dem wir die Handlung gemeinsam entwi­ckelt haben.

artechock: Das hatte ich mir gedacht. Das Narrativ ist deutlich komplexer: die Kind­heits­ebene, das Alter Ego, das sind Dinge, die es vorher so nicht gab. Man spürt einen Drang zu mehr. Auch dieses ausgie­bige Indiana Jones-Zitat …

Tobias Krell: Ja, die Handlung ist komplexer, und sie ist im Writers’ Room entstanden. Ich bin da natürlich beteiligt, führe aber nicht Regie. Weil ich das Format bin und die Kino­for­mate mitge­prägt habe, und weil die Menschen, mit denen ich arbeite, eher Freunde als Kollegen sind, ist das Arbeiten sehr offen. Wenn ich eine Idee habe, probieren wir sie aus. Die Indiana-Jones-Anspie­lung war so ein Einfall. Ich habe diese Filme als Jugend­li­cher geliebt, und als klar war, dass wir im mexi­ka­ni­schen Dschungel vor diesen Pyramiden stehen würden, dachte ich: Das müssen wir machen. Ich bin keiner, der ein fertiges Buch bekommt, es liest und sich dann etwas für seine Rolle überlegt. Ich weiß gar nicht, ob ich das könnte. Für externe Regis­seure wäre es wahr­schein­lich eher anstren­gend, mit mir zu arbeiten. Aber wir sind seit Jahren ein einge­spieltes, sehr durch­läs­siges Team.

artechock: Im Zentrum steht klar der Umwelt­aspekt, also ein Bewusst­sein für unseren Planeten zu schaffen. Was mir bei Mada­gaskar gefehlt hat, ist das Poli­ti­sche – genauso wie in Mexiko oder auf Spitz­bergen mit der russi­schen Einfluss­nahme. Jeder dieser Orte ist ja hoch­po­li­tisch. Warum erzählt ihr das nicht stärker?

Tobias Krell: Aus mehreren Gründen. Erstens wollten wir den Film nicht über­frachten. Wir wussten, dass wir neben dem Metathema Kindheit, Jugend, Erwach­sen­werden und der äußeren Aben­teu­er­hand­lung im Grunde nur einen weiteren großen Strang erzählen können: die Klima­krise – fossile Ener­gie­träger, Perma­frost, Boden. Wenn wir dann noch eine weitere Ebene aufge­macht hätten – Mada­gaskar als eines der ärmsten Länder der Welt, Russlands Nähe zu Longye­ar­byen, die Situation indigener Gemein­schaften in Mexiko –, hätten wir vier weitere Filme machen können. Das ist alles hoch­span­nend, da bekomme ich sofort Lust auf mehr. Wir haben das nicht ausge­lassen, weil es uns zu komplex wäre. In den Fern­seh­sen­dungen gehen wir sehr schwere Themen an, wir haben sogar schon über den Holocaust für Grund­schul­kinder gear­beitet. Aber hier hätte es schlicht den Rahmen gesprengt. Gleich­zeitig war Mada­gaskar für mich persön­lich die prägendste Erfahrung überhaupt. Eine solche Armut habe ich noch nirgendwo gesehen. Kinder, die auf dem Mittel­streifen einer Autobahn leben – das vergisst man nicht. Und darüber spreche ich auch mit Kindern auf den Kino­touren, wenn sie Fragen stellen.

artechock: Der Film ist ohnehin narrativ extrem anspruchs­voll – mit Rahmen­hand­lung, Kindheits-Alter-Ego, fast schon ein Schritt vom Doku­men­ta­ri­schen ins Spiel­film­hafte.

Tobias Krell: Alle Szenen mit dem kleinen Tobi sind Spielfilm. Gleich­zeitig haben wir – stärker als beim zweiten Film mit Checkerin Marina – bewusst wieder mehr doku­men­ta­ri­sche Situa­tionen gesucht, etwa in Mada­gaskar mit echten Prot­ago­nis­tinnen. Aber es bleibt ein riesiger Spagat: Unsere Filme sollen Vier- oder Fünf­jäh­rige mitnehmen, Grund­schul­kinder begeis­tern, Zwölf­jäh­rige nicht verlieren, im besten Fall auch Teenager erreichen – und die Eltern nicht lang­weilen. Diese Balance nicht zu über- und nicht zu unter­for­dern, ist ein ständiger Draht­seilakt.

artechock: Das ist die große Kunst des Fami­li­en­films.

Tobias Krell: Die meistens die Ameri­kaner perfek­tio­niert haben. Pixar zum Beispiel.

artechock: artechock: Oder Spielberg, E.T. – Der Außer­ir­di­sche, Scorsese mit Hugo Cabret. Dein Film wird sicher die Millio­nen­grenze über­schreiten – auch wegen der Kombi­na­tion aus TV-Marke und Kino. Gleich­zeitig laufen heraus­ra­gende Jugend­do­ku­men­tar­filme wie Zirkus­kind nur ein, zwei Wochen im Kino – und das war’s dann. Kinos trauen sich oft nicht, solche Kinder- oder Jugend­filme länger zu zeigen, selbst wenn sie ausge­zeichnet sind, meinet­wegen vom Verband der deutschen Film­kritik oder Zirkus­kind auf dem tollen Doxs-Ruhr Festival mit dem Preis der ECFA. Weil sie natürlich das Gefühl haben: Da kommt niemand. Und in vielen Fällen stimmt das ja leider auch. Und ich frage mich dann: Verändern Filme wie deiner – und mehr noch so etwas wie Die Schule der magischen Tiere, also diese großen Block­buster-Kinder­filme – nicht die Sehge­wohn­heiten nach­haltig? Kinder werden dann sehr früh an ein bestimmtes Tempo, an einen bestimmten „Event“-Charakter, an eine bestimmte Drama­turgie gewöhnt. Und danach ist es schwer, überhaupt noch zurück­zu­kehren zu ruhigeren, doku­men­ta­ri­schen, viel­leicht auch sper­ri­geren Formen, die weniger Spektakel anbieten, dafür aber andere Quali­täten. Da du ja das Cinekindl beim Münchner Filmfest leitest und einen guten Überblick hast: Wie siehst du die Situation? Wie kann man diesem Mecha­nismus entgehen – oder anders herum: Wie kann man gezielt fördern, dass solche kleineren Filme eine Chance bekommen?

Tobias Krell: Das ist eine sehr gute Frage. Als wir vor sechs Jahren mit dem ersten Kinofilm ange­treten sind, hätten wir ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das so ein breites Publikum finden würde. Wir dachten eher: Wir machen aus einer 25-minütigen Reportage-Fern­seh­sen­dung einen 90-minütigen Kinofilm, der immer noch viel Doku­men­ta­ri­sches hat – nur eben länger und mit einem größeren Bogen. Dass es dann so groß geworden ist, ist am Ende, wie du sagst, der Fern­seh­marke geschuldet. Und damit sind wir natürlich längst auch eine IP geworden – so wie Die Schule der magischen Tiere, Die Drei ??? und wie sie alle heißen. Das ist für den Verleih, aber auch für die Kinos ein ganz anderes Ausgangs­ni­veau: Man kann sich publi­kums­tech­nisch ein Stück weit darauf verlassen, dass viele das kennen und deshalb kommen.
Und natürlich haben es andere Filme ungleich schwerer. Ich glaube, bei uns passiert viel­leicht zweierlei gleich­zeitig: Einer­seits sind wir, was die Bekannt­heit angeht, „groß“ und dadurch kino­taug­lich im klas­si­schen Sinne – mit Touren, mit medialer Aufmerk­sam­keit, mit einem Wieder­erken­nungs­wert. Ande­rer­seits ist unser Film in seiner Grundidee immer noch vergleichs­weise altmo­disch. Auch wenn er groß produ­ziert ist, bleibt er im Kern ein Reporter, der sich auf den Weg macht, Orte kennen­lernt und Menschen begegnet. Das ist nicht einfach nur ein reines Plot-Feuerwerk.

artechock: »Wer, wie, was – wer nicht fragt, bleibt dumm«: die gute alte Sesam­straße. Das war ja im Kern die große Reform in den 1970er-Jahren, dieser Gegen­ent­wurf: neugierig sein, Wissen nicht als Belehrung, sondern als Abenteuer. Und wenn man dann an bestimmte Filme denkt, die daraus auch hervor­ge­gangen sind oder in dieser Reform­pä­d­agogik mitge­dacht wurden – Hark Bohms Nordsee ist Mordsee etwa – dann hatte das eine enorme kultu­relle Wirkung. Und heute wirkt es manchmal so, als sei davon ganz viel weg, als würde es in ganz viel Nichts verpuffen.

Tobias Krell: Ich finde, das ist tatsäch­lich eine sehr große Frage, ein großes Thema. Und ich glaube, wir sind im Fernsehen mit unserem Format immer noch relativ altmo­disch – auch im besten Sinne. Wir machen eine 25-minütige Sendung, die einem Reporter dabei folgt, irgendwo hinzu­gehen, etwas heraus­zu­finden, Fragen zu stellen, Zusam­men­hänge zu begreifen. Nur haben sich die Sehge­wohn­heiten in den 13 Jahren, in denen ich das mache, extrem verändert – sogar bei Grund­schul­kin­dern. Durch soziale Medien, durch TikTok, aber auch durch andere Kinder­sen­dungen und Formate, die drumherum entstanden sind und die Kinder vorher schauen. Im Vergleich dazu sind wir fast radikal langsam. Und ich meine das nicht nur als Kritik, sondern auch als Beschrei­bung: Wir nehmen uns Zeit, wir erklären, wir bleiben an Dingen dran.

artechock: Aber bedient ihr das Insta-Format oder TikTok nicht trotzdem irgendwie? Ich meine: Die Schnitte sind doch relativ schnell, die Welten, die ihr zeigt, sind extrem, und ihr springt mit einem Schnitt von einer Welt in die nächste.

Tobias Krell: Die Schnitte sind schnell? Ich würde sagen: im Vergleich zu TikTok oder vielen anderen Formaten eigent­lich nicht. Für mich ist das eher wie die Filme, die es vor 20 Jahren gab – so etwas wie Snatch von Guy Ritchie oder Requiem for a Dream von Darren Aronofsky, die ja auch mit sehr schnellen Montagen arbeiten. TikTok macht das natürlich auch, aber es ist noch einmal eine andere Logik, weil dort praktisch alles in diesen Rhythmus gepresst wird.

artechock: Genau. TikTok macht es halt ausschließ­lich. Die haben dieses Tempo kulti­viert. Und dann seid ihr im Vergleich natürlich wirklich langsam...

Tobias Krell: Mich treibt aber weiterhin die Frage um: Wie bekommt man Kinder dazu, Zirkus­kind im Kino zu sehen – und ähnliche Filme? Mission Ulja Funk fand ich zum Beispiel auch großartig, Barbara Kronen­berg, die Regis­seurin, fantas­tisch. Ich glaube, da spielt viel mit rein, womit ich mich ehrlich gesagt zu wenig auskenne: Wie Kinos gefördert werden, damit sie solche Filme überhaupt länger im Angebot halten können, ohne dass sie ständig um ihre wirt­schaft­liche Existenz bangen müssen. Wenn ein Film nach einer Woche nicht funk­tio­niert, fliegt er raus – das ist für viele Häuser eine Über­le­bens­frage. Aber mindes­tens genauso wichtig ist die Kommu­ni­ka­tion nach draußen. Kleine Filme haben oft weder die Budgets noch die Reich­weite. Ich versuche das mit meinen beschei­denen Mitteln über Instagram: Ich habe Zirkus­kind zum Beispiel beworben, einfach, weil ich den Film wirklich gut finde. Und ich würde mich sehr freuen, wenn es noch häufiger gelingen würde, kleineren Filmen – die keine Marken sind, die keine großen IPs sind, die nicht schon „einge­preist“ sind – eine echte Chance zu geben. Ich versuche das auch über das Festival in München, zusammen mit Tobias Obermeier: Räume zu schaffen, Sicht­bar­keit herzu­stellen, und wenigs­tens einen Moment zu erzeugen, in dem diese Filme wahr­ge­nommen werden.

artechock: Viel­leicht müsste man große Regis­seure verpflichten, wenigs­tens einmal im Leben einen Kinder­film zu drehen. Seriöse Kinder­film­kritik ist ja fast ein Tabu, da sie keine Reich­weite hat, weil es ja oft nur – ich nenne es mal: „B-Film-Regis­seure“ sind, die sich mit Kinder­film beschäf­tigen.

Tobias Krell: Ein paar Ausnahmen gibt es schon. Der Regisseur von In den Gängen hat den guten Spuk unterm Riesenrad gemacht – und viel Aufmerk­sam­keit bekommen, aber kein großes Publikum.

artechock: Viel­leicht liegt es ja eben auch an dem von dir erwähnten Publikum: In Ländern wie Dänemark kommen Kinder, also „das Publikum“, über die Schule schon sehr früh, sehr nach­haltig und pädago­gisch toll aufbe­reitet mit Film in Berührung. Was sich ja nicht nur in der überaus guten Kinder­film­pro­duk­tion aus diesen Ländern zeigt, sondern auch an den Erwach­se­nen­filmen; allein dieses Jahr, was kam da nicht alles aus Skan­di­na­vien und hat auf großen Festivals abgeräumt.

Tobias Krell: Da ist was dran. Bei uns verlieren wir mehr und mehr den Bezug zum Kino als Kulturort. In München, einer Millio­nen­stadt, gibt es nur noch wenige Programm­kinos, schau nur gegenüber, wo wir jetzt sitzen, das Neue Arena, das ist eines der wenigen, das es noch gibt. Auf dem Land gibt es fast nur Multi­plexe. Deshalb müssen wir unbedingt etwas tun.