Und das Kino erschuf das Weib … |
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| Die Bardot, bevor sie auf den Hund kam… | ||
| (Foto: Studiocanal) | ||
»Sie ist temperamentvoll, wandelbar und unvorhersehbar und auf diese Weise bleibt sie in der Klarheit der Kindheit stecken, sie bewahrt auch deren Mysterium. Eine seltsame kleine Kreatur alles in allem, und dieses Image steht nicht im Widerspruch zu dem traditionellen Mythos der Weiblichkeit. Sie erscheint als Kraft der Natur. Gefährlich, solange sie ungezähmt bleibt, aber es ist Sache des Mannes sie zu domestizieren. Sie ist nett und hat ein gutes Herz. In allen ihren Filmen liebt sie Tiere. Wann immer sie jemanden leiden macht, tut sie es unfreiwillig.« – Simone de Beauvoir
Ausgerechnet am hundertsten Geburtstag von Michel Piccoli, mit dem zusammen sie eine ihrer schönsten Rollen spielte, in Godards Le mépris, ist sie jetzt gestorben, lange nachdem ihre Zeit vorbei war und sie öffentlich schon längst zu den Untoten der Vergangenheit gehörte. Brigitte Bardot, die 91 Jahre alt wurde, erinnerte in ihren letzten Jahrzehnten am ehesten an eine jener alten Frauen, die im Park mit den Tauben reden.
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Ein bisschen in Vergessenheit geraten war da, was die Bardot vor allem war: Das Aushängeschild des hedonistischen Frankreich, des Pop-Aufbruchs der späteren Nachkriegszeit und der kurzen Ära des »Yéyé« seit den frühen 60er Jahren, bevor alles politisch wurde und in den Mai ’68 mündete. Es waren die goldenen Jahre von Charles de Gaulle, die Hochzeit jener Ära, die französische Soziologen später als die »Trente Glorieuses« bezeichneten, die 30 wunderbaren Jahre des Wirtschaftswunders, das auch in Frankreich aus der Klassengesellschaft eine Konsumgesellschaft machte, mit Vollbeschäftigung und Wachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent.
Sie hätte eine Verehrung (»adoration«) für de Gaulle, sagte die Bardot noch Jahrzehnte später. »Man hat ihn nicht verstanden.« Sie offenbar schon.
Die Bardot wurde berühmt, weil sie die Jugend und Frechheit und Freizügigkeit jener Zeit repräsentierte. Die Ikone der »Trente Glorieuses« war das Abbild Frankreichs, so wie es gesehen werden wollte: schön und rebellisch.
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Wenn Frankreich sich jetzt an Brigitte Bardot erinnert, und es in allen Fernsehsendern des Landes seit der Todesnachricht am Sonntagmorgen kein Halten gab, sondern nur eine Sondersendung nach der anderen, dann erinnert es sich vor allem an sich selbst, an seine Jugend, an seine bessere Zeit, an die Jahre, als Frankreich das Vorbild der Welt war, nicht nur für Deutschland, und die einzige Nation gewesen ist – sorry Italien! – , die auf dem Feld der Kultur den Amerikanern und dem Amerikanismus ein bisschen ernsthaft Konkurrenz machen konnte.
Die Geschichte ihrer Anfänge ist oft erzählt worden. Wie die Tochter aus gutbürgerlichem Hause im Pariser 16. Arrondissement als Model begann, eigentlich Tänzerin werden wollte, mit 15 eine Affäre mit dem 21-jährigen angehenden Regisseur Roger Vadim begann, ihn 1952 mit 18 heiratete, er sie zur fröhlich-lasziven Kinoverführerin formte und mit Et Dieu créa la femme (Und immer lockt das Weib) 1956 berühmt machte. Immerhin 16 ihrer insgesamt 48 Kinofilme hatte sie allerdings in den Jahren davor gedreht – ohne tieferen Effekt.
Et Dieu Créa La Femme war ein kultureller Schock. In den auf diesen folgenden Filmen, für Vadim, wie später für Clouzot oder Godard, verkörperte sie die Objektfrau, die abwechselnd ein naives Girl vom Land, ein verwöhntes Mädchen, eine zerzauste Eva oder ein unbändiges Hippie-Girl war.
Die wahre Heldin war schon damals immer sie selbst, ob verehrt oder gehasst.
Die Bardot repräsentierte in diesen frühen Filmen in erster Linie eine Abzweigung vom Autorenkino. Auch Roger Vadim rebellierte gegen das »Ciné Papa«, aber es ging ihm mehr als Godard und Truffaut um die Popmoderne und eine französische Parallelaktion zu Hollywood, nicht um ein kulturpolitisches Programm. Wie für die Rollen dieser Filme, so gilt auch für Brigitte Bardot selbst, dass sie Freiheit nicht forderte, sondern sie praktisch vorlebte, sexuelle Freiheit zumal.
Das Kino der damaligen Zeit ist nicht das Kino von heute – und Brigitte Bardot erinnert uns vor allem daran, was dem Kino verloren gegangen ist seitdem: Europäische Weltstars, gute Laune, vor allem Leichtigkeit und Provokation der Gesten und des Stils.
Heute hat das europäische Kino über seine Handlung hinaus wenig zu erzählen und serviert dem Publikum oft ein schweres Acht-Gänge-Menü, zu dem Morallektionen für Bildungsbürger gehören, gutes Benehmen und Anstand für die neue
besorgte Mitte der Gesellschaft, während ästhetische Revolten und das Spiel mit den »feinen Unterschieden« (Pierre Bourdieu) selten geworden sind.
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»Sie ist die sexieste der Baby-Stars und die babyschste der sexy Stars. Tatsächlich drückt ihr kätzchenhaftes Gesicht gleichzeitig das Kindliche und das Katzenhafte aus: Das lange Haar, das ihr über den Rücken fällt, ist das Symbol für laszive Entblößung, für angebotene Nacktheit, doch eine täuschend ungeordnete Ponyfrisur über ihrer Stirn erinnert uns an das kleine Highschool-Mädchen. Ihre winzige schelmische Nase betont sowohl ihre Verspieltheit als auch ihre Animalität; ihre fleischige Unterlippe ist so oft zu einem Baby-Schmollmund gespitzt wie zu einer Provokation, geküsst zu werden. Die kleine Vertiefung in ihrem Kinn verleiht dem charmanten Charme dieses Gesichts den letzten Schliff, von dem es verleumderisch wäre zu sagen, es habe nur einen Ausdruck – es hat zwei: Erotik und Kindlichkeit.«
– Edgar Morin, 1958
Brigitte Bardot schlug in die muffige Welt der 50er Jahre ein, wie ein Wesen von einem anderen Stern. Sie kümmerte sich nicht um die Konventionen, die für Filmstars zu gelten schienen, ließ sich als »Luder« und »Schlampe« beschimpfen, gab sich als Rebellin, rauchte auf der Straße, trug Jeans, lachte mit schwarzer Sonnenbrille, tiefen Ausschnitten, Schmollmund und Zahnlücke in die Kameras. Auch wenn sie scheinbar unpolitisch blieb, war genau das politisch: Modische Zeichen, öffentliche Gesten, Coolness und Sinnlichkeit, trotzige Attitüde.
Auch wenn sie weiter auf der Leinwand zu sehen war, löste sie sich damit schon nach wenigen Filmen vom Kino, und wurde omnipräsent: Auf Magazincovern, in Fernsehshows, als Muse der Modeschöpfer, die das Vichy-Kleid und die Caprihose popularisierte, bald auch auf Schlagerhitparaden und nicht zuletzt in der Klatschpresse, die jede ihrer sehr vielen Flirts und Affairen genüsslich breittrat. Der Star unter den Stars war für die ganze Welt auch das berühmteste Sexsymbol. Man
begriff sie als Europas Antwort auf Marilyn Monroe. Aus Brigitte Bardot wurde »BB«, eine Ikone und ein nationaler Mythos, in dem sich die »Grande Nation« und darüber hinaus das Westeuropa der Nachkriegszeit bespiegelten. Als das Wort Filmstar noch einen Sinn machte, war sie der Star schlechthin, jedenfalls der europäische.
Mit ihrem Stil, ihrer Art, zu sein, zu schmollen und zu lachen, verkörperte sie ein scheinbar sonniges, buntes Jahrzehnt des Aufbruchs. Den »Inbegriff des
Mädchens dieser Zeit« nannte sie Gunter Sachs, ihr dritter Ehemann. Bis heute hat sie einen einzigartigen Platz in der Erinnerung der Öffentlichkeit.
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»She doen’t act. She exists.« – »That’s true.« – Roger Vadim – Brigitte Bardot
Das lag auch daran, dass die private BB mit der öffentlichen und hier wieder mit ihren Filmrollen weitgehend identisch zu sein schien: Frivol, Die Filmtitel dieser Jahre waren in dieser Hinsicht Programm: Gänseblümchen wird entblättert (1956); In ihren Augen ist immer Nacht (1958); Mit den Waffen einer Frau (1958); Ein Weib wie der Satan (1959); Wollen Sie mit mir tanzen? (1959); In Freiheit dressiert (1961).
Bald gab es auch BB-Dessous, BB-Klamotten, BB-Accessoires. Sie avancierte zur Trendsetterin auf allen Ebenen. Das konnte nicht ewig gutgehen.
Was bleibt vom Menschen übrig, wenn man die meistfotografierte Frau der Welt ist?
BB, geschrieben BéBé, klingt auf Französisch ausgesprochen auch wie Baby. Und genau so sahen Medien und Publikum auf die Bardot herab. Schon Anfang der Sechziger litt die Bardot unter der ständigen Öffentlichkeit und deren Vereinnahmungen, auch Zumutungen. Regisseur Louis Malle drehte 1962 in La vie privée eine so hellsichtige wie skeptische Untersuchung über frühen Ruhm und die Bosheiten der französischen Gesellschaft. Die Bardot spielt die Hauptrolle, einen Filmstar, der sich schließlich umbringt. Brigitte Bardot hatte nach dem Scheitern ihrer Ehe mit Vadim mehrere Selbstmordversuche unternommen.
Neben Malle hatte auch Jean-Luc Godard vieles davon in einer Rolle vorweggenommen, für die er sich nur die Bardot vorstellen konnte, einen Frauentyp, für den es im Werk Godards sonst keine Verwendung gab: In Le mépris/Die Verachtung nach Moravias Roman spielt sie einen Filmstar, der eigentlich nur einen Mann sucht, der ihrer Stärke gewachsen ist – und doch so schwach bleibt, dass sie sich dem Spiel der Geschlechter und der Abhängigkeit von unterlegenen Männern nicht entziehen kann. Ein decouvrierender Auftritt. Auch dieser Film endet mit dem Tod der Bardot-Figur.
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»Ich bin eine Gefangene meines Gesichts und meines Namens, mein ganzes Leben«, sagte sie noch 1997 im Gespräch mit dem unvergessenen Interviewer Bernard Pivot, einer Institution des französischen Fernsehens, und plauderte in dessen »Bouillon de culture« ziemlich unverblümt über ihre Beziehungen, die sie in eine »physische Abhängigkeit« gebracht hätten, und behauptete zugleich: »Ich mag es rein« und »Ich mache immer das Gegenteil von dem, was alle anderen machen«.
Gegen Ende des Gesprächs, das das französische Fernsehen am Sonntag mehrfach wiederholte, fragt Pivot sie, was sie denn täte, »wenn das Haus in Flammen« stünde? »Hund oder Mensch?« »Eine idiotische Frage«, antwortete die Bardot spontan, um dann zu ergänzen: »Hund. Ein Tier ist wie ein Kind.«
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Zwei weitere Ehen wurden geschieden, darunter die mit dem deutschen Millionär und Playboy Gunter Sachs; unter den Liebesaffairen war das Scheitern der Liaison mit Serge Gainsbourg vermutlich am schmerzhaftesten. Gainsbourg war auch ihr musikalischer Mentor und der Komponist ihrer Musik. Lieder wie »Harley Davidson« oder »Bonnie & Clyde« waren intelligente Schlager, die mit ihrem pfiffigen Witz auch bei Intellektuellen wirkten. Kaum bekannt ist, dass Gainsbourgs erfolgreichstes Lied »Je t'aime … Moi non plus« zuerst nicht mit Jane Birkin, sondern mit der Bardot aufgenommen wurde, dann aber nie herauskam, weil die Beziehung in die Brüche ging. Erst 1986 wurde es veröffentlicht.
Die Begegnung mit Gainsbourg, dessen Ästheten-Persönlichkeit und Bohème-Leben sich von Bardots anderen Liebhabern radikal unterschied, wurde zu einer gegenseitigen Befreiung: Gainsbourg befreite sich dank ihr von seinen körperlichen Komplexen und erlebte eine seiner fruchtbarsten musikalischen Perioden, die sich in dem Album »Initials B.B.« in Form eines wunderschönen Porträts widerspiegelt.
Bardot ermöglichte diese Partnerschaft, andere Seiten ihres Talents zu
entfalten und mit der Welt der Intellektuellen zu flirten, die von ihr schon längst fasziniert waren – Marguerite Yourcenar schrieb ihr private Briefe; Simone de Beauvoir hatte sie 1960 in einem kleinen Büchlein gegen die »mauvaise foi« der französischen Konservativen verteidigt und zu einer frühen Feministin verklärt, einem »Girlie«, so Alice Schwarzer; der – immer noch lebende, inzwischen 104-jährige – Soziologe Edgar Morin widmete ihr 1958 lange Passagen seiner
avantgardistischen Untersuchung über »Stars«.
Von Gainsbourg geschriebene Musik-Titel wie »Harley Davidson« oder »Bonnie and Clyde« waren langlebiger als die meisten von Bardots Filmen und schillerten auf dem schmalen Grat zwischen Witz und Doppelsinn, Platitude und Selbstreflexion. Hier gelang eigentlich genau das, was heute auch klugen Popsängerinnen wie Lana Del Rey und Taylor Swift gelingt: In ihren Songs von sich selbst zu erzählen: vom Ruhm, dem Umgang mit ihm und seinem notwendigen Verblassen.
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Ende der Sechziger fühlte sie sich endgültig als Gefangene des Starruhms. Nach ihrem 49. Film stieg die Bardot aus, mit den Nerven am Ende sagte sie 1973 dem Kino Adieu. Ihr Fazit war bitter: »Der Film nahm mir alles, gab mir nichts.«
Politischer Aktivismus wurde ihr neuer Lebensinhalt, zunächst für Tiere und Tierschutzgesetze, spätestens in den Neunzigern auch gegen islamische Schlachtriten und den Islam als solchen, gegen Homosexuelle, gegen Obdachlose.
Man sollte deswegen der Bardot nicht die Worte im toten Mund herumdrehen und aus einer Frau, die gut begründen konnte, warum sie sagte »Ich verachte Feministinnen«, eine eben solche Feministin machen – wie ausgerechnet die TAZ, die mal liberal war, aber den schönen Nachruf ihres Paris-Korrespondenten, der sie korrekt als »Antifeministin« bezeichnet, nicht so stehen lässt, sondern offenbar aus Unsicherheit über derart politisch-unkorrekte Bemerkungen noch mit einem traurig-puritanischen, mit kulturwissenschaftlichen Anglizismen gespickten Kommentar ergänzt, der Bardot zu einer selbstbestimmten Künstlerin mit autonomen »Aussagen« verklärt.
Die Bardot, die seit 1992 mit einem rechtsextremen Politiker verheiratet ist, driftete, je autonomer sie wurde, politisch ins Le-Pen-Lager ab und machte immer öfter rassistische und menschenverachtende Bemerkungen in der Öffentlichkeit und ihren Büchern. Mehrmals wurde sie verurteilt. Und noch ihr letztes Interview vom Mai dieses Jahres mischt Ressentiment mit Ignoranz und dem Hohn gegenüber einer Welt, von der sie sich innerlich bereits verabschiedet hat.
Diese zweite traurige Lebenshälfte des einstigen Yéyé-Mädchens hat Spuren hinterlassen. Aber im Tod versöhnt sich Frankreich mit der Ikone seiner Goldenen Jahre.
Das Bild, das von der Bardot in Erinnerung bleiben und den Menschen überleben wird, ist makellos.