01.01.2026

Und das Kino erschuf das Weib …

Die Verachtung
Die Bardot, bevor sie auf den Hund kam…
(Foto: Studiocanal)

Das Mädchen aus dem Weltraum: Mit Brigitte Bardot erinnert Frankreich sich an seine besseren Zeiten

Von Rüdiger Suchsland

»Sie ist tempe­ra­ment­voll, wandelbar und unvor­her­sehbar und auf diese Weise bleibt sie in der Klarheit der Kindheit stecken, sie bewahrt auch deren Mysterium. Eine seltsame kleine Kreatur alles in allem, und dieses Image steht nicht im Wider­spruch zu dem tradi­tio­nellen Mythos der Weib­lich­keit. Sie erscheint als Kraft der Natur. Gefähr­lich, solange sie ungezähmt bleibt, aber es ist Sache des Mannes sie zu domes­ti­zieren. Sie ist nett und hat ein gutes Herz. In allen ihren Filmen liebt sie Tiere. Wann immer sie jemanden leiden macht, tut sie es unfrei­willig.« – Simone de Beauvoir

Ausge­rechnet am hundertsten Geburtstag von Michel Piccoli, mit dem zusammen sie eine ihrer schönsten Rollen spielte, in Godards Le mépris, ist sie jetzt gestorben, lange nachdem ihre Zeit vorbei war und sie öffent­lich schon längst zu den Untoten der Vergan­gen­heit gehörte. Brigitte Bardot, die 91 Jahre alt wurde, erinnerte in ihren letzten Jahr­zehnten am ehesten an eine jener alten Frauen, die im Park mit den Tauben reden.

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Ein bisschen in Verges­sen­heit geraten war da, was die Bardot vor allem war: Das Aushän­ge­schild des hedo­nis­ti­schen Frank­reich, des Pop-Aufbruchs der späteren Nach­kriegs­zeit und der kurzen Ära des »Yéyé« seit den frühen 60er Jahren, bevor alles politisch wurde und in den Mai ’68 mündete. Es waren die goldenen Jahre von Charles de Gaulle, die Hochzeit jener Ära, die fran­zö­si­sche Sozio­logen später als die »Trente Glorieuses« bezeich­neten, die 30 wunder­baren Jahre des Wirt­schafts­wun­ders, das auch in Frank­reich aus der Klas­sen­ge­sell­schaft eine Kons­um­ge­sell­schaft machte, mit Voll­be­schäf­ti­gung und Wachs­tums­raten von durch­schnitt­lich fünf Prozent.

Sie hätte eine Verehrung (»adoration«) für de Gaulle, sagte die Bardot noch Jahr­zehnte später. »Man hat ihn nicht verstanden.« Sie offenbar schon.

Die Bardot wurde berühmt, weil sie die Jugend und Frechheit und Frei­zü­gig­keit jener Zeit reprä­sen­tierte. Die Ikone der »Trente Glorieuses« war das Abbild Frank­reichs, so wie es gesehen werden wollte: schön und rebel­lisch.

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Wenn Frank­reich sich jetzt an Brigitte Bardot erinnert, und es in allen Fern­seh­sen­dern des Landes seit der Todes­nach­richt am Sonn­tag­morgen kein Halten gab, sondern nur eine Sonder­sen­dung nach der anderen, dann erinnert es sich vor allem an sich selbst, an seine Jugend, an seine bessere Zeit, an die Jahre, als Frank­reich das Vorbild der Welt war, nicht nur für Deutsch­land, und die einzige Nation gewesen ist – sorry Italien! – , die auf dem Feld der Kultur den Ameri­ka­nern und dem Ameri­ka­nismus ein bisschen ernsthaft Konkur­renz machen konnte.

Die Geschichte ihrer Anfänge ist oft erzählt worden. Wie die Tochter aus gutbür­ger­li­chem Hause im Pariser 16. Arron­dis­se­ment als Model begann, eigent­lich Tänzerin werden wollte, mit 15 eine Affäre mit dem 21-jährigen ange­henden Regisseur Roger Vadim begann, ihn 1952 mit 18 heiratete, er sie zur fröhlich-lasziven Kino­ver­füh­rerin formte und mit Et Dieu créa la femme (Und immer lockt das Weib) 1956 berühmt machte. Immerhin 16 ihrer insgesamt 48 Kinofilme hatte sie aller­dings in den Jahren davor gedreht – ohne tieferen Effekt.

Et Dieu Créa La Femme war ein kultu­reller Schock. In den auf diesen folgenden Filmen, für Vadim, wie später für Clouzot oder Godard, verkör­perte sie die Objekt­frau, die abwech­selnd ein naives Girl vom Land, ein verwöhntes Mädchen, eine zerzauste Eva oder ein unbän­diges Hippie-Girl war.
Die wahre Heldin war schon damals immer sie selbst, ob verehrt oder gehasst.

Die Bardot reprä­sen­tierte in diesen frühen Filmen in erster Linie eine Abzwei­gung vom Autoren­kino. Auch Roger Vadim rebel­lierte gegen das »Ciné Papa«, aber es ging ihm mehr als Godard und Truffaut um die Popmo­derne und eine fran­zö­si­sche Paral­lel­ak­tion zu Hollywood, nicht um ein kultur­po­li­ti­sches Programm. Wie für die Rollen dieser Filme, so gilt auch für Brigitte Bardot selbst, dass sie Freiheit nicht forderte, sondern sie praktisch vorlebte, sexuelle Freiheit zumal.

Das Kino der damaligen Zeit ist nicht das Kino von heute – und Brigitte Bardot erinnert uns vor allem daran, was dem Kino verloren gegangen ist seitdem: Europäi­sche Weltstars, gute Laune, vor allem Leich­tig­keit und Provo­ka­tion der Gesten und des Stils.
Heute hat das europäi­sche Kino über seine Handlung hinaus wenig zu erzählen und serviert dem Publikum oft ein schweres Acht-Gänge-Menü, zu dem Moral­lek­tionen für Bildungs­bürger gehören, gutes Benehmen und Anstand für die neue besorgte Mitte der Gesell­schaft, während ästhe­ti­sche Revolten und das Spiel mit den »feinen Unter­schieden« (Pierre Bourdieu) selten geworden sind.

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»Sie ist die sexieste der Baby-Stars und die babyschste der sexy Stars. Tatsäch­lich drückt ihr kätz­chen­haftes Gesicht gleich­zeitig das Kindliche und das Katzen­hafte aus: Das lange Haar, das ihr über den Rücken fällt, ist das Symbol für laszive Entblößung, für ange­bo­tene Nacktheit, doch eine täuschend unge­ord­nete Pony­frisur über ihrer Stirn erinnert uns an das kleine High­school-Mädchen. Ihre winzige schel­mi­sche Nase betont sowohl ihre Verspielt­heit als auch ihre Anima­lität; ihre flei­schige Unter­lippe ist so oft zu einem Baby-Schmoll­mund gespitzt wie zu einer Provo­ka­tion, geküsst zu werden. Die kleine Vertie­fung in ihrem Kinn verleiht dem char­manten Charme dieses Gesichts den letzten Schliff, von dem es verleum­de­risch wäre zu sagen, es habe nur einen Ausdruck – es hat zwei: Erotik und Kind­lich­keit.«
– Edgar Morin, 1958

Brigitte Bardot schlug in die muffige Welt der 50er Jahre ein, wie ein Wesen von einem anderen Stern. Sie kümmerte sich nicht um die Konven­tionen, die für Filmstars zu gelten schienen, ließ sich als »Luder« und »Schlampe« beschimpfen, gab sich als Rebellin, rauchte auf der Straße, trug Jeans, lachte mit schwarzer Sonnen­brille, tiefen Ausschnitten, Schmoll­mund und Zahnlücke in die Kameras. Auch wenn sie scheinbar unpo­li­tisch blieb, war genau das politisch: Modische Zeichen, öffent­liche Gesten, Coolness und Sinn­lich­keit, trotzige Attitüde.

Auch wenn sie weiter auf der Leinwand zu sehen war, löste sie sich damit schon nach wenigen Filmen vom Kino, und wurde omni­prä­sent: Auf Maga­zin­co­vern, in Fern­seh­shows, als Muse der Mode­schöpfer, die das Vichy-Kleid und die Caprihose popu­la­ri­sierte, bald auch auf Schla­ger­hit­pa­raden und nicht zuletzt in der Klatsch­presse, die jede ihrer sehr vielen Flirts und Affairen genüss­lich breittrat. Der Star unter den Stars war für die ganze Welt auch das berühm­teste Sexsymbol. Man begriff sie als Europas Antwort auf Marilyn Monroe. Aus Brigitte Bardot wurde »BB«, eine Ikone und ein natio­naler Mythos, in dem sich die »Grande Nation« und darüber hinaus das West­eu­ropa der Nach­kriegs­zeit bespie­gelten. Als das Wort Filmstar noch einen Sinn machte, war sie der Star schlechthin, jeden­falls der europäi­sche.
Mit ihrem Stil, ihrer Art, zu sein, zu schmollen und zu lachen, verkör­perte sie ein scheinbar sonniges, buntes Jahrzehnt des Aufbruchs. Den »Inbegriff des Mädchens dieser Zeit« nannte sie Gunter Sachs, ihr dritter Ehemann. Bis heute hat sie einen einzig­ar­tigen Platz in der Erin­ne­rung der Öffent­lich­keit.

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»She doen’t act. She exists.« – »That’s true.« – Roger Vadim – Brigitte Bardot

Das lag auch daran, dass die private BB mit der öffent­li­chen und hier wieder mit ihren Film­rollen weit­ge­hend identisch zu sein schien: Frivol, Die Filmtitel dieser Jahre waren in dieser Hinsicht Programm: Gänse­blüm­chen wird entblät­tert (1956); In ihren Augen ist immer Nacht (1958); Mit den Waffen einer Frau (1958); Ein Weib wie der Satan (1959); Wollen Sie mit mir tanzen? (1959); In Freiheit dressiert (1961).

Bald gab es auch BB-Dessous, BB-Klamotten, BB-Acces­soires. Sie avan­cierte zur Trend­set­terin auf allen Ebenen. Das konnte nicht ewig gutgehen.
Was bleibt vom Menschen übrig, wenn man die meist­fo­to­gra­fierte Frau der Welt ist?

BB, geschrieben BéBé, klingt auf Fran­zö­sisch ausge­spro­chen auch wie Baby. Und genau so sahen Medien und Publikum auf die Bardot herab. Schon Anfang der Sechziger litt die Bardot unter der ständigen Öffent­lich­keit und deren Verein­nah­mungen, auch Zumu­tungen. Regisseur Louis Malle drehte 1962 in La vie privée eine so hell­sich­tige wie skep­ti­sche Unter­su­chung über frühen Ruhm und die Bosheiten der fran­zö­si­schen Gesell­schaft. Die Bardot spielt die Haupt­rolle, einen Filmstar, der sich schließ­lich umbringt. Brigitte Bardot hatte nach dem Scheitern ihrer Ehe mit Vadim mehrere Selbst­mord­ver­suche unter­nommen.

Neben Malle hatte auch Jean-Luc Godard vieles davon in einer Rolle vorweg­ge­nommen, für die er sich nur die Bardot vorstellen konnte, einen Frauentyp, für den es im Werk Godards sonst keine Verwen­dung gab: In Le mépris/Die Verach­tung nach Moravias Roman spielt sie einen Filmstar, der eigent­lich nur einen Mann sucht, der ihrer Stärke gewachsen ist – und doch so schwach bleibt, dass sie sich dem Spiel der Geschlechter und der Abhän­gig­keit von unter­le­genen Männern nicht entziehen kann. Ein decou­vrie­render Auftritt. Auch dieser Film endet mit dem Tod der Bardot-Figur.

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»Ich bin eine Gefangene meines Gesichts und meines Namens, mein ganzes Leben«, sagte sie noch 1997 im Gespräch mit dem unver­ges­senen Inter­viewer Bernard Pivot, einer Insti­tu­tion des fran­zö­si­schen Fern­se­hens, und plauderte in dessen »Bouillon de culture« ziemlich unver­blümt über ihre Bezie­hungen, die sie in eine »physische Abhän­gig­keit« gebracht hätten, und behaup­tete zugleich: »Ich mag es rein« und »Ich mache immer das Gegenteil von dem, was alle anderen machen«.

Gegen Ende des Gesprächs, das das fran­zö­si­sche Fernsehen am Sonntag mehrfach wieder­holte, fragt Pivot sie, was sie denn täte, »wenn das Haus in Flammen« stünde? »Hund oder Mensch?« »Eine idio­ti­sche Frage«, antwor­tete die Bardot spontan, um dann zu ergänzen: »Hund. Ein Tier ist wie ein Kind.«

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Zwei weitere Ehen wurden geschieden, darunter die mit dem deutschen Millionär und Playboy Gunter Sachs; unter den Liebes­af­fairen war das Scheitern der Liaison mit Serge Gains­bourg vermut­lich am schmerz­haf­testen. Gains­bourg war auch ihr musi­ka­li­scher Mentor und der Komponist ihrer Musik. Lieder wie »Harley Davidson« oder »Bonnie & Clyde« waren intel­li­gente Schlager, die mit ihrem pfiffigen Witz auch bei Intel­lek­tu­ellen wirkten. Kaum bekannt ist, dass Gains­bourgs erfolg­reichstes Lied »Je t'aime … Moi non plus« zuerst nicht mit Jane Birkin, sondern mit der Bardot aufge­nommen wurde, dann aber nie herauskam, weil die Beziehung in die Brüche ging. Erst 1986 wurde es veröf­fent­licht.

Die Begegnung mit Gains­bourg, dessen Ästheten-Persön­lich­keit und Bohème-Leben sich von Bardots anderen Lieb­ha­bern radikal unter­schied, wurde zu einer gegen­sei­tigen Befreiung: Gains­bourg befreite sich dank ihr von seinen körper­li­chen Komplexen und erlebte eine seiner frucht­barsten musi­ka­li­schen Perioden, die sich in dem Album »Initials B.B.« in Form eines wunder­schönen Porträts wider­spie­gelt.
Bardot ermög­lichte diese Part­ner­schaft, andere Seiten ihres Talents zu entfalten und mit der Welt der Intel­lek­tu­ellen zu flirten, die von ihr schon längst faszi­niert waren – Margue­rite Yourcenar schrieb ihr private Briefe; Simone de Beauvoir hatte sie 1960 in einem kleinen Büchlein gegen die »mauvaise foi« der fran­zö­si­schen Konser­va­tiven vertei­digt und zu einer frühen Femi­nistin verklärt, einem »Girlie«, so Alice Schwarzer; der – immer noch lebende, inzwi­schen 104-jährige – Soziologe Edgar Morin widmete ihr 1958 lange Passagen seiner avant­gar­dis­ti­schen Unter­su­chung über »Stars«.

Von Gains­bourg geschrie­bene Musik-Titel wie »Harley Davidson« oder »Bonnie and Clyde« waren lang­le­biger als die meisten von Bardots Filmen und schil­lerten auf dem schmalen Grat zwischen Witz und Doppel­sinn, Platitude und Selbst­re­fle­xion. Hier gelang eigent­lich genau das, was heute auch klugen Popsän­ge­rinnen wie Lana Del Rey und Taylor Swift gelingt: In ihren Songs von sich selbst zu erzählen: vom Ruhm, dem Umgang mit ihm und seinem notwen­digen Verblassen.

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Ende der Sechziger fühlte sie sich endgültig als Gefangene des Starruhms. Nach ihrem 49. Film stieg die Bardot aus, mit den Nerven am Ende sagte sie 1973 dem Kino Adieu. Ihr Fazit war bitter: »Der Film nahm mir alles, gab mir nichts.«

Poli­ti­scher Akti­vismus wurde ihr neuer Lebens­in­halt, zunächst für Tiere und Tier­schutz­ge­setze, spätes­tens in den Neun­zi­gern auch gegen isla­mi­sche Schlacht­riten und den Islam als solchen, gegen Homo­se­xu­elle, gegen Obdach­lose.

Man sollte deswegen der Bardot nicht die Worte im toten Mund herum­drehen und aus einer Frau, die gut begründen konnte, warum sie sagte »Ich verachte Femi­nis­tinnen«, eine eben solche Femi­nistin machen – wie ausge­rechnet die TAZ, die mal liberal war, aber den schönen Nachruf ihres Paris-Korre­spon­denten, der sie korrekt als »Anti­fe­mi­nistin« bezeichnet, nicht so stehen lässt, sondern offenbar aus Unsi­cher­heit über derart politisch-unkor­rekte Bemer­kungen noch mit einem traurig-puri­ta­ni­schen, mit kultur­wis­sen­schaft­li­chen Angli­zismen gespickten Kommentar ergänzt, der Bardot zu einer selbst­be­stimmten Künst­lerin mit autonomen »Aussagen« verklärt.

Die Bardot, die seit 1992 mit einem rechts­extremen Politiker verhei­ratet ist, driftete, je autonomer sie wurde, politisch ins Le-Pen-Lager ab und machte immer öfter rassis­ti­sche und menschen­ver­ach­tende Bemer­kungen in der Öffent­lich­keit und ihren Büchern. Mehrmals wurde sie verur­teilt. Und noch ihr letztes Interview vom Mai dieses Jahres mischt Ressen­ti­ment mit Ignoranz und dem Hohn gegenüber einer Welt, von der sie sich innerlich bereits verab­schiedet hat.

Diese zweite traurige Lebens­hälfte des einstigen Yéyé-Mädchens hat Spuren hinter­lassen. Aber im Tod versöhnt sich Frank­reich mit der Ikone seiner Goldenen Jahre.
Das Bild, das von der Bardot in Erin­ne­rung bleiben und den Menschen überleben wird, ist makellos.