27.11.2025

»In mir schlummert so eine Mischung aus Abscheu und Sehnsucht«

Andreas Prochaska
Andreas Prochaska (2010)
(Foto: Wikimedia Commons · Manfred Werner - Tsui, CC BY-SA 3.0)

Andreas Prochaska über seinen Film Welcome Home Baby

Will­kommen zurück auf der Leinwand: 2014 kam Andreas Prochaskas Das finstere Tal in die Kinos, basierend auf dem Roman von Thomas Willmann. Seither hat er viele hoch­karä­tige Serien gedreht (SPUREN DES BÖSEN, DAS BOOT, LOVE SUCKS). Mit Welcome Home Baby aber kehrt er heim zum Spielfilm.
Eine junge Berli­nerin (Julia Franz Richter) erbt uner­wartet ein Haus in der öster­rei­chi­schen Provinz. Die Reise dorthin wird zum Body Horror-Trip der Seele, zu einer Konfron­ta­tion mit Herkunft und Mutter­schaft.

Thomas Willmann traf Andreas Prochaska in Wien zum Gespräch.

artechock: Was war der aller­erste Keim, aus dem dann Welcome Home Baby wuchs?

Andreas Prochaska: Es gab eine Bege­ben­heit in meiner Jugend, wo ein Schul­freund von mir ein Haus geerbt hat von einem Vater, den er nicht kannte. Das war in der Nähe von Südfrank­reich, glaub ich. Und dieser Freund ist dann dorthin gefahren. Und hat Fotos von Knaben gefunden. Recht viel mehr weiß ich gar nicht über die Geschichte, das ist jetzt sicher 40 Jahre her. Mir ist das immer im Hinter­kopf hängen geblieben – die Vorstel­lung: Wie muss das sein, wenn einer der Menschen, der sozusagen verant­wort­lich dafür ist, dass du auf diesem Planeten bist, mögli­cher­weise ein Monster ist? Ich habe immer wieder darüber nach­ge­dacht und mir gedacht, da steckt eine Geschichte drin. Dann kam Covid – und ich habe davor eine Fern­seh­pro­duk­tion gemacht, bei der ich innerhalb von sechs Wochen zwei Dreh­bücher um- und neu schreiben musste. Daraus hat sich eine gewisse Hybris entwi­ckelt, ich sei jetzt auch als Autor super. Ich hab mir dann gedacht, okay, ich schreibe jetzt über Weih­nachten ein Drehbuch. Hatte dann am 23. Dezember begonnen und am sechsten Jänner tatsäch­lich 85 Seiten von... etwas gehabt. Es gab da dieses Paar, es gab das Haus, es gab ein grobes Konstrukt – aber es hat relativ wenig zu tun mit dem, was jetzt auf der Leinwand zu sehen ist. Damit hat dann sozusagen das Leid begonnen. (Lacht)

artechock: Wo war der Punkt, an dem du dann andere Auto­rinnen ins Boot geholt hast?

Andreas Prochaska: Nachdem ich glaub ich vier Fassungen fabri­ziert habe, die dann immer schlechter geworden sind und am Ende nur noch eine Ansamm­lung von Film­re­fe­renzen waren, habe ich das Gefühl gehabt, okay, entweder ich such mir jetzt profes­sio­nelle Hilfe, oder ich werfe das ganze Ding in den Mülleimer. Ich habe dann eben die Daniela [Baumgärtl] und den Constantin [Lieb] bei einer Robert Habeck „Schim­mel­reiter“-Verfil­mung [DIE FLUT – TOD AM DEICH] kennen­ge­lernt. Das war eine sehr beglü­ckende Zusam­men­ar­beit. Man sucht ja als Regisseur immer Autor*innen, mit denen man kann und mit denen man eine gemein­same Sprache findet. Die beiden haben dann sehr schnell zugesagt, einzu­steigen. Und haben gefühlt alles wegge­schmissen, was da war. Sie haben zwei oder drei Fassungen geschrieben, über die man immer wieder geredet hat. Und es gab dann einen Punkt, wo ich mir gedacht hab, okay, das ist jetzt alles gut und inter­es­sant – aber für mich zumindest hatte es noch nicht diese Kino-Gewalt, nach der ich gesucht habe. Ich bin dann wie mit der Ketten­säge, wie ein Bulldozer einfach mal über das Drehbuch gefahren, habe alle Dinge nochmal rein­ge­pfef­fert, die mir emotional, erzäh­le­risch und visuell am Herzen lagen. War dann sehr glücklich, dass Constantin und Daniela nicht gesagt haben: »Oida, geh Scheißen...« Sondern den Ball wieder aufge­nommen und das, was ich da so rein­ge­trüm­mert habe, in eine Form gebracht haben, die finan­zie­rungs­taug­lich war.

artechock: Also ziemlich das Gegenteil von wie es damals beim finsteren Tal war, wo ja sehr schnell ein Drehbuch stand, das dann auch im Wesent­li­chen die Basis blieb.

Andreas Prochaska: Der Vorteil bei Das finstere Tal war, dass es eine hervor­ra­gende Roman­vor­lage gab (Lachen) und man wusste, wohin es führt. Die Figuren waren sehr schnell klar. Man kann die zwei Filme überhaupt nicht verglei­chen – Das finstere Tal war ein sehr klarer Genre-Wurf, eine klas­si­sche Rache-Geschichte. Auch wenn wir im Prozess relativ viel verändert haben im Vergleich zum Roman, war die Struktur eigent­lich immer da. Und das war bei Welcome Home Baby gar nicht der Fall. Es gab irgend­wann mal den Punkt, wo wir uns alle bewusst entschieden haben, klas­si­sche Erzähl­muster einfach ein bisserl hinter uns zu lassen und sehr stark auf „Erlebnis“ und fast körper­liche Erfah­rungen zu setzen. Was natürlich eine Grat­wan­de­rung war, weil man sich dadurch in die Gefahr begeben hat, dass man zwischen den Stühlen sitzt. Ich bin aber froh, dass wir dieses Risiko einge­gangen sind.

artechock: Mit dem Drehbuch war aber noch lange nicht die endgül­tige Form des Films gefunden, oder?

Andreas Prochaska: Ich habe das bei keinem Film so stark erlebt wie bei dem –, dass das Material in jeder Phase ständig Eigen­leben entwi­ckelt hat. Er hat sich dann durch die Motiv­suche und die Arbeit mit allen Gewerken, ob das jetzt Szenen­bild, Kostüm, Kamera war, nach und nach heraus­ge­schält. Das war schon ein sehr starker gemein­samer Prozess. Der hat mit der Carmen [Kame­ra­frau Carmen Treichl] und mir begonnen, weil wir schon während wir die Serie LOVE SUCKS gedreht haben, immer wieder über diesen Film gespro­chen haben. Und versucht haben, die visuellen Themen und die visuelle Grammatik zu finden: Wie können wir das, was im Drehbuch steht, in Bilder über­setzen, die hoffent­lich im Kopf bleiben. Dann ist natürlich der Claus Amler, der Szenen­bildner, dazu­ge­kommen, der das Projekt auch von der ersten Idee an begleitet hat. Er hat ange­fangen, Motive zu scouten. Wo man sich sehr viel über Farben, über Orte, über Gefühle, über Atmo­sphären ausge­tauscht hat. Ich bin mit dem Claus auch tagelang im Auto gesessen, wo wir immer wieder über das Ende geredet und gerätselt haben. Claus ist ja nicht nur Szenen­bildner, sondern auch ein total film­ver­rückter Mensch, der gefühlt 3000 Filme mehr gesehen hat als ich. Und der auch inhalt­lich immer ein guter Spar­ring­partner war. Die Julia Franz Richter habe ich hier in diesem Café getroffen, in dem wir jetzt sitzen. Und mit ihr sehr intensiv über das Buch und den Inhalt gespro­chen. Weil ich, als Mann, der eine Geschichte über eine junge Frau erzählt, dieser Frau­en­figur nichts über­s­tülpen wollte, womit Julia, die das Gesicht und das Herz des Films ist, nicht einver­standen ist. Mir war wichtig, dass das ein Umfeld war, wo ich mich immer wieder verge­wis­sern konnte, dass das, was wir hier machen, einer weib­li­chen Identität entspricht, die in diesem Film porträ­tiert wird. Und eben auch der Blick durch die Kamera ein – was immer das heißt – weib­li­cher Blick ist. Da kam mit der Carmen nicht nur sozusagen eine künst­le­ri­sche Energie, sondern auch eine sehr große Sensi­bi­lität. Weil das Schlimmste sind schöne Bilder – man sucht ja immer nach dem richtigen Bild. Wir haben versucht, das Haptische in dieser Geschichte wo immer es ging zu unter­s­tützen. Die ersten Einstel­lungen des Films sind noch vor Dreh­be­ginn entstanden. Mit so einer Schnor­chel­ka­mera sind wir aus einer Rinder­spei­seröhre raus­ge­fahren, sind in einer Makrowelt über ein Stück Rind­fleisch gefahren, das wir mit einem Bunsen­brenner behandelt haben. Sind mit dieser Kamera durchs Moos gekrochen. Um uns zu Beginn aus dem Inneren dieses Orga­ni­schen heraus in irgend­eine Form von Realität zu rotieren. Viel­leicht – jetzt inter­pre­tiere ich aber – als Verweis, dass es so eine Ur-Suppe gibt, aus der wir alle kommen. (Lacht)

artechock: Du hast vorhin halb scherz­haft von »Leiden« gespro­chen. War es für dich ein Leiden, dass der Prozess so organisch war – oder war es auch befreiend und spannend zu sagen, das arbeitet bis zum Schluss?

Andreas Prochaska: Das Leiden hat sich auf die Phase bezogen, wo ich allein mit dem Stoff war und gemerkt hab, ich bin nicht gut genug, um den zu bewäl­tigen. Ab da, wo wir zu dritt waren, war es ein total span­nendes Ping-Pong-Spielen. Der ganze Prozess war eigent­lich total berei­chernd, auch dann beim Drehen. Natürlich gab es auch immer Momente... Also wo ich die ersten Schnitt­phase hinter mir hatte, hab ich das Gefühl gehabt, meine Karriere ist jetzt zu Ende. Als ich den ersten Rohschnitt für mich ange­schaut habe, hab ich mir gedacht, Gott, das ist einfach ein hane­büchener Krempel. Bin dann wie ein geprü­gelter Hund durchs Haus geschli­chen – und meine Frau hat gesagt: »Jetzt zeig’s doch mal her!« Ich habe es dann mit meiner Frau und meinem jüngsten Sohn ange­schaut, und die waren beide eigent­lich sehr über­rascht von dem Film. Mein Sohn hat am nächsten Tag gesagt, er hat nicht gewusst, ob er den Film gesehen oder geträumt hat. Da hab ich das Gefühl gehabt, okay, viel­leicht ist es jetzt doch kein so Riesen-Topfen.

artechock: Im Schnitt ist dann auch nochmal viel passiert, oder?

Andreas Prochaska: Der Schnitt­pro­zess war auf jeden Fall ein Prozess der Verdich­tung und der Reduktion. Der Film war anfangs noch stärker im Genre verankert, und wir haben dann eigent­lich alles elimi­nierten, was zu effektik war und zu vorder­gründig. Zum Leidwesen der Produ­zenten mögli­cher­weise... (lacht)

artechock: Du hast von den Film­re­fe­renzen in einer frühen Dreh­buch­fas­sung gespro­chen. Was waren Deine cine­as­ti­schen Einflüsse?

Andreas Prochaska: Ich habe den Film The Father nur einmal gesehen, dieses Demenz­drama mit Anthony Hopkins. Den fand ich als Film gar nicht so über­wäl­ti­gend, aber das, was dieser Mensch durch­litten hat, was Anthony Hopkins da gespielt hat, hat mich tief beein­druckt und beschäf­tigte. Ich hab den sozusagen als emotio­nale Referenz irgendwo im Körper­ge­dächtnis abge­spei­chert. Ansonsten hab ich oft an Filme gedacht wie Don’t Look Now (Wenn die Gondeln Trauer tragen), Filme, die ein Rätsel bleiben. Natürlich habe ich fast alles gesehen, was David Lynch gemacht hat. Ich bin ein großer Verehrer von Jonathan Glazer, der sich ja gefühlt mit jedem Film neu erfindet und der auch in seiner Arbeit immer etwas Vers­tö­rendes hat, was einem lang­fristig im Körper­ge­dächtnis bleibt. Nach sowas hab ich gesucht. Bei einer Vorfüh­rung in New York war die erste Frage, ob ich die Haupt­dar­stel­lerin besetzt habe, weil sie eine entfernte Ähnlich­keit zu Mia Farrow hat. Immer wieder werde ich auf Rose­ma­ries Baby ange­spro­chen – an den ich lusti­ger­weise kaum gedacht habe, obwohl dir die Refe­renzen natürlich ins Gesicht plärren... Ich hab vieles sozusagen in meinem System gehabt, was sich auf die eine oder andere Art mani­fes­tiert hat.

artechock: Du hast mir im Laufe des Entste­hungs­pro­zesses mal gesagt, Reali­täts­ver­lust sei eine der größten Horror­vor­stel­lungen für Dich. Man kann den Film auch als Psychose-Erfahrung auffassen...

Andreas Prochaska: Das ehrt mich, ohne dass es total bewusst inten­diert war. Viel­leicht war ich während des Drehs selbst am Rande einer Psychose. (Lacht) Aber jeder Mensch kennt doch dieses Ding: Du gehst von einem Zimmer ins andere, weil du irgendwas holen wolltest, und dann stehst du da und weißt nicht mehr, warum du eigent­lich in dem Zimmer bist. Dieses Gefühl sozusagen zur Potenz versucht der Film mit der Haupt­figur zu erzeugen – und gleich­zeitig aber eine Figur zu erzählen, die sich diesem Zustand nicht kampflos hingibt. Sondern mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, aus dieser Kopfhölle heraus­zu­kommen. Es ist nicht nur eine Visua­li­sie­rung einer Psychose, sondern es erzählt schon eine Geschichte. Was für mich total inter­es­sant war, schon im Drehbuch, in der Insze­nie­rung, im Schnitt und in der Arbeit mit meinem Kompo­nisten, war... nicht „vage zu bleiben“, sondern nicht vorher­sehbar zu sein. Wenn in der Kompo­si­tion der nächste Ton anti­zi­pierbar war, wurde es zur Melodie, und ich hatte das Gefühl, dann kann man sich quasi zurück­lehnen, weil dann ist es klas­si­sche Filmmusik. Und das hat sich nicht richtig angefühlt. Genauso war es beim Schreiben und Insze­nieren. Es gibt ja viele Themen, die man in dem Film entdecken kann – aber in dem Moment, wo man ein Thema stärker unter­stri­chen hatte, sei es jetzt im Drehbuch oder im Schnitt oder in der Insze­nie­rung, dann hat es sich plötzlich banal angefühlt. Dann wurde es zu einer Botschaft, und dann hab ich das Gefühl gehabt, es verliert den Zauber.

artechock: Inter­es­sant, dass ein Film über Geburt und Werden selbst so eine Art starke Geburts­er­fah­rung im Werden durch­ge­macht hat...

Andreas Prochaska: Ich bin froh, dass Du das sagst, und nicht ich. Weil ich würde den Teufel tun, Erklärungen und Inter­pre­ta­tionen zu liefern. Aber natürlich wird das Thema Geburt ja quasi schon in den ersten zehn Minuten relativ explizit gesetzt. Wo ich als Mann wie vor einem Rätsel stehe: Was bedeutet es, dass ein anderes Leben in dir selber entsteht? Ich kann das ja als Mann in keiner Weise nach­voll­ziehen. Ich war zwar bei vier Geburten meiner Kinder dabei – aber da steht man halt nur daneben und hofft aufs Beste. Dieser Gewaltakt, den das bedeutet, ein anderes Wesen auf die Welt zu bringen, war etwas, das mich nach­haltig beschäf­tigt hat. Lusti­ger­weise war in meinem ersten Kurzfilm, einer Science-Fiction-Dystopie, Ferti­lität auch schon ein Thema. Da geht’s um einen Astro­nauten, der in eine Welt zurück­fällt, in der es nurmehr alte Menschen gibt, und er ist der letzte frucht­bare Mensch. Also irgendwas ist da in meinem System, was mich offenbar beschäf­tigt. (Lacht)

artechock: Ja, das ist ja auch beim finsteren Tal eines der zentralen Themen.

Andreas Prochaska: Absolut. Was mich auch immer wieder beschäf­tigt, ist natürlich Heimat und Tradition.

artechock: Herkunft, in geogra­fi­scher wie biolo­gi­scher Hinsicht...

Andreas Prochaska: Genau – in mir schlum­mert da so eine Mischung aus Abscheu und Sehnsucht. Welcome Home Baby ist ein Film, wo die Heimat kein sehr freund­li­cher Ort ist, in die die Prot­ago­nistin zurück­kehrt. Aber dass man Teil von etwas ist, mit dem man auf irgend­eine Art untrennbar verbunden ist – das zu akzep­tieren oder über­winden ist etwas, was mich einfach inter­es­siert.

artechock: Du hast vorhin gesagt, es hatte anfangs nicht die Wucht, die Du Dir für Kino vorstellst. Was ist für dich der Unter­schied zwischen Arbeiten für den Bild­schirm und für die Leinwand?

Andreas Prochaska: Es ist ganz profan gespro­chen zuerst der Ton. Dieses immersive Erlebnis, das du bei einer guten Projek­tion mit einer guten Tonanlage hast, wo du sozusagen den Bildern, dem Film ausge­lie­fert bist – das kannst du nur an diesem Ort, der sich halt Kino nennt, erleben. Allein schon wenn ich seh, wie Fernseher stan­dard­mäßig einge­stellt sind und wie Menschen zu Hause Filme schauen, da krieg ich die Vollkrise... Und im Fernsehen will man ja immer gern alles erklärt haben, will, dass am Schluss alles geklärt ist – da ist selten Raum für wirkliche Ambi­va­lenz. Die Filme, die mich am stärksten beschäf­tigen, sind die, die frag­men­ta­risch bleiben, die Dinge nicht zu Ende erzählen, die rätsel­haft bleiben. Für mich ist das Schlimmste, was einem im Film passieren kann, dass beim Abspann die einzige Frage ist: Wo geht man hin, ein Bier trinken? Dem habe ich versucht, zumindest bewusst entge­gen­zu­wirken, selbst auf die Gefahr hin, dass ich viele Zuschauer*innen verstöre.

artechock: Ohne zuviel zu spoilern: Das Ende wird teilweise etwas kontro­vers aufge­nommen. Wie siehst du das?

Andreas Prochaska: Es war jeden­falls nicht inten­diert, zu sagen, die Frau ist nur komplett wenn sie ein Kind und einen Mann hat. Was ich mir gewünscht habe, ist, dass du mit dieser Figur gestärkt aus dem Film heraus­gehst. Das Leben passiert. Ich sag das als jemand, dem zwei Kinder quasi passiert sind. Und man muss damit irgendwie... dealen. Manchmal werden dir von der Welt Entschei­dungen einfach abge­nommen. Julia, ich, und Daniela, unsere Dreh­buch­au­torin, haben da sehr lange sehr intensiv darüber disku­tiert, wie das geht, um eben genau nicht diesen Effekt zu erzielen, der viel­leicht miss­ver­standen werden kann. Ich habe einen total inter­es­santen Kommentar auf Letter­boxed gelesen, wo eine Frau geschrieben hat: Wenn du das Patri­ar­chat bloß mit dem Matri­ar­chat ersetzt, dann ersetzt du ein System gegen ein anderes System. Und eigent­lich wollen wir ja die Welten verbinden, und nicht die Männer gegen die Frauen, und die Frauen gegen die Männer ausspielen. Idea­ler­weise findet man einen Weg, wie man koexis­tieren kann. Das klingt viel­leicht sozi­al­ro­man­tisch... dass es eben diese Gleich­be­rech­ti­gung gibt. Man kann sich dann viel­leicht nach Welcome Home Baby noch Die My Love anschauen... (Lacht) Als Double Feature. Und viel­leicht davor In die Sonne schauen. Dann hat man auf jeden Fall einen span­nenden Abend, glaube ich. (Lacht)

artechock: Und am Ende hat ja die Frau das Steuer in der Hand...

Andreas Prochaska: Aus meiner Sicht ist ihre Entschei­dung am Ende ein Zeichen von Größe. Ich habe generell das Gefühl, wenn man mit einer Figur so viel erlebt, dann möchte man auch Hoffnung für diese Figur haben. Wenn ich mich richtig erinnere, war beim »Finsteren Tal« im Roman die Luzi am Ende nicht schwanger. Ich habe den [Dreh­buch­au­toren] Martin Ambrosch damals gebeten: Ich brauche am Ende irgendwie einen Hoff­nungs­schimmer. Und dann ist er mit diesem Voice-Over-Satz gekommen, dass zum ersten Mal quasi ein Kind unterwegs ist, das nicht aus dieser Hölle geboren wurde. Das hat für mich dem Ganzen, trotz aller Bruta­lität und Härte, etwas gegeben, das einem Hoffnung gibt. Für mich ist das Schlimmste – abgesehen davon, dass man einen Film gleich vergisst – wenn ich aus einem Film rausgehe und in kompletter Hoff­nungs­lo­sig­keit bin. Auch das muss es geben. Die 120 Tage von Sodom braucht man nicht erwähnen, aber zum Beispiel ein Film wie Henry – Portrait of a Serial Killer. Wenn du rausgehst und einfach nur verzwei­felst an der Mensch­heit. Von Irrever­sibel will ich gar nicht anfangen. Das sind Dinge, die hat man einmal in sein Leben rein­ge­lassen, die möchte man aber ganz schnell wieder... (Lacht)

artechock: Nach dem langen Gesta­ti­ons­pro­zess war jetzt auch der Weg in die Welt seltsam lang, von der Berlinale-Premiere im Februar bis jetzt zum deutschen Kinostart. Wie hast Du den erlebt?

Andreas Prochaska: Ich war jetzt zuletzt in Biberach und in Radstadt, auf zwei kleinen Festivals. Wo ich schon gemerkt habe, dass ein Teil des Publikums immer irritiert ist. Dann gibt es aber auch Leute, die gehen fast mit so einem Glühen aus dem Saal. Du merkst, dass das ganz viel getrig­gert, gelöst, mit den Menschen gemacht hat. Ich habe das Gefühl, wenn Leute sich darauf einlassen, werden sie auch belohnt. Es ist komisch, wenn ich das sage – aber es war meine Erfahrung, über Grenzen hinweg. Ich war in New York bei einem Screening, da waren junge Ameri­ka­ne­rinnen Anfang 30, die gesagt haben, sie müssen den Film allen ihren Freun­dinnen empfehlen. Weil er da einen Nerv trifft, auch was Lebens­ent­schei­dungen betrifft. Da war die Natur mit uns Männern... ich will nicht sagen gnädig, aber wir sind halt anders dispo­niert. Als Frau ab 30 muss man sich einfach mit dieser Frage konfron­tieren – wie will man sein Leben gestalten. Das kriegt natürlich eine gewisse Dring­lich­keit, die der Film auch thema­ti­siert – den Druck, der auf Frauen lastet.

artechock: Gibt es jetzt rück­bli­ckend etwas, woran du immer noch arbeiten würdest?

Andreas Prochaska: Es gibt bei jedem Film diesen Moment, wo man sagt: Okay, in der Phase, in der ich jetzt in meinem Leben mit dem Material bin, ist das die rich­tigste Version des Films. Wenn ich den Film heute drehen würde, wäre es ein anderer Film. Der Maler muss auch irgend­wann einmal sagen, er legt jetzt den Pinsel weg. Das hat alles was mit Energie zu tun. Was raus muss, muss irgend­wann mal raus. Und dann ist auch gut – und dann muss das Kind selber laufen.

artechock: Ich danke Dir für das Gespräch!