Jürgen Habermas und das Kino |
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| Jürgen Habermas 2014 | ||
| (Foto: Európa Pont, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons · CC BY 2.0 ) | ||
»Vernunft besteht im Gebrauch der Vernunft.«
– Jürgen Habermas»Es scheint so, als ginge eine Ära mit ihm zu Ende.«
– Alexander Kluge
Das Kino war nicht sein Medium. Das Fernsehen hat er, glaube ich, richtiggehend gehasst. Er hat es jedenfalls nicht gemocht, es ist ihm immer fremdgeblieben. Sein Medium war nicht das Bild, sondern das Wort, die Schrift, es waren die Bücher. Ich kenne keinen Text von Jürgen Habermas, in dem er über Filme geschrieben hat, und auch in dem einen einzigen Buch von ihm, in dem es gewissermaßen um Ästhetik geht – »Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck«; Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt 1997 – kommt das Kino nicht vor.
Wer vorkommt, ist Alexander Kluge. Der einzige Filmemacher, zu dem er in jedem Fall einen ganz direkten Bezug hat, sein Generationsgenosse. In einer nachgedruckten Laudatio preist er ihn als »nützlichen Maulwurf, der den schönen Rasen zerstört«. Und als »Meister surrealer Geschichten.«
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Kluge hat Habermas jetzt einen wunderbaren kleinen Nachruf in der FAZ gewidmet, und man darf damit rechnen, dass er bald noch mehr über seinen Freund Jürgen Habermas schreiben wird. »Sein Tod trifft uns in einem gefährlichen Moment.« schreibt Kluge, »Aber wir müssen mit Gegenproduktion und Hoffnungsfreude darauf
antworten.« Die Theorie und Philosophie müsse nun in ihre Werkstätten zurück. Dafür hätten wir alle ihn dringend gebraucht.
»Ich glaube nicht, dass er uns Mutlosigkeit und Hoffnungslosigkeit vorschlägt. Vielmehr geht es um Gegenproduktion in einer gefährdeten Welt.«
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Solche Gegenproduktion könnte sich auch das Kino zu eigen machen. Denn Habermas war ein universaler Denker, ein Denker der Zukunft und mit Zukunft, wie ihn auch Willi Winkler in seinem nur online erschienenen sehr schönen Nachruf für die SZ beschreibt.
Er war nicht nur der Hegel der Bundesrepublik, wie ihn sein Biograf Philipp Felsch in unserem Podcast-Gespräch vor zwei Jahren beschrieben hat, er war vor allem einer, der Angebote für die Praxis machte, und zum politisch-gesellschaftlichen Engagement ermutigen wollte. Kommunikatives Handeln ist eben auch und vor allem Handeln.
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Für das Kino in Gegenwart und Zukunft wichtig ist Habermas als Vordenker einer transnationalen, europäischen Öffentlichkeit. Sie ist es, was das europäische Kino braucht, wenn es gegen Big-Tech, gegen das Kino aus Hollywood und Asien seine Eigenständigkeit behalten will.
Eine solche europäische Öffentlichkeit ist institutioneller Ausdruck der Einheit der Vernunft, die mit Habermas' Worten »in der Vielfalt ihrer Stimmen« eben auch eine Einheit ist, und zwar eine der Vernunft – und nicht nur Vielfalt.
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Die Medienpolitik in Deutschland wie Europa muss ihre defensive Grundhaltung ablegen. Sie muss lernen, Filme als attraktive Softpower zu begreifen, mit der sich Werte und Lebensweisen global vorführen und verbreiten lassen. Den »European way of life«.
Eine europäische Öffentlichkeit muss das Ziel aller Medienpolitik sein, das Abstreifen nationaler Verengungen des Denkens und des Geschmacks und der Fixierungen auf Standortpolitik.
Was ist nötig, damit eine solche transnationale europäische Öffentlichkeit entstehen kann? Es fehlen zur Zeit gemeinsame europäische Medien wie eine echte europäische Ausrichtung der Berichterstattung der nationalen Medien. Es fehlt auch ein gemeinsamer transeuropäischer Diskurs.
Habermas bemühte sich auf allen Ebenen für rationale herrschaftsfreie Meinungsbildung. In seinem letzten theoretischen Werk – »Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik« von 2022 – arbeitete er an Ideen zu einer zeitgemäßen digitalen Öffentlichkeit. Nur durch den Aufbau einer solchen Öffentlichkeit, und ihrer Institutionen, von europäischen Medien, lässt sich der grassierenden Aushöhlung der Demokratie und dem Aufstieg rechtsextremer Parteien entgegenarbeiten.
Habermas und sein Werk standen für das Vertrauen in den öffentlichen Vernunftgebrauch. Vertrauen in Diskurs, auch Streit, aber mit dem Ziel der Schärfung von Ideen und einer Verständigung.
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Habermas hatte erlebt, wie die totalitären Systeme des Nationalsozialismus und des Staatssozialismus untergegangen sind, aber er hatte kommen sehen, wie aus dem Schoß der Demokratie heute neue Totalitarismen hervorwachsen: Der »Campus-Antisemitismus« wohlsituierter westlicher Bürgerkinder, die identitätspolitischen Versuchungen, die die Prämissen der Aufklärung verraten, antidemokratische, autoritäre, gewaltverherrlichende Tendenzen der Linken, die
Habermas schon sehr früh »Linksfaschismus« nannte, aber genauso der Rechten: Der Angriffe auf Medienfreiheit, auf öffentlich-rechtliche Medien, auf Institutionen des Staats und auf Politiker. Autokraten höhlen die Demokratien in ihren Ländern aus.
Habermas beschrieb, wie der postkoloniale politische Diskurs auf beiden Seiten des Spektrums zur einer Art antiwestlichem und antimodernem Vernichtungsfeldzug ausartet, der sich längst von seinen Ursachen, der Kritik an
Machtverhältnissen gelöst hat und zu einer neuen gewalttätigen Religion geworden ist.
Schließlich die Verselbständigung immer komplexerer Technologien und der mit ihr einhergehenden Effizienzsteigerung, der Verlust der Spielräume und die Reduktion der Alternativen: Habermas hat schon 1981 von der »Kolonisierung der Lebenswelt« gesprochen: Politik, Arbeit und Freizeit, Bildung, Gesundheit, Sozialleistungen, Kunst und Medien werden mehr und mehr von einem rein
funktionalen Nutzenkalkül durchdrungen – bis in die persönlichsten intimen Beziehungen hinein. In galoppierender Beschleunigung überformen die namens- und gesichtslosen Algorithmen der Digitalisierung alle Lebensbereiche und unterwerfen unsere hochindustrielle, weltweit vernetzte Gesellschaft zunehmend einem universalen Funktionalismus. Dieses funktional festgelegte, durch den Staaten überlegene transnationale Konzerne gesteuerte System hat keinen
Bezugspunkt mehr jenseits des Funktionalen.
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Hier hätte Europa vieles entgegenzusetzen. Vor allem das Erbe der Aufklärung. Habermas' sehr prinzipiell begründete Verteidigung der Idee des Westens ging immer einher mit einem Bekenntnis zur Realpolitik. Gerade das machte Habermas wach für Gefahren.
Habermas’ Credo war Modernisierung, er glaubte an Fortschritte und kritisierte den neuen Nationalismus ebenso wie linke Flirts mit dem Staatssozialismus. Zuletzt wurde die Dankbarkeit gegenüber US-Amerika für
Demokratie, Freiheit und liberale Kultur getrübt durch den amerikanischen Verrat am Ideal der Menschenrechte, die Infragestellung des Völkerrechts und der Demokratie und durch die schamlosen Exzesse der Techno-Elite rund um den derzeitigen US-Präsidenten.
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Weil er wusste, dass Kommunikation und Aufklärung ihrem Wesen nach nie abgeschlossen, im besten Sinne unendlich sind, betrachtete er die Zukunft der Moderne mit trockenem Pragmatismus: Die Vernunft kann aufgehalten, aber nicht abgeschafft werden.
Wir werden jetzt ohne ihn weiterleben müssen. Deutschland verabschiedet sich nicht nur von der Person, sondern auch vom Prinzip Habermas. Es könnte und es muss in Europa, in einer europäischen Öffentlichkeit und ihren Medien fortleben.