19.03.2026

Jürgen Habermas und das Kino

Habermas
Jürgen Habermas 2014
(Foto: Európa Pont, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons · CC BY 2.0 )

Zum Tod des wichtigsten Denkers unseres Zeitalters: Der Starnberger Philosoph war auch ein Vordenker für das europäische Kino – die Filmszene in Deutschland und anderswo sollte sich endlich mit ihm beschäftigen. Denn kommunikatives Handeln ist auch und vor allem Handeln

Von Rüdiger Suchsland

»Vernunft besteht im Gebrauch der Vernunft.«
– Jürgen Habermas

»Es scheint so, als ginge eine Ära mit ihm zu Ende.«
– Alexander Kluge

Das Kino war nicht sein Medium. Das Fernsehen hat er, glaube ich, rich­tig­ge­hend gehasst. Er hat es jeden­falls nicht gemocht, es ist ihm immer fremd­ge­blieben. Sein Medium war nicht das Bild, sondern das Wort, die Schrift, es waren die Bücher. Ich kenne keinen Text von Jürgen Habermas, in dem er über Filme geschrieben hat, und auch in dem einen einzigen Buch von ihm, in dem es gewis­ser­maßen um Ästhetik geht – »Vom sinn­li­chen Eindruck zum symbo­li­schen Ausdruck«; Biblio­thek Suhrkamp, Frankfurt 1997 – kommt das Kino nicht vor.

Wer vorkommt, ist Alexander Kluge. Der einzige Filme­ma­cher, zu dem er in jedem Fall einen ganz direkten Bezug hat, sein Gene­ra­ti­ons­ge­nosse. In einer nach­ge­druckten Laudatio preist er ihn als »nütz­li­chen Maulwurf, der den schönen Rasen zerstört«. Und als »Meister surrealer Geschichten.«

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Kluge hat Habermas jetzt einen wunder­baren kleinen Nachruf in der FAZ gewidmet, und man darf damit rechnen, dass er bald noch mehr über seinen Freund Jürgen Habermas schreiben wird. »Sein Tod trifft uns in einem gefähr­li­chen Moment.« schreibt Kluge, »Aber wir müssen mit Gegen­pro­duk­tion und Hoff­nungs­freude darauf antworten.« Die Theorie und Philo­so­phie müsse nun in ihre Werks­tätten zurück. Dafür hätten wir alle ihn dringend gebraucht.
»Ich glaube nicht, dass er uns Mutlo­sig­keit und Hoff­nungs­lo­sig­keit vorschlägt. Vielmehr geht es um Gegen­pro­duk­tion in einer gefähr­deten Welt.«

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Solche Gegen­pro­duk­tion könnte sich auch das Kino zu eigen machen. Denn Habermas war ein univer­saler Denker, ein Denker der Zukunft und mit Zukunft, wie ihn auch Willi Winkler in seinem nur online erschie­nenen sehr schönen Nachruf für die SZ beschreibt.

Er war nicht nur der Hegel der Bundes­re­pu­blik, wie ihn sein Biograf Philipp Felsch in unserem Podcast-Gespräch vor zwei Jahren beschrieben hat, er war vor allem einer, der Angebote für die Praxis machte, und zum politisch-gesell­schaft­li­chen Enga­ge­ment ermutigen wollte. Kommu­ni­ka­tives Handeln ist eben auch und vor allem Handeln.

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Für das Kino in Gegenwart und Zukunft wichtig ist Habermas als Vordenker einer trans­na­tio­nalen, europäi­schen Öffent­lich­keit. Sie ist es, was das europäi­sche Kino braucht, wenn es gegen Big-Tech, gegen das Kino aus Hollywood und Asien seine Eigen­s­tän­dig­keit behalten will.

Eine solche europäi­sche Öffent­lich­keit ist insti­tu­tio­neller Ausdruck der Einheit der Vernunft, die mit Habermas' Worten »in der Vielfalt ihrer Stimmen« eben auch eine Einheit ist, und zwar eine der Vernunft – und nicht nur Vielfalt.

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Die Medi­en­po­litik in Deutsch­land wie Europa muss ihre defensive Grund­hal­tung ablegen. Sie muss lernen, Filme als attrak­tive Softpower zu begreifen, mit der sich Werte und Lebens­weisen global vorführen und verbreiten lassen. Den »European way of life«.

Eine europäi­sche Öffent­lich­keit muss das Ziel aller Medi­en­po­litik sein, das Abstreifen natio­naler Veren­gungen des Denkens und des Geschmacks und der Fixie­rungen auf Stand­ort­po­litik.

Was ist nötig, damit eine solche trans­na­tio­nale europäi­sche Öffent­lich­keit entstehen kann? Es fehlen zur Zeit gemein­same europäi­sche Medien wie eine echte europäi­sche Ausrich­tung der Bericht­erstat­tung der natio­nalen Medien. Es fehlt auch ein gemein­samer trans­eu­ropäi­scher Diskurs.

Habermas bemühte sich auf allen Ebenen für rationale herr­schafts­freie Meinungs­bil­dung. In seinem letzten theo­re­ti­schen Werk – »Ein neuer Struk­tur­wandel der Öffent­lich­keit und die deli­be­ra­tive Politik« von 2022 – arbeitete er an Ideen zu einer zeit­ge­mäßen digitalen Öffent­lich­keit. Nur durch den Aufbau einer solchen Öffent­lich­keit, und ihrer Insti­tu­tionen, von europäi­schen Medien, lässt sich der gras­sie­renden Aushöh­lung der Demo­kratie und dem Aufstieg rechts­extremer Parteien entge­gen­ar­beiten.

Habermas und sein Werk standen für das Vertrauen in den öffent­li­chen Vernunft­ge­brauch. Vertrauen in Diskurs, auch Streit, aber mit dem Ziel der Schärfung von Ideen und einer Vers­tän­di­gung.

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Habermas hatte erlebt, wie die tota­li­tären Systeme des Natio­nal­so­zia­lismus und des Staats­so­zia­lismus unter­ge­gangen sind, aber er hatte kommen sehen, wie aus dem Schoß der Demo­kratie heute neue Tota­li­ta­rismen hervor­wachsen: Der »Campus-Anti­se­mi­tismus« wohl­si­tu­ierter west­li­cher Bürger­kinder, die iden­ti­täts­po­li­ti­schen Versu­chungen, die die Prämissen der Aufklärung verraten, anti­de­mo­kra­ti­sche, auto­ri­täre, gewalt­ver­herr­li­chende Tendenzen der Linken, die Habermas schon sehr früh »Links­fa­schismus« nannte, aber genauso der Rechten: Der Angriffe auf Medi­en­frei­heit, auf öffent­lich-recht­liche Medien, auf Insti­tu­tionen des Staats und auf Politiker. Auto­kraten höhlen die Demo­kra­tien in ihren Ländern aus.
Habermas beschrieb, wie der post­ko­lo­niale poli­ti­sche Diskurs auf beiden Seiten des Spektrums zur einer Art anti­west­li­chem und anti­mo­dernem Vernich­tungs­feldzug ausartet, der sich längst von seinen Ursachen, der Kritik an Macht­ver­hält­nissen gelöst hat und zu einer neuen gewalt­tä­tigen Religion geworden ist.
Schließ­lich die Verselb­stän­di­gung immer komple­xerer Tech­no­lo­gien und der mit ihr einher­ge­henden Effi­zi­enz­stei­ge­rung, der Verlust der Spiel­räume und die Reduktion der Alter­na­tiven: Habermas hat schon 1981 von der »Kolo­ni­sie­rung der Lebens­welt« gespro­chen: Politik, Arbeit und Freizeit, Bildung, Gesund­heit, Sozi­al­leis­tungen, Kunst und Medien werden mehr und mehr von einem rein funk­tio­nalen Nutzen­kalkül durch­drungen – bis in die persön­lichsten intimen Bezie­hungen hinein. In galop­pie­render Beschleu­ni­gung über­formen die namens- und gesichts­losen Algo­rithmen der Digi­ta­li­sie­rung alle Lebens­be­reiche und unter­werfen unsere hoch­in­dus­tri­elle, weltweit vernetzte Gesell­schaft zunehmend einem univer­salen Funk­tio­na­lismus. Dieses funk­tional fest­ge­legte, durch den Staaten über­le­gene trans­na­tio­nale Konzerne gesteu­erte System hat keinen Bezugs­punkt mehr jenseits des Funk­tio­nalen.

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Hier hätte Europa vieles entge­gen­zu­setzen. Vor allem das Erbe der Aufklärung. Habermas' sehr prin­zi­piell begrün­dete Vertei­di­gung der Idee des Westens ging immer einher mit einem Bekenntnis zur Real­po­litik. Gerade das machte Habermas wach für Gefahren.
Habermas’ Credo war Moder­ni­sie­rung, er glaubte an Fort­schritte und kriti­sierte den neuen Natio­na­lismus ebenso wie linke Flirts mit dem Staats­so­zia­lismus. Zuletzt wurde die Dank­bar­keit gegenüber US-Amerika für Demo­kratie, Freiheit und liberale Kultur getrübt durch den ameri­ka­ni­schen Verrat am Ideal der Menschen­rechte, die Infra­ge­stel­lung des Völker­rechts und der Demo­kratie und durch die scham­losen Exzesse der Techno-Elite rund um den derzei­tigen US-Präsi­denten.

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Weil er wusste, dass Kommu­ni­ka­tion und Aufklärung ihrem Wesen nach nie abge­schlossen, im besten Sinne unendlich sind, betrach­tete er die Zukunft der Moderne mit trockenem Prag­ma­tismus: Die Vernunft kann aufge­halten, aber nicht abge­schafft werden.

Wir werden jetzt ohne ihn weiter­leben müssen. Deutsch­land verab­schiedet sich nicht nur von der Person, sondern auch vom Prinzip Habermas. Es könnte und es muss in Europa, in einer europäi­schen Öffent­lich­keit und ihren Medien fortleben.