11.07.2021

Cannes auf Speed

Cow
Über die Perspektive einer Kuh von uns Menschen erzählen – Andrea Arnolds Cow.
(Foto: Cannes Media Library/Kate Kirkwood)

Ausgewählte Filme der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes in der arteshorts-Kurzkritik

Von Rüdiger Suchsland

Freitag, 16.07.2021

Where is Anne Frank (BE, 2021) (R:Ari Folman)
Ich habe einen Film über Anne Frank gesehen, aber ich war nicht ein einziges Mal gerührt. Da kann etwas nicht stimmen.
Acht Jahre nach The Congress und 13 Jahre nach seinem Welterfolg Waltz With Bashir hat Ari Folman wieder bei einem Anima­ti­ons­film Regie geführt. Ich hatte mir viel verspro­chen von Where is Anne Frank?, weil Folman einen ganz eigenen Anima­ti­ons­stil besitzt.
Die Ästhetik ist leider sehr schlecht, man hat gar nicht das Gefühl, dass hier etwas Neues gemacht wird, sonders ist eine ganz bewusst naive Kinder­buch-Ästhetik und die auch nicht den Charme der japa­ni­schen Anime hat oder den von Disney. Bestimmt wird irgend­wann der Tag kommen, an dem sich ein japa­ni­scher Anime-Meister der Shoa und Anne Franks annimmt, und man möchte gar nicht wissen, was einer wie Mamuro Husoda, dessen neuer Film am Donners­tag­abend zu sehen war, aus dieser Vorlage gemacht hätte.
Mit Kitsch und Utopie geht es um eine Anklage des heutigen Umgangs mit Flücht­lingen und um das Ausnutzen von Anne Frank, um die Holocaust-Industrie.
Nur leider tut Folman selber genau das, was er hier anklagt.

Mittwoch, 14.07.2021

The French Dispatch (UK/FR/DE, 2020) (R: Wes Anderson) (Wett­be­werb)
Systeme und Struk­turen inter­es­sieren Wes Anderson heute viel mehr als früher, wo er sich noch für Familie und für einzelne Figuren inter­es­siert hat.
Ein paar Episoden aus der klas­si­schen Moderne sind ihm Rahmen für diese Hommage an den Jour­na­lismus und das, was er mal war, bevor die Controller und die Sozialen Netzwerke den Laden über­nahmen.
Klas­si­sche Moderne heißt bei ihm aber auch Frank­reich, genau gesagt die Klischees des fran­zö­si­schen Lebens. So entsteht hier eine Art »Amélie in Belle­ville«-Frank­reich, das aus Avant­garde-Malern, Bocuse-Essen und Fantomas zusam­men­ge­setzt ist.
Anderson zeigt das alte, verschwun­dene Leben voller Nostalgie, so dass auch noch Ratten in der Metro, Nutten an der Straße, ein Urinal und Leichen im Fluss roman­tisch wirken.
Dazu zitiert er lauter alte Filme.
Dieses Meis­ter­werk des Episo­dischen beweist: Es ist eben nicht nur manie­rierte Ober­fläche, auf die auch viele Vertei­diger Andersons seine Filme gerne redu­zieren. Sondern es ist in diesem Fall eine poli­ti­sche Botschaft: Die Vertei­di­gung von Freiheit und Inef­fi­zienz, von Ennui und Blasiert­heit.

Dienstag, 13.07.2021

Petrovs Flu (RU, 2020) (R: Kirill Sere­bren­nikow) (Wett­be­werb)
Ein harter Anfang, fast wie bei Chris­to­pher Nolans Tenet, wenn auch eher wie in einer post­so­wje­ti­schen Version des Films: Ein Terrorakt, bei dem eine Handvoll Anzug­träger an die Wand gestellt wird. Die Botschaft für die Zuschauer: Absolute Hilf­lo­sig­keit. Alles ist möglich!
Das setzt den Ton im neuen Film des großar­tigen Russen Kirill Sere­bren­nikov (Leto), auch wenn sich dieser Auftakt schnell als der erste von lauter Tagträumen und Fieber­phan­ta­sien der Haupt­figur entpuppt. Episoden aus den späten Neun­zi­gern, lose zusam­men­ge­halten durch die Titel­figur und schwan­kend zwischen Surrea­lismus, Absur­dität und Nostalgie.
Sere­bren­ni­kovs Film ist ein faszi­nie­render, erschüt­ternder Fieber­traum. Die Kamera ist wieder virtuos und perfekt, die Musik so schön wie die altmo­di­sche Farb­ge­bung und das Produk­tions-Design, von der chaotisch aufge­platzten Geschichte versteht man nur Fragmente.
Aber viel­leicht gibt es da gar nichts zu erklären. Viel­leicht muss man das fühlen, muss Spaß haben am Dreck und der Mensch­lich­keit im Destruk­tiven, an der schwarzen Welt­weis­heit, die hier zutage tritt.

JFK Revisited: Through the Looking Glass (USA/UK, 2021) (R: Oliver Stone) (Première)
Gibt es eigent­lich noch irgend­je­manden, der glaubt, dass John F. Kennedy 1963 tatsäch­lich durch Lee Harvey Oswald ermordet wurde?
Oliver Stone jeden­falls nicht.
Den Gegner stark machen – das wurde auch mir neulich anemp­fohlen, um »ausge­wo­gener« zu berichten, und den (nirgendwo geschrie­benen) Normen »jour­na­lis­ti­schen Handwerks« zu entspre­chen. Oliver Stone zeigt, wie es auch gehen kann und warum das manchmal richtig ist: Der Gegner ist nämlich schon stark.
Stone belegt, dass die soge­nannten Fakten in viel größerem Maß inter­pre­ta­ti­ons­ab­hängig und inter­pre­tierbar sind, dass nicht wenige von ihnen von den Verschleie­rungs­behörden erst »fabri­ziert« wurden, und wie nach der Tat vieles unter den Teppich gekehrt und selektiv ermittelt wurde, wie »Wahrheit« alle paar Jahre neu erfunden wird. Und er belegt die Sala­mi­taktik der US-Behörden, die immer wieder nur dann Dinge zugaben und ihre Versionen der Ereig­nisse verän­derten, wenn kein Wider­spruch mehr möglich war.
Dieser Film ist ein dichtes Fakten­ge­witter, schnell geschnitten, ein bewun­derns­wert souver­äner, fesselnder Flow aus Bildern, der auf die Dauer in seinem Tempo und Infor­ma­ti­ons­o­ver­kill auch ermüdet. Aber besser man wird müde, weil es zu viel zu sehen gibt, als weil nichts passiert, oder alles zu langsam und vorher­sehbar.

Sonntag, 11.07.2021

Benedetta (FRA, 2020) (R: Paul Verhoeven) (Wett­be­werb)
Das Unkon­ven­tio­nelle, Provo­ka­tive war schon immer das Haupt­in­ter­esse von Paul Verhoeven, der auch mit über 80 und 30 Jahre nach Basic Instinct Spaß daran hat, der Gesell­schaft ihre Doppel­moral und den Tugend­ta­liban unserer Brei­ten­grade ihre Untugend vorzu­halten. In diesem Fall geht es auch darum, zu zeigen, dass ex-christ­liche Länder Europas sich auch mit den Abgründen der eigenen Religion beschäf­tigen dürfen.
Benedetta erzählt die Geschichte einer Nonne, die zuerst Visionen hat, und dann die Frau­en­liebe für sich entdeckt. Eine Weile ist sie eine früh­neu­zeit­liche Touris­ten­at­trak­tion, dann kommt die Inqui­si­tion. Verhoevens Film ist hoch­un­ter­haltsam und klüger, als er manchmal aussieht. Er zeichnet vor allem ein altka­tho­lisch sattes, grelles Bild der Renais­sance voller Vulga­ri­täten und expli­ziter Szenen, zu denen nicht nur der Sex im Kloster gehört, sondern auch platzende Pest­beulen, Autodafés auf dem Markt­platz, irr gewordene Nonnen und betont kitschig süßliche Chris­tus­vi­sionen, in denen der Heiland aussieht wie ein Beau aus der neuesten Jeans-Werbung. Und Charlotte Rampling darf auch hier nicht fehlen – diesmal spielt der britisch-fran­zö­si­sche Weltstar eine süffi­sante Äbtissin, die schon zu viel gesehen hat, als dass sie Visionen, Pest und Todsünde noch erschüt­tern könnten.

Cow (UK, 2019) (R: Andrea Arnold) (Première)
Andrea Arnold erzählt vom Leben. Aller­dings vom Leben einer Kuh. Und wenn man so will vom »Anthro­pozän«, dem Zeitalter der menschen­ge­machten Natur. Von der Wiege bis zur Bahre begleiten wir die Kuh Luma, von ihrer Geburt, die – warum eigent­lich? – bei allen Tieren hier mit Hilfe von Menschen statt­findet, die das Kalb aus dem Leib der Mutter heraus­ziehen, bis zum Tod, bei dem der alters­schwa­chen Kuh ein Gnaden­schuss gegeben wird. Dieser Film ist uner­wartet von dieser Regis­seurin, wenn man aber erst drinsitzt, scheint er voll­kommen logisch. Zusam­men­ge­halten wird Arnolds erster Doku­men­tar­film auf Kinolänge mit ihrem übrigen Werk (Red Road, Fish Tank, American Honey) durch ein paar Leit­mo­tive: Arbeits­welten, Ausbeu­tung, die Welt von heute und Weib­lich­keit. Die Kamera, die über vier Jahre immer wieder an der Arbeit war, zeigt schön gestal­tete Bilder, die genau und dicht an Luma dran sind. Es ist ein lang­wei­liges Leben, ein immer­glei­ches Leben: Fressen und gemolken werden. Nichts wird aufge­klärt, insbe­son­dere nicht die Produk­ti­ons­ver­hält­nisse der Milch und die verschie­denen tech­ni­schen Bedin­gungen. Warum müssen die Kühe beim Melken immer auf kleinen Balken stehen? Vermut­lich, weil sie dann ruhig bleiben und sich nicht so viel bewegen. Läuft die ziemlich schlechte Popmusik bei den Melk-Vorgängen deswegen, weil man die Kühe damit in Stimmung bringt? Oder beruhigt? Wieviel Milch produ­ziert eine Kuh eigent­lich am Tag und was genau sind das eigent­lich für Milch­bauern? So groß sie im ersten Moment wirken, sind sie wahr­schein­lich im Vergleich zu anderen eher kleine Fische.
Auch weil alles ausschließ­lich aus Kuh-Perspek­tive gezeigt wird, bzw. aus der von uns vermu­teten, imagi­nierten Kuhper­spek­tive, erzählt Arnold in diesem genauen, schönen unge­wöhn­li­chen Film von uns.