06.07.2021

Die besten Filme der Welt

Carax Anette
Marion Cotillard und Adam Driver in  Leos Carax' Annette
(Foto: Cannes Media Library)

Sehnsucht nach Chaos: Am Dienstag eröffneten die Filmfestspiele von Cannes – das Mekka des Kinos soll auch Lust auf den alltäglichen Kinobetrieb machen; Cannes-Tagebuch, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Der Ausschluss der Lust in einer Gesell­schaft, die von zweierlei Moral bear­beitet wird: von der Mehr­heits­moral der Platitüde und von der Klein­grup­pen­moral der (poli­ti­schen und/oder sozialen) Strenge. Die Idee der Lust schmei­chelt, wie es scheint, niemandem mehr. Unsere Gesell­schaft erscheint als gesetzt und gewalt­tätig zugleich; in jedem Fall: frigide.« – Roland Barthes

Jetzt ist es endlich wieder so weit. 12 Tage lang pilgern Kinostars, Autoren­filmer, Rechtehändler, Agenten, Bericht­erstatter und alle anderen »Cine­philen« dieser Welt an die Côte d’Azur. Andachts­voll drehen sie ihre Kreise um einen Beton­klotz im heute schon fast wieder schicken 70er-Jahre-bruta­lisme-Stil direkt zwischen Hafen und Strand eines einst beschau­li­chen kleinen Fischer­dörf­chens.
Vor dem strah­lenden Sonnen­schein und im azur­blauen Meer fliehen sie in kühle lichtlose Säle, um dem künst­li­chen Licht­flim­mern und den elek­tri­schen Schatten der Bilder zu folgen, die eine Illu­si­ons­ma­schine erzeugt. Für viele von ihnen aber sind diese Bilder realer, als die Welt da draußen, und sie leiden mit den Figuren auf der Leinwand oft tiefer und inniger mit, als selbst mit nahen Vertrauten. Es ist also alles auch ein bisschen pervers mit dieser Kinoliebe.

Aber in diesem Fischer­dörf­chen laufen, man weiß das aus lang­jäh­riger Erfahrung, die besten Filme der Welt. Und so sind diese zwei Wochen für gar nicht so wenige Film­lieb­haber auch die schönsten oder sogar die besten zwei Wochen des Jahres.

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In diesem Jahr kommt etwas hinzu: 15 Monate lang waren die Kinos, unter­bro­chen von wenigen kurzen Phasen, geschlossen, und der weltweite Film­be­trieb, inklusive der Film­fes­ti­vals matt­ge­setzt. Online-Surrogate, wie gutge­meint und gut gemacht auch immer, können das nicht ersetzen.

Jetzt soll, mit dem Mekka des Kinos als Auftakt und Start­rampe, der Kino­be­trieb neu beginnen. Und tatsäch­lich möchte man annehmen, dass – ähnlich wie große Sport­er­eig­nisse, die Fußball-EM oder die Olympiade – auch das bedeu­tendste Kino­er­eignis der Welt die Menschen in ihrem Alltag ermutigen und opti­mis­ti­scher stimmen kann, ihnen die Schönheit gemein­samer Erfah­rungen wieder nahe­bringen und eine fast schon verges­sene Norma­lität in Erin­ne­rung rufen. Und Filme, gerade die Vielfalt der Genres und der Eindrücke aus einem Weltkino, das von Tokio bis Buenos Aires reicht, können glücklich machen und »empowern« und alle stärken für die keines­wegs leichten und noch lange nicht normalen Verhält­nisse, in denen wir leben.

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Kino als Impfstoff? Vor einfachen Metaphern wird gewarnt. Aber dieses Jahr ist natürlich nicht normal. In keiner Hinsicht. Wir haben Sommer. Es ist anders als im Mai. Die Luft ist feucht und schwül, die Hitze drückend. Atmo­s­phä­risch ist schon jetzt klar: Es wird ein seltsames Festival – das sehen auch die Leute aus Cannes so. Der »Patron« des Restau­rants, in dem wir am Montag zu Abend aßen, erzählte sofort, die Atmo­s­phäre sei anders: »Dies ist kein normales Festival. Ich kann mich gar nicht daran gewöhnen, dass jetzt die Filme­ma­cher kommen und die üblichen Film-Gäste. Aber tatsäch­lich sind ja auch gar nicht alle hier. Es ist alles sehr sehr merk­würdig. Aber wir haben ein schlimmes Jahr hinter uns.«

Die dies­jäh­rige Ausgabe der Film­fest­spiele, die 74. nach dem Auftakt im Nach­kriegs­jahr 1946, steht sehr deutlich und für alle bewusst im Schatten der Pandemie. Denn noch längst ist nicht wieder alles normal. Aber mit jedem Tag wird es ein Stückchen normaler. Das ist die Botschaft dieses Festivals, das sich letztes Jahr auf keine faulen Kompro­misse einließ, sondern einfach die Ausgabe 2020 absagte, aber dafür in diesem Jahr vor Ort mit Filme­ma­chern und sehr vielen Besuchern statt­findet. Alle können aller­dings nicht kommen: In Latein­ame­rika, wo gerade Winter ist, sind die Infek­ti­ons­raten zu hoch. Die Latino-Jour­na­listen, die ich kenne, können daher nicht kommen. Darum wird es auch zum ersten Mal seit über 10 Jahren keinen Kriti­ker­spiegel bei »todas las críticas« geben. Nächstes Jahr im Mai soll alles wieder sein wie gehabt. Russen oder Türken und die meisten Asiaten müssten in den meisten Fällen erst 14 Tage in Quaran­täne gehen, darum hält sich ihre Zahl in diesem Jahr in engen Grenzen.

Merk­würdig einschrän­kend ist auch die Erfahrung des Festi­val­be­triebs unter Pande­mie­ein­schrän­kungen. Man konnte das schon 2020 in Venedig und San Sebastian erleben, es wird in Cannes nicht anders sein.
Kino und Film­fes­tival bedeutet nicht einfach, Filme zu gucken, sondern eine spezielle, sehr einmalige Erfahrung. Die Erfahrung der Dichte, der Distanz­lo­sig­keit, der Schnel­lig­keit, der Gleich­zei­tig­keit. Manchmal trifft man auf einem Film­fes­tival drei Leute gleich­zeitig. Über jeden von ihnen hätte man sich gefreut. Aber nun muss man jonglieren: Wie redet man mit allen dreien, ohne jemand schlecht zu behandeln oder unfreund­lich zu wirken? Cannes ist voller solcher verschie­dener Erfah­rungen zur gleichen Zeit.
Diesmal ist alles anders. Dichte ist nicht gewollt, Distanz wird gefordert, und schnell ist gar nichts. Man muss 20 Minuten vor einer Vorfüh­rung vor Ort sein, erhält spezielle Ankunfts­s­lots.

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Und auch die Auswahl der Filme ist bis zu einem bestimmten Grad begrenzt und geregelt. Man zeigt alte Bekannte und neue Freunde: Cannes möchte neue Werke zeigen, und darum laufen hier keine Filme, die schon 2019 gedreht wurden. Im Pande­mie­jahr aber entstanden weniger neue Filme, insofern ist das Auswahl­spek­trum reduziert. Umso erstaun­li­cher ist, was das dies­jäh­rige Programm trotz allem zu bieten hat.
Eröffnet wurde am Dienstag mit dem neuesten Werk des Franzosen Leos Carax (Die Liebenden von Pont-Neuf). Annette ist ein Fantasy-Thriller, der den Holly­wood­star Adam Driver und die fran­zö­si­sche Lein­wand­he­roine Marion Cotillard verbindet. Die Liebes­ge­schichte zwischen einer Opern­sän­gern und einem Stand-Up-Comedian wird zu einer emotio­nalen Achter­bahn­fahrt, als die gemein­same Tochter außer­ge­wöhn­liche, über­mensch­liche Fähig­keiten entwi­ckelt.
Zu den anderen unter den 24 Filmen, unter denen Jury­prä­si­dent Spike Lee am Ende die Palmen zu vergeben hat, gehören die neuen Werke von Paul Verhoeven, Sean Penn, Wes Anderson, Bruno Dumont, Nanni Moretti, dem Iraner Asghar Farhadi und dem russi­schen Dissi­denten Kirill Sere­bren­nikow.

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Das Chaos fehlt. Film­fes­ti­vals sind aber Chaos. Wo ist das Chaos in diesem Jahr? Wir leben – und das oft sehr gern – gerade in einem Zustand der Ordnung. Der zu vielen Ordnung. Der zu ordent­li­chen Ordnung. Gemeint ist damit nicht nur die Ordnung durch die Polizei, durch den Staat, durch die Gesund­heits­behörden. Viel ekla­tanter ist die Ordnung in den Köpfen. Die Ordnung in unseren Herzen und Hirnen. Wir trauen uns nichts, wir sind lieber ein bisschen feige. Das ist natürlich alles rational, prag­ma­tisch und gesittet, aber auch ein bisschen spießig und puri­ta­nisch, oder wie Roland Barthes sagen würde: »frigide«. Und wie gesagt zerstört es die eigent­liche Festi­val­er­fah­rung. Ich denke dagegen, dass Risiko ein Teil des Lebens ist. Aber ich weiß auch, dass das für mich leicht reden heißt. Ich komme aus einem reichen Land mit einem funk­tio­nie­renden Gesund­heits­system, und ich bin zweimal geimpft. Für viele andere sehr geschätzte Menschen gilt das nicht. Für die besonders Risi­ko­be­dachten bei uns aller­dings schon.

Für künst­le­ri­sche Erfahrung und für die Kunst selbst ist Ordnung aber nicht das Beste. Wir brauchen mehr Chaos und etwas mehr Unsi­cher­heit. Aber jeder heute sehnt sich nach mehr Ordnung und Sicher­heit. Dazu passt, dass der Zustand des kollek­tiven Bewusst­seins und der Mehr­heits­ge­sell­schaft in den west­li­chen Ländern anti-künst­le­risch ist. Insofern bin ich erstmal etwas skeptisch, um nicht zu sagen pessi­mis­tisch in Erwartung der kommenden zwei Wochen.
Aber es gibt Hoffnung. Diese Hoffnung könnte aus den Ländern außerhalb Europas kommen. Aus Russland, aus Japan, aus Afrika. Von außerhalb Europas kamen auch 2019, beim letzten Cannes-Festival, die besten Filme.
Immerhin Paul Verhoeven ist auch immer gut für einen kleinen Skandal und eine große Provo­ka­tion.

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Insofern wird dieses Cannes ein beson­deres und einge­schränktes Jahr sein, das richtige schöne, wahre Cannes werden wir erst im Jahr 2022 wieder erleben. Hoffent­lich!