19.07.2021

Das Rebellische ist das Politische

Titane
Cannes-Sieger Titane: Radikal statt rational, verspielt statt kontrolliert, provokativ statt perfekt.
(Foto: Cannes Media Library)

Julia Ducournaus Titane gewinnt den Hauptpreis in Cannes. Diese verdiente Goldene Palme antwortet auf die ästhetische Krise des Kinos: Um zu überleben braucht das Kino neue Geschichten, neue Figuren, und vor allem neue Bilder – Cannes-Tagebuch, 8. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Monstro­sität ist für mich etwas Positives. Es entlarvt all die norma­tiven Spiel­arten der Gesell­schaft und des gesell­schaft­li­chen Lebens.«
- Julia Ducournau, Gewin­nerin der Goldenen Palme 2021

Mit diesem Haupt­preis hatte niemand gerechnet. Die fran­zö­si­sche Regis­seurin Julia Ducournau gewinnt für ihren Horror-Fanta­sy­film Titane die Goldene Palme von Cannes.

Dieser Preis ist ein Schlag ins Gesicht. Ins Gesicht jenes Kinos, das bei Film­fes­ti­vals wie Cannes norma­ler­weise gewinnt.

Eines Arthouse­kinos, das bestimmten engen ästhe­ti­schen Mustern folgt, aber wenn man ehrlich ist, schon lange alt und mürbe und ideenlos geworden ist. Eines Kinos, das in den letzten 30 Jahren zunehmend aus braven Geschichten über gute Menschen besteht, ein Welt­ver­bes­se­rungs­kino der Elend­s­por­traits und der Lehr­stücke, das aber filmisch wenig bietet und zumeist nur abbildet und illus­triert, oder seine konven­tio­nellen Problem­film­dra­ma­tur­gien hinter bedeu­tungs­schwan­geren langen Einstel­lungen und Wort­karg­heit versteckt.

Man könnte jetzt Namen und Filmtitel nennen, aber darum geht es nicht; es geht um ein Prinzip.

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Julia Ducour­naus Titane kehrt sich ab von solchen verstaubten Prin­zi­pien und Stereo­typen und ist zugleich ein Film, der in der besten Tradition des Autoren­kinos steht, der aber nicht Asche verwahrt, sondern dessen Flamme neu entzündet: Radikal statt rational, verspielt statt kontrol­liert, provo­kativ statt perfekt.

Das Rebel­li­sche ist das Poli­ti­sche in diesem wilden Film, der keines­wegs rundum gelungen ist und viele Schwächen hat – aber eben auch eine große Kraft und Konse­quenz.

Was bereits enorm für diesen Film einnimmt, ist, dass man seine Geschichte eigent­lich nicht erzählen kann, sondern sie sehen muss – weil sie sich in Bildern mitteilt, weil Worte einen falschen Eindruck erwecken. Denn tatsäch­lich geht es hier um eine Seri­en­mör­derin, mit der man Mitleid hat; um ein böses Kind, das einen schlimmen Unfall hatte und zu einer Frau heran­wächst, die Sex mit Autos hat und irgend­wann von einer der Maschinen ein Kind erwartet – und spätes­tens jetzt hat jeder Leser verstanden, dass man das sehen muss, um zu begreifen, was daran faszi­nie­rend und sogar anmutig sein kann.

Dass so ein Film aber provo­kativ ist, leuchtet sofort ein. Nun ist Provo­ka­tion ja keines­wegs ein Selbst­zweck – sie kann aber enorm produktiv sein, indem sie einge­fah­rene Denk­sche­mata heraus­for­dert, uns zwingt, uns unseren Instinkten, Gefühlen, »niederen Gesin­nungen« zu stellen und zu über­prüfen, was wir eigent­lich am Kino mögen, und warum wir überhaupt hinein­gehen.

Para­do­xer­weise ist Titane gleich­zeitig viel mehr Wohl­fühl­kino, als so manche Beiträge der leicht einge­ros­teten Regie-Helden der letzten Jahr­zehnte.

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Insofern hätte man sich auch keinen besseren Zeitpunkt für diese Goldene Palme vorstellen können, als das Jahr Null nach Corona, das Jahr, in dem sich das Kino zu einem Neuanfang zwingen muss, wenn es nicht den Kampf gegen die Streamer verlieren und sterben will.

Um zu überleben, braucht das Kino neue Geschichten, neue Figuren, und vor allem neue Bilder.

Es muss nicht Regionen und Bevöl­ke­rungs­gruppen und bestimmte poli­ti­sche Ansichten reprä­sen­tieren, um inter­es­sant zu sein.
Aber es muss über­ra­schen können. Es muss manchmal bezaubern. Und dann wieder irri­tieren. Viel zu oft geschieht keine von diesen drei Möglich­keiten, sondern die Leinwand zeigt Varia­tionen des Immer­glei­chen und Längst­be­kannten.

Natürlich erfüllt das Kino immer auch poli­ti­sche Agenden, mögen sie nun sympa­thisch sein oder nicht. Und es möchte die Menschen besser machen, erziehen, verwan­deln. Tatsäch­lich weiß jeder Kino­gänger, dass man aus guten Filmen verwan­delt heraus­kommt, und viel­leicht sogar etwas gelernt hat. Man weiß aber eben auch, dass die Absicht, je deut­li­cher sie erklärt und zur Schau getragen wird und den Rest dominiert, das gewünschte Ziel gerade zerstört.

Aber auch die Agenden müssen sich ändern. Das Kunstkino muss sich dem wieder öffnen, was das Kino inzwi­schen nur im Main­stream oder in seinen Nischen­be­zirken abbildet: Dem Unbe­wussten, Surrealen, Unklaren, Unge­si­cherten, Riskanten.
In den nun begin­nenden 20er Jahren nach einer globalen Pandemie, in einer eher unsi­cheren Weltlage und in Wohl­stands­ge­sell­schaften, die trotz allem Reichtum und aller Sicher­heit von Gegen­warts­so­zio­logen als »Gesell­schaft der Angst« oder als »Abstiegs­ge­sell­schaft« oder »über­for­dert und komple­xi­täts­ver­gessen« beschrieben werden und denen ein »Ende der Illu­sionen« konsta­tiert wird, wünscht man sich ein Kino, das solchen Diagnosen nicht mehr mit naiven Utopien oder den Antworten von vorges­tern oder Tabus und Korrekt­heits­vor­stel­lungen begegnet.

Davon wurde in Cannes nur in den seltensten Fällen etwas ange­deutet.

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Nebenbei hat die Cannes-Jury dieses Jahres auch noch etwas gemacht, was einfach seit längerer Zeit anstand: Sie hat einer Frau die Goldene Palme verliehen.

Zum aller­ersten Mal, denn man vergisst immer, dass Jane Campion, die immer genannt wird, sich 1993 den Preis für ihr Piano mit dem Chinesen Chen Kaige (Lebewohl, meine Konkubine) teilen musste.

Aber das poli­ti­sche Statement ist hier Neben­sache und lenkt von der Regis­seurin nur ab.

Ducournau hat diesen Preis nicht bekommen, weil sie eine Frau ist oder weil angeblich endlich mal eine Frau diesen Preis gewinnen muss. Sondern sie hat ihn bekommen, weil sie den außer­ge­wöhn­lichsten Film dieses Wett­be­werbs gemacht hat. Weil sie einen der wenigen Filme gemacht hat, der Unge­se­henes, Neues zeigte, eine neue Figur auf die Leinwand brachte, und Bilder, die jeden Zuschauer körper­lich ins Mark treffen und bei denen man sich zwischen Faszi­na­tion und Ekel oft genug gefragt hat, ob man da jetzt hinschauen möchte, und dann aber nicht wegge­sehen hat, weil man wusste, man würde etwas versäumen.

Die anderen Preise fielen konven­tio­neller aus – wie der Wett­be­werb selbst als ganzer genommen. Dass gleich zweimal Preise ex-aequo verliehen wurden, zeigt auch, dass sich diese Jury nicht in allem einigen konnte, sondern Kompro­misse fand.

Aber das ist egal: Das Ereignis dieses Jahres ist der kompro­miss­lose Haupt­preis.