12.07.2021

Heute sind wir alle Italiener

Italien
Der Sieg Italiens – ein Sieg Europas...
(Foto: A.T. Purr)

Nicht nur wegen Nanni Moretti: Heute spielt Europa gegen England – Cannes-Tagebuch, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wir spielen mit Spaß, damit die Italiener Spaß haben. Sie haben es verdient, nach all dem Leid.«
- Roberto Mancini, italie­ni­scher Natio­nal­trainer

»Sur les marches ce soir...«, »un programme magni­fique...«, »l’équipe de ce film...« – so kündigt allabend­lich oder genau gesagt bereits ab dem frühen Nach­mittag ein Sprecher über große Boxen das Programm der Premieren am Abend im »Lumières« an, dem Haupt-Kino des Festivals. Für alle Fans und Foto­grafen, die auch im Coro­na­jahr dicht gedrängt bereits Stunden vor Beginn des Defilees auf dem Roten Teppich um die besten Plätze kämpfen.
Dieser Auftritt heißt hier »Les Marches«.
Und ein Film hat in Cannes eine »équipe«, eine Mann­schaft wie beim Fußball, kein Team.

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Erstes Zwischen­fazit: ein solider, aber keines­wegs sensa­tio­neller Wett­be­werb. Die Auswahl im vergan­genen Jahr »Cannes ‘73« war nicht unin­ter­es­santer und scheint in mancher Hinsicht im Rückblick unge­wöhn­li­cher. In diesem Jahr sind die Filme in den meisten Fällen irgendwie gedämpft und zurück­hal­tend; Pflicht­auf­gaben, aber nicht besonders inspi­riert. Inspi­rierter war dann viel­leicht eher das, was bisher in der wich­tigsten Neben­reihe »Un certain regard« zu sehen war. Der Witz ist verschlissen, hier vom »unsi­cheren Blick« zu sprechen, »un certain regard«, aber er ist trotzdem nicht so schlecht und nicht so unzu­tref­fend. Bloß, dass die Unsi­cher­heit in diesen Zeiten, in denen einer­seits alle auf Sicher­heit zu großen Wert legen und ande­rer­seits in einer Weise verun­si­chert sind wie noch nie in ihrem Leben, auf der Kino­lein­wand etwas besonders Faszi­nie­rendes und Viel­ver­spre­chendes hat.

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Auch beim Film­fes­tival muss man Prio­ri­täten setzen. Deswegen hatte ich schon am Dienstag das Halb­fi­nale Italien-Spanien geguckt, dabei mit Spaniern und Latinos ge-WhatsApped.

Heute nun sehen wir gleich das EM-Finale.

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Ebenso wie Kino und Gesell­schaft sind auch Sport, Wirt­schaft, Macht und Gesell­schaft seit weit über 100 Jahren ein inniges Geflecht; der Sport ist Labor und Kondensat, Spiegel und Medium zugleich. Wie Film­fes­ti­vals, so sind auch Fußball­tur­niere ein Schau­platz für das gesell­schaft­liche Ringen um Eman­zi­pa­tion und Teilhabe und für den poli­ti­schen, ökono­mi­schen und kultu­rellen Wettkampf zwischen Nationen und Konti­nenten.
Wie das Kino ist der Sport ein Medium der Eroberung öffent­li­chen Raums durch neue gesell­schaft­liche Gruppen, durch neue Diskurse. Er ist grund­sätz­lich von einer großen sozialen Offenheit geprägt, von relativer Durch­läs­sig­keit im Vergleich zu der Undurch­läs­sig­keit anderer Gesell­schafts­be­reiche. Sport war, wieder wie die Filmkunst, auch eine der wenigen Bühnen, auf denen während des Kalten Kriegs der Ostblock mit dem Westen gleich­ziehen oder ihn sogar überholen konnte.

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Bereits in der Nacht zu diesem Sonntag trafen mit Brasilien und Argen­ti­nien im Finale der Copa America die zwei führenden Fußball­na­tionen des Konti­nents aufein­ander. Argen­ti­nien gewann mit 1-0, und befreite sich vom Fluch einer 28-jährigen Serie ohne Titel und seinen Superstar Lionel Messi von der Belastung, mit der »Albice­leste« noch titellos zu sein.
Wie schade, das nur virtuell mit den Argen­ti­niern, die sonst immer hier sind, feiern zu können!

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Auch im heutigen Duell zwischen England und Italien sollen Serien gebrochen werden: Italiens Erfolg­lo­sig­keit bei der EM seit 1968, Englands inter­na­tio­nale Titel­lo­sig­keit seit dem WM-Sieg 1966. Auch der fand in Wembly statt. Und so ist es eigent­lich eine offen­kun­dige, himmel­schrei­ende Unge­rech­tig­keit, dass die englische Mann­schaft nicht nur sämtliche Vorrun­den­spiele im eigenen Londoner Wembley Stadion austragen durfte, sondern auch noch das Achtel­fi­nal­spiel, das Halb­fi­nale und jetzt das Finale.

Im Duell zwischen England und Italien kann man auch viel Tradition entdecken. England, das immer noch und histo­risch korrekt als »das Mutter­land des Fußballs« gilt, tritt hier gegen Italien an, das den Fußball­sport in den 20er und 30er Jahren entschei­dend erneuerte und nicht ohne Grund 1934 und 1938 Welt­meister wurde.

Ich kann sagen: Ich glaube leider, dass England den unver­dienten Heim­vor­teil nutzen wird, aber ich hoffe sehr, dass ihnen die Italiener die vorhan­denen Grenzen aufzeigen. Wie die »Welt« treffend schrieb: »Englands Fußball gehört zum einfäl­tigsten, was man bei diesem Turnier sehen kann. Nach einer kurzen Startof­fen­sive wird zunächst einmal Rhythmus verschleppt bzw. am besten ganz verhin­dert.«

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Politisch und gesell­schaft­lich gesehen muss man eigent­lich gegen England sein. Denn dies ist das Land mit dem kürzesten Gedächtnis Europas. Ein Land der Lüge und des Erin­ne­rungs­ver­lusts. Letzterer maskiert sich mit allerlei histo­ri­schen Orna­menten, die vorgeb­lich die Erin­ne­rung pflegen. Es ist aber eine höchst einsei­tige selektive Erin­ne­rung, die die Uniformen das verlo­renen briti­schen Empires trägt und dessen Rituale nost­al­gisch zele­briert.
Das England von heute ist ein Land der Illu­sionen. So wie die Schäden des Brexit für Wirt­schaft und Menschen auf der Insel kaum disku­tiert werden, so wie auch die Korrup­ti­ons­fälle innerhalb der Regierung, die Aushöh­lung des Rechts­staats und die Lügen des Premier­mi­nis­ters nur die wenigsten inter­es­sieren. Dieje­nigen, die glaubten, Boris Johnson wäre ein kurzes Inter­mezzo der engli­schen Politik, ein Epigone von Donald Trump, haben sich getäuscht. Er war der Amateur, Johnson ist der Profi der rechts­po­pu­lis­ti­schen Trum­pismus-Politik.

Zu dieser gehört ein neuer vulgärer Natio­na­lismus, der im Zuge der Brexit-Kampagne angeheizt wurde und bis heute wirkt. Er verbindet sich mit den nost­al­gi­schen Sehn­süchten der Konser­va­tiven nach einer Rückkehr in frühere, vermeint­lich tradi­tio­na­lis­ti­schere Verhält­nisse.

Der augen­blick­liche Fußball­boom ist Ausdruck dieser Paarung aus alten Instinkten und neuer Vulga­rität. Das zeigt sich auch in der allen Zuschauern der Fern­sehü­ber­tra­gung bemerk­baren Verrohung der engli­schen Fußball-Verhält­nisse: Pfeifen bei gegne­ri­schen Natio­nal­hymnen, und das Blenden und Stören des gegne­ri­schen Torwarts, der Eckbälle und Freistöße mit Laser­poin­tern, sprechen alten briti­schen Vorstel­lungen von »sports­manship« und »fair play« Hohn.

Wegen alldem kann man davon ausgehen: Für die Italiener halten werden heute Abend nicht nur viele Fußball­fans in der ganzen Welt, sondern insbe­son­dere auch Schotten, Waliser, Nordiren und in England lebende Nach­fahren der ehema­ligen Kolonien.

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Italien zeigt hingegen gerade – im Fußball wie andern­orts –, dass in der Desil­lu­sio­nie­rung eine Chance liegen kann. Die Flücht­lings­krise, die fort­dau­ernde Finanz­krise sowie die zuneh­mende Lähmung der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen durch Popu­listen aller Lager wurden durch die Covid-19 Pandemie, die Italien als erstes euro­päi­sches Land und besonders hart und unvor­be­reitet traf, radi­ka­li­siert. Das erfor­derte nicht nur radikale Gegen­maß­nahmen, sondern zunächst der Wirk­lich­keit klar ins Auge zu sehen. Italien zeigte sich fähig zu einer solchen nüch­ternen Gegen­warts­ana­lyse. Nie sind die Italiener besser, als wenn sie gut sein müssen.
Trainer Roberto Mancini hat ein klares System (das offensive, klas­si­sche, hollän­di­sche 4-3-3). Aber er ist jederzeit bereit und fähig zu variieren. Die Vielzahl der EM-Torschützen zeigt die Breite und Varia­bi­lität im Kader. Gegner wissen nicht, auf wen sie sich konzen­trieren sollen.
So wie Premier­mi­nister Mario Draghi das Land still, sachlich und elegant verändert, so tut es auch Mancini mit dem Calcio. Zwei gemäßigte Führungs­fi­guren, die der Welt eine andere Vorstel­lung von Italien schenken. Nach der Corona-Depres­sion mit verlo­renen Fami­li­en­mit­glie­dern, Einkom­mens­ver­lusten und Einschrän­kungen aller Art kann Italien das gut gebrau­chen.

In Wembley treten heute Abend nicht nur zwei Mann­schaften und nicht nur zwei Nationen gegen­ein­ander an, sondern zwei Prin­zi­pien und zwei Symbole.

Zuge­spitzt muss man formu­lieren: Die englische Mann­schaft ist die Mann­schaft des Neoli­be­ra­lismus. Und die Mann­schaft des letzten Aufbäu­mens des Verei­nigten König­reichs vor dem Austritt Schott­lands und Wales' vorher­seh­baren Untergang Groß­bri­tan­niens im poli­ti­schen Maelstrom.
Die italie­ni­sche Mann­schaft ist die der Selbst­be­haup­tung Europas – nicht nur aber auch, weil Italien eine der Grün­dungs­na­tionen des Vereinten Europa gewesen ist, und die Grün­dungs­akte der EWG nicht zufällig den Namen »Römische Verträge« trägt.

Wer für Europa ist, muss für Italien sein.