08.07.2021

Wenn Krähen über Palmen kreisen...

Annette
Annette ist Unterhaltungskino, zugleich aber auch klassischer Autorenfilm
(Foto: Cannes Media Library)

Cannes im Jahre Null: Der Pandemie entgeht man nicht. Sie folgt einem auf Schritt und Tritt – Cannes-Tagebuch, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Was im kollek­tiven Unter­be­wusst­sein der Epoche rumort, das erscheint mit tödlicher Sicher­heit auf der Leinwand – wenn auch zumeist in gefäl­liger Verpa­ckung, mit tröst­li­chem Happy End und den Wechseln der Maskie­rung. Wenn unser Blick diese Schichten durch­dringt, stoßen wir auf Zentral­punkte des modernen Lebens­ge­fühls – und immer wieder auf die große Angst, das verbor­gene Leitmotiv der Zivi­li­sa­tion: Angst vor der Kata­strophe, Angst vor der Lange­weile, Angst vor der Angst.« – Gunter Groll

Es war der aller­beste unter den vielen guten Tipps, die mir Rainer Gansera in meinem Leben gegeben hat, damals als wir noch befreundet waren: »Du musst Gunter Groll lesen!« Er sei der Ziehvater und Lehrer von Ponkie gewesen, meinte Rainer – und das allein wäre ja schon Empfeh­lung genug, um sich mit diesem Autor zu beschäf­tigen.

»Magie des Films« heißt eines seiner Bücher mit gesam­melten Film­texten, erschienen 1953 im Süddeut­schen Verlag. Ich habe es mir diesmal einge­packt.

Gunter Groll schrieb in der Ruinen­land­schaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Und viel­leicht gibt es bei allen auf der Hand liegenden Unter­schieden – Auschwitz, Hiroshima – wirklich ein paar atmo­s­phä­ri­sche Nähen zu der inneren, geistigen (?) Ruinen­land­schaft, in der wir gerade leben. Jeden­falls erscheinen mir manche seiner Gedanken und Heran­ge­hens­weisen enorm zeitgemäß.

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Die Magie beschwor auch Jodie Foster. Mit 13 Jahren war sie zum ersten Mal da, als sie in Martin Scorseses Taxi Driver eine Haupt­rolle spielte, und mit dem Film gleich die Goldene Palme gewann. 45 Jahre später ist sie wieder zurück an der Croisette und wurde gestern bei der Eröff­nungs­gala mit einer Ehren­palme für ihr Lebens­werk ausge­zeichnet. Sie nutzte die Gele­gen­heit für eine Liebes­er­klä­rung ans Kino: »Ich will mich vor allem erneut von Kino inspi­rieren lassen. Diese Energie lässt uns alle die Magie der Bilder und die Authen­ti­zität von Gefühlen wieder­ent­de­cken. Die Erschüt­te­rung, die Provo­ka­tion. Genau das erleben wir gerade. Und dafür ist das Kino da.«

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Annette von Leos Carax ist ein hervor­ra­gender Film zur Eröffnung des dies­jäh­rigen Festivals gewesen. Gerade deswegen weil er das Publikum gespalten zurück­ge­lassen hat, weil er unhar­mo­ni­sche Zeiten und ambi­va­lente Situa­tionen nicht mit einer Harmonie-Sauce zugießt. Wie sollte man denn ein Festival, das dem Autoren­film, also dem Sperrigen, Provo­ka­tiven, Subjek­tiven, Persön­li­chen gewidmet ist, anders eröffnen als durch einen Film, der genau diesen Vorgaben entspricht?

Es gibt Leute, die den Film sehr mögen, es gibt aber auch mindes­tens genauso viele, die genervt waren, und einige, die das Kino noch während der Vorstel­lung verlassen haben – was bei einem Eröff­nungs­film schon eher unge­wöhn­lich ist.

Aber Regisseur Leos Carax ist gar nicht jeder­manns Sache, schon weil er sich für viele Sachen zu viel Zeit lässt. Er lässt auch sein Künstler-Ego und sein Autoren­filmer-Image zu sehr 'raus­hängen; zu deutlich will er nicht allen gefallen und schert sich nicht um die Meinung Dritter. Manchen wie mir ist das eher sympa­thisch – besser als die vielen Schleimer und Schön­redner – andere stößt er genau darum ab. Aber darum war die Wahl seines Films auch zur Eröffnung hervor­ra­gend. Während der normalen Wett­be­werbs­tage wäre dieser Film ohne Frage unter­ge­gangen.

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Annette ist Unter­hal­tungs­kino, wenn man so will, weil sich der Film vieler Motive und Refe­renzen an die Film-Unter­hal­tung bedient, es ist aber zugleich ein klas­si­scher Autoren­film. Aber eine sehr besondere Form von Unter­hal­tungs­kino.

Die Haupt­rollen spielen eine Diva aus Frank­reich – Marion Cotillard – und ein Star des jungen, auch unab­hän­gi­geren Hollywood-Kinos, der in einer Streaming-Serie bekannt wurde: Adam Driver.

Mit anderen Worten: Eine Feier genau der Mélange zwischen Hollywood und dem euro­päi­schen Autoren­film, für die Cannes seit jeher steht.

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Kein Cannes ohne Adam Driver, muss man glauben. Erst bei der letzten Eröffnung, 2019 spielte Driver eine Haupt­rolle.

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Das Plakat zeigt diesmal – und das ist eine höchst unge­wöhn­liche Entschei­dung – den Jury-Präsi­denten: Spike Lee. Man sieht nur die obere Hälfte seines Gesichts, gewis­ser­maßen das, was die Maske nicht verbirgt, viel­leicht weil der andere Teil unter einer Maske stecken soll.
Er blickt nach oben, opti­mis­tisch und ironisch, wenn man so will. Zum anderen ist das Plakat in Schwarz-Weiß gehalten. Das ist nicht nur eine Referenz ans klas­si­sche Kino, sondern man sieht hier auch die Palmen, die verkannt stehen, und ein paar Krähen, die über den Palmen kreisen. Wenn man so will Todes­vögel, Unglücks­vögel.

Melan­cholie und Ironie verbinden sich in dem Bild perfekt.

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Insofern kann man das Plakat in verschie­dene Rich­tungen lesen und inter­pre­tieren; in der ganzen Ambi­va­lenz unserer Lage: Wir haben wieder andere Themen, wir können wieder die alten Cannes-Debatten über Streaming-Dienste und Kino führen, und müssen nicht dauernd über Masken, Hygiene und Inzidenz-Werte sprechen.
Und zugleich ist ganz klar: Die 74. Ausgabe der Film­fest­spiele ist keine ganz normale. Und das nicht nur, weil sie im Juli statt­findet.

Statt 40.000 Gästen gibt es nur etwa 22.000. Cannes wirkt leer, der Markt in manchen Teilen des Palais geradezu ausge­storben.

Der Pandemie entgeht man nicht. Sie folgt einem auf Schritt und Tritt.

Alle 48 Stunden muss ein neuer PCR-Test erstellt werden. Für Festi­val­gäste kostenlos. Ich denke hier schon jetzt im 2-Tage-Rhythmus: ein Tag Test-Stress, dann einen Tag große Freiheit.
Genau gesagt ist es kein 2-Tages-Rhythmus, sondern ein Einein­halb-Tages-Rhythmus, denn man sollte die sechs Stunden Wartezeit einkal­ku­lieren, die es bis zum Test­er­gebnis braucht. Heute PCR-Test um 12:10 Uhr, das heißt, dass ich morgen einen Test machen muss, damit ich am Freitag um 12:10 Uhr einen neuen gültigen habe.

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Das Festival muss offen­kundig sparen. HP ist als Sponsor wegge­fallen. Im Pres­se­raum gibt es keine Computer. Nicht für mich, aber für manche Kollegen ist das eine Belastung.

Es gibt keine Pres­se­fächer. Hygiene ist der Vorwand, Aufwand und Geld wohl eher der Grund. Pres­se­ma­te­rial muss man bei Agenturen und im Netz besorgen.

Es gibt keine kosten­losen Kataloge dieses Jahr. Sondern nur welche für 20 Euro zu kaufen. Hoffent­lich bleibt das die Ausnahme, wird nicht »neue Norma­lität«, ein Begriff, der schon jetzt ein Schre­ckens­wort geworden ist, so wie vor Jahren »Ratio­na­li­sie­rung« und »Reform«.

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Es wird von den Quali­täts­me­dien, die wir nicht mehr so oft als Main­stream­m­edien bezeichnen sollen, in Deutsch­land oft falsch berichtet: Im Selbst­ver­ständnis von Cannes ist das letzte Jahr nämlich nicht »ausge­fallen«. In der chro­no­lo­gi­schen Zählung der Festival-Jahrgänge gibt es auch das 73. Jahr. 2019 war das 72., 2021 ist das 74. Festival.
Cannes hat 2020 eine Liste veröf­fent­licht von 50 Filmen, die sie norma­ler­weise gezeigt hätten. Darunter auch ein deutscher Film: Enfant Terrible von Oskar Roehler – sehr schade für diesen wunder­baren und unge­wöhn­li­chen Regisseur, dass ihm und seinem Film dieser Triumph nicht vergönnt war.
Cannes betont die Konti­nuität: Wir unter­stützen das Kino und unsere Filme­ma­cher. Gleich­zeitig tun wir nicht so, als könnte man ein Festival auch im Internet in irgend­einer Form statt­finden lassen.

Alle Festivals, große wie kleine, hatten sich ins virtuelle Dasein verlegt. Aber das ist nicht das Kino, wollte Cannes signa­li­sieren. Virtuell haben wir Streaming-Dienste, die uns alle ermüden, und von denen wir im letzten Jahr gemerkt haben, dass es doch weder ein Gemein­schafts­er­lebnis ist, noch dass man die Filme so gut sehen kann, und dass wir dort auch keine Vielfalt geboten bekommen, sondern vor allem ameri­ka­ni­schen Einheits­brei.

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»Viren sind Zombies«, schreibt der Münchner Soziologe Armin Nassehi im Editorial zum neuen Kursbuch über »Impf­stoffe«: »Sie sind keine Lebewesen, sie sind weder lebendig noch tot und doch orga­ni­sches Material, ohne das es kein Leben geben könnte.«
Letztes Mal war das »Zombie Cannes«. Sechs oder sieben Filme mit Zombie-Thematik. Und diesmal?

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Allen Freunden der klas­sen­losen Gesell­schaft müsste das dies­jäh­rige Cannes-Festival gefallen. Denn im Unter­schied zu dem üblichen Klas­sen­system unter den Akkre­di­tie­rungen, nach denen die Jour­na­listen in jene, die nützlich und verläss­lich berichten, im Vergleich zu jenen, die das weniger tun oder die ein mitunter para­si­täres Verhalten an den Tag legen oder dem Festival einfach egal sind, unter­schieden werden, gibt es in diesem Jahr keine erkenn­baren Privi­le­gien für die »besseren« Akkre­di­tie­rungs­klassen. Mal sehen, viel­leicht erkenne ich ja noch welche.

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Vor etwas mehr als zehn Jahren, im Mai 2011, ist Michael Althen gestorben. Und genau hier in Cannes haben wir damals am ersten Tag von seinem viel zu frühen Tod erfahren. Einer seiner Wegge­fährten aus den alten Zeiten im Münchner Film­mu­seum der 80er Jahre war Hans Schif­f­erle; und auch er ist viel zu früh in diesem Jahr verstorben.

Hans gehörte zu dieser Gruppe von jungen Wilden, die Peter Buchka Ende der 80er, Anfang der 90er zur SZ holte, und von denen bis heute der Ruf der SZ in Sachen Film zehrt.

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Trotz all solcher melan­cho­li­schen Auftakt­ge­danken erreicht uns auch noch eine schöne Nachricht aus der alten Heimat in München: 25 Jahre alt ist Crew United geworden, das Münchner Bran­chen­netz­werk, das längst viel mehr ist als eben so ein schlichtes Bran­chen­netz­werk. Und noch viel werden wird. Wir gratu­lieren! Und freuen uns auf die nächsten 25 Jahre.

Aber jetzt erstmal auf den Neustart in Cannes, im Jahre Null der Pandemie.