15.07.2021

»Its not conspriracy theory, its conspiracy fact.«

French Dispatch
Hommage an den klassischen Journalismus
(Foto: Cannes Media Library)

Als man die Welt noch entdeckte, nicht cancelte: Erste Blicke auf Wes Andersons The French Dispatch und auf Oliver Stones JFK revisited – Cannes-Tagebuch, 5. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Censor­ship has taken over. This fear of offending, of saying something wrong is really against the American Dream.«
- Oliver Stone

»I should maintain jour­na­listic neutra­lity – if it exists.«
- Aus: The French Dispatch

Eine Zeit­schrift. Eine Zeit­schrift, wie es sie heute kaum noch gibt. Eine Zeit­schrift, die wie ein Band mit Kurz­ge­schichten ist, oder mit Essays oder beidem zusammen. Die sich an den Mann von Welt richtet und an seine Frau, an Kosmo­po­liten aller Länder. Die eine liberale Agenda der Offenheit, der Freiheit, der Menschen­rechte, des Fort­schritts vertritt, der Verbes­se­rung der Mensch­heit. »We hold these truths to be selfe­vi­dent...« (Decla­ra­tion of Inde­pen­dence) Und die damit bei ihren Lesern anfängt: Sie will sie nicht nur gut infor­mieren, sie will sie erziehen. Indem sie sie gut infor­miert. Also auf hohem Niveau. Gebildet, aber auch kuratiert. Denn nicht jede Infor­ma­tion ist wichtig, Ausge­wo­gen­heit schon gar nicht, sondern Distanz, sondern nur die Infor­ma­tion, die die Zeit­schrift ihren Lesern gönnt. »All the news that’s fit to print« heißt es in der New York Times. Ja schon, auch, aber nicht nur, und manchmal nicht alle News.

The French Dispatch ist nicht nur der Titel des neuen Films von Wes Anderson, es ist auch der Name dieser Zeit­schrift.

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Wir dürfen dabei unbedingt an den »New Yorker« denken. Den immerhin gibt es noch. Man soll an alle Zeit­schriften dieser Art denken, an alle ihre Autoren. An etwas, das es mal ganz viel gab und heute immer weniger. Denn heute verfallen die meisten dieser Medien, die einmal vierte Gewalt waren und »Sturm­ge­schütze der Demo­kratie« und damit auf Distanz zu den anderen Gewalten standen; sie verfallen aus kommer­zi­ellen Gründen zu Dienern der Macht und zu Dienern des Main­stream.
Das meinen wir, wenn wir von Main­stream-Medien sprechen.

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»Ennui-sur-Blasé«. So heißt der Ort, an dem diese imaginäre Zeit­schrift erscheint, eine Zeit­schrift, die aus Frank­reich und Europa berichtet für Ameri­kaner, die es nicht nach Paris geschafft haben.
Dieser imaginäre Ortsname ist wunderbar. »Ennui-sur-Blasé« steht eigent­lich für Paris, das zeigt sich im Film, aber ich hoffe alle, die das jetzt lesen, wissen was Ennui ist und was blasiert sein heißt. Wes Anderson markiert hier ganz offen seine eigene Haltung, eine gewisse Lange­weile mit der Welt, so wie sie heute ist. Dieses Thema der Lange­weile mit der Gegenwart und des Gefühls der Menschen, die heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, langsam aus der Zeit zu fallen, langsam die Welt verschwinden zu sehen, in der sie aufwuchsen, und ihr Wille, dafür zu kämpfen, sich diese Welt zurück­zu­er­obern. Dieses Thema, das sowohl ein Lebens­ge­fühl ist wie ein kultur­po­li­ti­scher Plan, zieht sich durch viele Filme, die ich in diesen Tagen sehe. Auch durch den Film von Joachim Trier, auch durch den Film von Kirill Sere­bren­nikov.

Nun aber Wes Anderson.

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Alles spielt 1975 mit Rück­bli­cken ins 20. Jahr­hun­dert. Ein bisschen Amelie, ein bisschen »Will­kommen in Belle­ville«, also Frank­reich-Klischees und alter Jour­na­lismus. Ein Jour­na­lismus aus jenen Jahren, als man die Welt noch entdeckte und beschrieb, nicht bewertete, zensierte und cancelte.

Als ein Chef­re­dak­teur und Heraus­geber sagt: »Cut some adds! Order more paper!«

Systeme und Struk­turen inter­es­sieren Wes Anderson heute viel mehr als früher, wo er sich noch für Familie und für einzelne Figuren inter­es­siert hat.

Diesmal erzählt er ein paar Episoden aus der klas­si­schen Moderne, die ihm zum Rahmen für eine Hommage an den klas­si­schen Jour­na­lismus werden, an das, was er mal war, bevor die Controller und die sozialen Netzwerke den Laden über­nahmen.

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Klas­si­sche Moderne heißt bei Anderson aber auch Frank­reich, genau gesagt die Klischees des fran­zö­si­schen Lebens und der Avant­garde, des modernen Kunst-Betriebs, der »verrückten euro­päi­schen Maler«, und der ameri­ka­ni­schen Milli­ar­dä­rinnen die Samm­le­rinnen werden, und ein Museum, das nach ihnen selbst benannt ist, irgendwo aufbauen, in der Wüste von Kansas zum Beispiel.

Dies ist ein Film, der einen großen Teil des Publikums ausschließt, weil sie die ganzen Anspie­lungen überhaupt nicht verstehen. Wie schön! Wie schön, dass sich das einer noch traut, wie gut, dass einer das noch macht.

Dies ist ein großar­tiger, sehr lustiger und perfekt gemachter Film. Dieses Meis­ter­werk des Episo­dischen beweist auch: Anderson ist eben nicht nur manie­rierte Ober­fläche, auf die auch viele Vertei­diger Andersons seine Filme gerne redu­zieren. Sondern er formu­liert in diesem Fall auch eine poli­ti­sche Botschaft: Die Vertei­di­gung von Freiheit und Inef­fi­zienz, von Ennui und Blasiert­heit.

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Gewidmet ist der Film bestimmt zwei Dutzend Jour­na­listen, die am Schluss nament­lich aufge­zählt sind. Ich habe sie mir auf die Schnelle nicht alle merken können, aber James Baldwin war dabei.

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Im täglichen Kriti­ker­spiegel des briti­schen Bran­chen­ma­ga­zins Screen­daily liegt auch am Diens­tag­morgen Paul Verhoevens Benedetta klar vorne. Eine angenehme Über­ra­schung! Liegt das jetzt am Alters­schnitt der Juroren, oder mögen sie den Film wirklich?

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Gibt es eigent­lich noch irgend­je­manden, der glaubt, dass John F. Kennedy 1963 tatsäch­lich durch Lee Harvey Oswald ermordet wurde?
Oliver Stone jeden­falls nicht. Mit seinem Doku­men­tar­film JFK Revisited: Through the Looking Glass kehrt er nach 30 Jahren zum Thema seines wohl global erfolg­reichsten Spiel­films, JFK zurück, und zu dem Moment, an dem Amerika aus seiner Sicht seine Unschuld verlor.

Den Gegner stark machen – das wurde mir neulich auch anemp­fohlen, um »ausge­wo­gener« zu berichten, und den (nirgendwo geschrie­benen) Normen »jour­na­lis­ti­schen Handwerks« zu entspre­chen. Oliver Stone zeigt, wie es auch gehen kann und warum das manchmal richtig ist: Der Gegner ist nämlich schon stark. Und bloß weil Stone einmal alles zusammen nimmt, was gegen die herr­schende Theorie spricht, der 35. US-Präsident sei durch einen Einzel­täter mit einer »magic bullet« getötet worden, bedeutet dies nicht, dass er keine Belege hätte. Oder dass die soge­nannten Fakten nicht in viel größerem Maß inter­pre­ta­ti­ons­ab­hängig und inter­pre­tierbar sind, dass nicht wenige von ihnen von den Verschleie­rungs­behörden erst »fabri­ziert« wurden, ist Bestand­teil von Stones Theorien, für die er viele Zeugen auffährt und die er mit ernst­zu­neh­menden Fach­leuten teilt.
Stone tut noch mehr: Er belegt, wie nach der Tat vieles unter den Teppich gekehrt und selektiv ermittelt wurde, wie »Wahrheit« alle paar Jahre neu erfunden wird. Und er belegt die Sala­mi­taktik der US-Behörden, die immer wieder nur dann Dinge zugaben und ihre Versionen der Ereig­nisse verän­derten, wenn kein Wider­spruch mehr möglich war.

Dieser Film ist ein dichtes Fakten­ge­witter, schnell geschnitten, ein bewun­derns­wert souver­äner, fesselnder Flow aus Bildern, der auf die Dauer in seinem Tempo und Infor­ma­ti­ons­o­ver­kill auch ermüdet. Aber besser man wird müde, weil es zu viel zu sehen gibt, als weil nichts passiert, oder alles zu langsam und vorher­sehbar.

Wenn auch nur die Hälfte von dem wahr ist, was Stone präsen­tiert, dann ist klar: Oswald war es nicht, und hier werden keine Verschwö­rungen behauptet, sondern Fakten präsen­tiert. Von einem »right wing plot« sprach JFK’s Bruder Robert Kennedy. In jedem Fall ist das US-System an Aufklä­rung nicht inter­es­siert.

Oder wie Stone sagt: »Its not conspri­racy theory, its conspi­racy fact.«