05.03.2021

Jury's Werk und Teufels Beitrag

Bad Luck Banging or Loony Porn
Eine Preisentscheidung so grotesk wie konsequent
(Foto: Berlinale Presseservice)

Schrödingers Berlinale findet ihren angemessenen Abschluss mit aberwitzigen Preisentscheidungen

Von Rüdiger Suchsland

»The observing mind is not the physical system, it cannot interact with any physical system.« – Erwin Schrö­dinger

Oh wenn die Jury doch gewürfelt hätte! Die Entschei­dung hätte nicht schlechter ausfallen können, als bei den durch und durch absurden Preis­ent­schei­dungen an diesem Freitag.

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Der Goldene Bär für den Besten Film geht an: Bad Luck Banging or Loony Porn von Radu Jude.

Der Silberne Bär / Großer Preis der Jury an Guzen to sozo (Wheel of Fortune and Fantasy) von Ryusuke Hamaguchi; Silberner Bär Preis der Jury: Herr Bachmann und seine Klasse von Maria Speth, der »Silberne Bär« für die Beste Regie an Dénes Nagy für Natural Light, der Silberne Bär für die Beste Schau­spie­le­ri­sche Leistung in einer Haupt­rolle an Maren Eggert in Ich bin dein Mensch von Maria Schrader, für die Beste Schau­spie­le­ri­sche Leistung in einer Neben­rolle an Lilla Kizlinger in Forest – I See You Ever­y­where von Bence Fliegauf; der Silberne Bär für das Beste Drehbuch an Hong Sangsoo für Intro­duc­tion, und der Silberne Bär für eine Heraus­ra­gende Künst­le­ri­sche Leistung an Yibrán Asuad für die Montage von Una película de policías (A Cop Movie) von Alonso Ruiz­pa­la­cios

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Unglaub­lich! In fast jeder Hinsicht sind es schlimme Preise, die die Hauptjury im Haupt­wett­be­werb der Berlinale vergeben hat.

Man musste bei dieser Jury-Zusam­men­set­zung mit allem rechnen. Trotzdem!

Hier haben wir eine Jury, in der drei Osteu­ro­päe­rinnen sitzen, sowie ein Doku­men­tar­filmer. Eine Jury, in der nur Regis­seure soge­nannter »kleiner« und »huma­nis­ti­scher« Filme sitzen. Kein Wunder, dass der Film, der am meisten ein Explo­ita­tion-Film ist, dann diese Berlinale gewinnt.

Diese Preis­ent­schei­dung ist so grotesk wie konse­quent: Denn es sind wirklich fast alle Filme, die erzäh­le­risch irgend­etwas wollen, die irgendwie eine kleine Idee haben, die über die Abbildung einer schlechten Wirk­lich­keit hinaus­geht, leer ausge­gangen.

Und der Fokus auf Osteuropa ist ebenfalls durch­schaubar. Bei drei Regis­seu­rinnen aus Osteuropa. Im Ergebnis gibt eine rumä­ni­sche Regis­seurin einem Rumänen den Haupt­preis, eine unga­ri­sche Regis­seurin gibt zwei Ungarn zwei Preise, nur die post-jugo­sla­wi­sche Regis­seurin konnte keinem Film aus Ex-Jugo­sla­wien Preise geben – weil es keinen gab.

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Schon über­ra­schender an diesen politisch korrekten Preisen ist, dass man das Gefühl hat, dass wieder fast nur Männer Filme machen, Frauen dafür dann aussehen und vor der Kamera spielen.

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Boshaft könnte man jetzt auch kommen­tieren: Die drei Frauen aus Osteuropa wollten Céline Sciamma keinen Preis geben, weil Sciamma erfolg­rei­cher ist, als alle drei zusammen. Sozi­al­neid und Kunstneid wären dann die Motive. Oder sie denken einfach, dass Sciamma ja schon so viele Preise gewonnen hat, dass sie nicht noch welche braucht – was man mit einem gewissen Recht denken kann, aber auch nicht intel­li­genter wäre. Im Übrigen muss man auch sagen, dass es mit dieser Art von nach­ge­holtem Wider­stand, und gefühlt 100 Jahre altem post­sta­li­nis­ti­schen Kino jetzt endlich mal ein Ende haben muss. Die immer gleichen Geschichten über Tribunale, über Über­wa­chung, über Selbst­kritik, über sozialen Druck, sie sind nicht inter­es­sant. Radu Jude verkör­pert nicht das Beste, sondern eher das Schlech­teste am rumä­ni­schen Kino. Nämlich Explo­ita­tion.

Der unga­ri­sche Kriegs­film ist auch politisch indis­ku­tabel in seiner mora­li­schen Gleich­set­zung von anti­fa­schis­ti­schen Parti­sanen und faschis­ti­scher Miliz. Das ist groß-bürger­li­ches Orban-Kino, mag sich hier jemand auch augen­zwin­kernd als Wider­stands­kämpfer posi­tio­nieren.

Wir reden immer gerne von Post­ko­lo­nia­lismus und vom Deko­lo­nia­li­sieren. Viel­leicht sollte man langsam anfangen, das osteu­ro­päi­sche Kino zu deko­lo­nia­li­sieren, es zu befreien von der Pflicht zum nach­ge­holten Wider­stand, ihm helfen, aufzu­hören mit diesen immer gleichen Gesten, Gesten, die vor allem für ein west­eu­ro­päi­sches Publikum gemacht sind und die vor allem bürger­li­chen Festi­val­be­su­chern ein gutes Gefühl geben sollen.

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Es scheint, als hätte die Jury auch nicht verstanden, dass der Gewinner-Film eigent­lich als Witz gemeint ist, und als hätte sie einen Film ernst­ge­nommen, der gar nicht ernst­ge­nommen werden will. Oder es geht nur um so etwas wie natio­nalen Patrio­tismus.

Völlige Unkenntnis hat die Jury offen­sicht­lich auch im Fall des wieder mal quasi auto­ma­tisch ausge­zeich­neten korea­ni­schen Regis­seurs Hong Sang soo, der offen­kundig machen kann, was er will und in jedem Fall einen Preis bekommt. Dass er aber diesmal den Preis für das beste Drehbuch bekommen hat, ist selbst ein grotesker Witz, denn er macht immer den gleichen Typ Filme, er arbeitet teilweise auch bekann­ter­maßen nicht mit einem festen Drehbuch, sondern impro­vi­siert. Hier wollte man offenbar einfach noch einen Preis vergeben an einen Film, der für einen anderen nicht in Frage kam, oder sich als Jury einfach wich­tig­ma­chen.

Auch das Festival, die Berlinale, wird mit diesem Goldenen Bären beschä­digt und mit den anderen Preis­ver­gaben.

Zudem: Der typische Berlinale-Wett­be­werbs-Film bleibt auch in der Post-Kosslick-Ära der gleiche, schlechte: Es ist in erster Linie ein huma­nis­ti­scher, ein Film, dem es in erster Linie um Thesen, Inhalte und seine Geschichte geht, selbst wenn sie in letzter Zeit besser und formal anspruchs­voller erzählt ist. Aber es sind keine Filme, die das Kino neu erfinden, zumindest nicht im Wett­be­werb. Am ehesten tat dies Dominik Grafs Fabian.

Zum Zweiten ist unklar, warum ein Film in der einen Sektion läuft und nicht in der anderen. Viele Filme aus der Encoun­ters-Sektion wären besser im Forum aufge­hoben, andere Filme gehören unbedingt in den Wett­be­werb. Dafür gehören manche Wett­be­werbs­filme ins Berlinale Special. Die Auswahl des Panorama ist diffus, die des Forums zumindest frag­würdig, weil die Filme von kaum noch jemandem gesehen werden, seit es die »Encoun­ters« gibt.

Das Forum ist um seine Substanz gebracht.

Zumindest diese Filme, da waren wir alle in der artechock-Redaktion einig, hätten viel­leicht gegen eine Gebühr dem Publikum auch online gezeigt werden können – es hätte ihnen genutzt.

Kurz und gut ist das eine Preis­ent­schei­dung, die weder den Preis­trä­gern gerecht wird, noch den von der Jury vernach­läs­sigten Filmen. Eine schlechte, schwache Preis­ent­schei­dung einer offen­sicht­lich der Aufgabe nicht gewach­senen Jury.

Der einzige Trost ist: Wen inter­es­sieren schon diese Preise? Wen inter­es­sieren die Preise bei einem Festival, das nur online stattfand, für eine kleine Film­com­mu­nity. Schon unter normalen Umständen sind die Berlinale-Preise jenseits des Goldenen Bären komplett irrele­vant und der Goldene Bär ist nur in bestimmten Fällen wichtig.

In der Film­branche aller­dings sind diese Preise wichtig und deswegen hätte man Alexander Koberidze vor allen anderen unbedingt einen Preis gewünscht, aber auch Dominik Graf und seinen Schau­spie­lern und seinem Kame­ra­mann und auch Céline Sciamma und ihren Schau­spie­lern. Auch der iranische Film gehört zu den besseren im Wett­be­werb und ist z.B. viel besser als jener andere iranische Film, der im vergan­genen Jahr den Goldenen Bären bekommen hat.

Fazit: Jurys irren syste­ma­tisch. Schade nur, dass man immer wieder hofft, es sei mal zwischen­durch anders.