05.03.2021

Lebensprägende, aber sich verfehlende Begegnungen

Sciamma
Ein großes Glück des Zuschauens – Petite Maman von Céline Sciamma
(Foto: Berlinale Presseservice)

Filme von Céline Sciamma und Xavier Beauvois und aus Ungarn – Berlinale-Tagebuch, Folge 02

Von Rüdiger Suchsland

»Gestern nacht, bevor er einschlief, hatte er noch gedacht: Viel­leicht sollte man doch eine kleine Tüte Ehrgeiz säen in dieser Stadt, wo Ehrgeiz so rasch Früchte trug; viel­leicht sollte man sich selber doch ein wenig ernster nehmen und in dem wackligen Welt­ge­bäude, als ob alles in Ordnung sei, eine lauschige Drei­zim­mer­woh­nung einrichten; viel­leicht war es Sünde, das Leben zu lieben und kein seriöses Verhältnis mit ihm zu haben.«
- aus: »Fabian oder der Gang vor die Hunde« von Erich Kästner

Am Anfang ein Abschied: Gleich dreimal Au Revoir! – das sind die ersten Worte des Films, gespro­chen von einem kleinen Mädchen.
Acht Jahre alt ist Nelly, und gerade ist ihre geliebte Groß­mutter gestorben.
An den nächste Tagen wird Nelly mit ihren Eltern das alte Haus der Groß­mutter am Rand eines großen Waldes ausräumen.

Viele Stunden verbringt sie sich selbst über­lassen, auf den Spuren der Kindheit ihrer Mutter. Mehr und mehr taucht Nelly dabei ein in die Gefühls­welt ihrer Mutter, als diese selbst nicht älter war, als sie jetzt. Sie blättert in deren alten Schul­heften, sie entdeckt Spielzeug in den Schränken, und sie fürchtet sich vor dem Panther, der nachts wie ein Schatten am Fußende ihres Bettes zu kratzen scheint.

Sie spielt auch im Wald, wie ihre Mutter früher. Eines Tages trifft sie dort ein anderes Mädchen, das etwa so alt ist wie sie und das zu ihrer Spiel­ge­fährtin wird. Gemeinsam bauen sie an einem Baumhaus, etwa an jener Stelle, wo auch die Mutter einst eines hatte. Die neue Freundin, sie heißt Marion, nimmt sie irgend­wann mit in ihr Eltern­haus und spätes­tens in diesem Moment begreift jeder Zuschauer, was vor sich geht: Denn dieses Eltern­haus ist mit dem von Nellys Groß­mutter identisch. Die acht­jäh­rige Marion ist eine frühere Version von Nellys Mutter!

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Das ist die phan­tas­ti­sche Wendung, die dieser Film etwa zu seiner Hälfte nimmt. Uner­wartet, scho­ckie­rend in dem Wechsel des Tons, den er für den Film bedeutet, und zugleich ganz natürlich, ganz selbst­ver­ständ­lich im Übergang zwischen der einen Welt zu der anderen.

Man kann jetzt als Zuschauer deuten, inter­pre­tieren, man kann diese Wendung ins Phan­tas­ti­sche als ein naives oder roman­ti­sches Märchen auffassen, als eine Form magischer Realismus, man kann dem Ganzen eine psycho­ana­ly­ti­sche Deutung geben und sich sagen, dass Nelly sich das alles nur einbildet. Aber ganz so einfach ist es nicht – nur ist es völlig egal, wie man sich die Sache letzt­end­lich erklärt; und am besten lässt man alles auf sich beruhen und nimmt es mit ähnlicher Selbst­ver­ständ­lich­keit wie die acht­jäh­rige Haupt­figur: Kein Grund zur Beun­ru­hi­gung; kein Grund, sich in seinen Welt­bil­dern irri­tieren zu lassen.

Wer würde schon gerne seine Mutter treffen als gleich­alt­rige? Als Kind, wenn man selbst Kind ist?

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Es ist jetzt einfach so: Nelly trifft ein paar Tage lang täglich ihre eigene Mutter als Gleich­alt­rige.

Was wir nun erleben, während wir zwei jungen Mädchen dabei zuschauen, wie sie spielen, wie sie ein Baumhaus bauen, wie sie ziemlich albern und laut kichernd Pfann­ku­chen backen, wie sie Rollen­spiele spielen – es ist die Annähe­rung der Tochter an die Mutter und eine Art Versöh­nung, die durchaus etwas Gegen­sei­tiges hat. Nelly trifft auch die Groß­mutter, die sie gerade verloren hat, wieder, die nur eine viel jüngere Frau ist, und kann das nachholen, was sie zuvor verpasst hatte: Sich richtig verab­schieden.

Zum eigent­li­chen Höhepunkt wird aber der letzte Tag, der einzige Moment, in dem Musik alles erfüllt – eine Schlüs­sel­szene, wie sie für Sciamma typisch ist.
Sie zeigt eine gemein­same Schlauch­boot-Tour der kleinen Mädchen auf einem See, in dessen Mitte die absurd-moder­nis­ti­sche Nach­ah­mung einer azte­ki­schen Sonnen­gott-Pyramide steht. Hier fahren die beiden auch kurz in eine Höhle hinein, die wiederum wie das Tor zu einer anderen Welt aussieht. Märchen und Gegen­welten sind hier selbst­ver­ständ­lich, vieles liegt im Auge des Betrach­ters, aber insgesamt ist dieser gut gemachte, schöne, ruhige Film sehr wirkungs­voll.

Dies ist ein Film über den Tod, über die Angst vor dem Tod und dem Tod der Anderen. Ein Film über das Verab­schieden und Verar­beiten. Insofern ist der erst im letzten Herbst gedrehte Petite Maman, kleine Mutter, ein Film, der zu Corona sehr gut passt.

Sciamma beweist einmal mehr ihr Faible für junge Figuren – auch sonst fügt sich dieser Film in Sciammas Filmo­gra­phie voller Geschichten über kurze, intensive, lebens­prä­gende, aber sich auch verfeh­lende Begeg­nungen.

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Ein ein bisschen zu nase­weises kleines Mädchen ist Nelly höchstens manchmal. Mit dem Vater redet sie über »the real stuff« – wovor hast du wirklich Angst? Vor dem Panther am Bett oder vor dem eigenen Vater?

Man könnte diesen Film als Fanta­sy­film bezeichnen oder auch als einen natu­ra­lis­ti­schen Science Fiction. Sie sagt ihrer wie gesagt gleich­alt­rigen Mutter: »I come from the path behind you.«

Sie sind beide 8 Jahre; heute ist die Mutter 31; also gehen 23 Jahre vorbei und genau mit 23 bekommt die Mutter ein Kind. Die Ereig­nisse in dieser zweiten Reali­täts­ebene spielen also, wenn sie denn real wären, im Jahr 1997. Das Setting des Films könnten eher die 70er Jahre an, wie unsere eigene Kindheit – die von Sciamma und von mir.

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Im Vorfeld musste man besorgt fragen: Was ist passiert? Was hat sie falsch gemacht? Wie kommt es, dass eine Regis­seurin, die mit ihrem letzten Film in Cannes gefeiert wurde und einen der wichtigen Preise erhielt, mit ihrem nächsten Film auf der Berlinale läuft?
Dieser Film ist jeden­falls kein B-Werk, wie man vorher gefürchtet hatte.

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Am Ende aller­dings auch dieses Films muss man erinnern: Wir haben zurzeit eine bestimmte Form des Kinos verloren; und zumindest ich sehne mich gerade nach dieser Form des Kinos. Nach Filmen, die Ernst und Unernst verbinden, die das Wirkliche und das Phan­tas­ti­sche verbinden, die grund­sätz­li­chen Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen, und die sie, je grund­sätz­li­cher sie werden, umso leichter und heiterer stellen, nicht schwerer. Immerhin darf man konsta­tieren, und das ist schon ein großes Glück des Zuschauens: dieser Film kommt den zurzeit vermissten Filmen nah wie leider nicht sehr viele, die ich bei der bishe­rigen Berlinale gesehen habe.

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Über­le­gung am Rand: Ich habe keinerlei Probleme, mich mit diesen Figuren zu iden­ti­fi­zieren, mich in sie einzu­fühlen. Obwohl es ein junges Mädchen ist, obwohl fast alle anderen auch Frauen sind. Warum sollten umgekehrt Frauen Probleme haben, sich mit männ­li­chen Figuren zu iden­ti­fi­zieren? Sich mit Geschichten zu iden­ti­fi­zieren, die von Männern handeln? Warum sollten sie nicht in der Lage sein, sich in einen Mann hinein­zu­ver­setzen? Allein diese Frage ist schon eine Absur­dität.

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Enttäu­schend auf ganzer Linie hingegen ist der neue Film von Xavier Beauvois. Albatros wirkt zunächst wie der Film eines Regis­seurs, der zuviel Dardenne-Filme gesehen hat, aber diese ober­fläch­lich nachäfft.

Worum geht’s? fragt man sich auch nach einer halben Stunde.
Im Zentrum steht Laurent, ein Provinz­po­li­zist, und seine alltä­g­li­chen Sorgen: Schlä­gernde Bauern, Tier­quä­lerei, Trun­ken­heit am Steuer. Ein Miss­brauchs­ver­dacht, der sich nicht vertieft.
Die normalen Leiden der einfachen Leute. Ihre Einfach­heit genügt schon als Argument für behaup­tete Anteil­nahme.

Dann dreht ein Kuh-Bauer durch, droht sich umzu­bringen, und um das zu verhin­dern, schießt ihn Laurent ins Bein. Dummer­weise genau so, dass die Schlag­ader getroffen ist, und der lebens­müde Bauer verblutet. Eine fatale Anein­an­der­rei­hung dummer Zufälle, die Laurents Leben aus dem Gleis werfen.

Der Regisseur zeigt einfache Leute, die gegen die EU-Politik wettern und versuchen, die Einzel­teile ihres Lebens zusam­men­zu­halten. Irgendwie war früher vieles besser, aber warum eigent­lich, versteht keiner. Und im letzten Viertel verab­schiedet sich der Regisseur plötzlich vom Natu­ra­lismus, der bisher alles bestimmt hat, und lässt erst einen Toten geis­ter­haft wieder­auf­er­stehen, dann Kirchen-Musik aus dem Off erklingen.

Laurent fährt aufs Meer; das Meer kommt im Kino sicher gut. Und der liebe Gott schickt einen Sturm, der zu einer Art Läuterung der Haupt­figur wird. Zeit, die Schwimm­weste anzulegen. Dann ist das Meer wieder ruhig, die Braut am Hafen und der Film aus.

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Der unga­ri­sche Film Natural Light bringt schon am zweiten Tag den Berlinale-Stream an seine Grenzen. Dies ist ein Film, der zumindest in seiner ersten Vier­tel­stunde komplett im Zwielicht spielt, im Halb­dunkel, der hoch­in­ter­es­sant aufge­nommen ist. Man muss sich vorstellen, dass Soldaten in der feld­grauen Uniform der deutschen Wehrmacht am Morgen­grauen durch einen winter­li­chen, also nicht belaubten Wald stapfen. Geräusche sind nur die, die sie selber machen, und gele­gent­liche Rufe, es gibt erstmal keine Dialoge, die den Film voran­treiben; es ist einfach die sinnliche Erfahrung dieser Situation. Kino, wie es sein soll. Und diesen Film kann man auf dem Compu­ter­bild­schirm im Gegensatz zu manch anderen überhaupt nicht sehen. Man erkennt nichts, und der 14 Zoll große Bild­schirm ist doch viel zu klein dafür. Also im Fernseher; Vorhänge vor die Fenster. Und trotzdem: es fehlt die Tiefe.

Es ist aber auch das typische natu­ra­lis­ti­sche Kino aus Osteuropa. Glänzende Bilder. Hässliche Menschen in häss­li­chen Verhält­nissen, die hässliche Dinge tun, die schweigen, die grübeln, die mit sich einen Gewis­sens­kon­flikt ausmachen, den man sich irgendwie als Zuschauer ausmalen kann oder immer auch nicht. Allein die Vorstel­lung, dass man auf diese ober­fläch­lich korrekte Weise irgendwie irgend­etwas von den alten Zeiten verstehen oder gar wieder beschwören könnte, ist absurd. Ebenso absurd ist die Idee, dass man näher an den Menschen dran ist, wenn sie nur schwarze dreckige Hände haben, wenn sie nur Schmutz im Gesicht haben, wenn sie nur unrasiert sind. Klarer­weise sahen Menschen seiner­zeit so aus. Aber klarer­weise versteht man oft mehr von mora­li­schen Konflikten, von Abgründen, aber auch von Idealen, die zu solchen Abgründen und Konflikten gehören, wenn man ein pathe­ti­sches Bild zeigt oder wenn Sie einfach saubere Hände haben. Der Gegensatz zur lackierten Glätte des deutschen Geschichts­kon­fek­tions-Kinos ist nicht der Dreck des osteu­ro­päi­schen Geschichts­drecks-Kinos. Was sich hier zeigt, ist nicht die Häss­lich­keit der Welt, sondern es sind die häss­li­chen Gedanken der Filme­ma­cher, die ihren Gegen­stand verachten, die die Menschen verachten, von denen sie erzählen.