09.01.2020
21 films

Kein Hundertmeterlauf

Lars von Triers Melancholia
Lars von Triers Melancholia (Foto: Concorde Filmverleih)

Objektiv beste Filme gibt es ohnehin nicht

Von Arne Birken­stock (Regisseur & Produzent, Köln)

Die 21 besten Filme des abge­lau­fenen Jahr­zehntes? Objektiv »beste« gibt es anders als beim Hundert­me­ter­lauf im Film nicht, auch wenn wir immer wieder versuchen, eben solche zu küren und uns dabei fürch­ter­lich in die Wolle kriegen. Was also blieb in Erin­ne­rung? Es ist Silvester. Die Zehner Jahre gehen zu Ende und ich habe schon wieder die Hälfte vergessen.

Das Jahrzehnt begann humorvoll: 2010 zeigten uns die Şamdereli-Schwes­tern unser Land Almanya aus Sicht einer türki­schen Einwan­de­rer­fa­milie und taten das klug, humorvoll und empa­thisch, Banksy wiederum führt uns an der Nase herum zum Banksy – Exit Through the Gift Shop. Und welcher deutsche Sender, Verleih oder Vertrieb wäre darauf ange­sprungen, wenn ihm jemand zu Anfang des Jahr­zehnts einen Film über die Freund­schaft eines Auslän­ders zu einem Roll­stuhl­fahrer gepitcht hätte? Richtig. Und doch fegten Olivier Nakache und Éric Toledano mit Intouch­a­bles 2011 die Straßen leer. Unbe­greif­li­cher deutscher Titel dieses groovig geschnit­tenen Werkes: Ziemlich beste Freunde. Im selben Jahr erscheint mit Wim Wenders Pina einer der erfolg­reichsten Kino-Doku­men­tar­filme des Jahr­zehnts. Immer dort betörend, wo die Gehul­digte über ihre berau­schenden Choreo­gra­phien selbst zu uns spricht.

Mit Mailik Bend­jelloul suchen wir Sixto Rodriguez mit in Searching for Sugar Man, erfreuen uns an chilliger Jazzmusik und einem chilligen Tom Schilling in Oh Boy von Jan-Ole Gerster und lassen uns in The Act of Killing von Joshua Oppen­heimer und seinen Prot­ago­nisten als wieder­auf­er­stan­dene Folter­knechte scho­ckieren.

Darf ich mich auch an Fack ju Göhte erinnern? In Deutsch­land werden zu viele Komödien produ­ziert, in denen sich Akade­miker verlieben, Berliner Loft­woh­nungen behausen und die Belang­lo­sig­keit ihres Daseins durch melo­dra­ma­ti­sches Balz­ver­halten kompen­sieren. Ich fand es komisch, mit Bora Dagtekin die Goethe-Gesamt­schule zu besuchen und mich mit politisch unkor­rekten Prols zu amüsieren. Nebenbei der mit Abstand erfolg­reichste deutsche Film des Jahr­zehnts. Dagtekin ist jetzt aller­dings bei den Akade­miker-Pärchen und ihren Loft­woh­nungen ange­kommen, sein perfektes Geheimnis hat man vergessen, noch bevor der Abspann durch ist.

Apropos Deutsche Komödien: Eine Ode an Maske, Kostüm und Szenen­bild könnte ich schreiben, wenn ich mich an Toni Erdmann erinnere. Man riecht Omas muffiges Sofa und Vaters verschwitztes Kunst­fell­kostüm förmlich durch die Leinwand. Keine Möbel­haus­ka­ta­log­bilder, kein Loft­woh­nungs­ge­plänkel. Alltags­ab­sur­di­täten rund um eine kompli­zierte Vater-Tochter-Beziehung. Wunderbar! Intensiv hängen geblieben ist mir auch Lars von Triers Melan­cholia, der seine Zuschauer und auch mich mit einer tiefen und anhal­tenden Trau­rig­keit aus dem Kino entließ.

Die Welt hat schon viele Auswan­de­rer­epen gesehen, aber keiner beschreibt die Sehnsucht nach der Neuen Welt besser als Edgar Reitz, dessen Held in Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht niemals abreist. Jafar Panahi ist einer, der bleibt oder bleiben muss, obwohl ihn vermut­lich weit mehr als »nur« Sehnsucht plagt. Auf der Berlinale 2015 bewegt mich Taxi Teheran als Zeugnis innerer Freiheit, mensch­li­cher Würde, Empathie und Humor in allen Lebens­lagen.

Ich erinnere mich auch an Django Unchained mit Jamie Fox und Christoph Waltz als anar­chi­sches Helden­paar im Skla­ven­land und an den großar­tigen Sam Rockwell als Officer Jason Dixon in Three Bill­boards Outside Ebbing, Missouri von Martin McDonagh.

Unver­gess­lich sind die grau­en­haft schönen Bilder aus Gian­franco Rosis Fuoco­ammare. Ein beredtes Zeugnis des mora­li­schen Versagens Europas, welches dieses Jahrzehnt für mich mehr als alles andere geprägt hat. Ein cine­as­ti­scher und bild­starker Doku­men­tar­film war für mich auch das beein­dru­ckende Debüt Above and Below von Nicolas Steiner. Großes Kino. Das im Kino leider kaum noch statt­findet.

Womit wir bei den Platt­formen wären: War im Kino. Habe Netflix geguckt. Wo außer im Kino sollte man sich Alfonso Cuaróns Roma auch ansehen? Das Kino war rappel­voll, obwohl der Film schon seit vier Wochen auf der Plattform lief. Auch den fulmi­nanten Abschieds­gruß von Scorsese, Pacino, Pesci und De Niro sollte man im Kino sehen. Ich habe jede Sekunde von The Irishman genossen. Auch das im Kino, schon während er auf Netflix lief.

Im kommenden Jahrzehnt werden wir Kino­en­thu­si­asten andere Antworten auf Netflix und Co. finden müssen, als Boykott­auf­rufe, Sperr­fristen und Festi­val­aus­schlüsse. Die Zeit der Abwehr­schlachten ist vorbei, es gilt, selbst anzu­greifen, Stra­te­gien zu finden und uns gemeinsam den Heraus­for­de­rungen und Chancen in digitalen Zeiten zu widmen.

Aber manchmal klappt das mit dem Kino ja auch noch, und eine halbe Millionen Menschen schaut sich einen Film über ein verhal­tens­auf­fäl­liges neun­jäh­riges Mädchen und ihren Leidensweg durch Pfle­ge­fa­mi­lien, Therapien, Psych­ia­trie- und Heim­auf­ent­halten an. Nora Fing­scheidts System­sprenger ist ein kraft­voller und ener­gie­ge­la­dener Kinofilm. Für die Regis­seurin durfte ich vor zwei Jahren mal eine Laudatio halten – auf ihren großar­tigen Abschluss­film Ohne diese Welt, mit dem sie den First Steps Award gewann: Ein Doku­men­tar­film, cine­as­tisch, sensibel und nah. Das Glück mag mit den Tüchtigen sei, mit den Mutigen ist es seltener. Umso größer die Freude, wenn es auch noch mit den Richtigen ist: Nora Fing­scheidt dreht jetzt mit Sandra Bullock in Hollywood. Helena Zengel, ihre elfjäh­rige Haupt­dar­stel­lerin, mit Tom Hanks. System­sprenger ging für Deutsch­land ins Oscar-Rennen und war für den Euro­päi­schen Filmpreis nominiert. Toll!

Last not least: Heimat ist ein Raum aus Zeit von Thomas Heise. Ein Doku­men­tar­film. Und was für einer!

Und nun: Weiter geht's und sehen, was die Zwanziger außer Babylon Berlin sonst noch zu bieten haben.

21 films von Arne Birken­stock

Banksy – Exit Through the Gift Shop (2010)

Almanya – Will­kommen in Deutsch­land (2010)

Melan­cholia (2011)

Intouch­a­bles (2011)

Pina (2011)

Searching for Sugar Man (2012)

Oh Boy (2012)

Django Unchained (2012)

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (2013)

The Act of Killing (2013)

Fack ju Göhte (2013)

Above and Below (2015)

Taxi Teheran (2015)

Toni Erdmann (2016)

Ohne diese Welt (2016)

Fuoco­ammare (2016)

Three Bill­boards Outside Ebbing, Missouri (2017)

Roma (2018)

The Irishman (2019)

Heimat ist ein Raum aus Zeit (2019)

System­sprenger (2019)

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Das Projekt »21 films«: Das war so ein Einfall, beim Bier mit einer Freundin, etwas verrückt. Freunde und gute Bekannte wurden gefragt, ihre liebsten 21 Filme zu nennen, ohne Anspruch auf Voll­zäh­lig­keit, viele Münchner sind darunter, was es zusätz­lich »artecho­ckig« macht.