25.02.2018
Berlinale 2018

Wirklichkeit schlägt Phantasie

Touch me not
Filmisch armseliger Kunst- und Seelenporno, ein Film als Freakshow und Kuriositätenkabinett: der Berlinale-Gewinner TOUCH ME NOT.

Zäher Brei im Konsu­men­ten­trog: Mit dem Goldenen Bär für »Touch me not« gewinnt eine kalku­lierte Provo­ka­tion die Themen-Abhak-Veran­stal­tung Berlinale – eine erste Abschluss­bi­lanz

Von Rüdiger Suchsland

Da blieb sogar der sonst so liebe­die­ne­ri­schen Berliner Lokal­presse die Spucke weg: Die Rumänin Alina Pintilie gewinnt mit »Touch me not« bei der Berlinale den Goldenen Bären.
Dieser Preis für eine Doku-Fiction, die in unin­spi­rierten, weißgleißenden, cleanen Bildern eine Sexual-Therapie mit Schau­spie­lern und Laien nach­stellt, ist keine Über­ra­schung, und keine Provo­ka­tion – er ist ein Offen­ba­rungseid für die Jury und das Festival.

Die Berlinale-Wett­be­werbs­jury unter Tom Tykwer ist damit auf die plumpe Provo­ka­tion einer bour­geoisen Künst­lerin herein­ge­fallen, die 90 Minuten lang mit ihren schein­baren Tabu­brüchen hausieren geht, und sich im Quälen des Publikums gefällt, im Ausstellen defekter Körper und ruheloser Psychen.

Der Goldene Bär, den einst Meis­ter­werke bekamen wie Wilde Erdbeeren von Bergman, La notte von Antonioni, oder Die Sehnsucht der Veronika Voss von Fass­binder, geht also diesmal an einen filmisch armse­ligen Kunst- und Seelen­porno, einen Film als Freakshow und Kurio­sitä­ten­ka­bi­nett, in dem ein Schwer­be­hin­derter über sein glück­li­ches Sexleben berichtet, eine ältere Frau halb nackt mit einem Trans­ves­titen über ihre Unfähig­keit zu körper­li­cher Berührung parliert, und wir in einem Darkroom quälenden (und trotzdem recht gesit­teten) Sado-Maso- und Fessel­spiel­chen beiwohnen.

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Schaum­ge­bremste, mora­lin­ge­tränkte Provo­ka­tion für brave Bürger­kinder, die sich einen kleinen Kitzel gönnen möchten, aber für das Wohl­ge­fühl dann bitte auch bestraft werden möchten. Früher ging man zur Beichte, heute ins Berlinale-Kino. Zehn »Ave Maria« bitte!

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Jury­ent­schei­dungen enttäu­schen oft. Sie machen weder das breite Publikum, mit seiner Freude an Stars und Main­stream glücklich, noch die Cine­philen mit ihrem sehr geschulten, daher kaum mehr­heits­fähigen Geschmack.
Preise sind – oft faule – Kompro­misse.

Aber was die Jury der 68. Berlinale am Sams­tag­abend – man muss schon sagen: – »verbro­chen« hat, spottet jeder Beschrei­bung: Bis auf den Preis an den polni­schen Film »Twarz« gingen sämtliche Filme, die sich für über­durch­schnitt­liche Bilder inter­es­sieren, die wirklich Kino sein wollen, und nicht nur Bebil­de­rung einer Story, leer aus.
Und die »Beste Regie« für einen Puppen-Anima­ti­ons­film – die hat Wes Anderson vermut­lich vor allem für seine Schau­spiel­füh­rung verdient.

In einem Jahr starker deutscher Filme bekam weder Christian Petzolds gediegene, sichere Anna-Seghers-Verfil­mung »Transit«, noch Philip Grönings riskanter, mutiger, in vieler Hinsicht heraus­for­dernder Geschwister-Gesell­schafts-Thriller »Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot« einen der vielen Preise.

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Statt­dessen Inhal­tismus pur. Symbol­po­litik, die folgenlos bleibt und keine Zuschauer finden wird, sich aber gut macht.
Denn man kann die Preise vom Samstag auch so erzählen: Haupt­preis für eine Doku über Sex und Behin­de­rung, zweiter Preis für einen Film über einen Mann, der nach einem Unfall ein neues Gesicht erhält, eine Art polni­scher Fran­ken­stein, und der dritte Preis für ein Kammer­spiel über ein altes lesbi­sches Paar aus Paraguay, der fast nichts mit Paraguay zu tun hat. Sind Darstel­lungen von Außen­sei­tern das wahre Kriterium? Oder dass drei der vier Haupt­preise an Frauen gingen?

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Man wüsste wirklich zu gern, was Jury­prä­si­dent Tom Tykwer im stillen Kämmer­lein über die Auswahl und die Qualität des Wett­be­werbs denkt. »Wilde, sperrige Filme« vermisse er in Deutsch­land.
Hat er sie auf der Berlinale gefunden? Kaum zu glauben.

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Irgendwie ist das alles aber auch egal – denn im Gegensatz zu den Goldenen Palmen und Raub­tieren anderer Festivals hat man den knuffigen Berlinale-Bär schnell vergessen. Oder wer erinnert sich noch an Preis­träger vergan­gener Jahre, wie Tuyas Hochzeit und Eine Perle Ewigkeit und Körper und Seele. Oder an ihre Macher?

Schade für ein Festival, das einmal zu den besten der Welt gehörte – aber heute nur noch als Filmmesse und Markt wirklich wichtig ist.
Ums Publikum geht es der Berlinale jeden­falls entgegen ihrer Marke­ting­be­haup­tung auch nicht: Denn würde die Berlinale das Publikum schätzen, hätte sie Respekt vor jedem einzelnen Zuschauer – der sich dann in sorg­fäl­tiger Programm­aus­wahl beweisen würde, in Vermitt­lungs­an­ge­boten und im Dialog mit Besuchern.
So aber wird einfach ein zäher Brei von viel zu vielen Filmen in den Konsu­men­ten­trog gegossen – auf das die Masse verkaufter Tickets immer weiter steigen möge.

Das ist respektlos.

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Schon zum zweiten Mal in drei Jahren gewinnt der einzige Doku­men­tar­film des Berlinale-Wett­be­werbs gegen knapp 20 Spiel­filme – Wirk­lich­keit schlägt Phantasie. Was soll so ein Signal auf einem Kunst­fes­tival?
Doch ist die Berlinale zur Zeit überhaupt noch ein Kunst­fes­tival, oder eher eine Themen-Abhak-Veran­stal­tung, die sich in der vermeint­li­chen poli­ti­schen Bedeutung ihrer Sujets gefällt – Me-Too, Flücht­linge, Kriege und Krisen, und jetzt eben auch sexuelle Störungen –, sich aber für Formales, für Ästhe­tiken, für das Entdecken neuer Film-Stile kaum inter­es­siert.

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Zugleich erzählt uns dies wie der Preis vom Samstag nicht nur etwas über den Zustand der Berlinale, sondern leider auch über den des Kinos überhaupt.

Das Kino ist bedroht. Es befindet sich zunehmend im Zangen­griff zwischen hartem Kommerz, einer Konsum­ge­sell­schaft, in der auch Filme nur Mittel dafür sind, um sich zwei Stunden aus der Realität wegzu­bal­lern, und dem Versuch, Kunst zum Stand­ort­vor­teil zurecht­zu­stutzen.

Festivals müssten solchen Tendenzen Wider­stand entge­gen­setzen. Sie müssten das Kino als solches feiern und pflegen, und gegen jede Art von Indienst­nahme schützen. Gerade auch gegen die durch die Gutge­meinten.
Kunst ist zu allererst zwecklos. Weil er die Verzwe­ckung und Vernut­zung der Kunst, ihre Domes­ti­zie­rung betreibt, ist Kapi­ta­lismus im Innersten zutiefst kunst­feind­lich.

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Lassen wir uns die Namen noch einmal vor dem inneren Auge aufscheinen: Bergman, Antonioni, Fass­binder. Sie waren nur drei Große unter vielen Großen, deren Filme in den 68 Jahren, vor allem in den ersten 50 des Festivals vor seiner Kaperung durch die Inter­essen der Förder­po­litik, auf der Berlinale liefen.

Es wird von inter­es­sierter Seite heute gern behauptet, es gäbe diese Art von Kino nicht mehr. Das ist eine Lüge. Es gibt das Kino, es gibt die Filme, es gibt immer neue Tendenzen eines wilden, sperrigen Kino. Ja, wenn es das nicht gibt, liegt das auch an den Förderern – das sage ich jetzt mal dazu – denn die entscheiden,

Aber das große und – ja!, auch schöne – Kino gibt es, aber es gibt es zur Zeit nicht in Berlin.

Die Gewinner der 68. Berlinale

Goldener Bär für den besten Film: »Touch Me Not« von Adina Pintilie

Großer Preis der Jury – Silberner Bär: »Twarz« von Magorzata Szumowska

Alfred Bauer Preis für neue Perspek­tiven – Silberner Bär: »Las herederas« von Marcelo Martin­essi

Beste Regie – Silberner Bär: Wes Anderson für »Isle of Dogs – Ataris Reise«

Beste Darstel­lerin – Silberner Bär: Ana Brun in »Las herederas« von Marcelo Martin­essi

Bester Darsteller – Silberner Bär: Anthony Bajon in »La prière« von Cédric Kahn

Bestes Drehbuch – Silberner Bär: Manuel Alcalá und Alonso Ruiz­pa­la­cios für »Museo« von Alonso Ruiz­pa­la­cios

Silberner Bär für heraus­ra­gende künst­le­ri­sche Leis­tungen: Elena Okopnaya für Kostüme und Produk­ti­ons­de­sign in »Dovlatov« von Alexey German Jr.

Preis für den besten Doku­men­tar­film: Ruth Becker­mann für »Waldheims Walzer«

Mitglieder der inter­na­tio­nalen Jury waren: Tom Tykwer (Präsident), Cécile de France, Chema Prado, Adele Romanski, Ryichi Sakamoto und Stephanie Zacharek

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