04.08.2022

Amore und ewige Jugend

La Dolce Vita
Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek in Klaus Lemkes Amore
(Foto: Klaus Lemke)

Villeneuve, Fellini, Sorrentino, Marcello, Antonioni und Lemke: Die ungebremste Kraft des Kinos bei den 70. Filmkunstwochen

Von Dunja Bialas

Kräftiges Pink und Orange. Das sind die fieber­heißen Farben der dies­jäh­rigen Film­kunst­wo­chen München. Solange die Ener­gie­krise nicht gebietet, die Lüftungs­an­lagen auszu­schalten, ist es in den elf Münchner Kinos, die bei den Film­kunst­wo­chen mitmachen, angenehm tempe­riert. Als Begleit­ge­tränk empfiehlt sich das Radler, direkt aus den Kühl­ag­gre­gaten der Kinos.

Adrenalin-Booster: Denis Ville­neuve

Bei den Filmen selbst aber sollte man sich keine Abkühlung erwarten. Buchs­täb­lich heiß – beschleu­nigter Puls, sich selbst Luft zufächern, plötz­li­cher Schweißaus­bruch – kann einem z.B. bei den Filmen von Denis Ville­neuve werden, dem das Arena und Rio eine kleine Retro­spek­tive widmen. Der Kanadier Ville­neuve, das offenbart sich nach der Sichtung seiner beiden frühen Filme Incendies und Prisoners, hat als unter­kühlter Dreh­buch­kon­struk­teur begonnen, der seinen kompli­zierten narra­tiven Verschach­te­lungen ordent­lich Adrenalin zuführt. Da kann man noch so laut »vorher­sehbar!« und »lässt mich kalt!« rufen, wenn Jake Gyllen­haal in Prisoners Erlkönig-mäßig ein ster­bendes Kind durch die schnee­ge­peitschte Nacht von Penn­syl­vania laviert. Andere Autos nimmt er dabei als Slalom­stangen. Und nicht nur nervliche Wracks zucken dabei unwill­kür­lich zusammen. Natürlich geht alles gut aus, aber die Windungen, die Ville­neuve seiner Geschichte zugesteht, sind dann doch immer wieder ziemlich über­ra­schende Twists.

Erlkönig und in Incendies die klas­si­sche Sage von Ödipus, dem unschuldig Schul­dig­ge­wor­denen, sind für Ville­neuve die mythi­schen Unter­gründe seiner Geschichten, die allein deshalb schon so klassisch wirken. Der wilde Ville­neuve-Ritt geht in der zweiten Film­kunst­woche weiter mit Enemy (2013) (Do 4.8. 21:00 Arena + So 7.8. 20:00 Rio) und Sicario (2015) (Mo 8.8. 21:00 Arena + Di 9.8. 20:00 Rio), bevor dann in der dritten Woche das Wieder­sehen von Arrival, Blade Runner 2049 und Dune auf dem Plan steht.

Geschichten der Städte und Nächte: Federico Fellini

Seit einiger Zeit schon haben der Studio­canal- und der Arthaus-Verleih erkannt, dass die Wieder­auf­füh­rung restau­rierter Klassiker für das zeit­genös­si­sche Kino inter­es­sant ist. Zumindest sind es relativ bekannte Klassiker, die das Publikum locken – und diese einen fulmi­nanten Unter­schied zu ihrem Wohn­zimmer erleben dürfen. Federico Fellinis La Dolce Vita ist so ein Fall (artechock-Kritik) (So 7.8. 11:00 Studio Isabella + Mo 15.8. 19:30 ABC). Die berühmte Szene im Trevi-Brunnen lässt sich übrigens derzeit in den Sommernächten bestens nach­stellen.

Haupt­säch­lich nachts spielt auch Le notti di Cabiria (Mi 10.8. 18:00 Theatiner – auf 16mm!), Fellinis düsterer Zwil­lings­film zu La Strada – beide Filme sind mit Giulietta Masina. Wie sehr sie auf das italie­ni­sche Kino heute noch nachwirkt, ließe sich in Paolo Virzìs Die Über­glück­li­chen (2016) nach­prüfen – der aber leider nicht im Programm läuft.

Satyricon: Paolo Sorren­tino

Aber auch andere jüngere Werke zeigen, dass das italie­ni­sche Kino immer noch vorne mitspielt. Das City Kino zeigt eine Retro­spek­tive zu Paolo Sorren­tino, in der eigent­lich nur Die Hand Gottes fehlt, den Netflix nicht mehr für die Kino­lein­wand heraus­rückt. Dafür beweisen La grande bellezza (2013) (Do 4.8. 21:00 City Kinos) und Ewige Jugend (2015) (Do 11.8. 21:00 City Kinos) die sati­ri­sche Ader der Italiener gegenüber ihrem Land und ihrer Eitelkeit (gefolgt von einem wundersam abge­half­terten Sean Penn in Cheyenne, Mi 17.8. 21:15 City Kinos).

Nost­al­gisch: Pietro Marcello

Pietro Marcello gehört mit Alice Rohr­wa­cher zu einer Clique italie­ni­scher Film­schaf­fender, die mit ihren sozi­al­kri­ti­schen Filmen auch eine immer ein wenig nost­al­gi­sche Italia­nità inszieren. Sie sind ein bisschen das Gegenteil des hoch­ge­tunten Paolo Sorren­tino, der sich für das schrille Italien inter­es­siert; Marcello ist ein Regisseur der leisen Töne und verzau­bernden Geschichten. In L’envol (Scarlet) ist er in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück­ge­kehrt, kurz vor der Mach­tü­ber­nahme von Mussolini im Jahr 1922. Auf dem Land müssen ein einfacher Schreiner und seine Tochter als Sünden­bock herhalten – für alles, was in den Augen der Dorf­be­völ­ke­rung nicht klappt, und für ihre besondere Bega­bungen, sei es in der Schnit­zerei, Mathe­matik und im Gesang. Wunderbar die Musi­cal­ein­lagen beim einsamen Schwimmen im See, das erinnert auch an die Filme von Jacques Demy, La peau d’âne (1970) zum Beispiel. Scarlet ist auf eigen­ar­tige Weise rück­wärts­ge­wandt, auch im Gender­bild übrigens, wenn die Schrei­ners­tochter von einem buchs­täb­lich vom Himmel gefal­lenen »kleinen Prinzen« gerettet wird (Do 4.8. 15:00 + 20:00 ABC).

Klaus Lemke: Amore in München

Ins italie­ni­sche Lebens­ge­fühl führt auch Michel­an­gelo Anto­nionis Il deserto rosso (1964), der im Theatiner in Andenken an Monica Vitti gezeigt wird, die diesen Februar gestorben ist. Es ist hier ein Gefühl des allmäh­li­chen Irre­wer­dens und Irre­al­wer­dens, mit einer Wüste so rot wie die Hitzeglut (So 7.8. 18:00 Theatiner). Und dass München die nörd­lichste Stadt Italiens ist, hat der Anfang Juli verstor­bene Klaus Lemke gewusst.

In Amore (1978) hat er eine Liebes­ge­schichte der Münchner Groß­markt­halle einge­fangen, mit seiner geliebten Cleo Kret­schmer und dem großar­tigen Wolfgang Fierek (Do 4.8. 20:30 Theatiner). Der Film ist der Auftakt zu einer Trilogie, die Klaus Lemke noch persön­lich zusam­men­ge­stellt hat. Weitere Filme sind Swee­the­arts (1977, mit Cleo Kret­schmer) (Fr 5.8. 20:30 Theatiner) und sein noch persön­li­cher Rückblick auf sein Werk Cham­pa­gner für die Augen – Gift für den Rest (2022) (Sa 6.8. 20:30 Theatiner).