07.11.2019

Von pfeifenden Spionen, lesenden Bauern, biertrinkenden Schnöseln und einem Förster

Morometii 2
Jetzt schon ein Klassiker: Moromeții 2 eröffnet das Rumänische Filmfestival

Das 14. Rumänische Filmfestival zeigt ein sich allmählich veränderndes Filmland

Von Dunja Bialas

»I’m a passenger«, grölt Iggy Pop ins Bild. Ein finster drein­bli­ckender Mann schippert auf einer kleinen Fähre durch eine karge Insel­gruppe, dunkler Trench­coat und graues Hemd verraten, dass er nicht auf Urlaubs­reise ist. Als er in einer Mili­tär­an­lage ankommt, muss er als erstes das Mobil­te­lefon abgeben. »The police is listening«, sagt ein ebenfalls finster drein­schau­ender Mann. Alles ist sehr James Bond. Kommt gleich eine Blondine im Bikini aus dem Wasser aufge­taucht?

La Gomera, der neue Film des rumä­ni­schen Star­re­gis­seurs Corneliu Porumboiu hat auf dem Münchner Filmfest über­rascht – und auch enttäuscht. Mit 12:08 East of Bucharest (2006), Politist, adjectiv (2009) hat er Meilen­steine der Rumä­ni­schen Neuen Welle geschaffen. In La Gomera bricht Porumboiu mit vielen unaus­ge­spro­chenen Regeln dieses inter­na­tional so gefei­erten Film­schaf­fens. Mit der Musik aus dem Off, mit der er seinen Film noch vor dem ersten Bild beginnt, macht er den Bruch deutlich: Hier gibt es nicht nur die diege­ti­sche Musik, die aus den Szenen selbst kommt, nein, hier bestimmt die Regie, nicht mehr die Figuren, was auf den Plat­ten­teller kommt. Dann der Beginn auf der kana­ri­schen Insel, die Rück­blicke, das geordnete Erzählen. Porumboiu zeigt ein Verlangen danach, die narra­tiven Fäden in der Hand zu halten, während seine Filme sonst oft den Anschein hatten, driftend den Figuren zu folgen.

Schon immer aber waren die rumä­ni­schen Film­au­toren offen für das Genre – vor allem der Polizei- und Gangs­ter­film erhielten von ihnen einen neuen realis­ti­schen, ironi­schen und wahr­haf­tigen Drive. In La Gomera, in dem es im Übrigen um den Erwerb der kana­ri­schen Pfeif­sprache »el silbo« geht – dem folgt man gerne – werden Versatz­stücke des Spio­na­ge­films ins Spiel gebracht – und viel­leicht werden mit der stre­cken­weise arg konven­tio­nellen Genre-Erfüllung indirekt auch die Marotten der Rumä­ni­schen Neuen Welle konter­ka­riert: der Pope, der ins Haus kommt, der Plat­ten­teller, der sich dann doch einmal dreht und konzer­tante Musik abspielt, auch ohne, dass sich dies durch die Handlung moti­vieren würde. Der Hotel­por­tier, der ein Musik­lieb­haber ist, ist gerade nicht in der Lobby.

Porumboiu will mit La Gomera sichtlich mit dem in die Jahre gekom­menen Rumänien-Style brechen, mit den langsamen Geschichten über die Menschen in den Wohnungen von Bukarest, über die Familien, die Mütter und Söhne, die Verwer­fungen, die poli­ti­schen Diskus­sionen. Hier lässt er ähnliche Konstel­la­tionen im Plot aufgehen, und verab­schiedet die virtuose Choreo­gra­phie der Figu­ren­kon­stel­la­tionen und Dialoge.

Das Filmland Rumänien

Über La Gomera kann man sich jetzt selbst ein Urteil bilden, beim Rumä­ni­schen Film­fes­tival im Film­mu­seum, das diesen Donnerstag eröffnet. Es ist nach eigenen Aussagen das größte außerhalb Rumäniens, und es ist maßgeb­lich dafür verant­wort­lich, dass in München Namen wie Corneliu Porumboiu, Cristi Puiu, Radu Jude und Cristian Mungiu flüssig über die Lippen gehen. Seit 14 Jahren tragen der Film­kri­tiker Bert Rebhandl und der Film­his­to­riker Klaus Volkmer neue Filme aus Rumänien zusammen, das als eines der aufre­gendsten Film­länder Europas gilt, seit dem Einsetzen der Rumä­ni­schen Neuen Welle im Jahr 2005. Es wird jedoch leicht übersehen, dass sich das aus natio­naler Sicht anders darstellt. Im Jahr 2009 war die Zahl der Kinos landes­weit auf 74 geschrumpft, man ging 0,24 Mal im Jahr ins Kino. Fast ein Jahrzehnt später, 2016, titelte eine fran­zö­si­sche Zeitung: »Die Kinosäle verfallen.« Neu hinzu­ge­kom­mene Säle sind Multi­plexe für inter­na­tio­nale Block­buster.

Der rumä­ni­sche Film führt in Rumänien ein Nischen­da­sein. 2018 wurden lediglich 28 Spiel­filme produ­ziert, davon zehn in Co-Produk­tion, wie dem Anuarul statis­tical cine­ma­to­gra­fiei zu entnehmen ist. Auch La Gomera ist eine Co-Produk­tion, mit dem deutschen Kompli­zen­film um Maren Ade und mit Sylvie Pialat aus Frank­reich. Was ande­rer­seits inter­na­tional gefeiert wird und beliebt ist, wird in Rumänien nicht gesehen, davon erzählt die aufschluss­reiche Studie »Qui regarde les films roumains?« Viel­leicht ändert sich das mit stärker die Konven­tionen bedie­nenden Filmen.

Das Verschwinden der alten Welt

Ein Klassiker der rumä­ni­schen Literatur ist der 1955 erschie­nene Roman »Moromeții« von Marin Preda, der unter unge­klärten Umständen 1988 verstarb – ein gewalt­tä­tiger Tod durch die Secu­ri­tate wird nicht ausge­schlossen. 1987 verfilmte Stere Gulea, Jahrgang 1943, die Handlung in Moromeții, die in der Vokriegs­zeit vom Erstarken des Faschismus in der länd­li­chen Gegend spielt. Prot­ago­nisten sind Ilie Moromete und seine Familie, die jetzt auch im zweiten Teil wieder­kehren. Der erste Teil war bis 2013 unter Verschluss, die Fort­set­zung, mit der das Rumä­ni­sche Film­fes­tival eröffnet, ist daher auch ein Politikum und eine starke Ausein­an­der­set­zung mit der Geschichte Rumäniens.

Moromeții 2 (Die Familie Moromete – Am Rand der Zeit) erzählt davon, wie im Rumänien der Nach­kriegs­zeit der Kommu­nismus einzieht und die Äcker und Bauern­höfe in Kolchosen umge­wan­delt werden. Ilie ist über seine Bücher gebeugt, er hat es auf die Univer­sität geschafft und lernt Russisch, während er im Schatten der Bäume sitzt. Die einfachen Bauern können die neuen Wörter wie »Komitee« nur schlecht ausspre­chen. Meistens unter­halten sie sich über den Hund, das Pferd, das Schaf, die Kuh und sind wie die Tiere, einsilbig. Und es werden die Tradi­tionen hoch­ge­halten. Am Weißen Sonntag waschen die Frauen den Männern die Füße. Man verliebt sich. Bis die Zeit nicht mehr aufge­halten werden kann. Das Verschwinden der alten Welt zele­briert der Film in licht­vollem Schwarz­weiß. Die einfühl­same Beob­ach­tung der Verän­de­rungen im Gang der Jahre, das erinnert auch an Edgar Reitz' Heimat-Chronik. (Do, 7.11., 19 Uhr, Eröffnung, zu Gast: Darsteller Horaţiu Mălăele, Einfüh­rung: Bert Rebhandl)

Leiche ohne Heimat

Die Regis­seurin Anca Damian zeigt in Moon Hotel Kabul, wie sich Genre und Fami­li­en­er­zäh­lung verbinden lassen und gleich­zeitig vom heutigen Rumänien erzählt werden kann, ohne aufge­setzten Spannungs-Plot. Man kennt Damian, 2011 wurde der animierte Doku­men­tar­film Crulic – Weg ins Jenseits auf den Festivals mit Preisen überhäuft. Ihr Film bleibt einfach, kein Score unter­füt­tert künstlich die langen Einstel­lungen, Damian vertraut auf die Anzie­hungs­kraft ihrer Figuren. Alles beginnt in Kabul. Der Reporter Ivan recher­chiert für eine Story im mili­tä­ri­schen Sperr­ge­biet, hat eine Liebes­nacht mit der Über­set­zerin Ioana, die ihm einen Stick in sein Waschzeug schummelt. Sie stirbt, Ivan bringt ihre Leiche an den Heimatort. Auf der Fahrt durch das Hinter­land von Bukarest trifft er auf ein scheinbar intaktes Rumänien, eine Hochzeit wird mitten auf der Straße gefeiert, Kühe gehören zum pitto­resken Bild vom Lande, aber auch eine junge Prosti­tu­ierte, die Ivan aufliest. Dann bei der Familie die Toten­wache, der Pater kommt ins Haus, es kommt zu einem Konflikt, weil er die Beiset­zung auf dem Friedhof verwei­gert. Durch­gängig in braun-grün-grauen Tönen gehalten, skizziert der Film vor dem Hinter­grund globaler Krisen­herde die Dystopie einer unter­kühlten Welt, in der die Pitto­reske nur noch falscher Lebens­dekor ist. (Sa, 9.11., 18:30 Uhr, zu Gast: Anca Damian)

Gewalt und Klaus­tro­phobie

Bereits letztes Jahr konnte bei Constantin Popescus Pororoca erlebt werden, wie der rumä­ni­sche Alltag sich in Gewalt entladen kann. Arest, der zweite Film des 47-jährigen Werbe­fil­mers Andrei Cohn, spielt in den 1980er Jahren zur Zeit der späten Ceaușescu-Diktatur und geht in seiner Bruta­lität histo­risch bedingt einen radikalen Schritt weiter. Als Dinu verhaftet wird, ist er völlig nackt. Mit seiner Familie ist er am Schwarzen Meer, und er badet, wie das im Sozia­lismus alle taten, textilfrei. Die Staats­si­cher­heit greift ihn ab, aus dem prallen Leben, so beginnt Arest. Dinu (Alexandru Papadopol), der Intel­li­gentsia zuzu­rechnen, kommt in eine Gefäng­nis­zelle, wo er auf den Klein­gangster Vali trifft. Der hat einen Inside-Job zu erledigen und wird ihn im weiteren, unge­müt­li­chen Fortgang des Films aushor­chen, foltern und zum Reden bringen. Als Dinu das nächste Mal nackt ist, kauert er in einem Verschlag, der eine Dusche sein soll, verprü­gelt und verdreckt, und er packt aus, was ihm einfällt: dass sie immer Radio Free Europe gehört haben, sich an die Eier gefasst haben, wenn der Name der Staats­chefs­gattin Elena Ceaușescu fiel, dass seiner Frau die auslän­di­schen Ziga­retten der jüdischen Nachbarn aufge­fallen seien. Arest ist ein klaus­tro­pho­bi­sches Kammer­stück, das die Substanz­lo­sig­keit der poli­ti­schen Verfol­gung unter Ceaușescu aufzeigt. Stilis­tisch bezieht sich Cohn auf die Rumä­ni­sche Neue Welle: lange Einstel­lungen, kein Score, er vertraut auf die Dialoge und den dyna­mi­schen Wechsel von An- und Entspan­nung. Wobei – entspannen kann man sich hier kaum. (Sa, 16.11., 18:30 Uhr)

Weiner­liche Machos

Das kann man dann in Povestea unui pierde-vară (The Story of a Summer Lover), dem zweiten Film mit Alexandru Papadopol. Die leicht­händig gefilmte Konver­sa­ti­ons­komödie über die Nöte der Mascu­linity spielt in Bukarest. Papadopol ist Petru, ein leicht weiner­li­cher, selbst­be­zo­gener Macho, der zum wieder­keh­renden Arsenal des rumä­ni­schen Kinos gehört, Corneliu Porumboiu hat ihm in When Evening Falls on Bucharest or Meta­bo­lism (2013) ein filmi­sches Denkmal geschaffen. »Ich bin immer jung«, sagt er, der Mathe-Prof, zu seiner Studentin. Gerade war er mit ihr im Bett, jetzt ist er k.o., »aber nur körper­lich«. Die ewige Jugend will sich Petru auch mit seinen Kumpeln auf dem Basket­ball­platz im Stadtpark von Bukarest beweisen. Die Nieder­lage ist vorpro­gram­miert, es folgen Bier und die Zigarette danach. Regisseur Paul Negoescu, erst Mitte dreißig, hat sich komö­di­an­tisch in die Wehweh­chen und das Aufbäumen des Mannes kurz vor der Midlife-Crisis hinein­ver­setzt. In urbanen Spazier­gängen durch Bukarest sezieren hier drei Buddys das Liebes­leben von Petru, sein Freund, der mit hagerer Gestalt, beigen Klamotten und großer Brille sichtlich Woody Allen zum Vorbild hat, schreibt darüber einen Roman. (So, 17.11., 18:30 Uhr)

Film­ge­schichte ohne Frauen

Der rumä­ni­sche Film, so bleibt das Fazit, zeigt sich weniger homogen als früher. Die Rumä­ni­sche Neue Welle mit den wieder­keh­renden Sujets und Stilen scheint allmäh­lich zu verblassen und von jüngeren und neuen Autoren weiter­ent­wi­ckelt zu werden. Auffal­lend ist jedoch, dass die weib­li­chen Stimmen oder gar weibliche Sujets kaum mehr werden: die rumä­ni­schen Regis­seure sind keine »Frau­en­re­gis­seure«. Sie verharren – mit Ausnahmen wie Radu Judes »Mir ist es egal, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen« – gerne in Rollen­sche­mata. Da gibt es die Geliebte, die Ehefrau, die Mutter, die Freundin, kaum als agierende Figuren. Dass im Umkehr­schluss die Männer im Gender­ge­fängnis sitzen, ist nahe­lie­gend. Ivana Mlade­no­vićs Soldaten – Eine Geschichte aus Ferentari (2018) mit einem homo­ero­ti­schen Plot, der bereits letztes Jahr auf dem Rumä­ni­schen Film­fes­tival gezeigt wurde, bildet hier die rühmliche Ausnahme.

Zum Abschluss sei noch der sehr lohnende Dragoste 1: Câine (Liebe 1. Hund) erwähnt. Im steilen Gelände eines unüber­sicht­li­chen Waldes befindet sich sich die einsame Hütte des Försters Simion, der mit seinem Hund lange Streif­züge durch die Wildnis unter­nimmt. Er findet eine Frau, die offen­sicht­lich miss­han­delt wurde, und schleppt sie Oger-mäßig in seine Hütte. Es entspinnt sich eine unter­schwel­lige Erotik, geerdet, archaisch, und unauf­dring­lich, voller Fragen und mit den Konse­quenzen der Wildnis. Der Film des Philo­so­phen und Regis­seurs Florin Șerban (Jahrgang 1975) bildet den Auftakt zu einer schil­lernden Liebe­stri­logie, der wir gerne folgen werden. (Sa, 9.11., 21 Uhr)

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Rumä­ni­sches Film­fes­tival
5. bis 19. November 2019
Film­mu­seum München, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München
Karten­re­ser­vie­rung: Tel: 089 / 23 39 64 50
Programm­heft als Downlaod (PDF)

Ein Programm im Rahmen der »Rumä­ni­schen Kultur­tage«, in Koope­ra­tion mit der Gesell­schaft zur Förderung der Rumä­ni­schen Kultur und Tradition e.V., München und dem Centrul Naţional al Cine­ma­to­gra­fiei, Bukarest.

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