08.11.2018

Wachsende Unruhe

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Der Ethnologe und der Roma – in Soldatii erkunden sie gemeinsam die urbanen Ränder von Bukarest

Die Filme des 13. Rumä­ni­schen Film­fes­ti­vals München lassen Gewalt in den Alltag kommen

Von Dunja Bialas

Rauer und härter als in den vergan­genen Jahren erweist sich das Programm des Rumä­ni­schen Film­fes­ti­vals in München, das ab diesem Donnerstag im Film­mu­seum München in seine neue Ausgabe startet. Noch immer sind familiäre Reibungen, Konflikte oder Zerwürf­nisse das dominante Thema, aber diesmal vertrauen die zwölf Regis­seure nicht mehr ausschließ­lich auf die Verve des verbalen Schlag­ab­tauschs. Sie lassen nun auch andere Waffen sprechen, Fäuste, Messer, Revolver, und öffnen ihre Geschichten für den Thrill. Das Arthouse wird vom Genre verführt.

Schock­haft bricht die Gewalt in die bürger­li­chen Haushalte ein. In Pororoca, einem in seiner Konse­quenz vers­tö­renden Film, wird aus einem verschwun­denen Kind in einer unge­sunden Eigen­dy­namik ein regel­rechtes Hirn­ge­spinst. Dem unter Selbst­vor­würfen und Schuld­ge­fühlen leidenden Vater sehen wir beim wach­senden Delirium zu, aus dem schließ­lich ein gelebter Alptraum wird. Regisseur Constantin Popescu arbeitet das psycho­lo­gi­sche Abgleiten seiner Haupt­figur ganz allmäh­lich aus den szeni­schen Deskrip­tionen heraus, zunächst als Latenz, dann ganz und gar manifest. Lange Einstel­lungen einer ganz leicht bewegten Hand­ka­mera und die Distanz zu den Figuren, als gäbe es einen anonymen Beob­achter des Gesche­hens, erzeugen einen subku­tanen Thrill bis zu dessen finaler Explosion. Es braucht zwei­ein­halb Stunden, diese plausibel zu machen, und die Zeit, die sich der Film dafür nimmt, macht auch ganz allgemein die Sogwir­kung des rumä­ni­schen Kinos aus. (Samstag, 10.11., 21 Uhr)

Die »Gesell­schaft zur Förderung der Rumä­ni­schen Kultur und Tradition« in München gab vor dreizehn Jahren den Impuls zum Rumä­ni­schen Film­fes­tival. Film­mu­seums-Mitar­beiter Klaus Volkmer stellt die Reihe seitdem nach cine­as­ti­schen Gesichts­punkten zusammen. Gemeinsam mit Film­kri­tiker Bert Rebhandl wird immer auch nach neuen Namen und Strö­mungen geforscht. Im Zentrum steht diesmal Andrei Creţu­lescu, dessen Lang­film­debüt Charleston das Festival eröffnet, außerdem wird der Regisseur mit einem Programm aus fünf Kurz­filmen präsen­tiert, die gewis­ser­maßen den Werk­schlüssel bereit­halten, und von denen aus auch, so Klaus Volkmer, Charleston einzu­ordnen sei. Das Buddy-Movie mit zwei unter­schied­li­chen Männer­typen gehorcht der unter­grün­digen Darkness einer absurden Existenz: Nach dem plötz­li­chen Unfalltod seiner Frau öffnet Alexandru eines Tages unver­mutet seinem Neben­buhler Sebastian die Haustür. Faust­schläge folgen, schließ­lich verbündet man sich über den Tod der Frau, die beide geliebt hatten, und der Film hebt noch einmal neu an. (Donnerstag, 8.11., 19 Uhr, zu Gast: Andrei und Codruta Creţu­lescu)

Immer wieder taucht Charleston in ein kauris­mäki­sches Cool ab. Alexandru und Sebastian wissen es vortreff­lich, sich über einen Drink anzu­schweigen. In die Szenen dringt dann nur die Musik, die in der Bar gespielt wird. In seinen Kurz­filmen wird der Faszi­na­tion des Regis­seurs für Pop, Post-Punk und Dark-Wave ein ganz eigener Platz eingeräumt, wenn zum Ende der novel­len­ar­tigen, harten, oft auch absurd-komischen Bezie­hungs-Erzäh­lungen ein Song anhebt, der dann ganz ausge­spielt wird. Die fünf Kurzfilme, die das Rumä­ni­sche Film­fes­tival zeigt, sind motivisch mitein­ander verbunden, durch die Gewalt, die in ihnen hervor­bricht, durch die Musik, durch wieder­keh­rende Stim­mungen. So enthält Kowalski eine einzige, mit großer Bravour performte Szene, in der sich der absurde Verwechs­lungs­dialog von Pseudo-Gangstern frei entfalten kann. (Kurzfilme von Andrei Creţu­lescu, Freitag, 9.11., 21 Uhr, zu Gast: Andrei und Codruta Creţu­lescu)

Anders als Creţu­lescu, der eine – trotz der sich entla­denden Gewalt – eher gefasste Bild­sprache hat, bewegt sich in Ivana Mlade­no­vics Soldaten – Eine Geschichte aus Ferentari die Kamera in nervöser Unruhe. Passend zu diesem suggestiv doku­men­ta­ri­schen Stil ist die Haupt­figur des Films ein Ethnologe, der wie ein Feld­for­scher in das Universum der Roma am Rande von Bukarest eintaucht, um deren Manele-Musik zu erkunden. Der Film bewahrt sich dabei die Unauf­ge­regt­heit, Privat­heit und vor allem Beiläu­fig­keit des rumä­ni­schen Kinos. So entsteht aus vielen wie zufällig einge­fan­genen Details eine großar­tige Milieu­schil­de­rung. (Samstag, 10.11., 18:30 Uhr, Einfüh­rung: Bert Rebhandl)

In diesem für das zeit­genös­si­sche rumä­ni­sche Kino sehr typischen quasi­do­ku­men­ta­ri­schen Stil ist auch Marita von Cristi Iftime gehalten. Der Regisseur setzt zur großen Freude aller Fans von Auto­fahrten, die von der Rück­sitz­bank aus oder durch die Wind­schutz­scheibe gefilmt sind (das rumä­ni­sche Kino, aber auch der Iraner Abbas Kiaro­stami hat ihnen zu Kult­status verholfen), einen alten Dacia ins Zentrum der Handlung. In dem Auto, »Marita« genannt, entspinnt sich ein bezie­hungs­dra­ma­ti­sches Roadmovie, auf einer langen Fahrt von Trans­sil­va­nien nach Moldawien. (Sonntag, 11.11., 21 Uhr, Einfüh­rung: Bert Rebhandl)

+ + +

13. Rumä­ni­sches Film­fes­tival
08. – 18.11.2018
Film­mu­seum München
St-Jakobs­platz 1, 80331 München
Karten: 089 / 233 20 538

top