31.01.2019
Cinema Moralia – Folge 189

Vor der Berlinale ist nach der Berlinale

Gundermann
Gundermann musste zehn Jahre auf seine Förderung warten
(Foto: Pandora)

Scheck is not back: Zwei Verlängerte und ein Schweiger-Flop – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 189. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»The first thing we do, let’s kill all the lawyers.«
William Shake­speare, »King Henry VI«

»Das muss der Markt regeln«, sagt man gern. Der Markt hat aber noch nie etwas »geregelt«. Er ist chaotisch. Eine Ausrede für Nichtstun, für Fata­lismus.

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»Kultu­relle Film­för­de­rung jetzt!« lautet der Titel des nächsten, des 12. Akademie-Gesprächs an der Berliner Akademie der Künste. Der Titel ist weder besonders reiße­risch noch provo­kativ, sondern bringt einfach die für jeden Betei­ligten altbe­kannte Tatsache auf den Punkt, dass wir derzeit keine kultu­relle Film­för­de­rung haben. Was wir haben, ist eine Misch­för­de­rung, mit der die leitenden Funk­ti­onäre des deutschen Film­büro­kra­tie­we­sens ja auch ganz zufrieden sind.

In diesem Förder-Gemisch, in dem das Kultu­relle, besonders da wo es radikal ist, an die Kandare der Wirt­schaft­lich­keit genommen und durch soge­nannte »Erfolgs­kri­te­rien« verwäs­sert wird, entstehen keine Filme, die kulturell irgendwen außerhalb Deutsch­lands inter­es­sieren, und innerhalb auch kaum. Die wenigen Gegen­bei­spiele – kaum zehn Prozent pro Jahr – lassen wir jetzt mal weg.

Der künst­le­ri­sche Film spielt in der Kultur­för­de­rung jeden­falls eine Neben­rolle. Die Vertei­lung des Geldes ist an einen hypo­the­ti­schen Publi­kums­er­folg geknüpft – wobei bisher noch niemand erklärt hat, wie man eigent­lich poten­ti­elles Publikum misst. Wie zum Teufel will man denn poten­ti­elle Zuschau­er­zahlen, die zu einer Bedingung für FFA-Förde­rungen geworden sind, berechnen?

Warum gibt es in Deutsch­land keine Förderung für Filme­ma­cher? Es werden keine Biogra­phien und Filmo­gra­phien gefördert. Dafür maßen sich Gremien und Inten­danten Geschmacks­ur­teile an.
Das führt dann zu absurden Ergeb­nissen. Beispiels­weise hat Andreas Dresen zehn Jahre gebraucht, um Gunder­mann finan­ziert zu bekommen. Um das falsch zu finden, muss man den Film noch nicht mal mögen. Denn genau darum geht es: Um Förderung jenseits des zufäl­ligen Geschmacks. Aber auch um Förderung jenseits absurder, durch keine Substanz gedeckter Erwar­tungen.

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In der Akademie der Künste geht es dann auch um die Rolle der Sender, die in Fragen der Film­pro­duk­tion immer mächtiger werden, obwohl dort kaum noch Filme laufen.
Die Diskus­sion hilft, sich zwei Tage vor der Berlinale einzu­grooven, und soll ein erster Auftakt der Debatte um das neue Film­för­der­ge­setz (FFG) werden. Den Auftakt bildet ein Impuls­re­ferat von Thomas Heise, Autor, Regisseur und Direktor der Sektion Film- und Medi­en­kunst der Akademie der Künste.
Es disku­tieren AdK-Präsi­dentin und Film­re­gis­seurin Jeanine Meerapfel mit Feo Aladag, Produ­zentin, Autorin und Regis­seurin, Claas Danielsen, Geschäfts­führer der Mittel­deut­schen Medi­en­för­de­rung (MDM), Titus Krey­en­berg, Produzent, Mariette Rissen­beek, Geschäfts­füh­rerin der German Films, Andres Veiel, Autor, Regisseur und Mitglied der AdK. Ich selbst habe das Vergnügen, das Ganze zu mode­rieren und Fragen zu stellen.
Am kommenden Dienstag, 5. Februar, ab 20 Uhr in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin.

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Von Greta Thunberg, der 16-jährigen schwe­di­schen Schülerin und Klima­ak­ti­vistin, könnte die deutsche Film­branche eine Menge lernen. Denn Greta macht Rabbatz. Greta streikt, am richtigen Ort. Greta stört. Und das alles derart effektiv, dass die Medien sie nicht mehr übersehen können.
Genau das müssen die deutschen Filme­ma­cher auch tun. Sichtbar und unüber­sehbar werden. Zum Beispiel mit einem Sitz­streik vor der Einfahrt zum BKM, also Kanz­leramt. So dass Merkel nicht mehr heraus­kommt und Grütters nicht hinein, oder umgekehrt. Da wären dann schnell die Kameras da.

Von »Pro Quote« könnte man auch eine Menge lernen. Vor allem, wie poli­ti­sches Lobbying funk­tio­niert. Auch hier: Sichtbar sein, mit klaren Botschaften, so klar, dass sie sogar für Politiker vers­tänd­lich sind. Und weil es um Kultur­po­li­tiker geht, sollten diese Botschaften nichts mit Kultur zu tun haben. Bitte bloß nicht. Denn wer weiß schon, was Kultur ist. Aber Gleich­be­rech­ti­gung, Quote, das versteht jeder.

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Alle wollen, dass sich etwas ändert. Es wird sich aber nichts ändern, Leute. Nicht durch Refor­mismus. Nicht durch Freund­lich­keit. Nicht durch Handküsse auf die Hand, die euch schlägt.
Nicht solange ihr nicht in einem Ausmaß Druck aufbaut, das man nicht mehr igno­rieren und aussitzen kann.
Schaut auf die SPD. Der deutschen Film­in­dus­trie geht es nicht besser.

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Da knallten in Berlin die Cham­pa­gner­korken: »MBB-Aufsichtsrat bestätigt Kirsten Niehuus und Helge Jürgens für weitere 5 Jahre« über­raschte uns gestern eine Pres­se­mit­tei­lung. Wer hätte das gedacht?
»Fünfzehn erfolg­reiche Jahre Förderung durch das Medi­en­board zahlen sich aus«, sagten die Politiker. Und die verlän­gerten im besten Polit-Sprech: »Herz­li­chen Dank für das Vertrauen und die ausge­zeich­nete Zusam­men­ar­beit! Die Konti­nuität der kultu­rellen und wirt­schaft­li­chen Erfolge verdanken wir den groß­ar­tigen Film- und Medi­en­schaf­fenden in der Region. Als Förderer sind wir stolz darauf, die Kreativen bei ihrer Arbeit unter­s­tützen zu dürfen. Wir freuen uns darauf, die neuen Entwick­lungen in der Branche mit zukunfts­fähigen Förder­instru­menten zu begleiten.«

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Zur Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz fällt mir in diesem Jahr nichts ein. Der schei­dende Direktor Dieter Kosslick machte auch in seiner letzten PK als Direktor Business as usual. Er wirkte besser gelaunt als letztes Jahr, die Krän­kungen sind nicht mehr erkennbar. Ein bisschen Erschöp­fung aller­orten. Mein Eindruck, dass auch die Presse-Kollegen meist froh sind, dass es jetzt mal vorbei ist. Von der kommenden Berlinale erwartet man sich nichts – da könnte es besser sein, als man glaubt. Viele denken schon jetzt an die Zeit danach: Nach der Berlinale ist vor der Berlinale.
Der schei­dende Direktor war schon in seiner gewohnten Prä-Berlinale-Fahrig­keit. Kosslick redete kurz über Filme, obwohl er wieder mit 400 viermal so viel Programm hat wie Cannes, er redete lang über die Gäste, »lauter alte Bekannte«, aller­dings oft aus der Zeit seines Vorgän­gers, er sprach ein paar Namen falsch aus, sagte statt »vor 30 Jahren« zweimal »vor 40 Jahren« – alles keine Über­ra­schung und lässliche Patzer, die in der Gesamt­schau trotzdem eine gewisse Wursch­tig­keit zu illus­trieren scheinen. Ist ja auch schon egal in dem Alter...
Als es einmal ernst wurde, bei der Frage der Kollegin von der »Jüdischen Allge­meinen« nach den Israel-Boykott-Fana­ti­kern von BDS, gelang es Kosslick aber, sich gerissen um ein Statement zu BDS herum­zu­mo­geln.
Redete von einem Preis für ihn in Jerusalem und dem Kampf gegen Anti­se­mi­tismus, machte also als Israel-Freund genau das, was auch Israel-Feinde gern tun – Juden und Israel in einen Topf werfen – Chapeau, so einen Alltags­zy­nismus konnte man schon immer gut von diesem Mann lernen.
Dabei hatte gerade erst die Süddeut­sche gut beschrieben, wie das anti-israe­li­sche Netzwerk immer mehr Platz in der deutschen Kultur­szene einnimmt.
Viel zu schnell, nach nur etwa 20 Minuten, durfte man nichts mehr fragen. Davor fragte der Pole wie jedes Jahr nach den polni­schen Filmen, eine Latein­ame­ri­ka­nerin nach den latein­ame­ri­ka­ni­schen, der Afrikaner nach den fehlenden afri­ka­ni­schen. Und Chris­tiane Peitz wollte wissen, ob er, Kosslick, wohl mit seinen Nach­fol­gern auf dem Roten Teppich stehen werde.
Auch die Haupt­stadt-Jour­na­listen hatten in Kosslick den Berlinale-Direktor, den sie verdienen.

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Jedes Jahr verschickt die FFA Kalender mit Film­pla­katen. Der Kalender ist edel gedruckt und wird per USP verschickt, das kostet bestimmt eine Menge.
Auf dem Titel­blatt sind fünf Plakate aufge­reiht: Ballon; Der Junge muss an die frische Luft; Werk ohne Autor; Der Vorname; »Jim Knopf und Lukas der Loko­mo­tiv­führer. Warum diese? Wer hat sie ausge­wählt? Gibt es Kriterien oder ist es eine persön­liche Geschmacks­ent­schei­dung der Geschäfts­füh­rung? Hoffent­lich nicht, denn einige der Plakate sind sehr hässlich.
Wenn es um Werbung fürs deutsche Kino geht, oder darum, dessen Vielfalt darzu­stellen, oder dessen inter­na­tio­nale Relevanz, dann müssten es zum Teil andere Titel sein. Dann könnte man ja fragen, warum zum Beispiel 3 Tage in Quiberon von Emily Atef nicht darunter ist, oder Robert Schwentkes Der Hauptmann (schwarz­weiß findet ihr doof bei der FFA, oder?). Warum nicht Christian Petzolds Transit oder Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot von Philip Gröning oder Thomas Stubers In den Gängen. Das sind übrigens fast alles Filme, deren Plakate sich in dem Kalender finden.«

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Man könnte jetzt argu­men­tieren: Ist doch egal, was die nehmen, wer hängt sich schon einen FFA-Kalender an die Wand? Stimmt wahr­schein­lich.
Aber natürlich ist so etwas eine (film-)poli­ti­sche Entschei­dung. Und auch wenn wir keine Verschwörungs­theo­re­tiker sind, finden wir es bemer­kens­wert, dass von den 52 Motiven der Plakate je sechs von Disney und von UPI stammen, je vier von 20th Century Fox, Warner, Sony und – da staunen wir (ein bisschen) – der Constantin, drei von Studio­canal und Universum, zwei von Majestic, DCM, Wild Bunch, nfp, Alamode und X-Verleih, je eines von Prokino, Weltkino, Paramount, Piffl, Tobis, Concorde und Pandora, und der Rest findet nicht statt.

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Gerhard Richter ist nicht allein. Auch der Schrift­steller Christoph Hein ist offenbar nicht richtig gut auf Florian Henckel von Donners­marck zu sprechen. In der SZ erschien letzte Woche eine Ergänzung zu unseren letzten Cinema-Moralia-Berichten: »Mein Leben, leicht über­ar­beitet. Warum ich meinen Namen aus dem Vorspann des Filmes Das Leben der Anderen gleich nach der Premiere habe löschen lassen.«
Regisseur Florian Henckel von Donners­marck (FHvD) hatte sich offenbar mal mit Christoph Hein unter­halten, und dieses Gespräch zum Anlass genommen sich bei diesem öffent­lich »für seine Mitarbeit« zu bedanken. »Der Regisseur ... erklärte mir, dass er lediglich in aller Öffent­lich­keit seine Dank­bar­keit hatte bekunden wollen.« Auf andere wirkt dies, als wolle er sich und seine Filme mit bekannten Namen schmücken, sich Bedeutung und Recherche unge­recht­fer­tigt anschminken.

Hein liefert in dem Text eine ganz treffende Diagnose der »Methode FHvD«: »Meine Einwände gegen seinen Film akzep­tierte er nicht, ein Melodram habe nicht allein der Wahrheit zu folgen, sondern vor allem den Gesetzen des Kinos. Alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durch­ein­an­der­ge­mischt und drama­tisch oder vielmehr sehr effekt­voll melo­dra­ma­tisch neu zusam­men­ge­setzt worden. Im Kino sitzend hatte ich erstaunt auf mein Leben geschaut. So war es zwar nicht gewesen, aber so war es viel effekt­voller.«
Genauso hat er es auch mit Gerhard Richters Biogra­phie gemacht: Ihre Fakten effekt­voll neu arran­giert.

»All das ist bunt durch­ein­an­der­ge­mischter Unsinn«, schreibt Hein weiter: »Nein, Das Leben der Anderen beschreibt nicht die Acht­zi­ger­jahre in der DDR, der Film ist ein Grusel­mär­chen, das in einem sagen­haften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittel­erde. ... Der Regisseur war über den Wunsch, meinen Namen im Vorspann zu streichen, offenbar sehr verärgert und sagte nie wieder, er sei mir unsäglich dankbar. Statt­dessen erzählt er seitdem, er habe sich bei seinem Film von der Biografie und den Kämpfen Wolf Biermanns inspi­rieren lassen. Das ist natürlich völlig unsinnig, denn Biermann hatte man zwölf Jahre zuvor die Staats­bür­ger­schaft entzogen, so dass er in den entschei­denden Jahren des Zusam­men­bruchs des Staates und in dem Zeitraum, in dem der Film spielt, nicht im Land sein konnte. Aber ich scheue mich, seinen Hinweis eine Lüge zu nennen. Weiß ich doch, dass es neben der Wahrheit noch die melo­dra­ma­ti­sche Wahrheit gibt und neuer­dings die alter­na­tiven Fakten.«

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Und dann noch der andere große, von hiesigen Gremien durch­ge­för­derte Deutsche in Hollywood: Til Schweiger. Head Full of Honey, die US-Version seines Honig im Kopf, erzielte in den USA gerade einmal ein Einspiel­ergebnis von 12.350 Dollar!!! Selbst »unter­ir­disch« ist dafür ein zu schwaches Wort.
Dies ist auch eine Quittung für die deutsche Film­för­de­rung. Denn der Film, bei dem Nick Nolte und Matt Dillon die Haupt­rollen spielten, Produzent Til Schweiger als Neben­dar­steller zu sehen ist und Regie führte, wurde von deutschen Gremien mit 4.622.979 Euro fett durch­ge­för­dert.

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Da hat der Markt aber für den Til mal echt was geregelt. Schuld sind natürlich trotzdem die Kritiker, diesmal die Ameri­kaner. »Gezielte Hinrich­tungen« kommen­tierte Schweiger die Kritiken, er habe sich »gefragt, was die Kritiker für einen Film gesehen haben«. »Die Menschen haben geweint, gelacht« erklärte Schweiger dem Fachblatt »BUNTE« trotzig.
Viel­leicht haben die ja den gleichen Film gesehen – und über dessen Qualität geweint und über den Regisseur gelacht?
Unge­achtet dessen wird am Deutsch­land­start des Films zum 21. März fest­ge­halten.

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Scheck is not back: Hier die Förderung für die inter­na­tio­nale Version von Honig im Kopf im Einzelnen:
DFFF Deutscher Film­för­der­fonds – Produk­ti­ons­för­de­rung: 2.927.979,94 €
Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein – Verleih­för­de­rung: 45.000 € (11/2018)
Film­för­de­rung Hamburg Schleswig-Holstein – Produk­ti­ons­för­de­rung: 450.000 € (04/2018)
Film­för­de­rungs­an­stalt – Produk­ti­ons­för­de­rung: 600.000 € (03/2018)
Medi­en­board Berlin-Bran­den­burg – Produk­ti­ons­för­de­rung: 600.000 € (01/2018)

(to be continued)