24.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes

Cannes On Speed 09: Mektoub, My Love: Intermezzo

Mektoub, My Love von Abdellatif Kechiche
Mektoub, My Love: Intermezzo von Abdellatif Kechiche

Simul­ta­nis­ti­sche Film­kritik: Mektoub, My Love: Inter­mezzo von Abdel­latif Kechiche

Von Rüdiger Suchsland

»Look at me!« sagt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, ganz am Anfang. Darum geht es: Ums Hinsehen; um die Freude und Lust am Hinsehen, um das, was man Voyeu­rismus nennt, also verbotene Blicke, aber mindes­tens genauso auch um erlaubte und gewollte; es geht um »objek­ti­fi­zie­rende« Blicke, wie darum, dass es solches »Objek­ti­fi­zieren« eigent­lich gar nicht gibt, weil alles was ange­schaut wird, auch zurück­schaut. »Da ist keine Stelle, die Dich nicht sieht.« Es geht also um Genau­ig­keit des Blicks.

Sie zeichnet das Werk von Abdel­latif Kechiche seit jeher aus. Kechiche, der schon mal die Goldene Palme gewonnen hat, mit Blau ist eine warme Farbe, ist seit jeher ein Regisseur des Offenen, Durch­läs­sigen. Kechiches Filme (unver­gessen La graine et le mulet, 2008) sind Expe­ri­mente mit sich selbst und dem was er zeigt. Logi­scher­weise inter­es­siert sich dieser Regisseur daher auch besonders für junge Menschen, für Anfänge, Aufbrüche und Expe­ri­mente, für produk­tives Chaos.

Mektoub, my Love: Inter­mezzo ist ein Sommer­spiel, es dauert vier Stunden, und konzen­triert sich ganz auf nur einen Nach­mittag und eine Nacht in einem Club, die 12 Personen erleben, und um deren Bezie­hungen unter­ein­ander – das alles in der sehr beson­deren fran­zö­si­schen Küsten­stadt Sete im Südwesten, im Spät­sommer.

Was gefällt an diesem Film, ist, dass Kechiche sich ganz auf die Perspek­tive seiner Figuren einlässt. Dazu gehört dann eine 15-Minütige Sexszene. Warum muss der Film so lang sein? Es gibt zwei Antworten auf diese Frage. Die bessere lautet: Muss er nicht. Aber er kann.

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