22.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes 2019

Cannes On Speed 07: Der letzte Sommer der Jugend

Une Fille Facile von Rebecca Zlotowski
Une fille facile von Rebecca Zlotowski
(Foto: Wild Bunch / Alamode)

Simultanistische Filmkritik: Une fille facile von Rebecca Zlotowski

Von Rüdiger Suchsland

Sie wissen nicht, was sie tun, aber sie wissen, was sie wert sind. Wer sie sind, davon werden sie ein bisschen mehr erfahren in diesem Film. Es geht um Werte, sagt Phillippe, die Figur von Benoît Magimel, am Ende des Films. Naima weiß, was sie wert ist – sagt ihr der um vieles ältere Phillippe, und das schätze er an ihr.

Es ist ein Sommer, der letzte Sommer der Jugend, von dem Une fille facile erzählt. Es geht um den Abschied von der Kindheit, von der Unschuld, aber auch um den Sommer an sich, darum, was das ist, Leich­tig­keit.

Die 16-jährige Naima ist noch unschuldig, erst recht im Vergleich zu Sofia, ihrer entfernten Cousine und Sommer-Freundin. Erst im Juni haben sie sich kennen­ge­lernt. Sofia ist eine Wahnsinns-Nummer. Sofia bringt Naima auf Ideen, auf einige richtige und auf viel Quatsch. Sie bringt ihr bei wie man Katzen­augen à la Sophia Loren bekommt, und wie man bei einem gesetzten Essen über die Romane Margue­rite Duras' redet, ohne auch nur einen von ihnen gelesen zu haben. Sie bringt ihr bei, selbst­be­wusst zu sein, und sie zu nehmen, was vor einem liegt. Wie es die Männer tun, auch in diesem Film.

Der Film zeigt die Welt der Reichen, und er zeigt wie wie man’s richtig macht: Essen, Boots­fahren, Kunst kaufen, Geld ausgeben. Das Boot heißt nicht zufällig »Winning Streak«. Die Winner-Typen, das sind die Männer. Sie haben Geld und sind alt, die Frauen sind jung und haben Schönheit. Win-win. Dieser Film ist ein femi­nis­ti­scher Film, also einer, der das nicht alles schlimm findet, der überhaupt nicht jammert, sondern lieber den Hedo­nismus vertei­digt.

Rebecca Zlotowski ist und bleibt eine der inter­es­san­testen Regis­seu­rinnen, wenn nicht die inter­es­san­teste ihrer Gene­ra­tion. Ihre Filme sind ungefügt, haben immer etwas Eigenes, sie sind nicht so akade­misch, wie der neueste von Céline Sciamma, Portrait de la jeune fille en feu. Rebecca Zlotowski erinnert eher an Olivier Assayas: Einer, der auch nie ganz reinpasst, nie ganz rein­gehört in die Kate­go­rien des Setz­kas­tens, den es auch im fran­zö­si­schen Kino gibt. Ihre Frau­en­fi­guren sind immer spröde und oft traurige Charak­tere, wild und ungefügt, es sind Mädchen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben, die suchen: Outs­i­de­rinnen, Lone­rinnen, Einzel­gän­ge­rinnen.