12.02.2004
54. Berlinale 2004

Ein kleines Berlinale-ABC

Before Sunset
Julie Delpy und Ethan Hawke in Before Sunset
(Foto: Warner Bros. Entertainment)

(1. & 2. Lieferung – letztere mit * gekennzeichnet)

Von Thomas Willmann

The Adventure of Iron Pussy(Hua jai tor ra nong, Thailand 2003
Regie: Apichat­pong Weer­a­set­hakul, Michael Shao­wa­nasai)

Ich habe es geahnt, bei dem Titel: Oweh, das wird geplanter Trash! Und guten Trash kann man nunmal einfach nicht planen.
Rein bin ich dann trotzdem, weil einen Film mit so einem Titel kann man auch schlecht auslassen...
Und es war geplanter Trash der schlimmsten Sorte: Solcher, der glaubt, die bloße Behaup­tung parodis­ti­scher Absicht mache schon die Parodie – der dann aber nach einer Vier­tel­stunde weit­ge­hend auf’s Poin­ten­setzen vergisst und nur ein besonders unin­spi­riertes Durch­nu­deln bietet des aller­üb­lichsten Plot-Skeletts und Nummern-Reper­toires des auf’s Korn genom­menen Genres.
Für eine vorgeb­liche Komödie mit Musical-Allüren besonders verhee­rend: Für Timing und Rhythmus – die Basis jeder Komik und Musik – fehlte jeder Ansatz von Gefühl. Und Co-Regies­seur Michael Shao­wa­nasai zeigte sich völlig charis­ma­frei als Titel-Transe.
Damit’s aber dann richtig weh tut, war alles auch noch auf niedrigst-auflö­sendem Video gedreht, das auf der großen Leinwand die Pixelig­keit eines schlechten Internet-Video­streams entfal­tete. (Und weil Haupt­re­gis­seur Apichat­pong Weer­a­set­hakul sonst Filmkunst mit großem »K« bei der Kunst macht, war das wahr­schein­lich ein bewusstes Einklinken in die ästhe­ti­schen Tradi­tionen authen­ti­scher thailän­di­scher Direct-to-Video-Exploita­ti­on­filme, yuppeih und blah bluh blup... Aber davon wurde es genauso wenig anseh­li­cher, wie meine Scheiße rosiger duften wird, wenn ich morgen früh mein Häuflein als Hommage an den Wiener Aktio­nismus, oder so, kacken werde.)
Zum Glück kann man in Filme mit solchen Titel nicht nur reingehen, sondern auch vorzeitig wieder raus, und das habe ich dann nach einer Stunde auch getan.


Before Sunset(USA 2003, Regie: Richard Linklater)

Wenn Sie den Eintrag zu MONSTER schon gelesen haben, werden Sie jetzt denken: Dem hat er vorge­worfen, ein Hörspiel mit Bild­un­ter­ma­lung zu sein. Was wird er jetzt hier erst sagen!? Ich sage: Einer der Höhe­punkte des Wett­be­werbs.
Pardauz, wie das nun? Wo hier doch erst recht nichts anderes zu erleben ist als zwei Menschen, die 80 Minuten mitein­ander reden, während sie durch Paris ziehen?
Nun: Es ist ein Film genau über zwei Menschen, die 80 Minuten redende durch Paris spazieren, und das ist er konse­quent und ohne irgend­welche anderen Allüren. (Wohin­gegen Monster ein Film über das komplette Leben einer Seri­en­mör­derin sein will, und man da dann doch gerne mal was gezeigt bekommen würde anstatt immer nur gesagt...)
Eigent­lich ist das Ganze sogar mehr ein Monolog – man bekommt des öfteren das Gefühl, dass hier schlicht Richard Linklater den neuesten Stand seiner Gedanken zum Leben, der Liebe und der Welt nieder- und ihn nur der Drama­turgie willen zwei Charak­teren in den Mund gelegt hat. Die Figuren (gespielt von Ethan Hawke und Julie Delpy) scheinen ihn nicht auf einer tieferen Ebene inter­es­siert zu haben.
Aber all das ist okay, weil es auf sehr ehrliche Weise von ziemlich wichtigen Dingen redet – haupt­säch­lich von der Verab­schie­dung all der roman­ti­schen Ideale, die Before Sunrise noch als echte Möglich­keit dachte. Der Film bringt so ziemlich alles aufs Tablett, was einen als Anfang- bis Mitt-Dreißiger so beschäf­tigt. (Und hat damit nicht zuletzt den schmerz­haften Vorzug, einem vor Augen zu führen, wie sehr gene­ra­ti­ons­ver­haftet, wie schreck­lich unori­gi­nell man in seinen Seelen­nöten und seinen Ansichten doch ist).
Zwei­fels­ohne hätte man das auch in einem Essay machen können, aber da ist es dann eben doch viel schöner und unter­halt­samer, es von Hawke und Delpy vorge­spro­chen zu bekommen, zumal ja doch auch einiger Witz mit ins Spiel kommt und Before Sunset die Dialoge nur ganz selten in reines Dozieren abgleiten lässt.
Und in welchem Essay würde man schon am Ende Julie Delpy einen Walzer auf der Gitarre spielen und dazu singen hören?


Cantando Dietro I Paraventi (I 2003, Regie: Ermanno Olmi)

(siehe auch Spencer, Bud)
Man muss einen Film einfach bewundern, dem es gelingt, mediale Selbst­re­fle­xi­vität, poeti­schen Lyri­zismus, Chinaoper, Pira­ten­film, Märchen, Bud Spencer und eine winzige Softporno-Prise unter einen Hut zu bekommen. Nicht auszu­denken, was da unter Verzicht auf mediale Selbst­re­fle­xi­vität und poeti­schen Lyri­zismus noch alles drin gewesen wäre...
Aber im Ernst: Auch wenn Bud Spencer – der sich schon rein physio­gno­misch hervor­ra­gend eignet für die Rolle eines Seefahrer-Kapitäns (und zwar hier eines Admirals der Flotte von Andorra, ha ha...) – in diesem Film kein einziges Mal zuhauen darf, so ist es trotzdem einer der schöneren Streifen, in denen er auftreten durfte. Ermanno Olmi trifft tatsäch­lich einen sinnlich-fabel­ar­tigen Ton, schafft eine stimmige Kunstwelt, die sehr schnell all die anfäng­liche intel­lek­tu­elle Befrach­tung und Brechung vergessen lässt. Das Ding ist schlicht und einfach gesagt schön – weil es seine märchen­haften Elemente in einem Erzähl­rhythmus vereint, der einem auf einer ange­nehmen Woge mitträgt, er Mut zur Fülle hat, ohne in die Opulenz abzu­rut­schen.
(Was jetzt aber nicht heißen soll, dass VIER FÄUSTE FüR EIN HALLELUJAH nicht ein deutlich wich­ti­gerer Film wäre als dieser...)


Country Of My Skull *(GB 2003, Regie: John Boorman)

Ein äußerst frus­trie­render Film. Schon gleich mal, weil er von John Boorman ist, von dem man doch nun wirklich Gelun­ge­neres gewohnt ist (Deli­ver­ance hat er gemacht, Point Blank und Excalibur, oder den durch­ge­knallten Zardoz – und bevor jetzt jemand sagt: Gut, aber das ist alles lange her, der Mann zeigt Alters­schwäche, erinnern wir an den wunder­vollen The Tailor of Panama vor erst zwei Jahren).
Und nun also das hier, wo noch während des Lauf­schrift-Vorge­plän­kels schon alle inneren Alarm­glo­cken losklin­geln und man bereits da ahnt, dass das alles furchtbar schief gehen wird: Es wird kurz erklärt, wer, wie, wo, was, wann, warum die »Truth and Recon­ci­lia­tion«-Anhörungen nach Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika waren, um die es in diesem Film geht, und dann heißt es über die Zeugen­aus­sagen – »Some of their testimony has been faithfully reenacted in this film« (oder »recreated«, da bin ich nicht mehr ganz sicher, aber es kommt so oder so auf’s selbe drauf raus). Und da weiß man schon: »Öha, das ist einer DIESER Filme. Die glauben, man könne mit der Ästhetik des Main­stream-Erzähl­kinos daher­kommen, irgendwas nach­spielen – ›faithfully‹! – und wäre dann dran an irgend­einer Wahrheit.«
Was natürlich gründlich schief­gehen MUSS, weil das einzige, was dabei raus­kommen kann, stets nur die Bedienung gewisser Emotions-Mecha­nismen ist, und sonst nix. (Schon, und das ist nur ein Punkt unter unzäh­ligen, weil diese Ästhetik nicht dazu gemacht ist, Gesell­schaft­li­ches und Poli­ti­sches allgemein und komplex darzu­stellen – sie kann darüber höchstens jemand dozieren lassen, und das auch nur kurz – sondern sich prin­zi­piell immer am Indi­vi­du­ellen aufhängen muss.) Und tatsäch­lich wird Country Of My Skull dann stel­len­weise derart schamlos zu Mitleids-Porno­gra­phie der übelsten Sorte – wenn er die Kamera beispiels­weise gleich beim Auftritt der ersten Zeugin dieser beim Zusam­men­bruch am Ende ihrer Aussage geradezu ins tränenü­ber­strömte Gesicht rammt, damit wir auch ja schön nah an ihrem Leiden dran sind – dass man ihn sauber durch­wat­schen möchte.
Freilich ist dann auch alles viel zu einfach – gerade auch da, wo uns der Film sagen möchte, dass alles so einfach nicht ist – und von einer arg aufdring­li­chen Konstru­iert­heit. (Schwarzer ameri­ka­ni­scher Jour­na­list (Samuel Jackson) trifft weiße südafri­ka­ni­sche Jour­na­listin/Poetin (Juliette Binoche) bei den Anhörungen – alles Vorher­seh­bare folgt...) Die aber schon wieder ihren Reiz hat, weil sie in gewisser (und garan­tiert unbe­wusster) Weise genau die totale Konstru­iert­heit des Systems der strikten Rassen­tren­nung wider­spie­gelt.
Das alles würde den Film erstmal nur ärgerlich machen – so wahn­sinnig frus­tie­rend wird er dadurch, dass er sich dann doch nicht so simpel verdammen und vom Tisch wischen läßt. Nicht nur, weil seine Absichten ja so offen­sicht­lich gut sind (das wäre kein Hindernis – das Gegenteil von »gut« ist bekannt­lich »gut gemeint«). Sondern weil Boorman und seine Schau­spieler eben doch keine kompletten Stümper sind, und es zwischen­durch immer wieder Momente von Größe gibt; weil der Film sich derart viel auflädt (Rassismus im allge­meinen und spezi­ellen, in Südafrika und USA, Wurzel­suche, zwei Fami­li­en­ge­schichten, ein bis drei Love-Storys, das banale Gesicht des Bösen, die Macht der Vergebung (siehe auch Trends), die Wich­tig­keit des Erzählens – und das bei nur 100 Minuten Laufzeit!), dass er es nicht mehr alles unter Kontrolle halten kann. Und da wird es dann wieder spannend, denn totale Kontrolle ist ja eben das Ziel klas­si­scher Erzähl­kino-Ästhetik – und wo die wegbrö­ckelt, schleicht sich durch die Ritzen manchmal doch noch Leben und Wahrheit ein.


D.E.B.S. *(USA 2003, Regie: Angela Robinson)

In deutlich abge­mil­derter Form gilt hier so ziemlich alles, was auch zu The Adventure of Iron Pussy zu sagen war: Eine Parodie, die nach 20 Minuten das Parodieren weit­ge­hend vergisst. (Hier um eine High­school­mäd­chen-Super­agenten-Truppe in Ausbil­dung, deren eines Mitglied ihre Liebe zum eigenen Geschlecht ausge­rechnet bei der von ihnen gejagten Super­schurkin entdeckt.) Auf Video gedreht – hier zwar auf dem neuesten HiDef-Standard, aber Gesichter sehen auch damit nach wie vor arg flach und unna­tür­lich aus. Und es tut alles so flippig und inde­pen­dent, gebiert dann aber nach langem Kreißen ein zuckriges Plädoyer für die Liebe, dessen sich manch vermeint­li­cher Hollywood-Main­stream schämen tät. Merke: Auch lesbi­scher naiver Bezie­hungs-Quack ist erstmal naiver Bezie­hungs-Quack.
Wenigs­tens hat’s im Vergleich zu Iron Pussy merklich mehr Sinn für Timing – und einer über alle Maßen schnuck­ligen Böse­wichtin...


Fan Chan*
(Thailand 2003, Regie: Komgrit Three­wimol, Songyos Suga­ma­kanan, Nithiwat Tharatorn, Vijja Kojew, Vithaya Thon­gy­uyong, Adisorn Tresi­ri­kasem)

Da geht man, es ist der erste Tag des Festivals, in so eine thailän­di­sche Kinder-und-Liebes-Komödie von einem sechs­köp­figen Regie­kol­lektiv, freut sich, mal auch aus so einem Land – das, wie alle nicht-west­li­chen Länder, bei west­li­chen Festivals und Kino­gän­gern, sonst gefäl­ligst für enga­gierte Sozi­al­dramen und/oder Kunstfilm mit »ganz eigener« Ästhetik (also tenden­ziell Hoch­ni­veau-Folklore für Kino-Bildungs­bürger) zuständig zu sein hat – freut sich also, aus solch einem Land mal was eher Unge­wohntes zu sehen: Nämlich totalen Main­stream, ganz nach hiesigem Zuschnitt. Absolut das Äqui­va­lent zu all den »80er-Jahre-Nostalgie-Streifen, die auch hier­zu­lande jüngst so reüs­sierten – mit dem inter­es­santen Neben­ef­fekt, dass man in diesem Fall aber nur per Indi­zi­en­be­weis darauf schließen kann, was denn nun von Dekor, Kostümen, Frisuren, Musik bei einem Thailänder den entspre­chenden wohlig-belus­tigten Nostalgie-Flash auslösen dürfte.
Man ergötzt sich also an all den Klei­nig­keiten, die man hier mögli­cher­weise über Thailand erfahren kann (ohne je ganz sicher zu sein, was Karri­katur ist und was mit Authen­ti­zi­täts-Anspruch nach­ge­stelltes Flair) – z.B. was in Thailand in den Charts war, als unsereins Nena hörte.
Man hat Spass an den super­mun­teren Kinder­dar­stel­lern, lächelt über die netten Gags, ist entzückt über eine sehr gelungene kleine, parodis­ti­sche Martial Arts-Film-Einlage (mit eben jenen munteren Kindern als Krieger und Kampf­mönche). Und denkt sich aber nichts weiter dabei, weil: Die großen filmi­schen Ereig­nisse kommen ja alle noch. Meint man. Und dann bleibt«s, was aktuelle Produk­tionen angeht (klar, in der Retro reihte sich nur so ein Meis­ter­werk ans andere), einer der Höhe­punkte des Festivals. Tja, so kann’s gehen...


Final Cut*
(USA 2003, Regie: Omar Naïr)

Film ist ausge­la­gertes Gedächtnis. Erst der Schnitt, das Weglassen, macht die Geschichte. Subjek­tive Erin­ne­rung und objektive Vergan­gen­heit sind sehr unter­schied­liche Dinge. Ja, ja...
Autor/Regisseur Omar Naïr hat zwei­fels­ohne brav alle einschlä­gige Theorie gelesen zu diesen und derglei­chen Dingen, und er schaut bestimmt auch viel schöne europäi­sche Filmkunst. Sonst würden die Schnei­de­plätze in seinem Film nicht »Guil­lo­tine« heißen und wichtige Treffen in Vorhallen von Film-Festivals über »Russische Situa­tio­nisten« – falls ich hier falsch erinnere (aha! – siehe oben!), war es zumindest etwas Ähnliches... – statt­finden.
Final Cut ist Science Fiction à la Tarkow­skij – die »Zukunft« dient dazu, einen arti­fi­zi­ellen Raum schaffen zu können, in dem gewisse mehr oder minder abstrakte Themen ideal durch­ge­führt werden können: Menschen können ein Chip-Implantat bekommen, das ihr komplettes Leben aus der Subjek­tiven »mitfilmt«, und nach ihrem Tod wird daraus von Cuttern wie dem von Robin Williams gespielten Prot­ago­nisten ein offi­zi­eller, selbst­ver­s­tänd­lich schön­fär­be­ri­scher Erin­ne­rungs-Clip für die Hinter­blie­benen gebastelt.
Nur hat Final Cut das Problem, dass unüber­sehbar seine Über­zeu­gung von der eigenen mächtigen Bedeut­sam­keit schon lang vor jeder tatsäch­li­chen Bedeutung da war: Final Cut trägt damit schwanger wie eine Walkuh im letzten Monat; Rhythmus, Duktus, Farben – alles schreit nur so hinaus die Behaup­tung vom großen, vom großen, vom über­großen Gewicht dieses Werks. Das darunter prompt zusam­men­knickt, bevor es überhaupt einen vernünf­tigen Schritt nach vorne getan hätte.
Wo bei Tarkow­skij der schwer­sinnig Gestus nur die Haut auf dem tatsäch­lich gehalt­vollen Pudding ist, ist Naïr ein Soufflée-Bäcker, der unter der Kruste der Präten­tion nicht viel mehr bietet als heiße Luft: Wie meistens, wenn ein Künstler vorher schon genau bis ins Detial zu wissen scheint, was er mit einem Werk der Welt alles Hoch­wich­tiges mitzu­teilen habe, bekommt das Material keine Chance mehr, selbst eine Dichte und eigene Aussa­ge­kraft zu entwi­ckeln – und die drei, vier geplanten »Aussagen« sind dann zu wenig tragfähig und komplex. Zumal sie, ohnehin schon von solch rührendem Klein­ka­liber wie »Auch die vermeint­lich objektive Erin­ne­rung des Films ist mani­pu­lierbar«, in Final Cut an einer naiven Trauma-Bewäl­ti­gungs-Story aufgehängt ist, die jedem Heft­chen­roman zur Ehre gereichte.
Und zur Krönung: Robin Williams hatte schon immer den Hang zur Masche. Erst war er der exzessiv Pointen versprühende Hyper-Kasperl, dann bewies er vermeint­lich Oscar-würdiges Schau­spiel­ta­lent dadurch, dass er in jedem Film einmal bitter­lich, aber versöhn­lich weinte, und jetzt gibt er offenbar bevorzugt murmelnd den Verdrucksten mit geheimer Seelen­pein. Gute Regis­seure konnten jedem dieser Modi etwas abge­winnen, wenn sie sie nicht zum abge­spulten Selbst­zweck werden ließen. Aber wo Mark Romano die neueste Stil-Inkar­na­tion Williams' in One Hour Photo höchst fruchtbar nutzt, findet man bei Naïr auch hier nur Fassade ohne viel Substanz dahinter.


Fonda, Peter*
Vergesst Ozzy Osbourne: Man kann offenbar ziemlich lange ziemlich viel mitnehmen von dem, was sich so an sex & drugs & rock'n'roll bietet und dann im Alter erst recht fit und gut drauf sein.
Peter Fonda ist gekommen, in der Retro sein Regie­debut The Hired Hand von 1971 zu präsen­tieren, und er redet, als könnte das Reden morgen verboten werden, läßt fröhlich einen Anek­do­ten­fluss losrau­schen (noch heute scheint er einfach nicht und nicht darüber hinweg­zu­kommen, dass sein Kame­ra­mann Vilmos Zsigmond – den er von Laszlo Kovacs als dessen »Mentor« empfohlen bekommen hatte und folglich für einen erfah­renen Meister hielt – sich während der Dreh­ar­beiten ebenfalls als Debutant heraus­stellte; Fonda erzählt das ungefähr fünfmal in 15 Minuten, in den unter­schied­lichsten Zusam­men­hängen und Varianten), er lacht selbst am schnellsten und meisten über seine Witze – und sagt allen Ernstes als wohl einer der letzten Menschen auf diesem Planeten noch heute »far out!«, als wären die »70er nie zu Ende gegangen. Und so, wie er aussieht, und wie er sich gibt, hat er es wohl wirklich geschafft, sie in einer unsicht­baren Glas­glocke um sich herum bis ins hier und heute zu retten.«


Hard Luck Hero*
(JAP 2003, Regie: Sabu)

Sabu hat ja eigent­lich die Ange­wohn­heit, jeden seiner Filme (z.B. Monday, The Blessing Bell) als Meis­ter­werk zu titu­lieren – und das unver­schäm­ter­weise gewöhn­lich völlig zu Recht. Hard Luck Hero aber reiht sich in die Berlinale-2004-Liste ein der mehr oder minder amüsanten Neben­werke großer asia­ti­scher Regie-Helden. (Siehe auch Running On Karma und One Missed Call.)
Sechs Männer, nach einem Boxkampf, der nicht so ausging wie insgeheim ausge­macht, verwi­ckelt in diverse sich kreuzende und schnei­dende Verfol­gungs­jagden, und das in unter 80 Minuten – das klingt nach jeder Menge Tempo. Genau das aber hat der Film kaum, und auch der ruhige Rhythmus, den er fährt (was ja an sich legitim wäre), holpert doch stel­len­weise recht, was man von Sabu überhaupt nicht gewohnt ist.
Erklärt sich aber schnell: Die sechs Männer sind im wahren Leben die Mitglieder einer japa­ni­schen Band, die Sabu ursprüng­lich gebeten hatte, bei einem Videoclip Regie zu führen. Sowas macht er aber nicht, und deshalb einigte man sich auf diesen semi­langen Film, der in Nippon auch nur auf DVD erscheint, mit den Fans der Band als Haupt-Ziel­gruppe.
Und dafür ist Hard Luck Hero dann doch wieder ziemlich cool gelungen, und das wunder­bare Ende, das (fast) jedem der sechs seinen persön­li­chen Traum wahr werden läßt, ist allemal Sabus gewohnten, hohen Standards würdig.


Infernal Affairs II *
(Wu jian dao ii, HK 2003, Regie: Andrew Lau, Alan Mak)

Andrew Lau taugt wenig für dogma­ti­sche Vertreter der Auteur-Theorie. Die meiste Zeit filmt er – ungeheuer fleißig, wie sich das in Hong Kong gehört – munter und routi­niert vor sich hin, liefert kompe­tente, meist durchaus charmante Standard-Ware in allen sich bietenden Genres. Und drängt sich aber nicht gerade auf als Stoff für Retro­spek­tiven und Mono­gra­fien.
Nur ab und zu – wie um zu beweisen, dass er das schon kann, wenn er will – haut er dann wieder ein Teil raus wie STORMRIDERS oder eben Infernal affairs ii (hier unter­s­tützt von Alan Mak), wo einem die Augen schla­ckern. Nun war ja Infernal Affairs, der erste, auch schon nicht von schlechten Eltern, aber eben doch nicht so spek­ta­kulär, wie er bei seiner Schau­spieler-Spit­zen­paa­rung Andy Lau und Tony Leung hätte erwarten lassen.
Die Fort­set­zung – die ein Prequel ist – hat da gleich die Nase vorn, denn ihre Stars sind Anthony Wong, Eric Tsang (im ersten Teil schon in Neben­rollen zu sehen) und Francis Ng. Also weniger die Superstar-Fraktion als die crème de la crème des Charak­ter­fachs – und ich muss gestehen: Da fahr ich sowieso viel mehr drauf ab. Anthony Wong entwi­ckelt sich immer mehr zum Al Pacino Hong Kongs, und spätes­tens seit METADE FUMACA gehört Eric Tsang in die Welt-Top-Ten-Schau­spie­lerl­site eines jeden vernünf­tigen Menschen.
Dann aber ist Infernal affairs ii ein Gangs­ter­epos, das den im Berlinale-Vorfeld gern gezogenen Vergleich zu THE GODFATHER nicht nur tatsäch­lich offen­sicht­lich bewusst sucht, sondern ihn auf seine eigene Weise auch keines­wegs zu scheuen braucht. Es ist ein bisserl schwer, in Worte zu fassen, was diesen Film so großartig macht – viel­leicht sogar zum besten (außerhalb der Retro) des gesamten Festivals – denn freilich hat das schon auch was mit handfest zu beschrei­benden inhalt­li­chen Sachen zu tun, mit seiner komplex gewobenen Geschichte und all dem tragi­schen Verrat in ihr. Aber was ihn letztlich wirklich so in den Olymp hebt, das ist die unglaub­liche Eleganz, mit der er das alles serviert, ist die wie selbst­ver­s­tänd­lich fließende, süffige Kunst­fer­tig­keit, mit der er auch die vertrack­testen Knoten schürzt und löst. Da liegt viel­leicht auch, viel mehr noch als im Inhalt­li­chen, die recht eigent­liche Paral­lelle zu Coppolas Godfather: Dass die Insze­nie­rung eine atem­be­rau­bende Stim­mig­keit und Genau­ig­keit in jeder Szene erreicht, Kamera und Schnitt stets genau wissen, wie sie den Kern der Ange­le­gen­heit freilegen können, ohne dass sich dies je aufge­setzt oder ange­strengt in den Vorder­grund drängelte. Und da hat womöglich grade ein Teilzeit-Genie wie Andrew Lau am ehesten das Rüstzeug dazu, sich mit den Groß­meis­tern zu messen, weil sein enormes Pensum an Filme­ma­cher-Arbeit eine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit des Handwerks mit sich bringt, einen zwanglos abruf­baren Erfah­rungs­schatz, ein filme­ri­sches Reper­toire, das ohne großes Aufhebens zur Verfügung steht und die Konzen­tra­tion auf das Besondere zulässt.
Infernal affairs ii wirkt dann auch (das klingt jetzt erstmal absurd, aber ich werde gleich versuchen, es klarer zu machen), mit seinem epischen Ansatz bei nur rund 120 Minuten Dauer, wie ein 3-Stunden-Film, der wie zwei Stunden wirkt. Will sagen: Die Fülle, der Atem sind die eines viel umfang­rei­cheren Werks, die Kurz­wei­lig­keit hingegen ist die eines deutlich knapperen.
Genau die unan­ge­strengte Eleganz schien mir dann bei Infernal affairs iii zu fehlen – aber das war ziemlich sicher viel mehr meine Schuld als die des Films. Denn der – das ist sein gutes Recht als direkte Fort­set­zung – setzt einfach voraus, dass man den ersten Infernal Affairs noch gut im Gedächtnis hat. Und nun bin ich ja schon froh, wenn ich Plots – da sie das sind, was mich an Filmen wie Büchern nun wirklich am ALLER­we­nigsten inter­es­siert – wenigs­tens so weit präsent habe, wie es WÄHREND des Anschauen eines Films zu dessen Vers­tändnis notwendig ist. Danach habe ich sie meist, bis aufs Rudi­men­tärste, binnen Stun­den­frist aus dem Gedächtnis getilgt – zumal, wenn sie so verschach­telt sind wie die doppelte Doppel­agenten-Nummer von Infernal Affairs. Und nun sitze ich freilich, ein JAHR, nachdem ich Infernal Affairs gesehen habe, in Infernal affairs iii, bringe im Gedächtnis alles, was ich vom ersten Teil noch zu wissen glaubte, heillos durch­ein­ander, und finde (immerhin bei weitem nicht als Einziger) alles, was dort auf der Leinwand passiert, furchtbar verwir­rend und eben von einer sehr ange­strengten, anstren­genden Komple­xität.
Ich plädiere deshalb auf Triple Feature – und gelobe, dann mein Bestes zu geben, um den Plot des ersten Infernal Affairs ausnahms­weise wenigs­tens all die Stunden bis zum Ende des dritten Teils im Gedächtnis zu behalten.


Keaton, Diane*

Es ziehen sich offenbar doch nicht die Gegen­sätze an, sondern gleich und gleich gesellt sich gern. Denn die Vorstel­lung, die Diane Keaton bei der Pres­se­kon­fe­renz zu Something’s gotta give abliefert, ist an Neuro­sen­haf­tig­keit absolut eines Woody Allen würdig – nur weniger lustig und selbst­iro­nisch. Keaton hat zum roten Kleid und den roten Leder­hand­schuhen auch gleich ein Glas farblich passenden Weins mit auf’s Podium gebracht, und nach einer Weile drängt sich einem die beängs­ti­gende Vorstel­lung auf, dass die bestän­digen Nipper an diesem Glas mögli­cher­weise ihr sehr eigen­ar­tiges Verhalten gar nicht befördern, sondern es wenigs­tens ein bisschen dämpfen.
Keaton geht von Anfang an ohne Anlass auf Konfron­ta­tion, scheint hinter jeder Frage, jeder unzu­läng­li­chen Wortwahl von des Engli­schen nicht restlos mächtigen inter­na­tio­nalen Jour­na­listen gleich böse Absicht zu vermuten, miss­ver­steht mehr, als nötig wäre.
Um dann am Ende tatsäch­lich noch ein Bein über die Schwelle zum veri­ta­blen Heul­krampf zu setzen. »I’m so tired,« ruft sie entnervt, »and you are so many, and we up here are so few, and this is all so weird, and the questions are so weird«. Und wenn da nicht Nicholson, Jack wäre, sie in den Arm zu nehmen und die poten­tiell todpein­liche Situation mit ein paar gekonnten, halb­scher­zenden Worten zu entschärfen, dann fehlte wohl wirklich nicht viel zu einem Nerven­zu­sam­men­bruch auf offener Bühne, live, 3-D und in Farbe – vornehm­lich weinrot.


Kim, Ki-Duk

Man möge Abstand davon nehmen, ihm irgend­einen Preis zu verleihen, bittet der korea­ni­sche Regisseur – einer unserer persön­li­chen Favoriten – auf der Pres­se­kon­fe­renz zu seinem mehr als preis­wür­digen Wett­be­werbs­bei­trag Samaria. Er habe noch bei keinem inter­na­tio­nalen Wett­be­werb einen Preis gewonnen, und sein Ziel sei, dass das auch so bleibe. Weil mit Preisen Filme ausge­zeichnet würden, die irgend­einem Standard gehorchen. Und er gerne weiterhin ganz unstan­dar­di­sierte Filme machen will.
Recht hat er, der Mann. Und es ist zu befürchten/hoffen, dass sein Wunsch dieses Jahr mal wieder in Erfüllung gehen wird, auch wenn man bis dato (Stand Dienstag abends) im Wett­be­werb nichts annähernd Ebeben­bür­tiges gesehen hat zu Samaria. Er muss nur – nachdem er jetzt schon zum dritten Mal im Berlinale-Wett­be­werb vertreten ist – aufpassen, dass er nicht den Award-Standard »Regisseur, der schon oft hier war und eigent­lich mal einen Preis verdient hätte« erfüllt.


The Machinist *
(Spanien 2003, Regie: Brad Anderson)

Tschul­di­gung, aber: Es reicht! Ich kann sie nicht mehr sehen, diese Filme, die ziemlich sicher nur aufgrund des Erfolges von The Sixth Sense und Memento grünes Licht für die Produk­tion bekommen haben. Diese Puzzle­spiele um ein großes Geheimnis, dass der Prot­ago­nist mit sich trägt. Diese ach so cleveren Konstruk­tions-Spielchen, die unlängst einen Höhe-(respek­tive Tief-)punkt fanden in Identity.
Jetzt ist The Machinist unter dieser Art von Filmen gewiss noch einer der löblichsten Vertreter. Anders als bei den meisten von ihnen, verpufft mit der Auflösung am Ende nicht der Rest des Films zum belang­losen Ratespiel. (Und verpufft umgekehrt nicht die »Über­ra­schung« am Ende zu einem Nichts, wenn man sie vorzeitig ahnt.)
Einer­seits, weil The Machinist einem am Ende nicht die Weger­klärung jedes voran­ge­gangen Details so um die Ohren haut, dass kein Raum mehr für eigene Entde­ckungen bleibt. Der Film ist cleverer als die meisten anderen seiner Gattungs­ge­nossen, gerade weil er weniger penetrant auf seiner Clever­ness herum­reitet: Da sind viele raffi­nierte Klei­nig­keiten durch den ganzen Film verstreut, die ihre volle Bedeutung erst im Nach­hinein entfalten, wenn man, das Wissen der Auflösung im Kopf, sie noch einmal im Gedächtnis Revue passieren läßt.
Ande­rer­seits hat The Machinist über weite Strecken durchaus eine atmo­sphäri­sche Dichte, ein Eigen­leben der Bilder, die von Wohl und Wehen des Plots unab­hängig bleiben.
Und dann ist da noch Haupt­dar­steller Christian Bale, der sich für die Rolle tatsäch­lich so herun­ter­ge­hun­gert hat, dass er an einen KZ-Insassen gemahnt. Das ist ein Spektakel der Physis, das alle kopfige Konstruk­tion in den Hinter­grund drängt. Der Anblick von Bale als ausge­mer­geltem Haut-und-Knochen-Gerippe durch­bricht die Ebene von blossem Spiel, brennt heraus aus seiner Einbet­tung in die Geschichte des Films. Das ist etwas ganz Eigen­s­tän­diges – im Positiven wie im Negativen: Es hat eine Dimension, die den Rest des Films völlig über­steigt – aber es wird eben vom Film auch nicht auf einer tieferen Ebene genutzt, es bleibt für ihn letztlich nur ein Gimmick.
Es ist zu schade, dass Bale sich dieser Tortur unter­zogen hat, ohne dass The Machinist es ihm adäquat entlohnen würde.


McDormand, Frances

Glücks­mo­mente: Da steht man so nichts­ah­nend am Ticket-Counter für Jour­na­listen und studiert die Listen der bereits ausge­buchten Filme, um zu wissen, ob sich der Versuch überhaupt noch lohnt, sich um Karten zu bemühen für die Filme, die man am nächsten Tag sehen möchte, oder ob man sich nicht sowieso gleich dort mit seiner Akkre­di­tie­rung anstellen muss, um auf freie Rest­plätze zu. Hinter der Theke ist eine arg auf gestresst tuende Dame grade dabei, ihre Sieben­sa­chen zu packen und sich in die Pause zu verab­schieden. Und dann schwebt da plötzlich direkt neben mir so eine Frau ins, zeigt der Pausen­vor­be­rei­tenden brav ihre Berlinale-ID-Karte am Hals­bändel und meint: »Excuse me, I've got a bit of an emergency here. I’m a member of the jury and I need to find out where a screening’s taking place.« Ich stutze, gucke, und JAAAA! She’s not only a member of the jury, she’s the president, too: Es war die leib­haf­tige Frances McDormand! Die Dame hinter der Theke schaut gar nicht näher hin, tut nur noch mehr auf gestresst und meint: »I’m not even here. You have to ask in the office.«
Und – soviel zum Thema Star­al­lüren – die wunder­bare Frances murrt nicht, sondern läßt sich original wegschi­cken, ins Pres­se­büro eine Tür weiter. Ich freilich dezent hinterher, nicht ohne der unan­we­senden Ticket­dame noch kurz zu sagen: »Das war übrigens Frances McDormand«, was selbige Dame dann doch scheinbar etwas peinlich verdutzte, und erlebe gerade noch, wie McDormand, offenbar nun mit der nötigen Infor­ma­tion versorgt, zu der Vorfüh­rung lossaust, zu der sie anschei­nend schon etwas knapp dran ist – hinter sich zwei nette Menschen in der Berlinale Office zurück­las­send, die gerade dabei sind, ebenso wie ich halb zusam­men­zu­bre­chen vor Glück und Rührung. Weil man der groß­ar­tigen Frances für ein paar Sekunden so nah sein durfte, und weil sie sich dann noch als einer­seits so herrlich verplant erwies (sie ist zu spät dran, und sie weiß nicht, wo die Vorfüh­rung ist – ja, sie ist eine von UNS!) und ander­seits als so nett und süß, und gar nicht über­heb­lich im Umgang mit dem Fußvolk. Wie man halt immer insgeheim gehofft hat, dass sie in echt sein würde. Und da, meine Damen und Herren, zeigt sich eben wahre Größe.


Monster
(USA 2003, Regie: Patty Jenkins)

Hat sich uner­klär­li­cher­weise zum Favoriten einer breiten Kritiker-Front entwi­ckelt, und mit Verlaub: ich kann es nicht nach­voll­ziehen. Bis auf die letzten fünf Minuten hat mich Patty Jenkins' Debut sowas von kalt gelassen... Klar, Charlize Theron macht ihre Arbeit sehr gut, auch wenn man eben dauernd dahockt und denkt: »Wow, das ist Charlize Theron, die sich ein paar Kilo ange­fressen, dunkle Kontakt­linsen und ein leicht schiefes Gebiss einge­setzt und von Star­fri­seuren die Haare kunstvoll auf billig toupieren lassen hat!« und ich den finsteren Verdacht hege, dass der Film kaum jemanden inter­es­siert hätte, wenn diese Rolle von einer ebenso talen­tierten Schau­spie­lerin gegeben würde, die nur WIRKLICH so aussähe.
Das Problem ist das Handwerk der Regis­seurin. »Film« ist geradezu ein Euphe­mismus für Monster – es ist ein Hörspiel mit Bild­un­ter­ma­lung; einer dieser Streifen, in denen alles gesagt und nichts gezeigt wird. In denen Voice-over und Dialoge alles haarklein ausspre­chen müssen, die Charak­tere ihr Tun und ihre Moti­va­tion stets erschöp­fend darlegen und nichts dem Eigent­li­chen des Mediums Film, nichts der Wahr­neh­mungs­fähig­keit des Publikums über­lassen wird.
Auf einer gewissen Ebene ist es zwar durchaus spannend, dass Jenkins ästhe­tisch keinerlei Gefühl von »Anders­heit« zu konstru­ieren versucht, wenn es um die Liebe zwischen zwei Frauen geht, von denen die eine Prosti­tu­ierte und mehrfache Mörderin ist. Aber man hat nicht das Gefühl, dass dies eine bewusste Entschei­dung war, sondern dass Jenkins' film­sprach­li­ches Reper­toire gar nichts anderes herge­geben hätte. Das ist Hollywood-Main­stream durch und durch (und nicht einmal sonder­lich inspi­rierter).
Da sind all die visuellen und akus­ti­schen Zeichen da, mit denen die Standard-Erzähl­kino-Ästhetik beispiels­weise bedeutet: »Liebe« oder »Angst«, aber es bleibt eben bei dieser Ober­fläche, hinter der die Wahr­haf­tig­keit dieser einen konkreten Liebe, eines konkreten Moments von Angst nie durch­kommt.
Was doppelt schwer wiegt, wo es um einen authen­ti­schen Fall geht, den Nick Broom­field in zwei Doku­men­tar­filmen bereits viel packender, erschüt­ternder und vers­tö­render aufge­ar­beitet hat. (Und es ist seltsam, dass MONSTER überhaupt nicht eingeht insbe­son­dere auf die erste von Broom­fields Dokus, die sehr bitter über die Ausschlach­tung des Geschichte von Aileen Wournos durch die Medien berichtet und in der es spezi­fisch auch um den Verdacht geht, dass die Polizei mit dafür gesorgt hat, den Fall möglichst spekat­kulär werden zu lassen, damit die Hollywood-Rechte an der Story teurer werden konnten.)
Ande­rer­seits lässt der Film genauso die Chance verstrei­chen, sich – wenn er die Beson­der­heit dieses einen spezi­ellen Falls schon nicht zu packen kriegt – statt­dessen mit den etablierten Mythen und Regeln des Seri­en­killer-Genres ausein­an­der­zu­setzen. Was sich geändert hat seit den späten 80er, frühen 90er Jahren, in denen der Seri­en­killer so ein zentraler Topos unserer abend­län­di­schen Kultur war; was mit diesem Topos passiert, wenn er hier unge­wohn­ter­weise von einer Frau verkör­pert wird, die dazu auch ganz andere Motive, eine andere Psycho­lo­gie­rung erfährt als die genreüb­li­chen: Nichts davon wird vom Film selbst auf einer bewussten Ebene verhan­delt.
Gewiss: Das Handwerk dieses Films ist in den aller­meisten Bereichen auf einem deutlich höheren Level – aber die Grund­hal­tung dessen, wie man sich eines solchen Stoffs, wie man sich der Darstel­lung einer solchen sensa­tio­nellen Biografie anzu­nehmen hat, ist letzlich leider exakt die, die man ebenso in TV-Movies der Woche finden kann.


Nicholson, Jack *

Ja, keine Frage: It must be good to be Jack. Er spielt sich auf der Pres­se­kon­fe­renz zu Something’S Gotta Give begnadet selbst, oder viel­leicht ist er ja wirklich so. (NB: Warum darf man sich eigent­lich so einfach unge­straft den Titel des letzten, unvoll­endeten Films mit Marilyn Monroe aneignen? Oder weiß Autorin/Regies­seurin Nancy Meyers gar nicht, an was für einem legen­dären Filmnamen sie sich da vergriffen hat? Nicholson erzählt auf der Konferenz, dass er mit Meyers über Kurosawas Die sieben Samurai geredet hätte, und recht entsetzt war, als er fest­stellen musste, dass sie den nie gesehen hätte.)
Jeden­falls ist Jack durch nichts aus der Ruhe zu bringen, pariert auch die dümmsten und pein­lichsten Fragen – und davon gibt es auf dieser Pres­se­kon­fe­renz manche – souverän und gutge­launt, und bietet der zunehmend die ohnehin faden­schei­nige Conten­ance verlie­renden Keaton, Diane Halt, Schutz, rettenden Widerpart und zwischen­durch auch mal film­his­to­ri­sche Nachhilfe in Form einer Erklärung, dass all die Jour­na­listen, die hier was zu »New Hollywood« fragen, damit keines­wegs das heutige Hollywood meinen, sondern die Epoche von circa 1967 bis 1976.
Wer möchte ihm da schon wider­spre­chen (und wer würde es sich trauen), wenn er, am zweiten Tag der Berlinale und mit einem Film vertreten, der einfach so außer Konkur­renz neben dem Wett­be­werb läuft, meint, es wäre toll, hier mit seinem Streifen die Berlinale zu eröffnen...


One Missed Call *
(CHAKUSHIN ARI, Japan 2003, Regie: Takashi Miike)

Takashi Miike schlägt einmal mehr einen uner­war­teten Haken und erwischt einem von da, wo man die Deckung nicht oben hatte: Man ist ja allerlei Krasses gewohnt vom Regies­seur solcher Hämmer wie Fudoh – The New Gene­ra­tion, Audition, Dead or Alive, Ichi The Killer oder Visitor Q. Aber während man sich nun also auf einen weiteren Anschlag auf die Grenzen des im Kino für möglich Gehal­tenen einstellt, zieht Miike mal wieder ein ganz anderes Karnickel aus dem Zylinder und liefert: Einen japa­ni­schen Main­stream-Grusel­film!
Dieser Film steht ganz in der Tradition von Werken wie The Ring oder Ju-On – The Grudge. Auf Handys treffen unheim­liche Anrufe aus der nahen Zukunft ein, die den Ange­ru­fenen ihren eigenen Tod zu hören geben – der dann auch immer exakt so eintritt. Hinter dem allen steckt, wie üblich, der ruhelose Geist einer unter Qualen Verstor­benen – Sie wissen schon, eine dieser bleichen Frauen mit vors Gesicht gekämmten Haaren, die so schön bange­ma­chen, wenn sie auf die Kamera zuwanken...
Miike bedient das Genre gekonnt, und gegen Ende streut er doch noch einigen persön­li­chen Touch ein, in ein paar sehr anrüh­renden Momenten. (Man sollte nie vergessen, dass Miike seine Stärke seit jeher auch im Poeti­schen hat, und gerade die verquere Verbin­dung davon mit der über­drehten Gewalt erst die Größe seiner Kunst ausmacht.)
Nun ist japa­ni­scher Semi-Main­stream sowieso noch lange nicht west­li­ches Standard-Massen­kino. Und da Miike ja nicht nur einer der extremsten, sondern mit bis zu fünf Filmen im Jahr auch einer der fleißigsten Filme­ma­cher der Welt ist, geht zwischen­durch mal der Beweis, dass er auch ungewohnt gewöhn­liche Filme beherrscht, wenn er denn will, völlig in Ordnung.
(Dass von den bis zu fünf Miike-Filmen pro Jahr nur ein Bruchteil hiesige Leinwände erreicht – und der auch meist nur dank der tapferen, nimmer­müden Bemühungen der Helden vom rapi­dey­e­mo­vies-Verleih – ist freilich ein anderes Thema...)


Pedersoli, Carlo (siehe auch Spencer, Bud)
Carlo Pedersoli, sagt Bud Spencer, sei ein ernst­hafter Mann. Und deswegen hat er sich für seine Auftritte in lustigen Filmen einen Künst­ler­namen zugelegt. Und als die über­set­zerin die Anzahl von Peder­solis Olympia-Titeln im Schwimmen nicht korrekt wieder­gibt (denn Herr Pedersoli kann durchaus auch ein bisschen Deutsch), da korri­giert er sie sofort und entschieden. Das ist ihm offenbar noch immer sehr wichtig, da ist er noch immer äußerst stolz darauf. Ja, der Herr Pedersoli ist ein ernst­hafter Mann.


Rabau, Erika *

Wer schon mal auf der Berlinale zugange war, der hat sie sicher irgend­wann bemerkt: Diese Dame geheimen, aber zwei­fels­ohne nicht gerade niedrigen, Alters mit ihren blond­ge­bleichten Struweln auf dem Kopf und stets in Leder­kluft gewandet. Sie ist seit langem offi­zi­elle Foto­grafin für die Berlinale, wurde dafür dieses Jahr auch mit einem Ehren­preis ausge­zeichnet, und wackelt tapfer auf so ziemlich jeder Pres­se­kon­fe­renz des Festivals herum. (Wer nicht auf der Berlinale zugange ist, kann sie dafür als Darstel­lerin in den Werken des Berliner Under­ground-Filmers Lothar Lambert besich­tigen.)
Eine auffäl­lige Gestalt, ein wahres Original – und deswegen war es zwar nicht welt­klasse-höflich, aber doch vers­tänd­lich und nicht unlustig, was während der Pres­se­kon­fe­renz zu Cold Mountain geschah: Erika Rabau hatte offenbar ihr Werk voll­bracht und kämpfte sich aus der – direkt vor dem Podium befind­li­chen – Foto­grafen-Sitzreihe, was eben nicht gerade flink und behende vonstatten geht. Und Anthony Ming­hellas Aufmerk­sam­keit war plötzlich von diesem kleinen Spektakel des Berlinale-Alltags viel mehr gefesselt als von der gerade in Formu­lie­rung befind­li­chen, an ihn gerich­teten nächsten Jour­na­listen-Frage. Er guckte sich das eine Weile an, und meinte dann zum Saal, er sei gerade faszi­niert von der Perfor­mance, die da direkt vor ihm abging: »Look, it’s Pina Bausch with the Dance Theatre Wuppertal, doing: Lady with a Camera.«
Erika Rabau fand das übrigens offen­sicht­lich weniger amüsant und treffend als meiner­einer. Sagen wir mal so: Ihr Gesichts­aus­druck darob ließ ahnen, dass Herr Minghella, wenn er denn mal eine Stand­fo­to­grafin für seinen nächsten Film bräuchte, viel­leicht ganz gut daran täte, sich nicht unbedingt an Frau Rabau zu wenden...


Retro*

Na, und nun raten wir mal alle schön, wo der Herr Willmann auch dieses Jahr wieder seine meiste Kino-Zeit im Rahmen der Berlinale verbracht hat... Zu gewinnen gibt’s für die richtige Antwort nix, weil das wäre ja selbst dann klar, wenn die Frage nicht den Eintrag »Retro« eröffnen würde.
War aber auch zu schön, »New Hollywood 1967-1976« – und auch schön traurig, weil man mal wieder gesehen hat, was damals alles ging, und was heute so einfach nicht mehr geht.
War aber auch zu schön und groß und viel­schichtig, um es jetzt hier in so einem kleinen ABC-Eintrag ernsthaft abzu­han­deln. Deshalb – das Münchner Film­mu­seum holt ja jetzt Teile der Retro nach, ergänzt sie durch in Berlin nicht zu Sehendes – hoffent­lich bald in anderem Rahmen mal was Eigenes dazu...


Running On Karma *
Da zhi lao, HK/China 2003, Regie: Johnnie To, Wai Ka Fai

Hey, ho, Johnnie To! Ein ums andere Mal ist er sowas wie der Retter der Berlinale – diesmal musste er zwar das insgesamt doch durchaus respek­table Gesamt­ni­veau nicht allein mit seinem Beitrag in zufrie­den­stel­lende Höhen wuchten, aber wovor er uns diesmal bewahrt hat war: Heim­zu­fahren, ohne einmal das Gefühl gehabt zu haben, etwas WIRKLICH Neues gesehen zu haben. Denn so schön all die vielen anderen Filme im einzelnen auch waren – keiner von ihnen wäre nicht zu verorten gewesen in längst etablierten Grenzen und Sied­lungs­ge­bieten der Filmkunst.
Und jetzt hat man bei Hong Kong-Filmen ja auch alle paar Jahre mal das Gefühl, dass es das eigent­lich gewesen sein müsste, dass nun alles erfunden und erkundet sein müsste, was man auf Lein­wänden unter gewissen Grund­vor­aus­set­zungen tun kann. Aber dann kommt eben doch jedesmal ein so durch­ge­knalltes Teil daher wie dieses hier und belehrt einem eines Besseren. Weil: Man kennt Kampf­mönch-Filme, man kennt Polizei-Thriller, man kennt viel­leicht sogar Filme über männliche Stripper aus Hong Kong. Aber einen Film über einen Ex-Kampf­mönch, der Stripper wird, an der Aura anderer Leute deren Tod voraus­sahnen kann, und sich dann in eine Poli­zistin verguckt, die bizarre Mordfälle aufzu­klären hat, das kannte man nicht – und erst recht nicht SO: Denn die Haupt­rolle des zum body­ge­buil­deten Stripper mutierten Mönch­leins spielt Superstar (bei ihm hat dieses Wort noch seine einstige echte Bedeutung) Andy Lau. Und weil Andy Lau dafür den Körperbau nicht mitbringt, und man in Hong Kong für De Nirosches Method-Acting die Zeit nicht hat, wurde er flugs in einen Ganz­körper-Anzug aus Kunst­mus­keln gesteckt, wodurch wir auch gleich noch das Super­helden-Genre im Mix hätten, denn er sieht nun aus, als wolle er sich für den nächsten Teil vom HULK bewerben.
Großartig, dass Lau sowas mitmacht, und nur ein Regie­ge­spann wie Johnnie To und Wai Ka Fai bekommen es hin, die herrliche Albern­heit dieser Sache genuss­voll auszu­kosten und dann ab und zu doch plötzlich für einige Momente ganz ernst und anrührend zu werden – oder auch beides gleich­zeitig: Wenn Andy Laus Filmfigur ihre Kampf­kunst-Fähig­keiten mittels Schat­ten­boxen mit einem schwe­benden Kleenex vorführt, dann ist das ein poten­tiell lächer­li­cher Augen­blick von über­wäl­ti­gender Poesie. Wie dieser Film überhaupt dauernd irgend­welche unvor­her­ge­se­henen Haken schlägt, er am Ende in Regionen landet, die einem anfangs nie in den Sinn gekommen wären. Und er gerade im ersten Drittel – mit einem indischen Killer-Fakir, der sich z.B. aus kniehohen Blech­ka­nis­tern faltet – immer wieder Action-Ideen hinschleu­dert, die einem vor ungläu­biger Verblüf­fung dezent die Kinnlade auf den Cinemaxx-Saal­tep­pich dotzen lassen. Super­knal­liges, lustvoll anti-ratio­nales Genre­zwirbler-Kino der Meis­ter­klasse eben.


Spencer, Bud
(siehe auch Pedersoli, Carlo)

Okay, Jack Nicholson war da, und Peter Fonda, und die ein oder andere lebende Legende mehr. Aber was, frage ich Sie, ist das alles im Vergleich dazu, Bud Spencer live zu erleben! Das sehe offenbar nicht nur ich so, denn der Empfang, der Bud Spencer vom Publikum im Film-Palast bereitet wurde, stellte an jubelnder Heftig­keit ziemlich alles in den Schatten, was die oben erwähnten großen Weltstars erleben durften.
Klar, der Riesen-Applaus kommt haupt­säch­lich von jungen Männern zwischen 25 und 35, und es ist kein großes Rätsel, warum für uns die Begegnung mit »Bulldozer« so viel mehr bedeutet, so viel mehr auslöst, als die mit Nicholson oder Fonda: Für uns ist Bud Spencer eine Idol – ach was, eine Ikone! – aus den Kinder­tagen, als Kino noch eine komplett magische Ange­le­gen­heit war, eine Zauber­welt, die uns zugleich viel entfernter vom Alltag und viel realer in sich selbst erschien als später, wo die kindliche Naivität dem Medium gegenüber einem wissenden Umgang damit gewichen war. Dass es ihn wirklich gibt, den Bud, und dass man ihm sogar höchst­selbst begegnen kann – daran haben wir tief im Herzen nicht zu glauben gewagt (oder uns davor gefürchtet).
Und erst recht rechnet man nicht damit, ihm bei einem Festival wie der Berlinale über den Weg zu laufen. Er gehört einer Kinowelt an, die nichts zu tun hat mit den arri­vierten Tradi­tionen, die hier gefeiert werden.
Und er wäre auch nicht einge­laden worden, wenn er nicht auf seine alten Tage plötzlich noch in die Fänge der »Kunst-Filmer« geraten wäre und ihn nicht Ermanno Olmi als pira­tesken Kapitän besetzt hätte. Ehrlich gesagt: Von dem Film hatte ich dann auch nicht wirklich etwas erwartet, habe ihn mir nur ange­schaut, weil er die einzige Gele­gen­heit bot, Bud Spencer live zu erleben – und wurde dann auf’s Ange­nehmste über­rascht, siehe Cantando Dietro I Paraventi.
Bud Spencer live sieht seinem uns altver­trauten Lein­wand­bild noch erstaun­lich ähnlich – die Haare natürlich grauer, dünner und straff anliegend nach hinten gekämmt, die Falten so tief, wie es sich für einen 74jährigen gehört, und das Gehen fällt ihm merklich ein bisschen schwer. Trotzdem wirkt er nicht verfallen, und wenn man ihn nur aus deutschen Synchron­fas­sungen seiner Filme kennt, ist man über­rascht, wie schön seine Stimme klingt – sie hat schon auch was von der Bärbeißig­keit seines teuto­ni­schen Sprechers, aber ist viel eleganter, und mit dem Fantasie-Portu­gie­sisch, das er im Film spricht, klingt sie richtig lyrisch.


Sünden *

Werden von den höheren Mächten des Kinos offenbar sofort bestraft: Da denkt unsereins (und ich gebe zu: im Nach­hinein ist das kaum mehr vers­tänd­lich), man könne mal den Gottes­dienst schwänzen. Und eine Gele­gen­heit auslassen, Peckin­pahs THE WILD BUNCH auf großer Leinwand zu sehen. Weil man – kann es die Ermang­lung von Wimmer-Brezen, Hofpfister-Brot und Augus­tiner-Bier in Berlin gewesen sein, die solche Wirrnis über meinen Geist kommen ließ? – glaubt, lieber zwei neue, noch nie geschaute Filme gucken zu sollen.
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Na ja, und dann haben natürlich prompt alle an diesem Tag geschauten Filme durch die Bank nicht viel getaugt. Und ich hatte dauernd ein schlechtes Gewissen, sah vor meinem geistigen Auge ständig das Meis­ter­werk, das nur ein paar Cinemaxx-Türen weiter an mir vorbei­rauschte, während ich mich schänd­lich dem Zähen und Minderen auslie­ferte.
Aber man ist ja lernfähig: Nicht, dass das jetzt irgendwas von einer gescheiten Buße gehabt hätte (denn Buße soll ja herb einfahren und einen nicht vor Verzü­ckung auf die Knie sinken lassen) – aber Pat Garrett jagt Billy the Kid vom Sankt Sam habe ich mir dann ganz entschieden NICHT entgehen lassen. Man glaubt ja nicht mehr an viel, aber der Frevel kennt doch Grenzen...


Trends *

Keine vernünf­tige Filmfest-Bericht­erstat­tung ohne das Konsta­tieren irgend­wel­cher Trends. Das muss einfach sein. Wozu ist man denn sonst da, als Kritiker, wenn nicht, um aus all dem Spezi­ellen und Verschie­denen das Allge­meine heraus­zu­de­stil­lieren? Zur Not mit Gewalt...
So recht der Konsens fand sich dieses Jahr freilich nicht, wohin sie denn nun ginge, die gemein­same Bewegung all des Gezeigten. Irgendwas mit starken Frauen, meinten mal die einen, aber das war so ein typischer Mitten-im-Festival-raus­ge­hauener-»Bis morgen brauchen wir einen Artikel zum dies­jäh­rigen Trend im Blatt«-Notbehelf. Ziemlich über­zeu­gend wäre höchstens die These, dass wirklich erstaun­lich viele Filme, und zwar so unter­schied­liche wie Country Of My Skull, Samaria, One Missed Call, The Machinist, Running On Karma, Final Cut (die Liste ist keines­wegs volls­tändig), sehr intensiv mit dem Thema der Vergebung rangen. Man inter­pre­tiere diesen Befund bitte nach Gusto selbst.
Nein, aber auch diese Häufungs-Fest­stel­lung könnte nur einzelne Werke heraus­greifen und sie für reprä­sen­tativ erklären. Man muss tiefer graben, nach etwas viel univer­seller Verbin­dendem suchen, um wirklich die ganze Berlinale 2004 unter einem Aspekt zu subsum­mieren. Na, und wer, glauben Sie, hat das nach langen, schlaf­losen Nächten und Tagen des Grübelns und Grummelns geschafft? Ja, richtig! Unsereins.
Und so präsen­tieren wir Ihnen hier, exklusiv bei artechock, DEN Berlinale-Trend 2004! Trom­mel­wirbel, bitte.
Denn siehe: Nicht Filme über Frauen oder Kino um Vergebung war es, was alles einte. Nein. Vielmehr gab es, wo man auch hinschaute, was man auch sah, in jeder Reihe und in jedem Saal, an jedem Tag, zu jeder Stunde, allü­berall AUFFÄLLIG viele: Filme von Menschen!
Jawoll.
Auch einen enormen Anteil von Filmen ÜBER Menschen und Filme FÜR Menschen- aber das dann nicht mehr ganz so univer­sell. (Gerade bei letzterem klafften Anspruch und Realität manchmal ausein­ander).
So, und nun sind wir gespannt, ob dieser Trend auch im nächsten Jahr anhalten wird...