14.03.2019

Der baltische Weg

Brücken der Zeit
Filmen um jeden Preis: Brücken der Zeit

Filmische Reise in die Vergangenheit der drei Ostsee-Staaten Estland, Lettland und Litauen bei den 1. Baltischen Filmtage München

Von Hanni Beckmann

Nach der filmi­schen Reise in das östliche Mittel­eu­ropa der Visegrád-Staaten geht es am Donnerstag gleich weiter gen Norden: mitten ins Baltikum. Das sind Estland, Lettland und Litauen, das Gebiet an der Ostsee zählt glei­cher­maßen, je nach Blick­rich­tung, zu Nord-, Mittel-, Ost- oder gar, weil man sich nicht entscheiden kann, Nord­o­st­eu­ropa.

Geopo­litik findet hier jedoch nach der teilweise erfolgten »Russi­fi­zie­rung« und der neuer­li­chen Unab­hän­gig­keit nach dem Zerfall des Ostblocks mehr auf dem Papier als in realen Zerreiß­proben statt. Alle drei Staaten sind seit 2004 Mitglieder der EU und verhalten sich, anders als ihre südli­cheren Visegrád-Nachbarn, politisch unauf­fällig, demo­kra­tisch.

Die Menschen­kette von 600 Kilo­me­tern Länge, mit der vor dreißig Jahren die Demo­kratie begann, um dem Wunsch nach Unab­hän­gig­keit vom Sowjet­reich ein eindrucks­volles Bild zu geben, ist Aufhänger der ersten Balti­schen Filmtage. Unter dem Titel »Auf dem Weg in die Freiheit« stellt das Programm in nur drei Tagen zehn Filme vor, die allesamt etwas mit der demo­kra­ti­schen Entwick­lung und der inneren, auch künst­le­ri­schen Freiheit der drei Ostsee-Staaten zu tun haben.

Die Kura­to­rinnen um Karin Lavda-Zoller (Vorsit­zende der Estni­schen Volks­ge­mein­schaft München), die schon vor einigen Jahren die nun in den Balti­schen aufge­gan­genen Estni­schen Filmtage im Gasteig präsen­tiert hatte, gehen dafür auch in die Vergan­gen­heit zurück. Im Programm finden sich neben aktuellen Filmen auch zwei Filme von Beginn der 2010er Jahre, zu denen jeweils Gäste erwartet werden.

Die lettische Komödie Dream Team 1935 (2011) erzählt das »Wunder von Genf«, als die lettische Mann­schaft die erste Basket­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft der Geschichte gewann. Die Tonlage ist unver­hohlen ironisch: das kleine Land ist der Underdog im Gast­ge­ber­land und schafft es durch Unkon­ven­tio­na­lität, alle zu besiegen. Inmitten des sich politisch verän­dernden Europas wird hier nicht mit nicht nur halb­witzig gemeinten Paral­lelen zur Zeit­ge­schichte gespart. (So, 17.3., 14 Uhr, zu Gast: Regisseur Aigars Grauba)

Litauen ist, wie das Baltikum insgesamt, ein Land der Lieder. Die Legende besagt, dass die Rockband Antis im Jahr 1984 aus einer Silves­ter­laune heraus gegründet wurde. Dies erzählt uns auch Wie wir die Revo­lu­tion anstimmten (2011) von Giedrė Žickytė. Mit kaba­rett­ar­tigen Auftritten hielt Antis der Absur­dität der Sowjet­rea­lität den Spiegel vor; eine Clownerie, die bald zur berühmten gewalt­frei ablau­fenden »Singing Revo­lu­tion« führte, der die Ameri­kaner James Tusty und Maureen Castle Tusty 2007 in ihrem gleich­na­migen Doku­men­tar­film ein Denkmal setzten. Algirdas Kauspedas, Gründer von Antis, ist zu Gast! (So, 17.3., 17 Uhr)

Eröffnet wird an diesem Freitag mit dem Kurzfilm Der baltische Weg (1990) über die oben erwähnte Menschen­kette und daran anschließend Brücken der Zeit (2018), einem lettisch-litauisch-estni­schen Doku­men­tar­film von Kristine Briede und Audrius Stonys. Er zeigt, wie sich hinter dem Eisernen Vorhang in den 1960er Jahren eine avant­gar­dis­ti­sche Film­sprache ausbil­dete, die dem propa­gan­dis­ti­schen Film eine undi­dak­ti­sche Meta­phorik und Asso­zia­ti­ons­räume entge­gen­setzte und den Film von seiner poli­ti­schen Verein­nah­mung poetisch befreite. Im Anschluss an die filmische Zeitreise findet eine Diskus­si­ons­runde zum Thema »Zwischen künst­le­ri­scher Freiheit und Zensur« statt. (Fr, 15.3., 18:30 Uhr, Mode­ra­tion: Peter Hilkes, House of Resources der LMU München)

Vom System­wechsel erzählt der estnisch-finnische Doku­men­tar­film Rodeo (2018), der zurück in das Jahr 1992 geht, als sich Estland im Aufbruch befand. Mart Laar und seine jungen Idea­listen versuchen, eine Demo­kratie aus dem poli­ti­schen Chaos zu errichten. Der Film schildert diese Epoche des Umbruchs mit einer guten Portion Selbst­ironie. (Sa, 16.3., 14:30 Uhr)

Dass sich die Offenheit der Balten auch sexuell mani­fes­tiert, erfährt man in der letti­schen Tragi­komödie Swingers (2016). Zwei Paare stolpern in ein Liebes­aben­teuer und finden sich in einer kriti­schen Milieu-Studie wieder, die den Wett­streit von Liebe und Kalkül statt der Körper entblößt. (Sa, 16.03., 18:00 Uhr)

Das Baltikum hat viele Lieder, das wurde schon gesagt. Höhepunkt der Filmreihe ist so vermut­lich auch das Konzert, das am Samstag im Anschluss an den estni­schen Doku­men­tar­film Das vom Wind geformte Land (2018) gegeben wird. Nach den elegi­schen Land­schafts­be­schrei­bungen des Films, der einem die Strände, Wälder, Moore, Felsen, Flüsse und Seen nahe­bringt, ist man genau in der richtigen Stimmung, den Liedern und Harfen­klängen von Mari Kalkun zu lauschen. (Sa, 16.03., 20:00 Uhr)

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1. Baltische Filmtage München
15.-17. März 2019

Alle Vorstel­lungen finden im Carl-Amery-Saal des Gasteigs statt, Rosen­heimer Str. 5, 81667 München.
Tickets gibt es zu 7 € bei München Tickets
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