25.02.2019

Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten

Lajkó - Gypsy in Space
Zum Auftakt abheben: Der vergnügliche Lajkó – Gypsy in Space ist der Eröffnungsfilm

Das 3. Mittel Punkt Europa Filmfest zeigt aktuelle Filme aus Ungarn, Tschechien Polen, der Slowakei – und der Ukraine

Von Hanni Beckmann

Hier fiel einst als erstes der Eiserne Vorhang. Heute ziehen sich neue Mauern hoch, zumindest in den Köpfen. Die vier Viségrad-Staaten Ungarn, Tsche­chien, Polen und die Slowakei zählen wegen ihres schrump­fenden Demo­kra­tie­ver­s­tänd­nisses, ihrer Abschot­tung vor Zuwan­de­rung und wegen ihrer Frem­den­feind­lich­keit zu den Sorgen­kin­dern der EU. Oft bringt ein solch repres­sives Klima besonders gute Werke hervor, die sich künst­le­risch Luft verschaffen.

Zwölf Filme haben die Macher des 3. Mittel Punkt Europa Filmfest ausge­wählt, die von den sich verän­dernden Bedin­gungen in den Viségrad-Ländern erzählen. Weshalb aller­dings die Macher des Festivals zum zweiten Mal ihren Blick auf die vier Länder der Abschot­tung richten und nicht auf alle Länder (Ost-)Mittel­eu­ropas (Kroatien und Slowenien fehlen empfind­lich), wie der Titel des Festivals sugge­riert, bleibt auch nach einge­hendem Studium des Programms, das zudem die Ukraine als Gastland präsen­tiert, fraglich.

Eröffnet wird an diesem Donnerstag in München mit dem unga­ri­schen Lajkó – Gypsy in Space, der sich mit dem Sputnik-Programm der 1950er Jahre befasst. Aller­dings auf denkbar schrägste Art. Ins All geschossen werden soll ein Gypsy, statt­dessen fliegt seine Mutter. Bruder­küsse sind endlich schwul und insgesamt gibt es viel zu lachen.

Das Lachen zum Auftakt ist wichtig. Denn danach geht es erst einmal ernst weiter. Filthy der Slowakin Tereza Nvotová taucht ein in die Psych­ia­trie, deren Gitter­s­täbe vor den Fenstern nicht von ungefähr auch »eiserne Gardinen« genannt werden könnten. Elek­tro­schocks sind der Alltag der sieb­zehn­jäh­rigen Lena, die immer mehr ins innere Exil geht. Hinter­grund ihrer Verrü­ckung ist eine Verge­wal­ti­gung. Sichtbar wird in diesem sensiblen Film, der vorführt, wie ein alles verän­derndes Stigma erwachsen kann, wie dringend reform­be­dürftig die Psych­ia­trie in der Slowakei ist.

Als der junge Komponist Anton aus einer Entzugs­klinik entlassen wird, trifft er auf eine neue Hoffnung in seinem Leben in Gestalt der jungen Katya. Schlag­artig verliebt er sich in die Maidan-Akti­vistin. Wo für die beiden eine neue Geschichte beginnt, scheint für die Ukraine alles vorbei zu sein. Das sehr authen­tisch gespielte Spiel­film­debüt Falling von Marina Stepanska hat sie mit Laien­dar­stel­lern besetzt. Die Ukraine wurde dieses Jahr beim Viségrad-Festival als Gastland einge­laden.

Der eiserne Vorhang hat auch tolle Geschichten hervor­ge­bracht. Wie die von der briti­schen Ex-Spionin Zan, von Livia, der vergnügten Holocaust-Über­le­benden oder Gudrun mit der deutschen Vergan­gen­heit. Der ungarisch-britische Doku­men­tar­film Granny Project ist als Roadmovie insze­niert und führt diese sehr unter­schied­li­chen Großmütter zusammen. Da geht es auch vergnüg­lich zu, wenn die Hoch­be­tagten komplett angstfrei sich den Tabus stellen.

Wie eine Demo­kratie auf Abwege gerät, zeigt der tsche­chi­sche Doku­men­tar­film The Lust for Power. Während in den 1990er Jahren Polen, Tsche­chien und Ungarn zu EU-Beitritts­ver­hand­lungen einge­laden wurden, machte die Slowakei wegen zahl­rei­cher rechts­staat­li­cher Start­schwie­rig­keiten Nega­tiv­schlag­zeilen. Ein Muster­film, der zeigt, wie der Popu­lismus erstarken kann, und einer der dring­lichsten Filme des Programms.

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3. Mittel Punkt Europa Filmfest

München: Film­mu­seum 28.02.-10.03.2019
Regens­burg: Galerie im Leeren Beutel 01.03.-05.03.2019
Tickets zu 5 € unter 089 / 233 96 450 (Film­mu­seum München) und 0941 / 29 84 563 (Regens­burg, Film­ga­lerie im Leeren Beutel)
Eine Veran­stal­tung von Mittel Punkt Europa e.V., Tsche­chi­sches Zentrum, Univer­sität Regens­burg Euro­paneum, Ost-West-Zentrum
Mehr Infor­ma­tionen, alle Filme: www.mittel­punk­t­eu­ropa.eu
Gefördert von der Baye­ri­schen Staats­kanzlei, der Stadt Regens­burg und dem Kultur­re­ferat der Landes­haupt­stadt München