17.01.2002

Unvergesslich im Jahr 2001?

Filmszene »Memento«
Memento

Ein Rückblick auf das vergangene Kinojahr

Von Michael Haberlander

Leonard, die von Guy Pearce gespielte Haupt­figur im groß­ar­tigen Memento, hat ein Problem. Da sein Kurz­zeit­ge­dächtnis gestört ist, weiß er zwar alles aus seiner Vergan­gen­heit, kann sich aber nichts Neues merken.
Als Film­freund kennt man diesen Zustand. Während man die Klassiker von Hitchcock, Welles und Co. jederzeit abruf­be­reit im Kopf hat, kann man sich an die Filme des letzten Jahres nur schwer erinnern. Ursache dieses Problems ist weniger ein körper­li­cher Defekt, als vielmehr das filmische Über­an­gebot, dass einen sowohl quali­tativ als auch quan­ti­tativ Jahr für Jahr zu erdrücken droht.
Leonard umgeht seine Vergess­lich­keit, indem er sich die wich­tigsten Fakten eintä­to­wiert. Diese Art der Gedächt­nis­stütze ist nicht immer geeignet, weshalb hier ein sehr subjek­tiver und garan­tiert nicht volls­tän­diger Rückblick ausrei­chen muss, um einige hervor­ra­gende Filme und Schau­spieler, die in 2001 übersehen, verdeckt, verdrängt oder ignoriert wurden, wieder in Erin­ne­rung zu rufen.

Zum Beispiel Ride with the Devil von Ang Lee, der von seinem geistigen »Bruder« über­strahlt wurde. Denn beinahe zeit­gleich startete bei uns auch Lees Tiger & Dragon, der sowohl das Publikum als auch die Kritik glei­cher­maßen begeis­tertet. Für Ride with the Devil, der sich dem Pathos vieler Spät­wes­tern und speziell der Bürger­kriegs­filme konse­quent verwei­gert, blieb da (zu) wenig Aufmerk­sam­keit. Dabei ist dieser mal lakonisch, mal uner­bitt­lich erzählte Film über die Folgen von sturem Fana­tismus heute aktueller denn je.

Ausnahms­weise nicht mit Preisen über­schüttet und viel­leicht deshalb weniger wahr­ge­nommen, wurde Brother von und mit Takeshi Kitano. Kitano als gewohnt schweig­samer Gangster, diesmal in den Straßen Amerikas, zeigt uns das andere, sperrige asia­ti­sche Kino, jenseits der choreo­gra­phierten Gewalt eines John Woo, den allge­gen­wär­tigen Wire-Tricks und akro­ba­ti­schen Kämpfern wie Jet Li.

Ebenfalls kämp­fe­risch, aber aus ganz anderen Gründen, gab sich Michelle Rodriguez in Girlfight von Karyn Kusama. Ein haltloses Mädchen voller Zorn lernt boxen und bewältigt damit ihr Leben. Das klingt nach einer Million Klischees, bedient aber kein einziges davon und erzielt damit einen klaren Punktsieg gegen thema­tisch ähnliche Filme wie Save the Last Dance

Auf Rushmore von Wes Anderson mussten wir lange warten und als er dann endlich kam, war er schnell wieder weg. Sehr sehr schade, den Jason Schwartzman als präpo­tenter Schüler und Bill Murray als frus­trierte Fabrikant sind das obskurste Gespann seit Harold und Maude.

Über Traffic wurde eigent­lich schon genug gesagt und die fast schon beängs­ti­gende Regel­mäßig­keit, mit der Steven Soder­bergh brillante Filme dreht, bewahrt ihn sicher vor dem Vergessen. Hinge­wiesen sei jedoch auf den Darsteller Benicio Del Toro, der neben Michael Douglas und den anderen namhaften Stars gerne übersehen wurde.
Seine Klasse bewies Del Toro darüber hinaus noch als leicht debiler Fallen­steller in Das Verspre­chen. Ein kleine Rolle, die selbst neben der mächtigen Leistung Jack Nichol­sons nicht verblaßt.

Überhaupt war Das Verspre­chen von Sean Penn absolut sehens­wert. Ein bedrü­ckender, span­nender und fesselnder Film, über einen Inspektor, dem jedes Mittel Recht ist, um einen Kinder­mörder zu finden. Der Mörder bleibt in diesem Film ein Phantom, dafür lernt man die Schuld in all ihren Facetten kennen.

Benicio Del Toro stand viel­leicht ein wenig im Schatten von großen Stars, dafür kann er sich damit trösten, in zwei außer­ge­wöhn­li­chen Filmen gespielt zu haben. Andere Darsteller hatten weniger Glück, mühten sich in Werken von zwei­fel­hafter Qualität ab und wurden – ihren guten Leis­tungen zum Trotz – auch noch wenig beachtet.
Etwa Philip Seymour Hoffman als desil­lu­sio­nierter Rock­kri­tiker Lester Bangs in Almost Famous oder Geoffrey Rush als agiler Der Schneider von Panama oder Colin Firth im Kampf gegen Hugh Grant um das Herz von Bridget Jones oder James Gandol­fini als schwuler Killer in The Mexican.

2001 war überhaupt das Jahr von Gandol­fini, der vielen in der Rolle des Tony Soprano, aus der gleich­na­migen Fern­seh­serie, bekannt sein dürfte. Seine Darstel­lungen sind immer sehens­wert, wenn auch die Qualität der ganzen Filmen sehr stark schwanken kann. Mexican war weit­ge­hend belanglos, Die letzte Festung, in dem er ein gnaden­losen Gefäng­nis­di­rektor spielte, war ein pathe­ti­sches Ärgernis, The Man Who Wasn’t There, wo er als betrü­gender und betro­gener Geschäfts­mann bril­lierte, war dagegen einfach genial.

Die Coen-Brüder haben mit diesem schwarz­weißen Meis­ter­werk erneut ihre Klasse bewiesen. Kollege Willmann hat an dieser Stelle den Film entspre­chend lobend bespro­chen und dabei die Frage gestellt, ob der Haupt­dar­steller Billy Bob Thornton nicht gar der beste lebende ameri­ka­ni­sche Schau­spieler ist. Ich wüßte nicht, was gegen diese Annahme spricht.

Nach­zu­prüfen war das etwa in Banditen!, in dem Thornton einen extrem nervösen Hypo­chonder spielt und somit das genau Gegenteil des lethar­gi­schen Friseurs aus The Man Who Wasn’t There darbot. An Thorntons Seite spielt in Banditen! die talen­tierte Cate Blanchett und der um ein neues Image bemühte Bruce Willis, der zwischen den beiden aber schau­spie­le­risch auf verlo­renem Posten stand.

2001 gab es erstaun­lich viele Filme, die Engel bzw. Angels im Titel trugen, doch keiner zeigte ein so unhimm­li­sches Leben wie Engel des Univer­sums von Fridrik Thor Frid­riksson. Der Altmeister aus Island schickt den Schau­spieler Ingvar Eggert Sigurdsson in einen Teufels­kreis aus Alltags­frust, Liebes­kummer, Geis­tes­krank­heit und Psych­ia­trie. Am Schluß springt er von einem Hochhaus, ohne Hoffnung, ohne Engels­flügel. Ein Film der einen noch lange beschäf­tigt.

Einen ebenso trüge­ri­schen Titel hatte Jesus' Son von Alison Maclean, der mit Religion wenig zu tun hatte. Um Drogen dreht sich das Leben des von Billy Crudup gespielten Herum­trei­bers und dessen Suche nach dem nächsten High ist manchmal zum Schreien komischen, manchmal auch todtraurig und in einigen Szenen fast märchen­haft schön. An Crudups Seite stehen dabei viel gute Schau­spieler wie Denis Leary, Jack Black, Holly Hunter und Dennis Hopper.

Nicht zu übersehen waren im letzten Jahr die Filme aus Öster­reich. Der Sanitäter-Krimi Komm, süßer Tod von Wolfgang Murn­berger und die perfide Moritat Der Überfall von Florian Flicker beein­druckten voll und ganz. Beide Male dabei, der Kaba­ret­tist Josef Hader. »Du glaubst es nicht, wie gut der schau­spie­lern kann«, würde Wolf Haas schreiben.

Dagegen nur teilweise über­zeugen (vor allem durch seine makabre Drastik) konnte Paul Harathers Die Gottes­an­be­terin mit Chris­tiane Hörbiger in einer eher unge­wohnten Rolle. Besser war Harathers Low-Budget Film Mama’s Boy (alter­nativ The Ragu Incident), der auf dem Filmfest München zu sehen war. Hier zeigt Harather die Welt eines klas­si­schen Italo-Ameri­ka­ners, dessen Liebe zu einer Frau an der falschen (wie könnte es anders sein) Toma­ten­sauce scheitert. In der Haupt­rolle der Komiker Paolo Romanacci.

Zu den Doku­men­tar­film-High­lights zählten zum einen Black Box BRD von Andres Veiel, über Deutsch­land zur Zeit des RAF-Terrors und Absolut Warhola von Stanislaw Mucha, über die slowa­ki­sche Heimat von Andy Warhol. Beiden Filmen wurde hier schon ausgiebig gehuldigt.

Mit Lob überhäuft und deshalb nur der Volls­tän­dig­keit halber sei Amores Perros von Alejandro Gonzalez Inarritu genannt. Am Ende gewinnen hier die Bösen und die Guten stehen dumm da. Aber wer sind in diesem furiosen Groß­stadt­film schon die Guten und wer die Bösen?

Kommen wir zum Schluß wieder zu Memento, dieser filmi­schen Denk­sport­auf­gabe mit Guy Pearce und der wunder­baren Carrie-Anne Moss. Dieser Film handelt ja nicht nur vom Vergessen und Erinnern, sondern auch davon, wie sich unser Gehirn die Vergan­gen­heit nach eigenem Willen zurecht­legt.
Viel­leicht wurde bei diesem Rückblick deshalb manch wichtiger Film vergessen oder in der Erin­ne­rung erschien etwas viel besser als es war. Um sich darüber zu ärgern bleibt aber keine Zeit, denn die Filme des Jahres 2002 warten schon, um unser Gedächtnis wieder auf die Probe zu stellen.