»Die Liebe zur Musik ist jetzt in meinen Filmen aufgehoben« |
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| Ikonisch: Rosa Landers als die miserable Mutter | ||
| (Plakat: Filmfest München · Susanne Heinrich) | ||
Die Premiere von Die miserable Mutter auf dem Filmfest München war fulminant, mit Standing Ovations und Tanzen im Kinosaal. Susanne Heinrich kann sich entspannt zum Interview niederlassen, bevor wir an der Isar entlang zu einem Empfang auf der Praterinsel schlendern und wieder in den Alltag der Festivalwelt eintauchen.
Das Gespräch führte Dunja Bialas
artechock: Zunächst muss ich dir erzählen, wie dein Film meinen Blick verändert hat. Gestern kam mir im Uni-Viertel eine Frau entgegen, die ihr Baby einfach so auf den Armen trug. Also ohne Schultertuch und ohne Buggy. Ich dachte sofort: »Okay, hier haben wir also die ikonische Mutter.« Wenig später sah ich den Film Die Gäste von Cristina Diz und Stefan Butzmühlen. Da kommt eine Mutter eines erwachsenen Sohnes vor, gut situiert, 70er-Jahre. Sie sitzt da in ihrem Morgenmantel, schwerer Lidschatten, raucht und trinkt. Sofort dachte ich: »Ah, da haben wir die miserable Mutter.« Das alles, weil du in deinem Film Die miserable Mutter stark ikonografische Bilder entworfen hast. Die Mutter ist die miserable Mutter, die auch mit der heiligen Madonna korrespondiert. Was speist deine Bildlichkeit?
Susanne Heinrich: Wir haben aus der Kunstgeschichte rund 60 Madonnenbilder zusammengetragen. Wir haben dann danach ausgewählt, welche der Bilder einen interessanten Dialog mit dem eingehen, was in der Szene passiert. Oder danach, die gut nachgestellt werden können, oder nach wiederkehrenden Elementen gesucht, vielleicht nach einem leidenden Blick oder einer bestimmten Haltung des Kindes.
Dabei ging es darum, dass es eine lange Tradition dieser Mutterbilder gibt und dass sie uns prägen. Pop-Sängerinnen haben außerdem andere Ikonologien und Fotografien von Mutterschaft entwickelt.
Trotzdem hält sich dieses Bild der guten Mutter, von dem man sich absetzen muss oder die man im Wohnzimmer hängen hat, ob man will oder nicht. Das Wohnzimmer ist der Ort, an dem die Welt der Mutter zusammenschrumpft und zugleich ihr Lebensraum.
artechock: Und ein Diskursraum.
Susanne Heinrich: Deswegen haben wir die Bilder einfach hinter sie gehängt.
artechock: In diesem Sitcom-artigen Wohnzimmer befinden sich nicht nur das Sofa und die Wiege, sondern auch der Schreibtisch und ein Bücherstapel. Was hat die miserable Mutter alles gelesen?
Es ist eine hochsubjektive Kollektion. Der Film heißt ja nicht »Die Mutterschaft«. Die miserable Mutter ist eine ganz dezidierte Figur oder Gedankenfigur, durch die wir einen Blick auf die Verhältnisse werfen. Dementsprechend erhebt der Bücherstapel keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeinheit. Es sind tatsächlich Bücher, die ich viel gelesen habe, als ich anfangen wollte zu verstehen, was mit mir passiert ist, als ich Mutter wurde. Es gibt immer den Moment, in dem ich mich der Theorie zuwende.
Es gibt im Stapel Bücher von Marie Reusch, die zu Mutterschaft und Feminismus forscht. Aber auch Bertolt Brecht kommt vor, weil er für den Film eine große Rolle spielt und für mich ein wichtiger Referenzpunkt ist, wie ich schauspielerisch arbeite und generell mit Mitteln der Verfremdung, Überhöhung und Distanzierung.
Der Schreibtisch ist natürlich auch interessant. Um sich auf etwas zu konzentrieren, muss die Mutter ihn immer erst von dem ganzen angesammelten
Baby-Klimbim leeren. Ich habe in einer Studie gelesen, dass die Schreibtische der Frauen eher umgewidmet werden oder im Keller landen als die Schreibtische der Männer.
artechock: Ich habe mich tatsächlich in dieser Schreibtischsituation wiedergefunden. Meine ersten Texte habe ich mit dem Baby im Tragetuch geschrieben. Ich musste sehr lachen. Das sind diese Momente des Wiedererkennens, die eine große Allgemeingültigkeit deiner Filmsituationen zeigen, was einerseits fasziniert, andererseits erschreckt. Das ist stark in den gesellschaftlichen Diskurs gegangen, jenseits der Theorie, in die Mütter-Blogs, zu den Momfluencern.
Jede Erfahrung wird vorformatiert durch bestimmte Diskurse. Sie bringen die Erfahrung auf Formeln und sind der Erfahrung vorgelagert. Das habe ich sehr schmerzlich in der Mutterschaft erlebt. Ich hatte das Gefühl, dass es überhaupt gar keinen Raum gibt. Und keine Worte für die Existenzialität dieser Erfahrung. Ich fand auch die sogenannten populärfeministischen Diskurse rund um Mental Load und die Verteilung von Care Work absolut unzureichend. Ich habe mich davon
nicht befreit gefühlt, sondern eigentlich determiniert. Diese Erfahrung von Enge und dass die Diskurse nichts auslösen, sondern auch wieder nur festschreiben und in ihrer Plumpheit und Unterkomplexität der Situation nicht gerecht werden, war intensiv.
Aber auch dieses Verwiesensein auf eine bestimmte Community, dieses Zugeordnetwerden. Ich kenne keine Mutter, die Lust hat, zu dieser Müttergemeinschaft zu gehören, der man plötzlich angehört. Ich kenne eigentlich nur Mütter,
denen das Grauen kommt, wenn sie sich an ihre Rückbildungskurse erinnern.
Und plötzlich ist man an diesen Orten zusammengefasst, wo keiner hinwill, an diesen schrecklichen Spielplätzen, die einen für immer schädigen. Wo man nur mit anderen Eltern über Kinderkrankheiten und Geburtstraumata redet. Ich fand die Mutterschaft einen interessanten Winkel, um nochmal auf diese ganze identitätspolitische Zuspitzung zu blicken, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Im Kern geht es darum, dass wir aufgefordert sind oder gezwungen werden, uns irgendeiner identitär vorgeordneten Community zuzuordnen. Und diese dann möglichst auch zu verkörpern, ihr eine Stimme zu geben und sie zu bewerben.
Und dann muss auch das individuelle Leiden so in Form gebracht werden, dass es zu dieser Kollektiverzählung passt. Die miserable Mutter leidet und hadert mit ihrer neoliberalen Bürgerpflicht.
artechock: Muss man die singuläre Erfahrung einer Mutterschaft für den Film mitbringen?
Meine Hoffnung ist, dass die Form hilft, das Thema zu transzendieren, und dass Die miserable Mutter kein reiner Zielgruppenfilm für Betroffene ist.
Mein Film meint alle und funktioniert deshalb in erster Linie über eine sinnliche Erfahrung. Das zweite Missverständnis ist: Immer, wenn Leute »Brecht« hören, denken sie, sie dürfen sich nicht identifizieren. Es
geht aber um eine tiefere Form der Identifikation, die erst durch Distanzierung möglich wird. Und eben nicht über Einfühlung, eher über das Erschrecken. »Oh, das bin ja ich, aber das, was der Peter Pan sagt, das habe ich auch schon gedacht.« Sich also in diesen unterschiedlichen Momenten immer wieder zu entdecken und sich zu wundern und zu staunen und auch ein bisschen zu erschrecken. Aber eben auch zu lachen.
artechock: Du transformierst in deiner Inszenierung die gestanzten Rollenbilder. In der Choreografie mit der Milchpumpe werden alle Verhältnisse aufgelöst. Wie hast du diese starken Bühnenbilder entwickelt?
Das Bühnenhafte der Inszenierung hat auch etwas mit diesem Bewusstsein zu tun, dass hier gerade etwas vorgeführt und dargestellt werden soll. Das war bei Das melancholische Mädchen so, mit der etwas guckkastenmäßigeren Inszenierung – es gab nur feste Einstellungen und keine Kamerabewegungen. Die sind für Die miserable Mutter dazugekommen, also die bewegte Kamera und der Körper im Raum. Es war von Anfang an klar, dass es eine Wohnung und einen Park geben würde. Dieses Verwiesen- und Beschränktsein auf die eigenen vier Wände, allein mit dem Kinderwagen draußen unterwegs zu sein und an diesen Kinderwagen gekettet zu sein, war eine prägnante Erinnerung an diese erste Zeit.
Eine Rolle spielt auch, dass ich Die miserable Mutter in etwas verkürzter Form zuerst fürs Theater Freiburg entwickelt habe. Dort habe ich den Choreografen Graham Smith kennengelernt. Wir waren uns einig darüber, dass wir das Choreografieren von alltäglichen, sich wiederholenden Handlungen, vom Stillen, dem Kinderwagenschieben und von eigentlich banalen Verrichtungen, unglaublich spannend finden.
Für den Film kam noch hinzu, dass ich das Formale mit Lebendigkeiten brechen wollte, die dann in Gestalt echter Babys hineinkommen, die sich nicht inszenieren lassen – Formalismus braucht immer ein Gegengewicht, ein Gegenstück, Anarchie. Die konkreten Kulissen habe ich zusammen mit Miren Oller entwickelt, der Szenenbildnerin, die auch schon für Das melancholische Mädchen verantwortlich war. Wir sind relativ früh auf die Primärfarben gekommen, die auch die Bauhausfarben sind, aber eben auch die Kinderfarben der ersten drei Jahre. Später wird es rosa und hellblau. Peter Pan war auf Grün festgelegt. Die Mutter steht mit ihrem roten Morgenmantel für Zorn und Leiden. Die anderen Farben haben sich dazugesellt. Das war ein interessanter Prozess, weil ich überhaupt nicht auf diese Farben stehe.
artechock: Wie kam die Musik in das Stück?
Wir haben uns in ganz vielen Workshops mit allen Gewerken vorangearbeitet. Bei einem Musical ist alles noch einmal unendlich viel verzahnter als bei einem anderen Film. Wenn man die Musik 5 BPM schneller macht, verändert sich auch die Bewegung. Und wenn sich die Bewegung verändert, kann vielleicht dieses Nachttischchen da nicht mehr stehen. Daher hatten wir eine intensive gemeinsame Entwicklungs- und Probenarbeit, ähnlich wie am Theater.
So hat sich das Bühnenbild Stück für Stück weiterentwickelt. Dass die Wohnung auch ein Diskursraum ist. Und tatsächlich etwas Sitcom-Artiges hat, mit dieser zentralen Couch, auf der die Mutter feststeckt oder festsitzt, unbewegt. Peter Pan schwirrt um sie herum wie ein kleiner Satellit, der alles recht machen will.
artechock: Ja, man darf nicht vergessen, dass der Film unfassbar lustvoll und spielfreudig ist.
Das kommt durch die Choreografie rein, die satirisch pointiert und albern ist. Mit fröhlichen Liedern, die von der Miserabilität singen. Wir wohnen bei, wie ein Paar wegen eines Kindes eigentlich zugrunde geht.
artechock: Du hast mit einem Komponisten zusammengearbeitet, aber auch selber komponiert. Wie kam das?
Ich habe in meinem Leben immer Musik gemacht und in verschiedenen Bands gesungen. Diese Liebe zur Musik ist jetzt zu Teilen in der Art, wie ich Filme mache, aufgehoben, auch über die Songs hinaus. Ich glaube, dass der Film insgesamt wie ein Musikstück funktioniert, mit einem Refrain, verschiedenen Strophen und einer Coda.
Die Songs sind mit Moritz Sembritzki entstanden, der auch die Musik für Das melancholische Mädchen geschrieben hat. Und mit Willie Sieger, der sich gerade sehr intensiv mit der »Dreigroschenoper« befasst hatte. Mit ihm habe ich auch die Klangwelt gefunden, in enger Abstimmung mit dem Sounddesign. Alles geht ineinander über in diesem klingenden Film. Der Rhythmus der Brustpumpe wird zum Beat für einen Flamenco, die klackernden Stöckelschuhe auf dem Parkett des Filmempfangs werden zum Rhythmus für den Song
und so weiter. Ein Teil der Lebendigkeit des Films verdankt sich der Musik. Kein einziges Instrument kommt aus irgendeiner Library, wir haben alles selber eingespielt, Willi Sieger hat sich sogar ein Spinett von 1840 gekauft, weil wir uns diesen wunderbaren Giallo-Spinett-Sound gewünscht haben. Krzysztof Komeda war für uns eine Referenz, neben Brecht, Weil und Kinderliedern.
artechock: Und die Schauspieler:innen singen selbst?
Die singen alle selbst, ja. Rosa Landers ist ein unglaubliches Ausnahmetalent, ohne klassische Musicalausbildung, die anderen sind fast alle Musicaldarsteller. Sie unterscheiden sich von einem klassischen Casting dadurch, dass sie von technischen, äußerlichen, körperlichen Beschreibungen ausgehen.
Nie kam die Frage auf zur Motivation einer Figur. Eher wurde gefragt: »Soll ich 90 Grad nach dort hin oder lieber da hin?«
artechock: Du knüpfst an die große französische Musicaltradition an. Man erkennt in diesem Summen, im Nachklang der Melodien, natürlich sofort Jacques Demy. Schlägt dein Herz auch fürs amerikanische Musical?
Ich liebe beide. Wenn ich sehe, wie Gene Kelly steppt, dann bin ich glücklich. Ich liebe Ein Amerikaner in Paris abgöttisch. Allein die gemalten Kulissen und das siebenminütige Tanzstück am Ende – das ist unerreicht. Diese Liebe zum Handwerk, die in jedem Detail steckt, macht mich unendlich froh. Diese Liebe zum Detail habe ich in meinem Film auch drin. Ob das jetzt die gehäkelte Laptop-Tasche ist, wo dann nicht der Apple drauf ist, sondern eine Birne. Dafür hatten wir eine Häkelkünstlerin. Jacques Demy liebe ich auch, Une chambre en ville war eine Referenz für Das melancholische Mädchen. Für Die miserable Mutter ist Golden Eighties von Chantal Akerman zu nennen. Der ist so schräg und böse. Für mich ist das ein bissiger Kommentar zum Aufkommen der Soap-Culture und der Liebeserzählungen. Alle beschreiben sich als Liebende, aber in einem heruntergekommenen, populären Liebesdiskurs. Alles spielt in einer Shopping-Mall, und die Friseure machen mit ihren klappernden Scheren den Beat, genau wie die Butterbrotpapiere, Milchflaschen und Klappkinderwagen bei mir im Mutter-Kind-Café.
artechock: Wenn du Songs für ein Musical schreibst, hast du ja viel mehr Freiheiten als bei normalen Dialogen für eine Spielfilmhandlung, wo es die Erwartung eines Pseudo-Realismus gibt. Wenn die Figuren singen, besteht die Möglichkeit logischer Brüche. Mal singt man auf einer Meta-Ebene in Kommentarfunktion, dann singt man von Emotionen. Dann liefert man sich ein Duett, und die Figuren singen gleichzeitig. Das ist in gesprochenen Dialogen kaum möglich. Da du vom Schreiben her kommst: Interessiert dich auch das Pointierte in dem Genre?
Absolut. An der Filmhochschule habe ich mir irgendwann eingestanden, dass mir das klassische Narrative nicht liegt, und auch nicht gelingt. Das war immer plump und steif, weil es meinem In-der-Welt-Sein nicht entspricht. Die Heldenerzählung oder den Dreiakter finde ich nicht passend, um bestimmte Erfahrungen zu greifen. Ich habe nach etwas gesucht, das anders ist als was Film normalerweise ist. In einem Musical sind diese ganze Überhöhung, Verfremdung und Ästhetisierung erlaubt, da ist man ganz weit weg vom Naturalismus. Das Geformte ist auch deshalb interessant, weil die Verdichtung beim Schauen dann wieder auffaltet und einen Reichtum entfaltet. Mein Film ist wie ein Espresso, konzentriert und verdichtet. Danach entfaltet er sich weiter. Das ist meine Hoffnung. Es gibt bestimmte Sätze, die sonst nicht gehen. Ich kann doch keine Figur entwerfen, die sagt: »Und meine wunden Nippel sind der Mittelpunkt der Welt.« Aber ich kann das singen! Die Überhöhung durch das Singen transformiert diesen unmöglichen Satz in einen unglaublichen Moment.
artechock: Der Film ist der zweite Teil einer Trilogie. Wie nennst du sie, und was folgt auf die Mädchen- und Mutterjahre?
Insgeheim nenne ich sie etwas sperrig: »Weibliche Subjektivität im Spätkapitalismus.« [Lacht.] Etwas kleiner auch: »Frauen im Spätkapitalismus.« Jetzt kommt noch Die veraltete Frau. Veraltet im Sinne eines gesellschaftlichen Veraltetseins, die Aktualität und Aktualisierungen von einem einfordert. In dem Moment, wo ich entscheide, nicht mehr jede Mode unhinterfragt mitzumachen und jedes gesellschaftliche Update willfährig zu durchlaufen, bin ich sozusagen veraltet oder entscheide mich dafür. Mich interessiert das als Phänomen, weil es mit einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung einhergeht: dem Veralten des Konzepts »Europa«, das keine wirkliche Zukunft hat. Ich erlebe im Moment eine Abwrackung von Öffentlichkeit in den westlichen Gesellschaften. Da hinein stelle ich eine Frau, die veraltet ist, weil ihre Ideen von Liebe und des Künstlerischen auch veraltet sind, überholte Identitäten, mit denen man keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, weil sie aus der Mode gekommen sind. Weil sie prekären Jobs hinterherreist, in der Wissenschaft und im Kulturbetrieb, hält sie sich an vielen öffentlichen Orten auf. Sie ist auf der Suche nach Begegnungen, nach Poesie und nach Begegnungen von Schönheit in einer unwirklich werdenden Welt.