25.06.2026

Gerührt und geschüttelt

Summer Truth-Cocktailbar
In der Summer Truth-Cocktailbar
(Grafik: films pour demain)

Das Filmfest München ist nicht nur das wichtigste Festival für deutsche (Co-)Produktionen. Ein Ausblick aufs internationale Programm inklusive Empfehlungmarathon

Von Dunja Bialas

Eine Gruppe von Cineasten erlebt den heißesten Sommer aller Zeiten in München. Um sich Abkühlung zu verschaffen, springt sie früh­mor­gens in die Isar und bricht tagsüber in die leer­ste­henden Kinos ein. Und überhaupt: Warum Kino? Wegen Relevanz, Publikum und neuen Stimmen natürlich. Ich stelle mir diesen Ankün­di­gungs­text zum 43. Filmfest München als Mashup all der Texte vor, die das Filmfest selbst schon in seiner »Festi­val­zei­tung« bereit­ge­stellt hat. Oder ich lasse gleich Claude den Text schreiben. Wird am Ende gar die KI uns Film­kri­tiker:innen ersetzen?

[Im Mashup: Los Nadadores von Sol Iglesias SK, Panel »Warum Kino?«, Fipresci-Panel]

Man kann gar nicht dankbar genug für die Festi­val­zei­tung sein. In unhand­li­cher Grüße liegt sie grau mit bunten Bildern vor mir, total zerfled­dert, wie es sich für eine Zeitung gehört. Ihre »Bücher« sind wild durch­ein­an­der­ge­raten, im Umblät­tern haben sich Bögen verein­zelt, die sich jetzt unge­ordnet über den Tisch ausbreiten. Alles ist im Chaos aufge­gangen, die Cola kocht, die Sonne brennt sich ins Gehirn. Gut, dass das Filmfest mit dem morgend­li­chen Sprung ins Isar-Wasser bald anfängt. Bald ist im Kinosaal hitzefrei.

Im Heat Dome der Co-Produk­tionen

Die Drama­turgie des Festivals bleibt auch dieses Jahr zögerlich. So wie man gelernt hat, vor dem Sprung ins kalte Wasser sich erst einmal abzu­kühlen und die Muskeln vor dem Kraft­trai­ning aufzu­wärmen, haben auch Julia Weigl und Christoph Gröner, das Doppel an der Spitze des Münchner Festivals, verin­ner­licht: Kein Opening-Samstag ohne Warm-up-Freitag. Ein Kaltstart wäre unter dem aktuellen Heat Dome sowieso nur schwer vorstellbar.

Zugegeben: Was wir soeben sehr lapidar »Münchner Festival« genannt haben, ist in Wirk­lich­keit das wich­tigste deutsche Film­fes­tival nach der Berlinale – wenn es nicht durch seine Aufmerk­sam­keit für den deutschen Film das A-Festival in Berlin sogar abgehängt hat. Seit dem Wegfall der Berliner Sektion »Perspek­tive Deutsches Kino« hat das Filmfest München für seine Reihe »Neues Deutsches Kino« ohnehin ein Allein­stel­lungs­merkmal erhalten. Als ehema­liger Leiter der Reihe und jetzt an der Spitze des Festivals perso­na­li­siert Christoph Gröner diesen Akzent und macht zugleich plausibel, weshalb der wich­tigste Preis des Filmfests München der CineCoPro Award ist: Er ist der höchst­do­tierte Preis (100.000 €), den es für deutsche Co-Produk­tionen gibt. Synergien lohnen sich also, ist die Botschaft. Und auf sympa­thi­sche Weise setzt der Preis die leidige Gret­chen­frage außer Kraft: Ab wann ist ein Film ein deutscher Film?

In Vaterland, dem dies­jäh­rigen Eröff­nungs­film, insze­niert Oscar-Gewinner Paweł Pawli­kowski Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann auf einer der wenigen Reisen durch Deutsch­land nach dem 2. Weltkrieg. Unterwegs sind sie auf einer Lesereise zum 200. Geburtstag Goethes, eigent­lich ein Wieder­gut­ma­chungs­gestus an den ins Exil geflo­henen Thomas Mann. Die schwarz­weißen 4:3-Bilder von Łukasz Żal – der übrigens auch Jonathan Frazers The Zone of Interest foto­gra­fiert hat – erinnern an histo­ri­sche Ansichts­karten und saugen einen förmlich in die Tiefe der Vergan­gen­heit hinein. In Cannes wurde der Film mit dem Grand Prix du Jury ausge­zeichnet.

Statement für die Filmkunst

Somit beginnt das Filmfest München dieses Jahr mit einem Statement. Pawli­kow­skis Film ist ein Aushän­ge­schild dafür, wie Synergien fruchtbar gemacht werden können und bringt die wichtige Arbeit des Filmfests München auf den Punkt. Denn es ist kein Geheimnis, dass deutsche Autor:innen (Petzold, Schanelec, Heisen­berg, Hoch­häusler) im Ausland oft mehr geschätzt werden als hier­zu­lande, und dass es anspruchs­volle Filmkunst-Projekte schwer mit der Film­för­de­rung haben. Das Filmfest München kann in diesem Sinne als guter und wichtiger Impuls­geber dafür wirken, seinem Publikum auch anspruchs­volles Kino »zuzumuten«. Das soll Ansporn für die deutsche Produk­ti­ons­land­schaft und das oftmals zöger­liche deutsche Publikum sein.

Valeska Grisebach gehört ebenso in die Reihe der Erneuer:innen des deutschen Films, die es mit der deutschen Film­land­schaft schwer haben. Das geträumte Abenteuer, der in Cannes für die Goldene Palme und nun für den CineCoPro Award nominiert ist, wurde wie ihr letzter Film Western in Bulgarien mit Laien­dar­steller:innen gedreht. Wieder befragt sie das Verhältnis der Frauen und der Männer, spürt Machen­schaften der Mächtigen auf und legt die kultu­relle Vergan­gen­heit frei. Wieder ist ihr Film ein rau-zärt­li­cher »Western« aus Osteuropa. Diesmal spielt er an der »Frontier« der EU, wo Bulgarien an die Türkei grenzt.

Die im stei­ri­schen Leoben geborene Sandra Wollner hat mit Everytime für einen der eindrück­lichsten Filme von Cannes gesorgt, ausge­zeichnet wurde sie mit dem »Un Certain Regard Prix«. Ihr Film läuft ebenfalls in der Reihe CineCoPro. Everytime ist ein Film reinster Gegen­wär­tig­keit. Er stiehlt sich heraus aus der Zeit, reicht in die Vergan­gen­heit der Figuren zurück und blickt in den Zustand des Irrealis hinein. Das ist mindes­tens Futur II. Brutal, schmerz­haft, unaus­weich­lich. Wie Grise­bachs Film einer der vielen Must-See-Filme des Filmfest München.

Nachdem wir uns jetzt lang genug fürs Filmfest-Programm aufge­wärmt haben, folgt unser Empfeh­lungs­ma­ra­thon. Diesmal geht es in die »Summer Truth-Cock­tailbar«.

Die Summer Truth-Cock­tailbar

Eine Notiz in eigener Sache. Die Umdeutung der Filmfest-Filmtitel zu Cocktails, Sour, Mocktails und Wein ist eine Remi­nis­zenz an unseren letzt­jäh­rigen Cartoon. Da gab es in der »artechock-Eisdiele« »Filme für alle Geschmä­cker«. Gezeichnet hat sie Niko B. Urger, von dem wir leider vor wenigen Wochen Abschied nehmen mussten. Er hat uns ein wert­volles Vermächtnis hinter­lassen: Seine wunder­baren »Witze«, wie er seine Cartoons immer nannte, und mit denen wir seit 2021 den Auftakt des Filmfests München begleiten – und die Lust, aus unseren vielen Ideen Bilder werden zu lassen.

Summer Truth-Cocktailbar
Summer Truth-Cock­tailbar (Grafik: films pour demain)

Wir rechnen übrigens fest mit der »artechock-Eisdiele« und der »Summer Truth-Cock­tailbar« beim Filmfest – spätes­tens im nächsten Jahr.

Empfeh­lungs­ma­ra­thon: In der »Summer Truth«-Cock­tailbar

Gewin­ner­filme und Starfilme

Neben den bereits genannten Titeln soll hier unbedingt Alice Winocour erwähnt sein, eine der eindrück­lichsten, in Deutsch­land jedoch meist über­se­henen fran­zö­si­schen Regis­seu­rinnen, die Chantal Akerman und David Cronen­berg als Vorbilder für ihre Oxytocin-reichen Werke nennt. In Couture versetzt sie Angelina Jolie in die Pariser Model-Welt.

Für Ryūsuke Hama­guchis All of a Sudden gewannen in Cannes Virginie Efira und Tao Okamoto den Preis als beste Schau­spie­le­rinnen. Der Film ist ein Plädoyer für Humanität, das sich am Beispiel pfle­ge­be­dürf­tiger Menschen arti­ku­liert – und damit auch die Zukunft unserer alternden Gesell­schaft mit Zärt­lich­keit umarmt.

Geheim­tipp­filme

Das sind Filme, die zwar nicht breit rezipiert wurden, aber Garanten für ein cine­as­ti­sches Film­erlebnis sind.

Mit La libertad doble kehrt der argen­ti­ni­sche Regisseur Lisandro Alonso zurück zu den Anfängen seines Schaffens – zu jenem Film, der genauso hieß: La libertad. 25 Jahre nach seinem Debüt, das er program­ma­tisch »Freiheit« nannte, entfaltet sich erneut die Kraft seiner mini­ma­lis­ti­schen Erzähl­weise – und hat uns in Cannes ein tiefes Glücks­ge­fühl beschert. Wieder zeigt er einen Tag im Leben des Holz­fäl­lers Misael, wieder taucht der Film in die Natur ein. Mit dem Hacken des Holzes und dem Moto­ren­geräusch der Säge beginnt ein stummer, gewalt­voller Dialog mit der Natur.

Die gefeierte argen­ti­ni­sche Regis­seurin Lucrecia Martel bringt ihr Doku­men­tar­film­debüt Nuestra Tierra nach München. Ihr Film begleitet einen jahre­langen Gerichts­pro­zess, der die Erschießung eines Angehö­rigen der indigenen Chuscha­gasta-Gemein­schaft in der Provinz Tucumán im Norden Argen­ti­niens verhan­delt. Die Kolo­nia­lität zeigt sich hier ganz unmit­telbar, während mit einer Drohne die Apparatur das Sehen übernimmt.

Auf Mark Jenkins Rose of Nevada, der letztes Jahr in Venedig Premiere hatte, freuen wir uns besonders; sein expe­ri­men­teller Kurzfilm I Saw the Face of God in the Jet Wash hat uns beim letzt­jäh­rigen UNDERDOX Festival in einen eksta­ti­schen Ausnah­me­zu­stand versetzt. Rose of Nevada ist sein erster abend­fül­lender Spielfilm, der Titel der Name eines Schiffes, das nach einer langen Zeitreise zurück in den Hafen kehrt. Jenkin hat das Film­ma­ni­fest »Silent Landscape Dancing Grain 13« verfasst – wir sind gespannt, ob der Film ihm folgt.

Silent Manifesto
(Grafik: Mark Jenkin)

Wieder­sehen mit alten Bekannten

In Affection Affection von Alexia Walther und Maxime Matray werden wir Agathe Bonitzer wieder­sehen (zuletzt in Angela Scha­nelecs Meine Frau weint) und unsere geliebte Nathalie Richard, die oft bei Jacques Rivette gespielt hat, aber auch in Nicolas Wacker­barths Halb­schatten (2013) und zuletzt in Ulrich Köhlers Gavagai. Eine groß­ar­tige deutsch-fran­zö­si­sche Affection, Affection fürein­ander.

Arnaud Desplechin ist im Autoren­kino für die großen Gefühle zuständig, für Deux Pianos hat er Charlotte Rampling auf die Leinwand zurück­ge­holt. Desplechin haben wir mit Esther Khan im Film­ca­sino erlebt – lang ist es her.

Neues Deutsches Kino

Wir empfehlen: Miserable Mutter der femi­nis­tisch-akti­vis­ti­schen, dabei besonders expe­ri­men­tier­freu­digen Schrift­stel­lerin und Filme­ma­cherin Susanne Heinrich – der Filmtitel teasert sie hinrei­chend an. Dann Hiddensee der Doku­men­tar­fil­merin Annkatrin Hendel über die Geschichte der Ostsee­insel. Für Immer 16 des Musikers Brezel Göring (Stereo Total), der Lilith Stan­gen­berg auf Super-8-Material gebannt hat.

Apropos Film­kritik…

Übrigens hat Sehnsucht, der zweite Film von Valeska Grisebach, im Jahr 2006 Anlass zu einer Polemik des einfluss­rei­chen Produ­zenten Günter Rohrbach gegeben. In einem Gast­bei­trag im »Spiegel«, über­ti­telt mit »Das Schmollen der Autisten«, zog er über die Film­kritik her, die Sehnsucht zum Meis­ter­werk erhoben hatte – der Film dann aber an der Kinokasse floppte. »Kann es die Kritiker unbe­ein­druckt lassen, wenn ihr Urteil so folgenlos bleibt?«, ätzte Rohrbach. Und weiter: »Es ist das berufs­spe­zi­fi­sche Dilemma der Kritiker, dass sie nichts sind als das.« 2017 gewann Valeska Grisebach mit Western den Günter-Rohrbach-Preis. Hatte die Film­kritik am Ende doch das richtige Gespür?