Gerührt und geschüttelt |
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| In der Summer Truth-Cocktailbar | ||
| (Grafik: films pour demain) | ||
Von Dunja Bialas
Eine Gruppe von Cineasten erlebt den heißesten Sommer aller Zeiten in München. Um sich Abkühlung zu verschaffen, springt sie frühmorgens in die Isar und bricht tagsüber in die leerstehenden Kinos ein. Und überhaupt: Warum Kino? Wegen Relevanz, Publikum und neuen Stimmen natürlich. Ich stelle mir diesen Ankündigungstext zum 43. Filmfest München als Mashup all der Texte vor, die das Filmfest selbst schon in seiner »Festivalzeitung« bereitgestellt hat. Oder ich lasse gleich Claude den Text schreiben. Wird am Ende gar die KI uns Filmkritiker:innen ersetzen?
[Im Mashup: Los Nadadores von Sol Iglesias SK, Panel »Warum Kino?«, Fipresci-Panel]
Man kann gar nicht dankbar genug für die Festivalzeitung sein. In unhandlicher Grüße liegt sie grau mit bunten Bildern vor mir, total zerfleddert, wie es sich für eine Zeitung gehört. Ihre »Bücher« sind wild durcheinandergeraten, im Umblättern haben sich Bögen vereinzelt, die sich jetzt ungeordnet über den Tisch ausbreiten. Alles ist im Chaos aufgegangen, die Cola kocht, die Sonne brennt sich ins Gehirn. Gut, dass das Filmfest mit dem morgendlichen Sprung ins Isar-Wasser bald anfängt. Bald ist im Kinosaal hitzefrei.
Die Dramaturgie des Festivals bleibt auch dieses Jahr zögerlich. So wie man gelernt hat, vor dem Sprung ins kalte Wasser sich erst einmal abzukühlen und die Muskeln vor dem Krafttraining aufzuwärmen, haben auch Julia Weigl und Christoph Gröner, das Doppel an der Spitze des Münchner Festivals, verinnerlicht: Kein Opening-Samstag ohne Warm-up-Freitag. Ein Kaltstart wäre unter dem aktuellen Heat Dome sowieso nur schwer vorstellbar.
Zugegeben: Was wir soeben sehr lapidar »Münchner Festival« genannt haben, ist in Wirklichkeit das wichtigste deutsche Filmfestival nach der Berlinale – wenn es nicht durch seine Aufmerksamkeit für den deutschen Film das A-Festival in Berlin sogar abgehängt hat. Seit dem Wegfall der Berliner Sektion »Perspektive Deutsches Kino« hat das Filmfest München für seine Reihe »Neues Deutsches Kino« ohnehin ein Alleinstellungsmerkmal erhalten. Als ehemaliger Leiter der Reihe und jetzt an der Spitze des Festivals personalisiert Christoph Gröner diesen Akzent und macht zugleich plausibel, weshalb der wichtigste Preis des Filmfests München der CineCoPro Award ist: Er ist der höchstdotierte Preis (100.000 €), den es für deutsche Co-Produktionen gibt. Synergien lohnen sich also, ist die Botschaft. Und auf sympathische Weise setzt der Preis die leidige Gretchenfrage außer Kraft: Ab wann ist ein Film ein deutscher Film?
In Vaterland, dem diesjährigen Eröffnungsfilm, inszeniert Oscar-Gewinner Paweł Pawlikowski Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann auf einer der wenigen Reisen durch Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Unterwegs sind sie auf einer Lesereise zum 200. Geburtstag Goethes, eigentlich ein Wiedergutmachungsgestus an den ins Exil geflohenen Thomas Mann. Die schwarzweißen 4:3-Bilder von Łukasz Żal – der übrigens auch Jonathan Frazers The Zone of Interest fotografiert hat – erinnern an historische Ansichtskarten und saugen einen förmlich in die Tiefe der Vergangenheit hinein. In Cannes wurde der Film mit dem Grand Prix du Jury ausgezeichnet.
Somit beginnt das Filmfest München dieses Jahr mit einem Statement. Pawlikowskis Film ist ein Aushängeschild dafür, wie Synergien fruchtbar gemacht werden können und bringt die wichtige Arbeit des Filmfests München auf den Punkt. Denn es ist kein Geheimnis, dass deutsche Autor:innen (Petzold, Schanelec, Heisenberg, Hochhäusler) im Ausland oft mehr geschätzt werden als hierzulande, und dass es anspruchsvolle Filmkunst-Projekte schwer mit der Filmförderung haben. Das Filmfest München kann in diesem Sinne als guter und wichtiger Impulsgeber dafür wirken, seinem Publikum auch anspruchsvolles Kino »zuzumuten«. Das soll Ansporn für die deutsche Produktionslandschaft und das oftmals zögerliche deutsche Publikum sein.
Valeska Grisebach gehört ebenso in die Reihe der Erneuer:innen des deutschen Films, die es mit der deutschen Filmlandschaft schwer haben. Das geträumte Abenteuer, der in Cannes für die Goldene Palme und nun für den CineCoPro Award nominiert ist, wurde wie ihr letzter Film Western in Bulgarien mit Laiendarsteller:innen gedreht. Wieder befragt sie das Verhältnis der Frauen und der Männer, spürt Machenschaften der Mächtigen auf und legt die kulturelle Vergangenheit frei. Wieder ist ihr Film ein rau-zärtlicher »Western« aus Osteuropa. Diesmal spielt er an der »Frontier« der EU, wo Bulgarien an die Türkei grenzt.
Die im steirischen Leoben geborene Sandra Wollner hat mit Everytime für einen der eindrücklichsten Filme von Cannes gesorgt, ausgezeichnet wurde sie mit dem »Un Certain Regard Prix«. Ihr Film läuft ebenfalls in der Reihe CineCoPro. Everytime ist ein Film reinster Gegenwärtigkeit. Er stiehlt sich heraus aus der Zeit, reicht in die Vergangenheit der Figuren zurück und blickt in den Zustand des Irrealis hinein. Das ist mindestens Futur II. Brutal, schmerzhaft, unausweichlich. Wie Grisebachs Film einer der vielen Must-See-Filme des Filmfest München.
Nachdem wir uns jetzt lang genug fürs Filmfest-Programm aufgewärmt haben, folgt unser Empfehlungsmarathon. Diesmal geht es in die »Summer Truth-Cocktailbar«.
Eine Notiz in eigener Sache. Die Umdeutung der Filmfest-Filmtitel zu Cocktails, Sour, Mocktails und Wein ist eine Reminiszenz an unseren letztjährigen Cartoon. Da gab es in der »artechock-Eisdiele« »Filme für alle Geschmäcker«. Gezeichnet hat sie Niko B. Urger, von dem wir leider vor wenigen Wochen Abschied nehmen mussten. Er hat uns ein wertvolles Vermächtnis hinterlassen: Seine wunderbaren »Witze«, wie er seine Cartoons immer nannte, und mit denen wir seit 2021 den Auftakt des Filmfests München begleiten – und die Lust, aus unseren vielen Ideen Bilder werden zu lassen.
Wir rechnen übrigens fest mit der »artechock-Eisdiele« und der »Summer Truth-Cocktailbar« beim Filmfest – spätestens im nächsten Jahr.
Neben den bereits genannten Titeln soll hier unbedingt Alice Winocour erwähnt sein, eine der eindrücklichsten, in Deutschland jedoch meist übersehenen französischen Regisseurinnen, die Chantal Akerman und David Cronenberg als Vorbilder für ihre Oxytocin-reichen Werke nennt. In Couture versetzt sie Angelina Jolie in die Pariser Model-Welt.
Für Ryūsuke Hamaguchis All of a Sudden gewannen in Cannes Virginie Efira und Tao Okamoto den Preis als beste Schauspielerinnen. Der Film ist ein Plädoyer für Humanität, das sich am Beispiel pflegebedürftiger Menschen artikuliert – und damit auch die Zukunft unserer alternden Gesellschaft mit Zärtlichkeit umarmt.
Das sind Filme, die zwar nicht breit rezipiert wurden, aber Garanten für ein cineastisches Filmerlebnis sind.
Mit La libertad doble kehrt der argentinische Regisseur Lisandro Alonso zurück zu den Anfängen seines Schaffens – zu jenem Film, der genauso hieß: La libertad. 25 Jahre nach seinem Debüt, das er programmatisch »Freiheit« nannte, entfaltet sich erneut die Kraft seiner minimalistischen Erzählweise – und hat uns in Cannes ein tiefes Glücksgefühl beschert. Wieder zeigt er einen Tag im Leben des Holzfällers Misael, wieder taucht der Film in die Natur ein. Mit dem Hacken des Holzes und dem Motorengeräusch der Säge beginnt ein stummer, gewaltvoller Dialog mit der Natur.
Die gefeierte argentinische Regisseurin Lucrecia Martel bringt ihr Dokumentarfilmdebüt Nuestra Tierra nach München. Ihr Film begleitet einen jahrelangen Gerichtsprozess, der die Erschießung eines Angehörigen der indigenen Chuschagasta-Gemeinschaft in der Provinz Tucumán im Norden Argentiniens verhandelt. Die Kolonialität zeigt sich hier ganz unmittelbar, während mit einer Drohne die Apparatur das Sehen übernimmt.
Auf Mark Jenkins Rose of Nevada, der letztes Jahr in Venedig Premiere hatte, freuen wir uns besonders; sein experimenteller Kurzfilm I Saw the Face of God in the Jet Wash hat uns beim letztjährigen UNDERDOX Festival in einen ekstatischen Ausnahmezustand versetzt. Rose of Nevada ist sein erster abendfüllender Spielfilm, der Titel der Name eines Schiffes, das nach einer langen Zeitreise zurück in den Hafen kehrt. Jenkin hat das Filmmanifest »Silent Landscape Dancing Grain 13« verfasst – wir sind gespannt, ob der Film ihm folgt.
In Affection Affection von Alexia Walther und Maxime Matray werden wir Agathe Bonitzer wiedersehen (zuletzt in Angela Schanelecs Meine Frau weint) und unsere geliebte Nathalie Richard, die oft bei Jacques Rivette gespielt hat, aber auch in Nicolas Wackerbarths Halbschatten (2013) und zuletzt in Ulrich Köhlers Gavagai. Eine großartige deutsch-französische Affection, Affection füreinander.
Arnaud Desplechin ist im Autorenkino für die großen Gefühle zuständig, für Deux Pianos hat er Charlotte Rampling auf die Leinwand zurückgeholt. Desplechin haben wir mit Esther Khan im Filmcasino erlebt – lang ist es her.
Wir empfehlen: Miserable Mutter der feministisch-aktivistischen, dabei besonders experimentierfreudigen Schriftstellerin und Filmemacherin Susanne Heinrich – der Filmtitel teasert sie hinreichend an. Dann Hiddensee der Dokumentarfilmerin Annkatrin Hendel über die Geschichte der Ostseeinsel. Für Immer 16 des Musikers Brezel Göring (Stereo Total), der Lilith Stangenberg auf Super-8-Material gebannt hat.
Übrigens hat Sehnsucht, der zweite Film von Valeska Grisebach, im Jahr 2006 Anlass zu einer Polemik des einflussreichen Produzenten Günter Rohrbach gegeben. In einem Gastbeitrag im »Spiegel«, übertitelt mit »Das Schmollen der Autisten«, zog er über die Filmkritik her, die Sehnsucht zum Meisterwerk erhoben hatte – der Film dann aber an der Kinokasse floppte. »Kann es die Kritiker unbeeindruckt lassen, wenn ihr Urteil so folgenlos bleibt?«, ätzte Rohrbach. Und weiter: »Es ist das berufsspezifische Dilemma der Kritiker, dass sie nichts sind als das.« 2017 gewann Valeska Grisebach mit Western den Günter-Rohrbach-Preis. Hatte die Filmkritik am Ende doch das richtige Gespür?