Zwischen Mausgrau und Sonnengelb |
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| Licht im Dunkel dieses Jahres: Peter Meisters Bärenjagen | ||
| (Foto: Port au Prince Pictures) | ||
Von Axel Timo Purr
Das Neue Deutsche Kino ist eigentlich schon immer weniger gesichertes Qualitätsversprechen gewesen als vielmehr ein erratischer Seismograf: für ästhetische Moden, für diskursive Ermüdungen, für Produktionsbedingungen, für Generationsfragen und jene stupende Hoffnung, das deutsche Kino möge sich doch irgendwann aus den Umarmungen seiner eigenen Themen befreien. Gerade deshalb war es schwer zu begreifen, warum die deutsche Reihe in diesem Jahr – anders als in den letzten Jahren – ein Programm anbot, das man am ehesten als durchwachsen beschreiben muss. Denn zwischen mausgrauem Problemkino für ältere Generationen und überdeutlichen Diskursanordnungen innerhalb der erwartbaren Förder- und Festivalgrammatik und einigen wenigen überraschend sonnengelben Ausbrüchen lagen diesmal nicht nur Qualitätsunterschiede, sondern auch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Kino eigentlich leisten soll.
Die Vergabe des Förderpreises Neues Deutsches Kino verschob diesen Eindruck nicht grundsätzlich, markierte ihn aber noch einmal auf interessante Weise. Ausgezeichnet wurden Ella Cieslinski und Nina Wesemann für Erzähl mir dein Morgen als beste Regisseurinnen, Christoph Otto erhielt für Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag den Preis für die beste produzentische Leistung, Susanne Heinrich wurde für Die miserable Mutter mit dem Preis für das beste Drehbuch bedacht und Ricarda Seifried erhielt für ihre Rolle in Erzähl mir dein Morgen den Preis als beste Schauspielerin. Auch darin zeigte sich die Ambivalenz dieses Jahrgangs: Hier wurden durchaus bemerkenswerte Einzelleistungen honoriert, aber kaum ein Film, der als Ganzes wirklich zwingend gewesen wäre.
Auffällig dabei war vor allem, wie häufig Filme ihre Themen nicht nur erzählen, sondern gleich mitliefern wollten, wie diese Themen zu lesen seien. Identität, Rassismus, Mutterschaft, politische Radikalisierung, Familie, Freundschaft, deutsche Gegenwart: Das alles sind keine Kleinkigkeiten. Aber zu oft schien die Schwere des Gegenstands bereits als ästhetische Legitimation zu genügen. Wo Ambivalenz, Formrisiko oder ein Vertrauen in Bilder nötig gewesen wären, traten Erklärung, Symbol und Setzung. Das Problem dieses Jahrgangs war deshalb weniger, dass er nichts zu sagen gehabt hätte. Im Gegenteil: Er wusste oft viel zu genau, was er sagen wollte.
So ist Milena Aboyans Drei Kameradinnen, nach Shida Bazyars gleichnamigem Roman, ein gut gemeinter Affront gegen die doppelmoraligen »positiven Integrationsprognosen« der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft. War die Romanvorlage schon engagierte Prosa mit einem Hang zur Lehrfabel, die ihre Figuren bisweilen zu Aufsageautomaten bestimmter Haltungen machte, verstärkt die Verfilmung dieses Problem noch. Hani, Kasih und Saya sollen gegen Rassismus, Medienbilder, Verdächtigungslogiken und gesellschaftliche Zumutungen anschreien. Doch der Film vertraut dieser Wut kaum. Er erklärt sie aus dem Off, im fiktiven Interviewrahmen, in überdeutlichen Mediensatiren, in erratischen Animationsspielereien und im finalen Monolog noch einmal ganz besonders. Die Figuren sind Abziehbilder ihrer Ideen und entwickeln sich nicht. Alles wird behauptet, vieles wird zum Zeichen, zur These, zur pädagogischen Markierung. Dabei läge die eigentliche Stärke im Widerspruch zwischen Sayas Widerstand und dem so anderen Überleben von Hani und Kasih. Aber der Film hält nicht aus, dass Ambivalenz politisch schärfer sein kann als Erklärung.
Ein verwandtes Problem zeigt sich, wenn auch in anderer Tonlage, bei Erzähl mir dein Morgen. Die Idee ist schön und klug zugleich: Zwei Freundinnen treffen in der alten Heimat nicht nur aufeinander, sondern auch auf frühere und mögliche spätere Versionen ihrer selbst. Denn Nico und Lori arbeiten mit Schülern, die mit ihrem fiktiven 30-jährigen Zukunfts-Ich Briefe in die eigene Vergangenheit, als die erzählte Gegenwart, schreiben sollen. Und das spiegelt natürlich auch Nicos und Loris Entwicklung, aber in umgekehrter Richtung. Interessant wird der Film dort, wo er fast ethnografisch vom kleinstädtischen Allerlei erzählt, von Schule, Herkunft, Weggehen und Bleiben. Doch Timing und Tonalität geraten immer wieder aus den Fugen, und die Dialoge stocken so steif, dass man aus der eigentlich intensiven Freundschaftsgeschichte lieber wieder Abschied nehmen und in eine ungewisse Zukunft flüchten möchte, ohne je einen Brief über die Gründe dafür zu schreiben. Dass Cieslinski und Wesemann als beste Regisseurinnen ausgezeichnet wurden und Ricarda Seifried zudem den Schauspielpreis erhielt, zeigt vor allem, wie sehr die Jury diese Arbeit an Figuren, Lebensentwürfen und Zeitebenen würdigen wollte. Über die filmische Geschlossenheit sagt das allerdings wenig aus.
Am deutlichsten aber zeigte sich die Dominanz des Diskursiven dort, wo das Bewusstsein die Form nahezu verschlang. Randa Chahouds Identitti, die Verfilmung von Mithu Sanyals klugem Bestseller, findet für die vielschichtige Verhandlung von Identität als Ware, Projektion, Zumutung und politischer Selbstbefragung vor allem Oberfläche, Klamauk und Pose und praktiziert langweilige Phrasendrescherei. Selbst die Göttin Kali wird zur Nummernrevue degradiert. Die Seminarraumszenen mit grotesk schunkelnden Studierenden wirken ebenso ratlos wie die Demonstrationssequenz, eine der unglaubwürdigsten, ja fast schon groteskesten seit Langem. Das Schauspiel laviert gefährlich nah am Dilettantismus, und die Inszenierung erinnert eher an einen Low-Budget-Studentenfilm als an Kino. Susanne Heinrichs Die miserable Mutter wiederum scheitert hingegen weniger an mangelndem Bewusstsein als an dessen Überproduktion. Nach Das melancholische Mädchen geht Heinrich erneut auf Metaebenen-Jagd, diesmal durch bonbonbunte Papplandschaften, Musical-Anmutungen und das diskursive Gefängnis der Mutterschaft. Dass Heinrich für den Film den Preis für das beste Drehbuch erhielt, passt ins Bild: Offenbar wurde hier gerade die konzeptuelle Anlage und die kontrollierte Selbstreflexivität honoriert. Nur schlägt gerade diese Konstruktion im Film immer wieder in Symbolik aus dem Baukasten um: Rot Frau, grün Mann, Baby Blues, Peter Pan. Aus Metaebene wird Metablabla.
Auch Jutta Brückners Im Spiegel meiner Mutter, ihr erster Film seit ihrer großartigen Hitlerkantate vor 20 Jahren, bleibt gefangen im eigenen Bedeutungsapparat. Er beginnt mit einem Nachtflug übers Moor und endet mit einem Tagflug übers Moor. Dazwischen sucht er nach Gespenstern, findet aber vor allem Symbole. Die Archäologin, die Moorleiche, die tote Mutter, der Keller, die renovierte Universität: Alles verweist auf alles, bis nichts mehr wirklich atmen kann. Wieder steht die dafür fast schon bemitleidenswerte Corinna Harfouch in einer existentiellen Mutter-Tochter-Diade fest, wieder soll sie einen ganzen Film tragen, darf ihr Potential hier aber kaum ausspielen. Übermutter, Schuld, Liebe, Vater: alles wird benannt, erklärt, angeordnet. Ambiguität bleibt trotz all der Leerstellen kaum übrig. Nicolas Ehrets Morgen war Krieg wiederum sucht in einem Deutschland nach dem Zerfall der EU jene grünhistorisch verdunkelte Schwere, die man aus deutschen Dystopie-Serien wie Tribes of Europe kennt. Das hat starke Momente, etwa wenn brennende Kerzen auf Ohren gesetzt werden und plötzlich ein körperlicheres Kino aufblitzt. Doch zu oft bleibt alles im Ungefähren: ernsthaft, ambitioniert, aber zu diffus, um wirklich weh zu tun.
Gerade vor diesem Hintergrund wirkten die helleren Momente des Programms ganz besonders befreiend. Sie entstanden dort, wo Filme nicht zuerst These, sondern Situation, Genre, Milieu, Rhythmus oder Schräglage sein wollten. Die lichteste Überraschung war sicherlich Peter Meisters Bärenjagen. Schon die Grundidee klingt, als hätte jemand das historische deutsche Kino nur deshalb aus seinem Bildungsbürgerkorsett befreit, um uns einen Bären aufzubinden: Deutschland 1834, die Revolution gärt, Büchners Hessischer Landbote zirkuliert, Amerika lockt als demokratische Projektionsfläche und ein Bär soll als unbürokratischste aller Maßnahmen die unzufriedene Bevölkerung ablenken. Daraus wird eine historische Komödie, ein Vormärz-Western, ein Auswanderungsfilm und ein sehr gegenwärtiges Stück deutsches Wahnsinnstheater. Meister hatte schon mit Das schwarze Quadrat gezeigt, dass er Genre nicht als Formgefängnis, sondern als Spielraum begreift. Hier gelingt ihm ein noch souveränerer Zugriff: Die Dialoge sitzen, das Ensemble läuft zu Hochform auf, der Soundtrack ist grandios eigenwillig, und plötzlich klingt »Wenn ich ein Vöglein wär« nicht nach Volksliedarchiv, sondern nach politischer Sehnsucht, Fluchtfantasie und dann ist da noch die Teneriffa-Träumerei der Düsterboys, die das Ganze in eine sehr eigene Gegenwart kippt. Dass dieses filmische Schmuckstück bei der Preisverleihung leer ausging, ist schwer nachvollziehbar.
Neben Bärenjagen zeigte vor allem Christoph Ottos Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag, nach dem fulminanten Drehbuch von Jan Bonny und Jan Eichberg, wie vital deutsches Gegenwartskino sein kann, wenn es nicht zuerst These, sondern Situation sein will. Der Film ist ein Kneipen-Mosaik als Deutschlanddiagnose, eine nächtliche Ethnografie zwischen Tresen, Shisha-Lounge, Döner-Therapie und Antialkohol-Liga. Alkohol ist hier nicht nur Rauschmittel, sondern Wahrheitsserum, Trigger, Gesprächsöffner und Katastrophenbeschleuniger. Plötzlich liegen Patriarchat, Nahostkonflikt, Heizungsgesetz, steigende Mieten, Boomer-Frust und die Frage, ob Jesus heute noch eine Runde ausgeben würde, blank auf dem Tisch. Das könnte schrecklich aufgesetzt sein, funktioniert aber, weil Otto seine Versuchsanordnung nicht moralisch von oben betrachtet, sondern mit Lust an Stimmen, Räumen und Eskalationen arbeitet. Dass er hierfür den Preis für die beste produzentische Leistung erhielt, ist plausibel: Gerade die Herstellung dieser kontrollierten Unordnung gehört zu den großen Stärken des Films.
Brezel Görings Forever 16 findet einen dritten Ausweg aus unserer bleiernen Zeit: nicht adipöse Analyse, sondern schrullige Schrammeligkeit; nicht dämlicher Diskurs, sondern fulminantes Flimmern. Drei alte Freundinnen treffen nach Jahren wieder aufeinander, verletzte Eitelkeiten, alte Experimentalfilmgruppenwunden, dann kommt noch Rudolf dazu und ein Film über eine Serienmörderin, der aus dem Nichts gedreht werden soll. Natürlich schief, natürlich chaotisch und natürlich auf eine Weise großartig, die man im deutschen Kino viel zu selten sieht. Wo andere Filme Freundschaft, Vergangenheitsbewältigung und weibliche Lebensentwürfe fast schon zwanghaft ausbuchstabieren, lässt Forever 16 alles flackern: Farben, Ton, Dialoge, Begehren, Mordlust, Musik. Dazu der Stereo-Total-Soundtrack, der die Szenen anschiebt, mitschleift, hochdreht, als sei Kino plötzlich DJ-Pult, Kellerbar, Kunstinstallation und schlechte Idee zugleich.
Auch Pauline Roennebergs Kalter Hund gehört noch auf die Sonnenseite, wenn auch mit einigen Wolken. Am Morgen seines 100. Geburtstags liegt der Patriarch tot im Bett, und mit seinem Suizid bricht die perfekte Fassade einer oberbayerischen Familie zusammen. Was folgt, hat in seinen dysfunktionalen Abgründen fast Thomas-Bernhard’sches Ausmaß, nur dass hier nicht Österreich, sondern Oberbayern der Ort des familiären Grauens ist. Der Film legt den Horror souverän Schicht für Schicht frei, will ihn allerdings immer wieder durch Humor und folkloristische Musikuntermalung erträglicher machen. Das gerät gelegentlich etwas zu deutlich und kontraproduktiv, doch angesichts der Ensembleleistung und der souveränen Regie ist das Klagen auf hohem Niveau.
So bleibt ein zwiespältiger Eindruck von diesem Jahrgang zurück. Das Neue Deutsche Kino zeigte in München nicht einfach ein schwaches Jahr, sondern ein heterogenes, zerrissenes, in seinen besseren Momenten überraschend widerständiges Programm. Die schwächeren Filme litten weniger daran, dass sie nichts zu sagen hätten, sondern daran, dass sie zu genau wussten, was sie sagen wollten, und darüber vergaßen, dass Kino nicht nur Behauptung, Haltung und Thema ist, sondern auch Rhythmus, Risiko, Körper, Ton, Blick und Chaos. Die stärkeren Filme wirkten dort am freiesten, wo sie sich nicht brav an die großen Gegenwartsbegriffe anschlossen, sondern diese durch Genre, Komik, Musik, Milieu oder Schräglage unterwanderten. Und vielleicht ist das dann auch die kleine Notfallhoffnung dieses durchwachsenen Jahrgangs: Nicht dort, wo das deutsche Kino besonders verantwortungsvoll sein will, wird es interessant, sondern dort, wo es sich erlaubt, unverantwortlicher zu werden. Wo es dem Bären hinterherjagt, sich in Kölner Kneipen verliert, auf Super 8 flackert oder die Familie als oberbayerische Höllenmaschine betrachtet.
Allerdings dürfte jedem klar sein, dass auch diese Highlights kaum reichen dürften, eine jüngere Generation für das deutsche Kino zu interessieren. Was dann auch sicherlich die entsetzlichste Lücke dieses Jahrgangs ist: Die so wichtige Kinogeneration von morgen, also die 14- bis 29-Jährigen, blieb – abgesehen von den allerdings zu diskurslastigen Identitti und Drei Kameradinnen – vollständig außen vor. Wer sich erinnert, welche Bedeutung Filme wie Trainspotting, Absolute Giganten, La haine oder Lammbock für die jeweils nächste Kinogeneration hatten, sollte beginnen, sich Sorgen zu machen. Oder darauf hoffen, dass es auch auf dieser Ebene mal wieder der Kinderfilm in Deutschland richtet, so wie erst vor kurzem Sonja Maria Kröner mit ihrem Pferd am Stiel.