Die miserable Mutter

Deutschland 2026 · 82 min.
Regie: Susanne Heinrich
Drehbuch:
Musik: Willi Sieger
Kamera: Agnesh Pakozdi
Darsteller: Rosa Landers, Theo Colarusso, Johanna Spantzel, Julia Klotz u.a.
Die miserable Mutter
(Foto: Susanne Heinrich · Filmfest München)

Zuckende Mutter-Maschine

Susanne Heinrich hat mit DIE MISERABLE MUTTER ein furioses Musical in französischer Tradition geschaffen, bei dem man am liebsten mitsingen möchte

Worüber man nicht weinen will, darüber muss man singen – Ludwig Witt­gen­stein hätte an diesem filmi­schen Tractacus philo­lo­gicus seine helle Freude gehabt: Susanne Heinrich hat in ihrem zweiten Film Die miserable Mutter die Diskurse der Gegenwart in Strophen und Sprech­ge­sang gegossen, ihnen Melodien und Refrains gegeben. Das Reden über die »gute Mutter« über­schwemmt die Frau mit dem Baby im Arm von allen Seiten. Sie ist die Antipode, die titel­ge­bende »miserable Mutter«, die mit ihrer Rolle hadert und sich selbst miserabel fühlt. Auf einem großen gras­grünen Sitcom-Sofa wartet sie auf den abwe­senden Kinds­vater und tut sich selbst auch ein bisschen leid. »Jede Gene­ra­tion der Väter entwi­ckelt ihre eigene Abwe­sen­heit«, singt sie.

Das ist zugleich banal und tragisch. Die Mutter der Kinds­mutter weist ihre Tochter darauf hin, dass sie früher keine Zeit hatte, sich Gedanken zu machen; das Milieu ist satu­rierte Bürger­lich­keit. So erscheint das Musical als emoti­ons­ge­la­denes, aber nicht allzu schweres Genre wie gemacht für die Thematik. Susanne Heinrich hat sich dafür an der fran­zö­si­schen Tradition orien­tiert. Auch Jacques Demy wusste die Heiter­keit mit den Tränen zu verbinden, den Ernst mit der Freude, dem Wech­selbad der Gefühle Ausdruck zu verleihen. Hier ist es der Blues der jungen Mutter­schaft.

Wie bei Demy sind die gesun­genen Lieder eingängig und sprach­lich auf höchstem Volten-Niveau. Den virtuosen Umgang mit Text und Texten hat Susanne Heinrich – eine am Leipziger Lite­ra­tur­in­stitut geschulte Schrift­stel­lerin – bereits in ihrem Debüt Das melan­cho­li­sche Mädchen (2019) bewiesen. Auch im zweiten Teil ihrer Trilogie über die biogra­fi­schen Seelen­zu­stände der Frau – der dritte wird Die veraltete Frau heißen – folgt sie dem gesetzten Setting einer künst­li­chen Kulis­sen­welt. Hier kompo­niert sich das Wohn­zimmer aus den Bauhaus- und Spiel­zeug­grund­farben Rot, Grün, Blau, Gelb, und das anspie­lungs­reich »Mom Me« genannte Baby-Café soft-baby­farben. Im rosé- und bleue­far­benen Intérieur treffen sich die Mummies.

Im Vergleich zur Diskurs­be­tont­heit, die noch in der Melan­cholie des Mädchen­al­ters gefunden wird, bleibt der mise­ra­blen Mutter nur das Tor zu den alltäg­lich-gesell­schaft­li­chen Diskursen – für Theorie ist keine Zeit mehr, wie die eindring­lich schei­ternden Schreib­tisch­mo­mente erzählen. Da sind die anderen Mütter im Baby-Café, die davon singen, warum sie ein Kind bekommen haben – die eine wollte einen eigenen Hoheits­be­reich, die andere sieht darin das »letzte Abenteuer für eine Bürgers­tochter, der sonst nichts passiert«. Die Mutter-Figuren, die Heinrich zeichnet, stammen aus dem gut situ­ierten 30-Something-Milieu, denen auch die Momfluencer (sie heißen wirklich so) einflüs­tern. Das Lenor-Gewissen gab es früher, heute hat sich alles unendlich multi­pli­ziert.

Und die miserable Mutter ist allein, mitten­drin.

Sie ist die Allegorie gewordene Mütter-Misera­bi­lität, die mit ihren wirklich empfun­denen oder einge­flüs­terten Defiziten hadert. Der Zustand, nicht mehr arbeiten zu können, sich mit der Mutter­milch das Denken aus der Brust saugen zu lassen oder zu pumpen (gemeinhin bekannt als Still-Demenz), nur noch für das Kind da zu sein, die schönsten Momente des Glücks und die schlimmste Verzweif­lung vom Baby­l­a­chen und -geschrei ausgelöst zu sehen, macht sie zur will­fäh­rigen Reiz-Reaktions-Mutter­milch-Maschine.

Rosa Landers verkör­pert die miserable Mutter mit robo­ter­hafter Körper­kon­trolle. Die von Susanne Heinrich auf Pointe geschrie­benen und zusammen mit Willi Sieger kompo­nierten Songs begleiten eine eingän­gige Choreo­gra­phie des Maschi­nellen, des Ausge­laugten, des Aufbe­geh­renden, des Auftan­zenden. Landers beherrscht ihre Wirbelsäule in alle Rich­tungen, biegt sich vom durch­ge­drückten Rücken zum gekrümmten Haken, verliert die Körper­span­nung ins Abwasch­wasser des Spül­be­ckens hinein, beugt sich nach hinten, bis sie umgekehrt in die Kamera blickt.

Wenn sie sich im Bermuda-Dreieck ihrer Existenz verliert, zwischen Sofa, Stadtpark und Baby-Café, schiebt die miserable Mutter in ihrem roten, morgen­man­tel­langen Lack­mantel mit zuckendem Rücken wie eine entrückte Geisha ihren Kinder­wagen. Die anderen Mütter, denen sie begegnet, haben allesamt mehr Conten­ance. Sie sind strom­li­ni­en­förmig und im ange­passten Einklang mit ihrer Rolle. Die Choreo­gra­phie von Graham Smith, einem in Freiburg arbei­tenden ameri­ka­ni­schen Tänzer, macht dies physisch spürbar. Wenn der Kinds­vater (Theo Colarusso) dann nach Hause kommt – er ist bemüht und hadert auf der entge­gen­ge­setzten Seite der Mutter, der er »Erfah­rungs­vor­sprung« vorwirft – busselt er sie kopfüber ab und springt über die Sofalehne. Susanne Heinrich hat ihm einen Namen gegeben: Er ist Peter Pan, der niemals erwachsen werden will.

Die gesun­genen Sätze sind gestanzt und so entsetz­lich bekannt, dass man nicht allein wegen der mitreißenden Melodien mitsingen könnte. Sie fühlt sich peinlich, singt die miserable Mutter, so rück­ge­stuft zur Mutter, »die Antworten des Zeigeistes aber sind noch pein­li­cher.«

Der fran­zö­si­schen Musical-Tradition verpflichtet, wird bei Susanne Heinrich aber auch viel gesummt. Auch das hat sie bei Jacques Demy gefunden, der seine Lieder gerne nach­klingen lässt, wie Lebens­me­lo­dien, die die Figuren begleiten. Das Sprechen ist bisweilen auch Sprech­ge­sang. Großartig auch das Duett zwischen Tochter und Mutter – jede Mutter ist auch eine Tochter, heißt es in einem der luziden Zwischen­titel –, das sich zum Schlag­ab­tausch hoch­schau­kelt, uner­bitt­lich um das Richtige im Leben ringend. Die abge­klärte Position der Tochter-Mutter ist ein Blick in die Realität, der desil­lu­sio­niert, schmerzt und viel Ernst in das Spiel bringt.

Wie ohnehin hinter diesem großen Sprach-, Sing- und Perfor­mance­spaß ein großer Ernst und eine große Trau­rig­keit liegen – und alles trotzdem dem Melodram fern bleibt. Ausweg gibt es im Trostlied eines Kinder­chores und in zwei Feen, die die berühmten drei Wünsche erfüllen wollen. »Mehr Wickel­mög­lich­keiten«, sagt die Mutter spontan. Auch das ist die traurige Lebens­rea­lität: sich in den Details zu verlieren. Susanne Heinrich hat mit ihrem groß­ar­tigen Wurf das Gegen­mittel für alle Frauen, Mütter und Väter gefunden.