Der runde Blick aufs Eckige |
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| »A new challenger has appeared... (Finally!)« | ||
| (Foto: artechock) | ||
Von Anna Edelmann, Paula Ruppert und Chris Schmuck
»Vierundvierzig Fußballbeine rasen hin und rasen her, denn das Spielfeld ist begrenzt, und das macht’s besonders schwer«, sang einst Fredl Fesl. Auch die oder der eifrige Kritiker/in rast bei einem eng getakteten Programm zuweilen von Kino zu Kino innerhalb der Münchner Stadtgrenzen – pünktlich schafft man es manchmal nur noch knapp. Unser Ziel: das eckige Spielfeld, auch bekannt als die Kinoleinwand.
Überhaupt drängen sich einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Filmfest München und der Fußballweltmeisterschaft der Männer auf: Wie bei manchen der Stadien der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft sind auch die Kinosäle klimatisiert, Hydrationbreaks sind bei den hochsommerlichen Temperaturen in regelmäßigen Abständen verpflichtend; die durchschnittliche Spielfilmlänge beträgt mal mehr, mal weniger packende 90 Minuten, mit Nachspielzeit oder Verlängerung auch etwas mehr. Grund genug, das diesjährige Filmturnier einmal als Spiel zu betrachten.
Es ist Freitag und die ersten Mannschaften laufen sich langsam auf dem Platz warm. Noch ist das Filmfest nur für akkreditierte Presse-, und Industrymitglieder geöffnet. Es beginnt die große Show vor dem Eröffnungsspiel, bzw. -film, in der sich die Gastgeber vorstellen und man einen Vorgeschmack auf die kommenden Tage erhält. Einmal mehr beherrscht zunächst der Glamour die Bühne, bevor er den eigentlichen Hauptakteuren weicht: Bei der WM singt Shakira die Titelmelodie, beim Filmfest dominiert Komponist Martin Kohlstedt fulminant am Piano. Im Vergleich zum sportlichen Pendant erspart sich das Filmfest aber glücklicherweise die unnötige Selbstbeweihräucherung. So eröffnet Paweł Pawlikowskis bereits den vielbesprochenen und mit Hanns Zischler, Sandra Hüller und August Diehl starbesetzten Vaterland rund um Thomas Mann und seine Tochter das Festival. Die Teams stehen bereit und… Anpfiff: Die Lichtspiele sind hiermit eröffnet.
Aber genug aufgewärmt. Denn zwei Dinge sind beim Filmfest absolut sicher: Es überschneidet sich regelmäßig mit einem Fußballwettbewerb und findet während der heißesten Woche des Jahres (oder auch des Jahrhunderts) statt. 36 Grad, und es wird noch heißer – dennoch dauert es, bis der Funke überspringt. Treffsicher lautet der englische Slogan: »Bring your bathing suit.« Das heimische Publikum ließe sich eher locken mit: »Unsere Kinos sind klimatisiert.« Es erwartet uns also ein behäbiger Beginn. Endlich strömt das nicht nur von cineastischer Vorfreude aufgeheizte Publikum herbei, um in den Sälen geistig wie körperlich aufbauende Erfrischung zu suchen. Der 12. Mann ist ein Muss, gerade bei diesen lähmenden Temperaturen! Und die ersten echten Hingucker lassen nicht allzu lange auf sich warten: Everytime und Das geträumte Abenteuer zeigen genau das, was unseren Jungs beim DFB in diesem Jahr in Übersee (in Nordamerika, nicht am Chiemsee) so schmerzhaft gefehlt hat: Kreativität, Spielfreude und der Mut, mal etwas völlig anderes zu machen als alle anderen. Auf Frankreich ist indes im Film wie beim Fußball stets Verlass: Die Komödie L’Espèce explosive von Sarah Arnold sorgt als spritzige Dorfsatire für eine Menge Laune und Lacher.
So ein internationales Festival hat es auch an sich, dass man Filme zu sehen bekommt, die für gewöhnlich nicht in deutschen Kinos laufen. Bei der WM entspricht das der Gruppenphase, in der man den ansteckenden Enthusiasmus von Mannschaften erleben kann, die es gewohnheitsgemäß nicht in die K.O.-Runden schaffen – ob das nun Uruguay, Tschechien oder Deutschland ist.
Bei einem Filmfest verstecken sich diese sogenannten »Sieger der Herzen« gerne unter den
Independent-Filmen. Seit jeher eine Stärke des Münchner Filmfests, ließen sich auch dieses Jahr einige Vertreter in der Programmaufstellung finden. Es sind diese Filme, denen die Sympathie zufliegt, auch wenn ihnen rein technisch oft das gewisse Etwas fehlt, um sich gegen die Meister ihres Fachs durchsetzen zu können.
Symptomatisch dafür sei Chasing Summer erwähnt, dessen Titel einen in Anbetracht der Außentemperaturen fast hämisch aus dem Timetable an-
und auslachte. Josephine Deckers (Finally-)Coming-of-Age-Komödie erspielt sich mit ihrer Leichtfüßigkeit sehr schnell die Sympathien des Publikums. Doch der Film versteckt sich zu gut hinter seinem Humor, um wirklich wehzutun und um die tiefere Ehrlichkeit zu erreichen, die es zum Erwachsenwerden eben braucht. Ein taktischer Fehler.
Aber was wäre ein hitziges Sommerturnier ohne die vorgeschriebene Hydrationspause? Was bei der WM für hitzige Debatten sorgt – ob manch Schelm sich Böses bei dieser praktischen Option auf zusätzliche Werbepausen denken mag? –, wird hier ganz pragmatisch gelöst. Die inzwischen traditionelle Beergarden Convention lädt alle gesellig gestimmten Akkreditierten dazu ein, sich unter den Schatten spendenden Pavillons zwischen zwei Filmen etwas kühles Nass
einzuverleiben und sich über die jüngsten Seheindrücke auszutauschen.
Das Motto frei gewählt nach der österreichischen Trainerlegende Max Merkel: »Da habe ich gesagt: Sauft’s weiter!«
Selbstverständlich bleiben wir professionell – und es gibt schließlich auch alkoholfreie Getränke.
Ohnehin dominiert das Element Wasser das diesjährige Filmfest fast schon programmatisch, bis hin zur Preisverleihung. Auch so ist Film: Manchmal gewinnt der Bessere (Lukas Podolski): Strange River spült den CineCoPro Award an Land, Hair, Paper, Water badet mit dem CineRebels Award im Erfolg, die Young Jury krönt Los Nadadores / Die Schwimmer zum Gewinner, Plitsch Platsch Forever! wird mit dem CineKindl Publikumspreis ausgezeichnet und der thematisch wie emotional nah am Wasser gebaute A Girl Unknown angelt sich den Cinevision Award.
Einzig der charmante Indie Roadtrip einer Mutter und ihres immer erwachsener werdenden Sohns in Hot Water geht trotz stark ausgeprägten Wasserthemas baden.
Doch die Beergarden Convention dient nicht nur als Pausenraum für durstige Journalist:innen. Das Filmfest hat in den letzten Jahren merklich seinen der Filmbranche gewidmeten Zweig verstärkt. Der Innenhof der HFF wird durch einige Veranstaltungen der Industry Days zu einem seltenen Berührungspunkt zwischen Rezipierenden und Produzierenden. Es ist ein wenig wie die Fabel von der unbesonnenen Grille und der vorsorgenden Ameise: Während Cineasten eifrig über die
künstlerischen Qualitäten des Filmprogramms diskutieren, findet in der Parallelveranstaltung und -welt die Branche auf den Boden der Tatsachen zurück und diskutiert in oftmals realistisch-pessimistischen Podiumsgesprächen über die Zukunft der Branche.
Sobald die Industry Days enden und die Gäste abreisen, zeichnet sich bereits ein ähnlicher Effekt wie auf der Berlinale ab, wenn dort der European Film Market ebenfalls zur Festivalmitte zu Ende geht: Kaum ist die Branche
weg, klappt gefühlt die Hälfte des Filmfests zusammen. Die gemütlichen Bierbänke werden abtransportiert, die Pavillons abgebaut und auch die Festivalstätten werden merklich leerer.
Aber zum Glück bleibt immer noch das Wichtigste übrig: der Film an sich. Und so plötzlich wie die unbarmherzige Hitze bricht, sind dann in der zweiten Spielhälfte die Cineasten ganz unter sich. Wir Kritiker:innen sind pünktlich zum Finale sowohl körperlich als auch physisch topfit.
Und in Ermangelung eines laut aufspielenden Stadion-DJs hätten wir an dieser Stelle einen kleinen Ohrwurm für Sie:
Gute Freunde kann niemand trennen
Gute Freunde sind nie allein
Weil sie eines im Leben können
Füreinander da zu sein.
Gern geschehen.
(De-)hydriert und erfrischt geht es von der Beergarden Convention zurück in den Kinosaal. »Stark wie Flasche voll« oder wie ging das Zitat eines großen italienischen Trainers nochmal?
Unsere Herzen mögen den Underdogs und Indies, den alternativen und experimentellen Werken verschrieben sein. Aber ist es nicht auch das Beste, was einem Turnier passieren kann, wenn die Weltstars performen? Hier in München sind das nicht Mbappé, Kane und Haaland. Doch die Weltklasse hält hier definitiv Einzug in den Kinosaal: Trotz einer üppigen Nachspielzeit inklusive Verlängerung ist Hamaguchis All of a Sudden das ganz große Highlight.
Als zentrale Spielstätte für die ganz großen Namen ist seit ein paar Jahren das Deutsche Theater gesetzt. Hier werden im festlichsten Rahmen die verdientesten Lockauszeichnungen fürs Lebenswerk vergeben, die CineMerits. Es sind die glamourösesten Veranstaltungen – und paradoxerweise mit die Events, die das breitgefächertste Publikum willkommen heißen. Aber halt, wer prescht da ganz ohne CineWave an die Spitze, getragen von einer La-Ola-Welle seiner Anhänger? Der spanische Nationalheld Pedro Almodóvar badet so bodenständig, wie so etwas nur möglich ist, neben dem türkisenen Teppich in der Menge und freut sich ehrlich am Fanjubel. So ausgelassen, so nahbar, so zufrieden mit der Allgemeinsituation wünscht man sich, dem eigenen Helden zu begegnen. Leider verwirrt sich Almodóvars neuester Film Amarga Navidad / Bitteres Fest im Kopfspiel und verliert so etwas den liebevoll betrachtenden und ehrlichen Fokus auf die Figuren, der sonst die Handschrift des Regisseurs so sehr prägt.
… Aber was genau ist da drüben gerade passiert? Was ist die richtige Entscheidung? Klarer Fall: Wir brauchen einen Videobeweis. Der Film Teenage Sex And Death At Camp Miasma (Regie: Jane Schoenbrun) mit Hannah Einbinder und Gillian Anderson in den Hauptrollen spielt, mit einem Augenzwinkern auf das Slasher-Genre schauend, mit den (Meta-)Ebenen von Film und Wirklichkeit. Was wieder einmal zeigt, dass ein Videobeweis viele Perspektiven bietend, spannend und unterhaltsam zugleich sein kann.
Die salbeigrünen Rucksäcke mit dem Filmfestlogo verschwinden wieder aus dem Stadtbild, so wie sich mit dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft auch die Flaggendichte zurückbildet. Wir haben fertig. Flasche leer, endgültig.
Was bleibt also vom 43. Filmfest München? Keine roten Karten, keine Platzverweise, kein Foulspiel, keine (uns bekannte) Korruption – selbst Trump scheint mit keinem Anruf bei der Festivalleitung Einfluss auf die Preisverleihung genommen zu haben.
Für Münchner Cineasten fühlt sich das Filmfest nach einigen, inzwischen Jahre zurückliegenden und oft lamentierten Ausgaben längst wieder heimisch an. International geprägt und doch a bisserl provinziell, wie die Stadt selbst halt auch. Es war also im Grunde alles wie immer, nur noch ein wenig eingespielter als zuvor. Das liest sich so furchtbar langweilig und fast schon beleidigend. So ist es aber beileibe nicht gemeint: Das Filmfest findet vielmehr immer mehr zu sich selbst. Es verschwindet der Drang, nach außen hin etwas beweisen zu müssen. Wem auch? Die Berlinale wird es nie ersetzen, auch wenn regelmäßig filmfremde Regierungsvertreter etwaige Pläne während der Eröffnungsgala verkünden. Wir fahren eben nicht nach Berlin, wenn ein Heimspiel doch so viel gemütlicher ist.
Es steht dem Filmfest wesentlich besser, sich ganz auf den Film zu konzentrieren. Denn einige Leute halten Film für eine Frage von Leben und Tod. Wir mögen diese Einstellung nicht. Wir versichern Ihnen, dass er viel, viel wichtiger ist. (So der ehemalige Manager des FC Liverpool, Bill Shankley, und die Autor:innen)
Und einer geht noch, einer geht noch rein: Nach dem Film ist vor dem Film. (Sepp Herberger)