09.07.2026

Der runde Blick aufs Eckige

Beergarden Convention
»A new challenger has appeared... (Finally!)«
(Foto: artechock)

90 Minuten, internationaler Wettbewerb und das Spannende passiert in einem Viereck – ist das nun Kino oder Fußball? Wir sehen ein paar Parallelen zwischen dem 43. Filmfest München und der Fußballweltmeisterschaft

Von Anna Edelmann, Paula Ruppert und Chris Schmuck

»Vier­und­vierzig Fußball­beine rasen hin und rasen her, denn das Spielfeld ist begrenzt, und das macht’s besonders schwer«, sang einst Fredl Fesl. Auch die oder der eifrige Kritiker/in rast bei einem eng getak­teten Programm zuweilen von Kino zu Kino innerhalb der Münchner Stadt­grenzen – pünktlich schafft man es manchmal nur noch knapp. Unser Ziel: das eckige Spielfeld, auch bekannt als die Kino­lein­wand.

Überhaupt drängen sich einige Gemein­sam­keiten zwischen dem Filmfest München und der Fußball­welt­meis­ter­schaft der Männer auf: Wie bei manchen der Stadien der dies­jäh­rigen Fußball­welt­meis­ter­schaft sind auch die Kinosäle klima­ti­siert, Hydra­ti­onbreaks sind bei den hoch­som­mer­li­chen Tempe­ra­turen in regel­mäßigen Abständen verpflich­tend; die durch­schnitt­liche Spiel­film­länge beträgt mal mehr, mal weniger packende 90 Minuten, mit Nach­spiel­zeit oder Verlän­ge­rung auch etwas mehr. Grund genug, das dies­jäh­rige Film­tur­nier einmal als Spiel zu betrachten.

Aufwärm­trai­ning

Es ist Freitag und die ersten Mann­schaften laufen sich langsam auf dem Platz warm. Noch ist das Filmfest nur für akkre­di­tierte Presse-, und Indus­try­mit­glieder geöffnet. Es beginnt die große Show vor dem Eröff­nungs­spiel, bzw. -film, in der sich die Gastgeber vorstellen und man einen Vorge­schmack auf die kommenden Tage erhält. Einmal mehr beherrscht zunächst der Glamour die Bühne, bevor er den eigent­li­chen Haupt­ak­teuren weicht: Bei der WM singt Shakira die Titel­me­lodie, beim Filmfest dominiert Komponist Martin Kohlstedt fulminant am Piano. Im Vergleich zum sport­li­chen Pendant erspart sich das Filmfest aber glück­li­cher­weise die unnötige Selbst­be­weih­räu­che­rung. So eröffnet Paweł Pawli­kow­skis bereits den viel­be­spro­chenen und mit Hanns Zischler, Sandra Hüller und August Diehl star­be­setzten Vaterland rund um Thomas Mann und seine Tochter das Festival. Die Teams stehen bereit und… Anpfiff: Die Licht­spiele sind hiermit eröffnet.

Anpfiff und erste Halbzeit

Aber genug aufge­wärmt. Denn zwei Dinge sind beim Filmfest absolut sicher: Es über­schneidet sich regel­mäßig mit einem Fußball­wett­be­werb und findet während der heißesten Woche des Jahres (oder auch des Jahr­hun­derts) statt. 36 Grad, und es wird noch heißer – dennoch dauert es, bis der Funke über­springt. Treff­si­cher lautet der englische Slogan: »Bring your bathing suit.« Das heimische Publikum ließe sich eher locken mit: »Unsere Kinos sind klima­ti­siert.« Es erwartet uns also ein behäbiger Beginn. Endlich strömt das nicht nur von cine­as­ti­scher Vorfreude aufge­heizte Publikum herbei, um in den Sälen geistig wie körper­lich aufbau­ende Erfri­schung zu suchen. Der 12. Mann ist ein Muss, gerade bei diesen lähmenden Tempe­ra­turen! Und die ersten echten Hingucker lassen nicht allzu lange auf sich warten: Everytime und Das geträumte Abenteuer zeigen genau das, was unseren Jungs beim DFB in diesem Jahr in Übersee (in Nordame­rika, nicht am Chiemsee) so schmerz­haft gefehlt hat: Krea­ti­vität, Spiel­freude und der Mut, mal etwas völlig anderes zu machen als alle anderen. Auf Frank­reich ist indes im Film wie beim Fußball stets Verlass: Die Komödie L’Espèce explosive von Sarah Arnold sorgt als spritzige Dorf­sa­tire für eine Menge Laune und Lacher.

So ein inter­na­tio­nales Festival hat es auch an sich, dass man Filme zu sehen bekommt, die für gewöhn­lich nicht in deutschen Kinos laufen. Bei der WM entspricht das der Grup­pen­phase, in der man den anste­ckenden Enthu­si­asmus von Mann­schaften erleben kann, die es gewohn­heits­gemäß nicht in die K.O.-Runden schaffen – ob das nun Uruguay, Tsche­chien oder Deutsch­land ist.
Bei einem Filmfest verste­cken sich diese soge­nannten »Sieger der Herzen« gerne unter den Inde­pen­dent-Filmen. Seit jeher eine Stärke des Münchner Filmfests, ließen sich auch dieses Jahr einige Vertreter in der Programm­auf­stel­lung finden. Es sind diese Filme, denen die Sympathie zufliegt, auch wenn ihnen rein technisch oft das gewisse Etwas fehlt, um sich gegen die Meister ihres Fachs durch­setzen zu können.
Sympto­ma­tisch dafür sei Chasing Summer erwähnt, dessen Titel einen in Anbe­tracht der Außen­tem­pe­ra­turen fast hämisch aus dem Timetable an- und auslachte. Josephine Deckers (Finally-)Coming-of-Age-Komödie erspielt sich mit ihrer Leicht­füßig­keit sehr schnell die Sympa­thien des Publikums. Doch der Film versteckt sich zu gut hinter seinem Humor, um wirklich wehzutun und um die tiefere Ehrlich­keit zu erreichen, die es zum Erwach­sen­werden eben braucht. Ein takti­scher Fehler.

Hydra­tions- und Halb­zeit­pause

Aber was wäre ein hitziges Sommer­tur­nier ohne die vorge­schrie­bene Hydra­ti­ons­pause? Was bei der WM für hitzige Debatten sorgt – ob manch Schelm sich Böses bei dieser prak­ti­schen Option auf zusätz­liche Werbe­pausen denken mag? –, wird hier ganz prag­ma­tisch gelöst. Die inzwi­schen tradi­tio­nelle Beer­garden Conven­tion lädt alle gesellig gestimmten Akkre­di­tierten dazu ein, sich unter den Schatten spen­denden Pavillons zwischen zwei Filmen etwas kühles Nass einzu­ver­leiben und sich über die jüngsten Sehein­drücke auszu­tau­schen.
Das Motto frei gewählt nach der öster­rei­chi­schen Trai­ner­le­gende Max Merkel: »Da habe ich gesagt: Sauft’s weiter!«
Selbst­ver­s­tänd­lich bleiben wir profes­sio­nell – und es gibt schließ­lich auch alko­hol­freie Getränke.

Ohnehin dominiert das Element Wasser das dies­jäh­rige Filmfest fast schon program­ma­tisch, bis hin zur Preis­ver­lei­hung. Auch so ist Film: Manchmal gewinnt der Bessere (Lukas Podolski): Strange River spült den CineCoPro Award an Land, Hair, Paper, Water badet mit dem CineRe­bels Award im Erfolg, die Young Jury krönt Los Nadadores / Die Schwimmer zum Gewinner, Plitsch Platsch Forever! wird mit dem CineKindl Publi­kums­preis ausge­zeichnet und der thema­tisch wie emotional nah am Wasser gebaute A Girl Unknown angelt sich den Cine­vi­sion Award.
Einzig der charmante Indie Roadtrip einer Mutter und ihres immer erwach­sener werdenden Sohns in Hot Water geht trotz stark ausge­prägten Wasser­themas baden.

Doch die Beer­garden Conven­tion dient nicht nur als Pausen­raum für durstige Jour­na­list:innen. Das Filmfest hat in den letzten Jahren merklich seinen der Film­branche gewid­meten Zweig verstärkt. Der Innenhof der HFF wird durch einige Veran­stal­tungen der Industry Days zu einem seltenen Berüh­rungs­punkt zwischen Rezi­pie­renden und Produ­zie­renden. Es ist ein wenig wie die Fabel von der unbe­son­nenen Grille und der vorsor­genden Ameise: Während Cineasten eifrig über die künst­le­ri­schen Quali­täten des Film­pro­gramms disku­tieren, findet in der Paral­lel­ver­an­stal­tung und -welt die Branche auf den Boden der Tatsachen zurück und disku­tiert in oftmals realis­tisch-pessi­mis­ti­schen Podi­ums­ge­sprächen über die Zukunft der Branche.
Sobald die Industry Days enden und die Gäste abreisen, zeichnet sich bereits ein ähnlicher Effekt wie auf der Berlinale ab, wenn dort der European Film Market ebenfalls zur Festi­val­mitte zu Ende geht: Kaum ist die Branche weg, klappt gefühlt die Hälfte des Filmfests zusammen. Die gemüt­li­chen Bierbänke werden abtrans­por­tiert, die Pavillons abgebaut und auch die Festi­vals­tätten werden merklich leerer.

Aber zum Glück bleibt immer noch das Wich­tigste übrig: der Film an sich. Und so plötzlich wie die unbarm­her­zige Hitze bricht, sind dann in der zweiten Spiel­hälfte die Cineasten ganz unter sich. Wir Kritiker:innen sind pünktlich zum Finale sowohl körper­lich als auch physisch topfit.

Und in Erman­ge­lung eines laut aufspie­lenden Stadion-DJs hätten wir an dieser Stelle einen kleinen Ohrwurm für Sie:

Gute Freunde kann niemand trennen
Gute Freunde sind nie allein
Weil sie eines im Leben können
Fürein­ander da zu sein.

Gern geschehen.

Zweite Halbzeit

(De-)hydriert und erfrischt geht es von der Beer­garden Conven­tion zurück in den Kinosaal. »Stark wie Flasche voll« oder wie ging das Zitat eines großen italie­ni­schen Trainers nochmal?

Unsere Herzen mögen den Underdogs und Indies, den alter­na­tiven und expe­ri­men­tellen Werken verschrieben sein. Aber ist es nicht auch das Beste, was einem Turnier passieren kann, wenn die Weltstars performen? Hier in München sind das nicht Mbappé, Kane und Haaland. Doch die Welt­klasse hält hier definitiv Einzug in den Kinosaal: Trotz einer üppigen Nach­spiel­zeit inklusive Verlän­ge­rung ist Hama­guchis All of a Sudden das ganz große Highlight.

Als zentrale Spielstätte für die ganz großen Namen ist seit ein paar Jahren das Deutsche Theater gesetzt. Hier werden im fest­lichsten Rahmen die verdien­testen Lock­aus­zeich­nungen fürs Lebens­werk vergeben, die CineMe­rits. Es sind die glamourö­sesten Veran­stal­tungen – und para­do­xer­weise mit die Events, die das breit­ge­fächertste Publikum will­kommen heißen. Aber halt, wer prescht da ganz ohne CineWave an die Spitze, getragen von einer La-Ola-Welle seiner Anhänger? Der spanische Natio­nal­held Pedro Almodóvar badet so boden­s­tändig, wie so etwas nur möglich ist, neben dem türki­senen Teppich in der Menge und freut sich ehrlich am Fanjubel. So ausge­lassen, so nahbar, so zufrieden mit der Allge­mein­si­tua­tion wünscht man sich, dem eigenen Helden zu begegnen. Leider verwirrt sich Almo­dó­vars neuester Film Amarga Navidad / Bitteres Fest im Kopfspiel und verliert so etwas den liebevoll betrach­tenden und ehrlichen Fokus auf die Figuren, der sonst die Hand­schrift des Regis­seurs so sehr prägt.

… Aber was genau ist da drüben gerade passiert? Was ist die richtige Entschei­dung? Klarer Fall: Wir brauchen einen Video­be­weis. Der Film Teenage Sex And Death At Camp Miasma (Regie: Jane Schoen­brun) mit Hannah Einbinder und Gillian Anderson in den Haupt­rollen spielt, mit einem Augen­zwin­kern auf das Slasher-Genre schauend, mit den (Meta-)Ebenen von Film und Wirk­lich­keit. Was wieder einmal zeigt, dass ein Video­be­weis viele Perspek­tiven bietend, spannend und unter­haltsam zugleich sein kann.

Abpfiff und Spielende

Die salbei­grünen Rucksäcke mit dem Film­fest­logo verschwinden wieder aus dem Stadtbild, so wie sich mit dem Ausscheiden der deutschen Mann­schaft auch die Flag­gen­dichte zurück­bildet. Wir haben fertig. Flasche leer, endgültig.

Was bleibt also vom 43. Filmfest München? Keine roten Karten, keine Platz­ver­weise, kein Foulspiel, keine (uns bekannte) Korrup­tion – selbst Trump scheint mit keinem Anruf bei der Festi­val­lei­tung Einfluss auf die Preis­ver­lei­hung genommen zu haben.

Für Münchner Cineasten fühlt sich das Filmfest nach einigen, inzwi­schen Jahre zurück­lie­genden und oft lamen­tierten Ausgaben längst wieder heimisch an. Inter­na­tional geprägt und doch a bisserl provin­ziell, wie die Stadt selbst halt auch. Es war also im Grunde alles wie immer, nur noch ein wenig einge­spielter als zuvor. Das liest sich so furchtbar lang­weilig und fast schon belei­di­gend. So ist es aber beileibe nicht gemeint: Das Filmfest findet vielmehr immer mehr zu sich selbst. Es verschwindet der Drang, nach außen hin etwas beweisen zu müssen. Wem auch? Die Berlinale wird es nie ersetzen, auch wenn regel­mäßig film­fremde Regie­rungs­ver­treter etwaige Pläne während der Eröff­nungs­gala verkünden. Wir fahren eben nicht nach Berlin, wenn ein Heimspiel doch so viel gemüt­li­cher ist.

Es steht dem Filmfest wesent­lich besser, sich ganz auf den Film zu konzen­trieren. Denn einige Leute halten Film für eine Frage von Leben und Tod. Wir mögen diese Einstel­lung nicht. Wir versi­chern Ihnen, dass er viel, viel wichtiger ist. (So der ehemalige Manager des FC Liverpool, Bill Shankley, und die Autor:innen)

Und einer geht noch, einer geht noch rein: Nach dem Film ist vor dem Film. (Sepp Herberger)