27.06.2026

Kurzkritiken zu Filmen aus allen Sektionen – in alphabetischer Reihenfolge

Von artechock-Redaktion

18 bucaros para o paraiso
R: João Nuno Pinto · Argen­ti­nien/I/P 2025 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

Rauch­schwaden der Zukunft. Eine Groß­fa­milie trifft sich auf ihrem riesigen Anwesen, um über die Zukunft zu entscheiden. Verkauft man und geht mit der Zeit, oder korrum­piert man damit das Vermächtnis der Vorfahren? Dazwi­schen die Sorgen der Tochter der Haus­häl­terin, die um die Zukunft ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter bangt. Eine Hitze­welle sorgt dafür, dass ein Großbrand um sich greift und der Rauch die Familie in die immer enger werdenden Räume zwängt. Während der Raum kleiner wird, werden die Zukunfts­sorgen und Konflikte immer größer, entladen sich in Frust und Alko­hol­konsum. Das Fami­li­en­drama ist ausge­stattet mit beein­dru­ckender Kame­ra­ar­beit, die die Weiten des Anwesens wie auch die Zuflucht in die scheinbar zu kleine Welt des Hauses atem­be­rau­bend ablichtet. Hat der Brand das Haus erreicht, ist die Zukunft nach wie vor ungeklärt. Das einzige, was sicher zu sein scheint, ist die Unsi­cher­heit. Die Räume der Erin­ne­rung mögen ausbrennen, doch verschwinden werden sie nicht. – Chris Schmuck

3 Zile În Septem­brie
R: Tudor Giurgiu · RO 2026 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

Eine Stunde, eine einzige Einstel­lung und keine Zeit zum Verschnaufen. Mit 3 Zile În Septem­brie macht Tudor Giurgiu seine Plan­se­quenz zum Motor der Erzählung. Die Kamera folgt Bianca während ihrer Hoch­zeits­nacht, die eine drama­ti­sche Wendung nimmt, als sie den Betrug ihres Verlobten entdeckt. Die ständig bewegte Kamera begleitet diesen Zusam­men­bruch mit großer Dynamik. Diese Insze­nie­rung hält eine ständige Spannung aufrecht und vermit­telt den Eindruck, die Ereig­nisse in Echtzeit mitzu­er­leben. Hinter dieser geschlos­senen Kulisse zeigt der Film auch eine umfas­sen­dere Realität. Durch den Blick der Mutter hinter­fragt er einen nach wie vor sehr präsenten gesell­schaft­li­chen Druck: zuerst zu heiraten und die Probleme erst danach zu lösen. Eine Logik, die oft dazu führt, den Schein zu wahren, anstatt Konflikte anzugehen – aus Angst, sich vor anderen bloß­zu­stellen. – Aymeric Dupuis

All of a Sudden
R: Ryûsuke Hamaguchi · F/B/D/J 2026 · CineMas­ters

Unzer­trenn­liche Gefähr­tinnen. Bei einem Spazier­gang entlang der Seine erzählt Pfle­ge­heim­lei­terin Marie-Lou (Virginie Efira) von ihrem Anthro­po­lo­gie­stu­dium in Japan. Thea­ter­re­gis­seurin Mari (Tao Okamoto) studierte Philo­so­phie in Paris. Sie haben sich eben erst kennen­ge­lernt, als Mari offenbart, dass sie an Krebs leidet. Über ihre spie­gel­bild­lich verschränkten Biogra­phien verbinden sie sich unver­se­hens. Ryûsuke Hamaguchi gestaltet das Zusam­men­treffen seiner Figuren an der Grenze der Sterb­lich­keit mit außer­ge­wöhn­li­chem Tiefen­ge­fühl. Er setzt seine huma­nis­ti­sche Utopie in den Alltag eines Alten­pfle­ge­heims und bindet sie in eine Reflexion kapi­ta­lis­ti­scher Struk­turen ein. Drei unver­gess­liche Stunden lang kommen wir in Berührung damit, was es bedeutet, am Leben zu sein, den Körper zu spüren und Liebe fürein­ander zu empfinden. – Amelie Hoch­häusler

Krankheit kann, wie Liebe, plötzlich zuschlagen – wobei es in diesem Film um beides eigent­lich nur am Rande geht. Ryûsuke Hama­guchis neuer Film, erstmals nicht komplett in Japan ange­sie­delt, ist ambi­tio­niert und huma­nis­tisch, aber auch reichlich belehrend und einfach etwas zu lang, weil seine drei Film­stunden durch »das Medi­ta­tive« allein nicht gerecht­fer­tigt werden. Es handelt sich eher um Posen des Slow Cinema. »Das Japa­ni­sche« ist mehr Geste, als Substanz. Am stärksten ist All of a Sudden, wenn er die über­kon­stru­ierte Zwei­er­be­zie­hung in seinem Zentrum verlässt: in den realis­ti­schen Szenen mit Demenz­pa­ti­enten und ihren Familien, unterlegt mit alten Fotos. Zärtlich und schön gefilmt, wirkt alles zugleich lackiert, konstru­iert und mit einigen allzu-perfekt-fürsorg­li­chen Figuren ausge­stattet. Kurz: reichlich selbst­ver­liebt. – Rüdiger Suchsland

Ein stiller Film über das Ende, der das Leben umso kostbarer erscheinen lässt. Erzählt wird von zwei Frauen, die einander erst kurz vor dem Abschied begegnen: von der Pfle­ge­heim­lei­terin Marie-Lou und der todkranken Thea­ter­re­gis­seurin Mari. Aus ihrer unver­hofften Freund­schaft entsteht kein Trost durch Jenseits­ver­spre­chen, sondern durch Sprache, Aufmerk­sam­keit und Berührung. Hamaguchi verwan­delt philo­so­phi­sche Debatten über Pflege, Kapi­ta­lismus, Kunst und Sterb­lich­keit in erstaun­lich leben­diges Kino. Virginie Efira und Tao Okamoto spielen mit doku­men­ta­ri­scher Wahr­haf­tig­keit, während die Kamera Blicke, Gesten und Zufälle sammelt, bis der vorher­seh­bare Abschied in den Bergen von Kyoto nicht wie eine Nieder­lage wirkt, sondern wie ein kleines Wunder. – Tanja Moll

Anoche conquisté Tebas
R: Gabriel Azorín · E/P 2025 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

Ein wunder­samer Brücken­schlag zwischen Video-Gamern und alten Römern vollzieht sich im Nord­westen Spaniens, an der Grenze zu Portugal. Fünf junge Männer unter­halten sich über ihre heroi­schen Erfolge in Compu­ter­spielen, während sie sich Schritt für Schritt durch eine urtüm­liche Sumpf­land­schaft voran­kämpfen. An ihrem Ziel, in den Ruinen eines antiken Ther­mal­bads, durch­leben sie dann unter einem über­wäl­ti­genden Ster­nen­himmel eine magische Nacht, in der sie rück­haltlos von ihren Unsi­cher­heiten und exis­ten­ti­ellen Ängsten sprechen. Später lauschen wir am selben Ort Latein spre­chenden jungen Männern, die über ihre Zweifel am Kriegs­ein­satz in der fernen Provinz Dakien sinnieren. Gabriel Azorín und sein Kame­ra­mann Giuseppe Truppi öffnen in einem betö­renden Flow die Tore der Wahr­neh­mung. – Wolfgang Lasinger

Bären­jagen
R: Peter Meister · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Teneriffa: Bären­jagen ist eine Sensation. Eine histo­ri­sche Komödie, als wäre dieses Genre in Deutsch­land nicht fast so ausge­storben wie der letzte Bär. Peter Meister, der schon mit Das schwarze Quadrat aus der Heist-Komödie etwas Eigenes, Schräges, Neues gemacht hat, gelingt hier ein fast noch größerer Wurf. Deutsch­land 1834: die Revo­lu­tion gärt, Büchners Hessi­scher Landbote zirku­liert, Amerika lockt als demo­kra­ti­sche Projek­tion und ein Bär soll als unbüro­kra­tischste aller Lösungen die unzu­frie­dene Bevöl­ke­rung ablenken. Daraus wird ein furioser Western über Leute, die wegwollen, aber im deutschen Wahnsinn fest­ste­cken. Das Ensemble läuft zu Hochform auf, die Dialoge sitzen, der Sound­track ist grandios eigen­willig: »Wenn ich ein Vöglein wär«, Düster­boys Teneriffa-Sehnsucht. Selten war Vormärz so komisch, klug und gegen­wärtig. Und Applaus in der Pres­se­vor­füh­rung: wann gab’s das schon? – Axel Timo Purr

Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag
R: Christoph Otto · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Döner-Therapie: Christoph Ottos Film ist ein Kneipen-Mosaik als Deutsch­land­dia­gnose, eine nächt­liche Ethno­grafie zwischen Tresen, Shisha-Lounge, Döner-Therapie und Anti­al­kohol-Liga. Denn Alkohol ist hier nicht nur Rausch­mittel, sondern auch Wahr­heits­serum, Trigger, Gesprächsöffner und Kata­stro­phen­be­schleu­niger: Plötzlich liegen Patri­ar­chat, Nahost­kon­flikt, Heizungs­ge­setz, steigende Mieten, Boomer-Frust und die Frage, ob Jesus heute noch eine Runde ausgeben würde, auf dem Tisch. Das ist Feld­for­schung mit geiler Kamera, komisch, böse, präzise. Eine Poli­zistin redet Racial Profiling klein und wird über­griffig groß, poli­ti­sche Haltungen verhärten sich, alte Wunden brechen auf, Deutsch­land steht gleich­zeitig am Abgrund und im vermeint­li­chen Höhenflug. Die Dialoge sitzen, die Szenen knallen, jede Bar wird zur Versuchs­an­ord­nung. Ein furioses, trink­festes, hell­wa­ches Gegen­warts­pan­orama. Und natürlich auch: ein fantas­ti­scher Köln-Film! – Axel Timo Purr

Bitteres Fest
R: Pedro Almodóvar · Spanien 2026 · Spotlight

Der Film im Film...im Film. Vor lauter Meta-Ebenen könnte man fast den Überblick verlieren, wäre Almodóvar nicht Altmeister der Verschach­te­lungen. Der Film erzählt von der Kunst und von Trauer. Wir wohnen Wort­ge­fechten bei: Ist es geschmacklos, die private Tragödie eines Menschen für seine Kunst zu nutzen, oder ist es nötig als Künstler, seine Realität in seine Kunst einzu­ar­beiten? Eine Frage ohne richtige Antwort. Dies weiß auch Almodóvar, der diese Fragen nie einseitig verhan­delt, den Zuschauer vielmehr seine eigenen Antworten in den Dialogen suchen lässt. Dabei verschmelzen die Geschichten des geal­terten Autoren Raúl und dem neuen Drehbuchs, das er gerade schreibt, mitein­ander. Immer weiter verschiebt er die Grenzen der Inspi­ra­tion, zu Lasten der Beziehung mit seinem Umfeld. Seine Haupt­figur Elsa flüchtet ins idyl­li­sche Lanzarote, um ihre inneren Konflikte zu lösen, Raúl in sein Drehbuch, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Während Raúls gefähr­li­ches Spiel mit der Inspi­ra­tion zu Brüchen führt, scheint Elsa ihre Erlösung zu finden. – Chris Schmuck

Realität vs. Fiktion. Almodóvar selbst bezeichnet seinen neuesten Film Bitteres Fest als »fast schon auto­bio­gra­phisch«. Ein Regisseur auf der Suche nach Inspi­ra­tion für seinen nächsten großen Film. Hier heißt Pedro aber Raúl und schreibt gerade sein nächstes Drehbuch. Es handelt von Elsa, einer Regis­seurin, die von Trauer und Schmerz geplagt ist. Wie Raúl. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion beginnen zu verschwimmen, als er die Ereig­nisse seiner Freunde mit ins Drehbuch einbettet. Es ist eine Sache, sich selbst als Inspi­ra­tion für seine Kunst zu nehmen, aber seine engsten Vertrauten? Raúl ändert Namen und Geschichten, doch der Kern bleibt vorhanden. Elsa ist Raúl. Patricia ist Mónicas Freundin Elena. Bonifacio ist Santi. Trotz feuriger Kritik von seiner Ex-Kollegin Mónica schreibt Raúl weiter und die Antwort auf die Frage der Inspi­ra­tion bleibt offen. – Karolina Brell

Bruno – Der junge Kreisky
R: Harald Sicheritz · Ö/D 2026 · CineCoPro

Nach der letzten freien Natio­nals­rats­wahl am 9. November 1930 befindet sich Öster­reich auf dem Weg in einen auto­ri­tären Stän­de­staat. Der Gymna­siast Bruno Kreisky (Nils Arztmann mit »Blondchen in Blüten«-Charme) ist als Indus­tri­el­len­sohn ein »Gestopfter«, den die sozia­lis­ti­sche Arbei­ter­jun­gend Wiens nicht in ihren Reihen haben will. Doch er taucht immer wieder bei deren illegalen Treffen auf und geht für seine poli­ti­schen Über­zeu­gungen sogar ins Gefängnis. Am Tag seines Jura-Examens vollzieht Hitler den »Anschluss« Öster­reichs, was den jüdischen Sozi­al­de­mo­kraten Kreisky doppelt in Gefahr bringt. Die weit­ge­hend unbe­kannte Jugend­zeit des legen­dären SPÖ-Bundes­kanz­lers wäre ein lohnendes Thema gewesen. Doch Sicheritz macht daraus zu nervender Musik und vor der immer­glei­chen Straßen­ku­lisse Geschichts­un­ter­richt mit der Holz­ham­mer­me­thode. – Katrin Hill­gruber

Chili Finger
R: Edd Benda, Stephen Helstad · USA 2026 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

Finger­food Film. Jess verliert ihre Tochter an das College und findet am selben Tag einen abge­trennten Finger in ihrem Fast Food. Immerhin erhält sie viel Geld für ihre Schweig­sam­keit. Doch der Fran­chise­geber ist miss­trau­isch und möchte heraus­finden, wo der Finger herkommt. Das erinnert mit skurrilen Figuren, trockenem Humor, vielen Wendungen, etwas Gewalt und John Goodman stark an frühe Coen-Brüder-Filme. Glück­li­cher­weise aber es ist es dann doch keine vorher­seh­bare Hommage – der Film zeigt vielmehr, wie viel doch in diesem einfachen Konzept steckt. Die Eska­la­tion macht Spaß und die Figuren verschwinden nicht hinter den Stars (neben John Goodman noch Judy Greer, Sean Astin und Bryan Cranston). Sie behalten unter ihrer Absur­dität doch noch etwas Echtes und Greif­bares. Kurz­weilig, spaßig, mit ein bisschen Herz – Finger­food halt. – Nicolai Meußling

Couture
R: Alice Winocour · F/USA 2025 · Spotlight

Zwischen Laufsteg, Leis­tungs­druck und Lebens­krisen. Couture begleitet drei Frauen, die im Trubel der Paris Fashion Week ihren eigenen Heraus­for­de­rungen gegen­ü­ber­stehen. Maxine, eine Regis­seurin, die mit Mode wenig anfangen kann, soll einen Kurzfilm drehen und erhält gleich­zeitig eine nieder­schmet­ternde Krebs­dia­gnose. Ada, ein Nach­wuchs­model aus Kenia, ringt mit Über­for­de­rung, fami­liären Lügen und einer Branche, die sie sofort objek­ti­viert. Angèle, routi­nierte Make-Up-Artist im Backstage-Chaos, die eigent­lich ganz anderen Träumen folgen möchte. Alice Winocour findet in dieser lärmenden, rastlosen Modewelt jene stillen Augen­blicke, in denen die Figuren ihre Bruch­stellen zeigen. Gerade dieser Kontrast zwischen äußerem Tempo und inneren Konflikten verleiht dem Werk seine Kraft. Ein Film über die glit­zernde Ober­fläche der Modewelt und die stillen Krisen der Menschen dahinter. – Pia Kottbusch

Dayd­rea­ming Lullabies
R: Ehsan Noor­ta­qani · Iran 2026 · Wett­be­werb Cine­vi­sion

In a prison, what’s left to see but a dream? Der Afghane Majid ist in den Iran geflohen, um seiner Schwester ein besseres Leben zu bieten – aber jetzt soll sie verhei­ratet werden. »Willst du ihr nun auch noch ihre Träume nehmen?«, flüstert die Sehn­suchts­figur, die Majids nächt­liche Schlaf­lo­sig­keit durch­bricht und sich wie ein Seiden­tuch um seine Einsam­keit schmiegt. Er arbeitet auf Baustellen, wo er nicht hingehört. Wo die Leute nicht sprechen, sondern sich nur auskotzen. Gefangen in einem Dickicht milchiger Planen, die Majids Behausung genauso durch­ziehen wie seine nächt­li­chen Gedanken. Dort hinein mischen sich die Rufe der schönen Fremden, die als Aufblitzen auf dem Handy­dis­play begannen. Wo Worte keine Heilung bringen, verfällt Majid ihrem betö­renden Tanz. Ein Film, der von Schat­ten­spielen regiert wird und sich anfühlt wie ein Wachtraum ohne Ausweg. – Maria Feckl

Drei Kame­ra­dinnen
R: Milena Aboyan · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Erklär mir meine Wut: Milena Aboyans Drei Kame­ra­dinnen ist ein gut gemeinter Affront-Film gegen doppel­mo­ra­lige »positive Inte­gra­ti­ons­pro­gnosen« der weißen deutschen Mehr­heits­ge­sell­schaft – und gerade daran scheitert er auch. Shida Bazyars Roman­vor­lage war schon enga­gierte Prosa mit einem Hang zur Lehrfabel, die ihre Figuren bisweilen zu Aufsa­ge­au­to­maten bestimmter Haltungen machte; die Verfil­mung verstärkt dieses Problem noch. Hani, Kasih und Saya sollen in unter­schied­li­chen Tonlagen gegen die Zumu­tungen der deutschen Gesell­schaft, gegen Rassismus, Medi­en­bilder und Verdäch­ti­gungs­lo­giken anschreien. Nur vertraut der Film dieser Wut kaum, sondern erklärt sie unentwegt: aus dem Off, im fiktiven Inter­view­rahmen, in über­deut­li­chen Medi­en­sa­tiren, in erra­ti­schen Anima­ti­ons­spie­le­reien, im finalen Monolog, der noch einmal sagt, was längst gesagt wurde. Ein viraler Video­aus­schnitt, verschlei­erte Tanten, der farbige Leif: alles wird hier zum Zeichen, zur These, zur pädago­gi­schen Markie­rung. Dabei läge die Stärke im Wider­spruch zwischen Sayas Wider­stand und dem so anderen „Überleben“ von Hani und Kasih. Doch Drei Kame­ra­dinnen will nicht aushalten, dass Ambi­va­lenz politisch schärfer sein kann als Erklärung. Wenn unsere Mütter weinen, müssen wir für sie lächeln: ein starker Satz. Der Film aber lächelt nicht. Er doziert nur. – Axel Timo Purr

Erin­ne­rungen eines Waldes
R: Katharina Rabl · Deutsch­land/Öster­reich 2026 · Neues Deutsches Kino

Erinnerungen eines Waldes
Jullia Windisch­bauer fällt einen Baum (Foto: Filmfest München · Mischief, Leykauf)

Baum für Baum eine Lichtung schlagen. Frieda hat von ihrer Oma einen Wald geerbt. Der »Zullus« war in der Familie ein wichtiger Ort, die Oma hat ihn einst gepflanzt. Weil die Eltern kaum den Hof halten können, will Frieda, die in Wien kurz vor dem Abschluss ihrer Doktor­ar­beit steht, den Wald verkaufen. Oder zumindest einzelne Bäume, um die Beer­di­gung zu bezahlen. Der »Käfer« aber kommt ihr dazwi­schen, hat den Wald wertlos gemacht. Katharina Rabl und ihre Dreh­buch­au­torin Karla Cristòbal erzählen von einem trans­ge­ne­ra­tio­nellen Schicksal. Wie die Borke eines Baumes trägt der Film die Lügen einer Familie Schicht für Schicht ab, bis der Stamm nackt und für alle sichtbar daliegt. Dafür fällt die mund­art­spre­chende Julia Windisch­bauer sogar Bäume, und Johanna Orsini, die man aus den Filmen von Daniel Hoesl kennt, gibt die bärbeißige Mutter. – Dunja Bialas

Erzähl mir dein Morgen
R: Ella Cies­linski, Nina Wesemann · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Spiel­arten des Lebens: Erzähl mir dein Morgen hat eine schöne Idee. Zwei Freun­dinnen treffen in der alten Heimat nicht nur aufein­ander, sondern auch auf ihre früheren und möglichen späteren Ichs, die in der filmi­schen Gegenwart neue verhan­delt werden. Nico und Lori arbeiten mit Schülern, die mit ihrem fiktiven 30-jährigen Zukunfts-Ich sich selbst einen Brief in die Vergan­gen­heit schicken sollen. Und plötzlich steht die Frage im Raum, was aus den eigenen Lebens­ent­würfen von Nico und Lori geworden ist und es stellt sich heraus: Das Leben kommt anders, als man denkt. Das ist nett und auch wahr, aber nicht sonder­lich über­ra­schend. Inter­es­sant wird der Film dort, wo er fast ethno­gra­fisch vom klein­s­täd­ti­schen Allerlei erzählt, von Schule, Herkunft, Weggehen und Bleiben. Doch die Umsetzung ist holprig. Timing und Tonalität geraten immer wieder aus den Fugen, die Dialoge stocken so steif, dass man aus der eigent­lich inten­siven Freund­schafts­ge­schichte lieber wieder Abschied und in eine ungewisse Zukunft flüchten möchte. – Axel Timo Purr

Everytime
R: Sandra Wollner · Deutsch­land/Öster­reich 2026 · CineCoPro

Trauer und Träume. Eine durch­zechte Nacht, ein verne­belter Morgen und dann ein Schock! Vorr­aus­ge­hend die klare Empfeh­lung, sich nicht über diesen Film zu infor­mieren. Sandra Wollner scho­ckiert zunächst mit einem Schlag in die Magen­grube, um uns danach mitzu­nehmen auf eine Reise zwischen Traum und Realität. Sie verzichtet auf die gängigen Bilder solcher Fami­li­en­tra­gö­dien, die abgenutzt und repetitiv wirken könnten, sondern erforscht den Schmerz mithilfe subtiler Andeu­tungen, unaus­ge­spro­chener Schuld­zu­wei­sungen sowie der Verschmel­zung von Traum und Wirk­lich­keit. Der von Aftersun bekannte Kame­ra­mann Gregory Oke sorgt dabei für atem­be­rau­bende Bilder, egal ob vom Urlaubs­pa­ra­dies Teneriffa oder im Dickicht der Hoch­häuser von Berlin. Everytime hallt auch Stunden und Tage nach dem Ansehen noch nach, lässt einen schwelgen in den Gedanken von Traum und Wirk­lich­keit. Eine einzig­ar­tige Erfahrung. – Chris Schmuck

Sandra Wollner ist ein wirklich großer Film geglückt! Für mich ist Everytime bisher der beste Film des Jahres: Reif, alles über Bilder erzählend, ohne auf Dialoge zu verzichten und in Slow-Cinema-Manie­rismen zu verfallen; ruhig, genau im richtigen Moment langsam, aber auch schnell, ohne daraus einen Fetisch zu machen. Ein Film, der das Rätsel an den Anfang stellt, ohne sich zu verrät­seln – denn Geschichte und Figuren sind eigent­lich ganz einfach. Ein Kind verschwindet. Wie bei Antonioni öffnet sich der Vertigo und ein Riss: Ein Moment der Leere, der Everytime. Schon vorher war alles möglich in diesem Film – Latenz ohne Bedrohung. Viel­leicht war, wie bei Camus, am Ende die Sonne schuld. Im Kino von Sandra Wollner ist alles möglich. Ein mutiger, toller Film! »Ever­y­thing is connected«, sagt Chris Marker. – Rüdiger Suchsland

Eindring­li­ches Drama über Verlust, Trauer und die Zerbrech­lich­keit der Wirk­lich­keit. Was zunächst wie eine realis­ti­sche Geschichte über den Tod der sieb­zehn­jäh­rigen Jessie beginnt, entwi­ckelt sich durch einen über­ra­schenden surrealen Twist zu einer poeti­schen Reflexion über Erin­ne­rung und Wahr­neh­mung. Wie in einem Paral­lel­uni­versum findet die jüngere Schwester Melli einen Raum, in dem die Zeit­ebenen verschmelzen und Trost und Hoffnung herauf­be­schwören. Besonders beein­dru­ckend sind die starken Bilder — etwa der quadra­ti­sche Sonnen­un­ter­gang, der ihre Perspek­tive wider­spie­gelt und zeigt, wie das Kino Realität verwan­deln kann. Eine visuell außer­ge­wöhn­liche Erfahrung! – Tanja Moll

Father­land
R: Paweł Pawli­kowski · D/F/I/PL 2026 · CineCoPro

Vaterland
Eröff­nungs­film des 43. Filmfest München (Foto: Filmfest München · Neue Visionen)

Fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn: Pawel Pawli­kow­skis Father­land ist der Eröff­nungs­film des dies­jäh­rigen Filmfests und weniger eine Verfil­mung von Colm Tóibíns »Zauberer« als eine aske­ti­sche Auskopp­lung. Breitet der Roman Leben, Familie, Exil, Begehren und Werk Thomas Manns episch aus, kompri­miert der Film all dies auf wenige Tage, wenige Räume, wenige Blicke. Diese Konzen­tra­tion ist einer­seits faszi­nie­rendes, ästhe­ti­sches und schau­spie­le­risch großartig umge­setztes Prinzip, aber immer wieder auch Makel. Denn wo der Roman Verflech­tungen sichtbar macht, setzt der Film auf Ellipse, histo­ri­sche Kenntnis und die Resonanz des Unge­sagten. Das wirkt mal wie Verdich­tung, dann aber wie ein Zuviel an Leer­stelle: Figuren und Konflikte blitzen nur auf, statt sich zu entfalten. Gerade Szenen, die etwa Klaus Mann und die Verseh­rungen der Manns berühren, wirken dadurch nicht verdichtet, sondern sche­ma­tisch, fast stereotyp und wie allzu bekannte Chiffren für Exil, Drogen­sucht, Homo­se­xua­lität, Vater­kon­flikt und Selbst­zer­störung, ohne dass der Film ihnen genügend Zeit gäbe, aus dieser Funk­ti­ons­haf­tig­keit heraus­zu­treten. – Axel Timo Purr

Forever 16
R: Brezel Göring · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Super 8, Super geil: Brezel Görings Forever 16 ist so was, bei dem man nach zehn Minuten denkt: Was ist das denn? Und nach elf: Warum gibt es davon nicht viel mehr? Drei alte Freun­dinnen nach Jahren mal wieder zusammen, ein gemein­samer Urlaub, verletzte Eitel­keiten, alte Expe­ri­men­tal­film­grup­pen­wunden, dann kommt noch Rudolf dazu und plötzlich soll ein Film über eine Seri­en­mör­derin gedreht werden. Natürlich schram­melig. Natürlich schief. Natürlich großartig. So wie Forever 16 selbst. Wo andere Filme Freund­schafts-Reenact­ments und Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung brav ausbuch­sta­bieren – siehe Erzähl mir dein Morgen – flackert hier alles: Farben, Ton, Dialoge, Begehren, Mordlust, Musik. Die Sätze wie schlecht gelernt und noch schlechter aufgesagt, aber genau darin liegt ihr Glück: prallhohl, abgründig, komplett neben der Spur und doch präziser als jeder Realismus. Dazu dieser affen­geile Stero-Total-Sound­track, der jede Szene anstößt, mitschleift, hochdreht, als sei das Kino plötzlich DJ-Pult, Kellerbar, Kunst­in­stal­la­tion und schlechte Idee zugleich. »Wann hattest du das letzte Mal einen Orgasmus?« – »Im Traum.« – »Und davor?« – »Beim Wichsen.« Geht’s noch besser? Forever 16 ist viel­leicht die schönste, schrägste Über­ra­schung dieses Filmfests: unscharf, unver­schämt, unsterb­lich halbstark. – Axel Timo Purr

Stereo Total: Gibt es so nicht mehr. 2021 ist Sängerin Françoise Cactus der deutschen Band verstorben. Grün­dungs­mit­glied Brezel Göring hat ihr nun ein feder­leichtes Requiem gedreht, den auf Super-8 gefilmten Für Immer 16, der auf einem Roman von Cactus basiert. Ein gemein­samer Urlaub soll das zerstrit­tene Expe­ri­men­tal­film-Trio Charlotte, Helena und Oskar wieder zusam­men­bringen, gelang­weilt beschließen sie der alten Zeiten wegen einen Krimi­nal­film zu drehen. Die ketten­rau­chende Lilith Stan­gen­berg ist das fulmi­nante Zentrum dieses schönen, wilden, amüsanten Films, der freimütig mit Amateur­film-Motiven koket­tiert. Im Latex­anzug werden in der prallen Sonne Männer gemordet, Geigen dürfen ausschließ­lich schief gespielt werden, und jedwede Moral bleibt ohnehin auf der Strecke: »Der Mord hat dir gutgetan!« – Benedikt Gunten­taler

Die Gäste
R: Cristina Diz, Stefan Butz­mühlen · Deutsch­land/Spanien 2026 · CineCoPro

Die ganze Unge­heu­er­lich­keit des Begriffs Gast­ar­beiter zeigt sich in Cristina Diz’ und Stefan Butz­müh­lens äußerst präziser Signatur der frühen 70er Jahre. Irias Mutter hat sich der männ­li­chen Dominanz im heimat­li­chen Galicien nach Köln entzogen, nach einem Arbeits­un­fall verfügt die Verwandt­schaft, dass die im Koma Liegende nach Spanien gebracht wird. Irias Freund, Hajo, aus besserer Familie und rebel­li­scher Student, erklärt sich bereit, sie in seinem Kombi gemeinsam mit Iria zu über­führen. Der Roadtrip über die Grenzen offenbart eine gespens­ti­sche Allianz des Patriachats in der BRD und im Spanien Francos, der sich Iria entge­gen­stemmt. Die spröd-herbe Kame­ra­ar­beit von Rui Poças schafft poetische Momente von seltener atmo­sphäri­scher Prägnanz, in der Vertraut­heit und Fremde auf unheim­liche Weise verschmelzen. – Wolfgang Lasinger

Überall zu Gast. Iria hat sich an das Köln der 70er Jahre eini­ger­maßen gewöhnt, bis ihre Mutter verletzt wird. Die Ärzte können nicht viel machen, und ihre Familie ist sich einig, dass sie zurück nach Galicien muss. Irias Freund Hajo erklärt sich bereit, sie im Auto seiner Eltern in die Heimat zu fahren. Auf diese Fahrt baut der Film auf und gibt uns dort ein bisschen von allem: Sie streiten sich ein bisschen, versöhnen sich ein bisschen, tanzen ein bisschen, erfahren ein bisschen über sich selbst. Ein bisschen ober­fläch­lich bleibt das zwar, aber das kann man dem Film verzeihen, denn ange­kommen in Galicien fügt sich alles zusammen und auf einmal ist Iria auch Gast in ihrem alten Zuhause. Die Fragen nach Fremde und Heimat werden erweitert und konkre­ti­siert. Wir sehen, wie Einsam­keit und Entfrem­dung in geteilten Vergan­gen­heiten entstehen können, wir sehen, was es bedeutet, immer Gast zu sein. – Nicolai Meußling

Gentle Monster
R: Marie Kreutzer · D/F/A 2026 · CineMas­ters

Am Stamm­tisch: Marie Kreutzers Drama operiert am Nabel des Zeit­ge­schmacks und wie schon in ihrem letzten, dem ebenfalls einem aktuellen Thema verpflich­teten Corsage – Sisi so nah wie nie, nicht ohne Kunst­fehler. Gentle Monster ist brisantes, tages­ak­tu­elles Material: Frauen, die ihre Leben um Männer herum bauen, deren dunkle Seiten sie lieber nicht sehen wollen. Doch statt Ambi­va­lenz, psycho­lo­gi­scher Tiefe oder wirk­li­cher Vers­törung liefert der Film zu oft nur die drama­ti­sierte Repro­duk­tion dessen, was aus einschlä­gigen Medi­en­skan­dalen über Pädo­philie längst bekannt ist. Wenn Kino in Richtung Akti­vismus driftet, sollte es mehr können als das die besseren Schlag­zeilen. Besonders schmerz­haft ist die Paral­lel­ge­schichte um die Poli­zistin Elsa und ihren demenz­kranken Vater: aufge­setzt, platt, und wie alles hier ganz nah am Stamm­tisch-Skandal. Und dann noch Léa Seydoux, die selten so verschenkt und fest­ge­schrieben auf eine pene­trante Schluchz­rolle war. Ein Film über blinde Flecken, der selbst erstaun­lich wenig sieht. – Axel Timo Purr

Das geträumte Abenteuer
R: Valeska Grisebach · BG/D/F/Ö 2026 · CineCoPro

Das geträumte Abenteuer
Das Wieder­gut­ma­chen zwischen den Gene­ra­tionen (Foto: Film­fes­tival Cannes 2026)

Bulga­ri­scher Realismus. Veska kehrt nach Jahren im Ausland an ihren Geburtsort Swilen­grad zurück, um dort archäo­lo­gi­sche Ausgra­bungen zu leiten. Als sie ihrem alten Freund Said begegnet, wird sie in Unterwelt-Struk­turen verwi­ckelt. Grise­bachs knapp dreis­tün­diges Meis­ter­werk erzählt die Geschichte dieses bulga­ri­schen Transit-Ortes vorrangig durch ellip­ti­sche Dialoge, gebrochen von ständigen Auto­fahrten und Orts­wech­seln. Das titel­ge­bende Abenteuer kann dabei nur erahnt werden, wie überhaupt alles in diesem Film in Andeu­tungen verhaftet bleibt: Die Vergan­gen­heit hat sich unaus­lö­sch­lich in Ort und Figuren einge­schrieben, Veskas Unter­neh­mungen sind immer auch Versuche einer Wieder­gut­ma­chung dessen, was sie selbst erleben musste. Mit Laien­dar­stel­lern gedreht, vermit­telt der Film eine Nähe, wie sie lange nicht mehr im Kino zu erleben war. – Benedikt Gunten­taler

»Was heißt es zu vergeben?« In einer wüsten Land­schaft an der bulga­risch-türkisch-grie­chi­schen Grenze treffen Veska (Yana Radeva, eine grandiose Laien­dar­stel­lerin) und Said (Syuleyman Alilov Letifov) wieder aufein­ander. Seit der Zeit, aus der sie sich kennen, prägen Schmug­gel­ge­schäfte und Machen­schaften der Mafia­chefs die Region. Veska ist als Archäo­login zurück­ge­kehrt, die Tätigkeit des Ausgra­bens führt Valeska Grisebach auch narrativ durch: Das Fort­wirken einer Gewalt­ge­schichte tritt wieder an die Ober­fläche. In Gesprächs­runden erzählen Frauen von erlebten Über­griffen, während sich in den Männer­runden die fort­be­stehenden sexis­ti­schen Struk­turen äußern. Über die beiden Rück­keh­rer­fi­guren lässt uns Grisebach erkunden, was gegen­wärtig weiter­wirkt – und ob dem zu entrinnen ist. – Amelie Hoch­häusler

Wie ein Terrain Vague, das einen nicht mehr loslässt, so ist dieser Film, ein quasi doku­men­ta­ri­sches Roadmovie des ewigen Hin und Her, wo die dubiosen Machen­schaften zwischen Schmugg­lern, Schlep­pern, Glücks­spie­lern ein feines Gespinst im Hinter­grund bilden, das den Gesprächen zwischen den vielen Figuren, die in unter­schied­lichsten Konstel­la­tionen zusam­men­sitzen, entwächst. Mitten­drin Veska, die Archäo­login, die für Ausgra­bungen zurück­ge­kehrt ist in ihre kleine Heimat­stadt Swilen­grad an der Grenze Bulga­riens zur Türkei. Die Begeg­nungen mit den alten Bekannten rufen die Gespenster der Vergan­gen­heit auf und lassen vor allem die scheinbar unver­rück­baren Grenzen zwischen den Geschlech­tern als Bruch­kanten der Schick­sale schmerz­haft spürbar werden. Doch Veska ist bereit, aufs Ganze zu gehen, auch wenn sie dabei die unge­schrie­benen Gesetze der Männer verletzt. – Wolfgang Lasinger

The Greenest Grass
R: Kim Sundbeck · Schweden 2026 · Spotlight

Von Betrügern und Betro­genen. Zunächst ist es Liebe auf den ersten Blick, später muss neben­ein­ander aus Mangel an sexueller Anziehung mastur­biert werden, damit Geschlechts­ver­kehr möglich ist. Die Liebes­ge­schichte von Sasja und Olivia ist durch­zogen von Gleich­gül­tig­keit, bis Sasja eine zwanglose Affäre mit einer Kellnerin eingeht. Eine Meis­ter­leis­tung von Regisseur Kim Sundbeck, hier keine kitschige Taschen­tuch­ro­manze, sondern einen Film voller Leich­tig­keit und viel Liebe für seine nicht immer liebens­werten Figuren zu insze­nieren. Ein Blick der beiden Haupt­dar­stel­lerInnen reicht, um Gefühls­welten klar zu machen und der trockene Humor lassen die gerade mal 84 Minuten wie im Flug vergehen. Großes Highlight des Films sind jedoch die kari­ka­turesken Neben­fi­guren wie Sasjas Chef, der seine Bürotür an die Wand nagelt, um zu zeigen, dass sie immer für alle offen steht, sowie der Lebens­ge­fährte von Olivias bester Freundin, der seinen Beruf wie auch sein Hobby Badminton deutlich zu ernst nimmt. Bei all der Komik erzählt Sundbeck im Kern von zwei Menschen, die durch ihre Fehler ihre Mensch­lich­keit behalten im sonst so aufdring­lich entmensch­lichten Genre der Liebes­komödie. – Chris Schmuck

H wie Habicht
R: Philippa Lowthorpe · USA/GB 2026 · Spotlight

Habicht als Heil­mittel: H wie Habicht basiert auf Helen Macdo­nalds großem Nature-Writing-Buch H is for Hawk, doch Philippa Lowthorpes Verfil­mung übersetzt dessen Vers­törung vor allem in weiner­li­chen Pathos. Claire Foy spielt Helen, die nach dem Tod des Vaters in Trauer und Depres­sion versinkt und einen Habicht abrichtet, um wieder zu sich zu finden. Nur ist hier der Vogel weniger Gegenüber als thera­peu­ti­sches Instru­ment: Natur als Spiegel, Habicht als Heil­mittel, Wildheit als Selbst­hil­fe­pro­gramm. Inter­es­santer wäre die bizarre Vater-Tochter-Bindung gewesen, die der Film nicht einmal andeutet. Statt­dessen gibt es viel British­ness, Brücken, Themse-Quelle, Muse­ums­rede, Kirchen­rede, erste Jagd – alles zu lang, zu laut, zu aufge­setzt. Brendan Gleeson bleibt als Vater Erin­ne­rungs­ku­lisse, Claire Foy muss leiden, die Musik drückt auf die Tube. Am Ende gesundet der Mensch am Tier. Nur das Kino kränkelt. – Axel Timo Purr

Hiddensee
R: Anne­katrin Hendel · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Seine Produk­ti­vi­täts­spa­zier­gänge unternahm Schrift­steller Gerhart Hauptmann auf der Ostsee­insel Hiddensee, wo er 1930 ein Haus erwarb. So beginnt Anne­katrin Hendel ihren Doku­men­tar­film und verbindet in den ersten viel­ver­spre­chenden dreißig Minuten histo­ri­sche Spuren mit der Gegenwart. Dann rückt die letzte Bürger­meis­ter­wahl in den Fokus, daneben erfahren wir erschöp­fend von den Lebens­ge­schichten und Schick­salen zahl­rei­cher Insel­be­wohner – auch die Schla­ger­sänger bleiben übrigens nicht unerwähnt. Die erzäh­le­ri­sche Konzen­tra­tion verliert sich voll­kommen, als kurz vor Schluss nochmals ausführ­lich auf die NS-Vergan­gen­heit der Insel zurück­ge­gangen wird – ein Stoff, der einen eigenen Film ergibt. Der zerfa­serte Schnitt verun­klart, was eigent­lich erzählt werden will. Irgend­wann wartet man nur noch auf die Abreise. – Amelie Hoch­häusler

I See Buildings Fall Like Lightning
R: Clio Barnard · GB 2026 · CineMas­ters

Auf den Trümmern der Arbei­ter­klasse. Eine Gruppe von briti­schen Jugend­freunden feiert einen 30. Geburtstag. Dieser endet in einem Club in voll­kom­menem Exzess, aus dem Figuren gerissen werden, wenn mit einem Schnitt der Alltag wieder Einzug hält. Aus den Party­freunden werden wieder eine Mutter von zwei Kindern, ein Bauleiter eines Hoch­hauses, ein Essens­lie­fe­rant, ein durch ein Erbe reich gewor­dener Investor sowie ein Drogen­ku­rier. Ihre Geschichten sind sehr eng mitein­ander verwoben. Barnard erzählt von sozialer Unge­rech­tig­keit und der Sehnsucht nach mehr. Wie die zwischen­durch einge­blen­deten Gebäude stürzen auch die Träume der sechs Freunde immer wieder in sich zusammen. Von Über­tre­tern der Klas­sen­grenzen zu Opfern des Systems deckt I See Buildings Fall Like Lightning sämtliche Aspekte der briti­schen Mittel­schicht ab. Der Kampf gegen das System scheint zum Ende hin verloren zu sein, doch gerade dann schafft Barnard einen herz­er­wär­menden Ausstieg, der entzweite Figuren versöhnt und dem Zuschauer zwar kein Happy-End, aber eine tröstende Wärme schenkt. Einge­stürzte Gebäude können eben auch wieder aufgebaut werden. – Chris Schmuck

Identitti
R: Randa Chahoud · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Identität als Ware: Eine verhee­rend miss­glückte Verfil­mung des klugen Best­sel­lers von Mithu Sanyal. Wo der Roman Identität als Ware, Projek­tion und Zumutung viel­schichtig und äußerst kreativ verhan­delt, findet der Film nur Ober­fläche, Klamauk und Pose und prak­ti­ziert lang­wei­lige Phra­sen­dre­scherei. Selbst die Göttin Kali wird zur Nummern­revue degra­diert. Die Semi­nar­raum­szenen mit grotesk schun­kelnden Studie­renden wirken ebenso ratlos wie die Demons­tra­ti­ons­se­quenz, eine der unglaub­wür­digsten, ja fast schon grotes­kesten seit Langem. Das Schau­spiel laviert gefähr­lich nah am Dilet­tan­tismus, die Insze­nie­rung erinnert eher an einen Low-Budget-Studen­ten­film als an Kino. Am Ende bleibt die Frage: Wäre dieser Film überhaupt ausge­wählt worden, läge ihm nicht ein Best­seller zugrunde, der eines der brisan­testen Themen unserer Gegenwart berührt? – Axel Timo Purr

The Invite
R: Olivia Wilde · USA 2026 · Spotlight

Glück­liche Paare und andere. Zu den anderen gehören Angela und Joe, die Besuch von ihren Nachbarn erwarten. Zumindest Angela erwartet ihn und Joes Unwissen leitet den ersten Streit des Films mit flotten Dialogen, Über­lap­pungen und Situa­ti­ons­komik ein. Die Figuren bleiben zwar simpel, werden aber von allen vier Schau­spie­lern erhoben und besonders Penélope Cruz und Edward Norton lassen es mühelos aussehen. Das schnelle Drehbuch wird von einem sehr effek­tiven, thea­tra­li­schen Staging und vielen unter­schied­li­chen 35mm-Blick­win­keln auf das teure San-Francisco-Apartment unter­s­tützt, sodass das Kammer­spiel nie lang­weilig wird. Nur in der zweiten Hälfte – sobald der Titel eine neue Bedeutung erhält – werden die Span­nungen des Nicht-Gesagten und das Um-die-Probleme-Herum­tanzen ersetzt durch gespielt-tolerante Diskus­sionen über Sex und den erwart­baren Egoismus der Figuren. – Nicolas Meußling

Eine Wohnung, zwei Paare und zwei Einla­dungen. Was mit einer einfachen Einladung zum Abend­essen beginnt, eskaliert schnell zu einer brutalen Ehekrise zwischen Angela und Joe. Bereits vor, aber auch während dem spontanen Besuch der lauten Nachbarn von oben, Piña und Hawk, ist die Entfrem­dung des Paares spürbar. Durch ein Zusam­men­spiel von lauernder Musik, über­lap­penden Stimmen und gut plat­zierten Witzen, erzielt Wilde scharfe Wort­ge­fechte, die verletzen. Denn in der Wohnung entblößen sich schließ­lich nicht nur die Figuren, sondern auch die Realität der Beziehung von Angela und Joe. Ist das überhaupt noch Liebe? Die Spannung platzt. Stille kehrt ein. Mit dieser Neuver­fil­mung des spani­schen Originals Senti­mental (2020) schafft es Wilde mit einem präzisen, thea­tra­li­schen Heran­gehen die bröckelnde Beziehung eines Ehepaares fest­zu­halten. – Karolina Brell

Sextipps als Gast­ge­schenk. Olivia Wilde porträ­tiert die vor dem scheitern stehende Ehe von Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen), die sich mit dem scheinbar perfekten Paar von nebenan konfron­tiert sieht. Ange­richtet mit Wein und Käse entfaltet sich ein Kammer­spiel was dank seiner guten Schau­spieler für einige Lacher sorgt. So steht zunächst eine gemein­same Faszi­na­tion für Teppiche von Angela und Nachbar Hawk (Edward Norton) sowie Joes Abneigung, die unge­liebten Nachbarn als Gäste in der Wohnung zu empfangen, im Vorder­grund. The Invite kommt jedoch an seine Grenzen, wenn die Nachbarn von ihren sexuellen Erfah­rungen berichten und Angela und Joe so karikativ faszi­niert sind von diesem Lebens­stil, dass man sich fast fremd­schämt. Nicht, dass diese Konstel­la­tion nicht für die nötigen komö­di­an­ti­schen Momente sorgen könnte, aber es zeigt sich eine immernoch im US-Kino verhaf­tete Scham und Spießig­keit, die nicht zu übersehen ist. Schließ­lich ist die kontrast­rie­rung der Sexua­li­täten der einzige Trumpf, den Olivia Wilde ausspielt, was dem zu Beginn herrlich einge­führten Wortwitz und Nach­bar­schaft­li­chen Stiche­leien nicht gerecht wird. Am Ende ist die Wein­fla­sche leer, der Käse aufge­gessen und die Luft raus. Damit verharrt der Film in der Reihe von US-Komödien, die ihr Potenzial dank ihrer anhaf­tenden Hollywood'schen Bieder­keit nicht in Gänze ausschöpfen können. – Chris Schmuck

Kalter Hund
R: Pauline Roen­ne­berg · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Unmög­liche Menschen: Am Morgen seines 100. Geburts­tags liegt der Patriarch tot im Bett und mit seinem Suizid bricht die perfekte Fassade einer ober­baye­ri­schen Familie krachend zusammen. Was folgt, hat in seinen dysfunk­tio­nalen Abgründen fast Thomas-Bernhard’sches Ausmaß, nur dass hier nicht Öster­reich, sondern Ober­bayern der Ort des Grauens ist. Corinna Harfouch brilliert einmal mehr in einer ihrer inzwi­schen fast emble­ma­ti­schen Mutter-Täter-Opfer-Rollen, während der Film den fami­liären Horror souverän Schicht für Schicht freilegt. Dass er diese Abgründe immer wieder mit Humor erträg­li­cher machen will, ist in der musi­ka­li­schen Grun­die­rung gele­gent­lich etwas zu viel. Auch bei der bril­lanten Idee der Fami­li­en­auf­stel­lung wäre weniger Komödie und mehr Bern­hard­scher Ernst viel­leicht stärker gewesen. Doch ange­sichts der groß­ar­tigen Ensemble- und Regie­leis­tung ist das Klagen auf hohem Niveau. – Axel Timo Purr

La Libertad Doble
R: Lisandro Alonso · AR/CL/D/L/GB 2026 · CineMas­ters

Kein Victor Eremita. 25 Jahre nach La Libertad kehrt Misael Saavedra als eremi­ti­scher Holz­fäller auf die Kino-Leinwand zurück. Der große argen­ti­ni­sche Regisseur Lisandro Alonso beob­achtet ihn erneut bei Wald­ar­beiten, auto­ma­ti­sierten Abläufen, die sich Tag für Tag gleichen. Von dieser kontem­pla­tiven Ausge­gli­chen­heit nimmt der Film aller­dings Abstand, als Misaels psychisch erkrankte Schwester zu ihm ziehen muss; ihre Klinik wird aus finan­zi­ellen Gründen geschlossen. Mit ihr kommt ein Irri­ta­ti­ons­mo­ment in den heraus­ra­genden Film, Misaels Alltag wird gespie­gelt und kontras­tiert. Die Bilder­folge wird abrupter, das Verhältnis zur Natur ändert sich, und die im Titel anklin­gende Ambi­guität wird eingelöst: Gesell­schaft­lich bedingt verschiebt sich die (frei­heit­liche?) Privat­heit. – Benedikt Gunten­taler

Eine eigen­wil­lige Fort­set­zung von Lisandro Alonsos groß­ar­tigem Film »La libertad« nach 25 Jahren. Dem Aufbruch folgt die Enttäu­schung, der Freiheit die Unfrei­heit, verkör­pert durch die psychisch kranke Schwester des Einsied­lers Misael Saavedra. Dessen ursprüng­liche Freiheit wird eingeengt – durch Menschen, durch Gefühle, durch die Unfähig­keit, sich abzu­grenzen. Ein bemer­kens­werter Befund. Die Freiheit verdop­pelt sich nicht, sondern hat sich halbiert. Alonso erspart seinem Publikum den Kitsch, aber auch die Illu­sionen. Der Argen­ti­nier bleibt der Filme­ma­cher, der er ist: »Slow-Cinema« ist bei ihm kein Manie­rismus, kein »Festi­val­kino«, sondern pure Inten­sität, ruppig und klar wie die Abwehr der Albice­leste, und dann mitunter von magischer Genau­ig­keit und Schönheit – wie die langen Bälle von Lionel Messi. – Rüdiger Suchsland

Lieb­lings­men­schen – Die außer­ge­wöhn­liche Freund­schaft von Agnes & Amir
R: Helena Hufnagel · Deutsch­land 2026 · Spotlight

Ziemlich beste WG-Bewohner. Der homo­se­xu­elle iranische Flücht­ling Amir bekommt keine Wohnung, weil er keinen Job hat und keinen Job, weil er keine Wohnung hat. Als die 101-jährige Agnes nach einem WG-Mitbe­wohner sucht, um nicht in einem Alters­heim zu landen, bietet sich die Möglich­keit einer symbio­ti­schen Beziehung, aber auch einer innigen Freund­schaft. Helena Hufnagel perfek­tio­niert mit ihrem vierten Spielfilm die Feelgood-Komödie. Mit einem groß­ar­tigen Pacing, fantas­ti­schen Dialogen, aber auch einer ernst­zu­neh­menden Dramatik und Schwere gelingt es dem Film in nur 108 Minuten eine Menge an Emotionen loszu­lösen. Auch wenn Lieb­lings­men­schen sowohl in Thematik als auch in Bild­sprache stark an Ziemlich beste Freunde erinnert, beweist die eben­bür­tige Qualität ein tiefer­ge­hendes emotio­nales Vers­tändnis von Hoffnung, Verlust und dem Sterben. – Constantin Bombelli

Lost Land
R: Akio Fujimoto · Japan 2025 · Spotlight

Stachel­draht, Gitter, Bretter, Käfig. Es sind Grenzen und Barrieren, die den Geschwis­tern Somira und Shafi die lange Flucht nach Malaysia erschweren. Sie sind Rohingya, ohne myan­ma­ri­sche Staats­bür­ger­schaft, und werden seit 2017 immer stärker verfolgt. Die Kinder verstehen das nicht, wissen nicht, wo sie sind, suchen ihren Onkel, begegnen aber immer wieder Menschen, die ihr Leid ausnutzen. Wir sehen früh, warum es trotz des doku­men­ta­ri­schen Stils kein Doku­men­tar­film sein kann: Handys werden abge­nommen, wir sehen kame­rafreie Räume. Doku­men­ta­risch sind aber die Geschichten und Träume vieler Neben­fi­guren, die ausschließ­lich Rohingya sind. Sie und die Kinder bewegen sich nicht nur im tatsäch­li­chen, sondern auch im urbanen Dschungel, in Räumen zwischen Wäldern und Gärten, an Straßen­rän­dern, abge­le­genen Wegen und verlas­senen Häuser. Lost Places für Lost People. – Nicolai Meußling

Low Expec­ta­tions
R: Eivind Landsvik · DL/N 2026 · CineVi­sion

Maja, 29, ehema­liger Popstar, depressiv. Jung wurde sie berühmt, lebt aber jetzt wieder bei ihrer Mutter und beauf­sich­tigt als Aushilfs­leh­rerin Klausuren. Statt drama­tisch Fall und Aufstieg zu zeigen, sehen wir, wie sie irgendwie weiter­macht. Sie wird großartig von der Sängerin Marie Ulven („Girl in Red“) gespielt und über die Musik kann man sich dem Film gut nähern. Sehr schnell baut er einen ruhigen, hypno­ti­schen Rhythmus auf und bricht ihn genauso schnell immer wieder ab. Er spielt mit Tempi und Zeiten, Träumen und Erin­ne­rungen. Parallel zu Maja gibt uns Aida als Schülerin, Tänzerin und Fan von Maja eine andere Melodie. Ihre Wege kreuzen sich kurz, beein­flussen sich aber stark. Alle Figuren wirken echt und modern, in ihren belang­losen Gesprächen mit unan­ge­nehmen Pausen und schlechten Witzen, in ihren geteilten Unsi­cher­heiten, in ihrer Suche nach Verbin­dungen. – Nicolai Meußling

The Man I Love
R: Ira Sachs · USA 2026 · CineMas­ters

After the Rhapsody. Rami Malek spielt im New York der 80er Jahre einen an HIV erkrankten homo­se­xu­ellen Musiker, der zwischen Selbst­zer­störung und Ikono­grafie langsam unter­zu­gehen scheint. Die Paral­lelen zu Maleks Rolle als Freddie Mercury haften dem Film die ganze Zeit über an, was das Drama merklich hemmt. Trotz seiner inter­es­santen Ästhetik entfaltet das Werk nie sein Potenzial, obwohl es eindrück­liche Szenen gibt wie den zerris­senen Malek, der auf dem Hoch­zeitstag seiner Eltern ein Lied singt oder wenn Körper an Körper im Nacht­leben der Schwu­len­szene der 80er Jahre hemmungslos getanzt wird. Die schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen und Sachs’ Blick für das ästhe­ti­sche machen den Film allemal sehens­wert. – Chris Schmuck

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. New York in den 80ern. Der Connie-Francis-Klassiker dröhnt aus den Laut­spre­chern, als der queere Perfor­mance Artist Jimmy als letzter seines Thea­ter­en­sem­bles in der Garderobe sitzt und seine Zeilen probt. Emotionen über­mannen ihn. Auch das Publikum bekommt diese seltsame Liebe in all ihren Facetten zu spüren. Denn Jimmy braucht die Insze­nie­rung wie die Luft zum Atmen. Im Publikum sitzt während­dessen sein Partner, der Jimmy mit einer Hingabe liebt, die ganz still ist und keine Bühne möchte. Die Jimmys Seiten­sprünge toleriert und seine Medi­ka­tion für die fort­ge­schrit­tene Aids-Erkran­kung Tag für Tag dosiert. So unnahbar Jimmy scheint – in seinen Gesangs­ein­lagen kommt ihm der Film am nächsten. Unklar bleibt, ob Jimmy die eigenen Sehn­süchte besingt oder doch in den Spiegel blickt, wenn er singt: »When will he come, the man I love?« – Maria Feckl

Mein Sommer bei Nonna
R: Marg­he­rita Spam­pi­nato · I 2025 · CineKindl

Zwischen Alltags­ge­spens­tern: Mein Sommer bei Nonna ist ein ethno­gra­fisch präzise beob­ach­teter Film über Lange­weile als Schule des Lebens. Nico wird aus dem digitalen Norden zu seiner Großtante Gela nach Sizilien geschickt, wo es kein Wi-Fi gibt, dafür Geister, Erin­ne­rungen und die liebevoll einge­rich­tete Wohnung eines ganzen Lebens. Marg­he­rita Spam­pi­nato extra­hiert daraus keine bloße Gene­ra­tio­nen­ge­schichte, sondern erzählt auch vom unüber­wind­baren Graben zwischen Nord- und Südita­lien. Aurora Quat­trocchi ist umwerfend als resolute Großtante, die Nico ein anderes Leben zumutet. Zwischen Alltags­ge­spens­tern, alten und neuen Verlusten auf allen Seiten (Hund, Baby­sit­terin, Geliebte) entsteht eine zärtliche Geschichte über das Weiter­leben. Und ganz nebenbei zaubert Spampinat noch eine zärtliche erste Liebe zwischen Tomboy und Femboy herbei. Ein Film fast ohne Männer, mit Trapani als seltener Kulisse und einem wunder­baren Schluss zu Johann Strauss an der schönen blauen Donau. – Axel Timo Purr

Die miserable Mutter
R: Susanne Heinrich · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Die miserable Mutter
(Foto: Susanne Heinrich · Filmfest München)

Im rot glän­zenden Morgen­mantel sitzt uns die miserable Mutter (Rosa Landers) gegenüber. Zwischen Musical, Soap und Karikatur entsteht eine hyper­kon­struk­tive Insze­nie­rung von Mutter­schaft, die ihre eigene Künst­lich­keit reizvoll ausstellt: Das Neuge­bo­rene ist mal echtes Baby, mal Puppe, der Vater heißt Peter Pan und bemüht sich vorbild­lich, alles richtig zu machen. Doch letztlich bleibt es die Mutter, die sich – ganz buchs­täb­lich – den Arm für das Kind ausreißt. Regis­seurin Susanne Heinrich begegnet ihrem über­stra­pa­zierten Thema mit spie­le­ri­scher Lust an der Über­zeich­nung. Ihr gelingt ein komö­di­an­tisch scharfer Kommentar auf Care-Arbeit, patri­ar­chale Fami­li­en­bilder und den ausufernden Social-Media-Diskurs rund um Mutter­schaft. Wie erlösend, dass am Ende die guten Feen samt Kinder­chor zu Hilfe kommen. – Amelie Hoch­häusler

Mutter­schaft zwischen Über­for­de­rung und Selbst­be­haup­tung. Die miserable Mutter ist eine musi­ka­li­sche Komödie, die ihre eigene Verzweif­lung nicht kaschiert. Zwischen Feen, spre­chenden Babys und einem himm­li­schen Kinder­chor entfaltet sich ein Musical, das die emotio­nalen Abläufe der frühen Mutter­schaft beleuchtet. Mit Choreos, die Leich­tig­keit verspre­chen und bitteren Wahr­heiten, die dahinter liegen. Die Prot­ago­nistin, gefangen mit ihrem Neuge­bo­renen und dem Kinds­vater Peter Pan, erlebt Mutter­schaft als radikale Verengung. Der Alltag begrenzt sich auf Sofa, Stadtpark und Mutter-Kind-Gruppen. Der Film zeigt, wie die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. »Man erinnert sich immer weniger daran, wer man vorher war.« Gesell­schaft­liche Erwar­tungen, Körper­bilder und Diskurse werden in über­drehten und zugleich präzisen Bildern gebrochen. Eine Insze­nie­rung, die die Komple­xität von Mutter­schaft mit Witz und Schmerz zugleich sichtbar macht und Mut gibt. – Pia Kottbusch

Metablabla: Die miserable Mutter heißt nicht nur so, sie arbeitet auch hart daran, den Titel perfor­mativ einzu­lösen. Susanne Heinrich geht nach Das melan­cho­li­sche Mädchen erneut auf Meta­ebenen-Jagd, diesmal durch bonbon­bunte Papp­land­schaften, Musical-Anmu­tungen und das diskur­sive Gefängnis der Mutter­schaft. Körper, Subjekt, Gesell­schaft, Sofa, Stadtpark, Mutter-Kind-Café: Alles wird ausge­stellt, intoniert, analy­siert, distan­ziert. Bis aus Metaebene nur noch Metablabla wird. Der Film will die Verkind­li­chung der Welt, Gen-Z-Influencer-Sprech und Selbst­op­ti­mie­rungs­ste­reo­type durch den Kakao ziehen, produ­ziert dabei aber selbst vor allem kaum mehr als die Banalität des Klugen. Rot Frau, grün Mann, Baby Blues, Peter Pan: Symbolik aus dem Baukasten. Dass Meta-Meta-Kino mehr als das sein kann, zeigen der ästhe­tisch ähnlich operie­rende Barbie oder Ulrich Köhlers Gavagai. Hier bleibt davon nur eine bunt singende und tanzende Phra­sen­dresch­ma­schine. – Axel Timo Purr

Als Mutter kann man nur versagen — und zwar auf allen Ebenen: Diese ironische, augen­zwin­kernde Botschaft über­bringt Susanne Heinrichs kunter­buntes, über­zeich­netes Musical. Im roten Morgen­mantel bildet die namenlose Mutter (Rosa Landers) einen starken Kontrast zu den Grund­farben des bühnen­haften knalligen Ambientes. Singend und tanzend, das Baby tragend und wickelnd oder mit ihrem Partner namens Peter Pan disku­tie­rend, bezaubert sie mit kunst­vollen Choreo­gra­phien. Poin­tierte, kluge, ironisch geladene Dialoge werfen Fragen auf, ohne einfache Antworten zu liefern. Statt ein denkbares ideales Bild der perfekten Mutter zu skiz­zieren, wird ein buntes, viel­schich­tiges, komplexes Bild von Über­for­de­rung, Selbst­zweifel, Witz und schließ­lich Selbst­be­haup­tung. Jacques-Demy-ange­hauchte Melodien verleihen dem Film nost­al­gi­schen Charme und machen ihn zu einem höchst unter­halt­samen Erlebnis. – Tanja Moll

Morgen war Krieg
R: Nicolas Ehret · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Brennende Kerzen auf Ohren: Nicolas Ehret entwirft ein Deutsch­land nach dem Zerfall der EU, in dem rechts­po­pu­lis­ti­sche Kräfte regieren und ein Krieg im Raum steht. Ehrets Film sucht dabei jene grün­his­to­risch verdun­kelte Schwere, die man aus deutschen Dystopie-Serien wie Dark oder Tribes of Europa kennt: gedämpfte Farben, bedeu­tungs­schwan­gere Dialoge, dräuende Klänge. Das hat durchaus starke Momente, etwa wenn brennende Kerzen auf Ohren gesetzt werden und plötzlich ein körper­li­cheres, über­ra­schendes Kino aufscheint. Doch zu oft bleibt alles im Unge­fähren. Was politisch eigent­lich geschehen ist, wird kaum greifbar; die Fahnen­flucht wird mit viel Pathos und Opfer­gestus aufge­laden, ohne wirklich zu verstören. Manche Dialoge kippen unter ihrer eigenen Schwere ins Abstruse. Im Vergleich zu Alex Garlands ähnlich ange­dachtem, über­ra­gendem Civil War wirkt Morgen War Krieg wie gut gemeintes Krisen­kino: ernsthaft, ambi­tio­niert, aber zu diffus, um wirklich weh zu tun. – Axel Timo Purr

La muerte no tiene dueño / Death has no master
R: Jorge Thielen Armand · Venezuela/CDN/I/L 2026 · CineRe­bels

Schmut­ziger Mystery-Thriller, Giallo und Splatter, Haunted House, all das mischt sich betörend: Caro (Asia Argento) reist nach Venezuela, um das Erbe ihres verstor­benen Vaters anzu­treten. Doch das halb verfal­lene Anwesen wurde von der Haus­an­ge­stellten und ihrem Anhang in Beschlag genommen. Caro versucht ihre Ansprüche geltend zu machen, erst mit legalen Mitteln und dann auch über zwei­fel­hafte Einschüch­te­rungs­kom­mandos. Was als Allegorie auf den Kolo­nia­lismus lesbar sein könnte, wird phan­tas­ma­go­risch über­wu­chert: Thielen Armand zapft verschie­dene Formen des Imaginären an, von den mythisch-spiri­tis­ti­schen Urgründen des Archaisch-Gewalt­samen bis zu den Genre­re­fe­renzen aus den 70ern, um einen visuell in Bann zu schlagen. Die sinnliche Tonspur setzt noch eins drauf: die Urwald-Geräusche und der suggestiv-dräuende Score erzählen eine eigene Geschichte, während die Handlung sich in einer fatalen Eska­la­ti­ons­spi­rale entlädt. – Wolfgang Lasinger

Die gleißende Sonne des Film noir scheint bei Caros Einreise nach Venezuela. Der Grenz­po­li­zist, der sie kontrol­liert, ist martia­lisch bewaffnet. Doch das ist nur ein Vorge­schmack auf einen rotgrünen Alptraum – rot wie Blut, grün wie der Urwald –, der die abgeklärt wirkende Frau, über­zeu­gend gespielt von Asia Argento, im Landes­in­neren erwartet. Die Italie­nerin will eigent­lich nur die von ihrem Vater geerbte Kakao­plan­tage samt malerisch herun­ter­ge­kom­menem Anwesen verkaufen. Den Vater hatten ihre Mutter und sie vor Jahr­zehnten in Richtung Europa verlassen. Entspre­chend fremd sind Caro die Ange­stellten von damals, die auf das Gewohn­heits­recht pochen und einfach bleiben. Und so kämpft die gestie­felte Neo-Kolo­ni­al­herrin mit Gaucho-Hut ebenso brutal wie faszi­nie­rend gegen eine Allianz des Irra­tio­nalen, gegen das »Land ohne Tod«, wie Alfred Döblin den Urwald einmal nannte. – Katrin Hill­gruber

Der Teufel kommt aus Akasava. Caro kehrt nach jahre­langem Exil in ihre vene­zo­la­ni­sche Heimat zurück, um die verwahr­loste Villa ihres verstor­benen Vaters zu verkaufen. Vor Ort stellt sie aber fest, dass die ehema­ligen Ange­stellten nun das Haus besetzen. Es folgt ein brutaler Kampf um Anspruch, Ehre und die koloniale Vergan­gen­heit des Landes. Jorge Thielen Armands dritter Film bietet aber keine typische Genrekost. Statt­dessen liefern die ausge­dehnten Einstel­lungen von adrigen Händen, blät­terndem Putz und warmen Lichtern eine haptische Seherfah­rung, welche durch die raue Optik verstärkt wird. Wenn man sich als Zuschauer darauf einlassen kann, erzeugt La muerte no tiene dueño eine hypno­ti­sche Wirkung, welche das Blut in der vene­zo­la­ni­schen Erde zwischen den Fingern erfahrbar macht. – Constantin Bombello

Los Nadadores
R: Sol Iglesias SK · RA/MEX/USA 2026 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

»A pool is not just a pool.« Mit diesem Satz beschreibt Regis­seurin Sol Iglesias SK ihren Film nach der Vorfüh­rung. Er fasst ihn perfekt zusammen. Die Schwimm­bäder sind hier nicht einfach Orte zum Baden, sondern ein Spiegel einer Gesell­schaft, die von sozialen Ungleich­heiten geprägt ist. In einem Argen­ti­nien, das unter extremer Hitze leidet, können einige mit dem Flugzeug fliehen, während andere diese Möglich­keit nicht haben. So geht es auch den vier Jugend­li­chen, denen der Film folgt. Sie sehen die Flugzeuge über sich hinweg­fliegen und wissen, dass sie sich ein solches Leben nicht einmal vorstellen können. Die Schwimm­bäder bleiben ihr einziger Zufluchtsort vor einer Hitze, die Körper und Geist glei­cher­maßen erschöpft. Ohne seine Botschaft aufzu­drängen macht Sol Iglesias SK die Hitze­welle zu einem Sinnbild für die sozialen, poli­ti­schen und klima­ti­schen Span­nungen, die heute Argen­ti­nien prägen und die Sorgen der jungen Gene­ra­tion wider­spie­geln. – Aymeric Dupuis

Nino dans la nuit
R: Laurent Micheli · Belgien/Frank­reich 2025 · Inter­na­tional Inde­pend­ents

Draht­seil­tanz über dem Abgrund. Sein Leben lang wurde Nino Paradis gefragt: Ist das wirklich dein Name? Denn das knall­harte Leben in den Pariser Banlieues ist alles andere als para­die­sisch. Sein Vater wähnt den Sohn an der Uni, doch die hat er längst abge­bro­chen. Zu viele Gele­gen­heits­jobs sind nötig, um über die Runden zu kommen. In einer wilden Party­nacht wird Nino gewalt­tätig. Dass er eine Freundin vertei­digen wollte? Uner­heb­lich. Wer würde Nino schon glauben? Seine unpri­vi­le­gierte Herkunft holt ihn stets ein. Lale und Nino müssen sich stützen, um nicht den Halt zu verlieren. Mit seiner uner­schüt­ter­li­chen Zuneigung fürein­ander trotzt das Pärchen im Zentrum der Pariser Groß­stadt­kälte wie eine zarte Blume, die aus Asphalt empor­wächst. Ein Hinweis auf das zentrale Motiv des Films: Die Hoffnung der Jugend, dass sich die Dinge zum Guten wenden. – Maria Feckl

Notes Of A True Criminal / Zapiski nastoyas­hego prestup­nika
R: Alexander Rodn­yansky, Andriy Alferov · Ukraine/USA 2025 · Inter­na­tional Indi­pend­ents

Eine Säug­lings­sta­tion in Schwarz­weiß, jugend­liche Stotterer, die vor Fern­seh­pu­blikum eine Spon­tan­hei­lung erleben oder die Kata­strophe von Tscher­nobyl aus nächster Nähe: Der renom­mierte Doku­men­ta­rist Alexander Rodn­yansky hat außer­ge­wöhn­liche Film­aus­schnitte zusam­men­ge­stellt, um eine Synthese aus der Geschichte der Ukraine und der seiner eigenen Familie zu schaffen. Die Invasion der deutschen Wehrmacht, das Massaker an ukrai­ni­schen Juden von Babyn Jar 1941 und schließ­lich die jahr­zehn­te­lange Unter­drü­ckung durch Moskau erzählt das Regieduo vor dem aktuellen Hinter­grund des russi­schen Angriffs­kriegs. Gewidmet hat Rodn­yansky seine epische, immer wieder über­ra­schende Collage unter anderem seinem Mentor, dem Natur­filmer und Huma­nisten Felix Sobolev. Er konnte sein kreatives Potential zu Sowjet­zeiten nie richtig entfalten – nur eine von so vielen ukrai­ni­schen Tragödien. – Katrin Hill­gruber

The Piano Tuner
R: Randa Chahoud · USA 2025 · Spotlight

Ordnung schaffen wo Chaos ist. The Piano Tuner ist ein Heist Movie, der lieber verstimmt als glatt aufgeht und gerade dadurch überzeugt. Daniel Roher, nach seinem Doku-Oskar für Nawalny plötzlich im Spielfilm, baut aus Neo-Noir, Charak­ter­komödie und Liebes­drama einen zärtlich-schönen, sehr altmo­di­schen und leicht schrägen New-York-Film über Menschen, die Ordnung schaffen müssen, wo Chaos ist. Leo Woodall und Havana Rose Liu finden bei einem ersten Kuss mit Klavier­vor­spiel einen neuen Ton, und Dustin Hoffman gibt dem alten Stimmer eine bizarre, melan­cho­li­sche Gravität. Die Spiel­arten der Liebe sind hier so zahlreich wie die Spiel­arten der Jewish­ness. Nicht alles sitzt; Fauda-Macher Lior Raz wirkt fast über­be­setzt, die tickende Uhr als Kata­stro­phen­ma­schine ist allzu deutlich ausge­stellt. Aber The Piano Tuner hat Rhythmus, Wärme und genug Dissonanz, um inter­es­sant zu bleiben. – Axel Timo Purr -> zur arteshot Video­kritik

Plitsch Platsch Forever!
R: Natascha Beller · CH 2026 · CineKindl

Leben heißt Wandel. Plitsch Platsch Forever! will nicht nur Frei­bad­film sein, sondern Initia­ti­ons­ge­schichte in die Gegenwart. Natascha Beller erzählt von Pola und Polly, vom Sommer als fragilem Verspre­chen, von Abschied, Sparzwang und der Zumutung, dass Leben Wandel heißt. Das Freibad als mikro­kos­mi­sches Symbol für unsere makro­kos­mi­sche Gegenwart wird dabei zum kleinen Gemein­wesen, das plötzlich verschwinden soll und die Kinder lernen, dass Protest nicht Pose sein muss, sondern Selbst­er­mäch­ti­gung sein kann. Am stärksten ist der Film, wenn er die Poli­ti­sie­rung der Jugend ernst nimmt und das Gefühl, dass wir alle Migranten in einer sich verän­dernden Welt sind, radikal nach vorn stellt. Doch nicht alles trägt: Die Erzählung holpert, der Score erschlägt so einiges, die Coolness wirkt bisweilen aufge­setzt und auch die Haupt­dar­steller über­zeugen nicht durch­ge­hend. Aber der Impuls stimmt natürlich: Plitsch, platsch, Wider­stand. – Axel Timo Purr

Rebecca Horn – Die Seele der Dinge
R: Claudia Müller · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Rebecca Horn schrieb Essays und Gedichte, schuf Instal­la­tionen und Bilder, machte Filme (»Busters Bedroom«, 1990) und setzte die Objekte in Bewegung. Claudia Müllers Film zeigt, was dahinter steckt: Den Ausbruch einer 1944 geborenen Kaugum­mi­fa­bri­kan­ten­tochter aus der west­deut­schen Nach­kriegs­pro­vinz in die inter­na­tio­nale Welt von Rom und New York. Deutsch­land hat sie trotzdem nie verlassen. Der braune Schlamm, der auch Horns Fami­li­en­ge­schichte immer wieder berührt, wird in ihrem Werk konter­ka­riert durch kühle Objekte aus Stahl und Glas, durch Maschinen, die belebt werden, um surrea­lis­ti­sche Strom­schläge in die schnur­renden Räder­werke des Wieder­auf­stiegs- und Wieder­ver­ei­ni­gungs­deutsch­lands zu schleu­dern,. Am Ende arbeitete sie dann in den Mauern der SS-Knäste und dem Niemands­land zwischen Berlins Mauer. Kunst muss irri­tieren und stören und Sicher­heiten unter­graben, sagt Heiner Müller im Film. Recht hat er. – Rüdiger Suchsland

Rose of Nevada
R: Mark Jenkin · GB 2025 · CineRe­bels

Same as it ever was. Die Stadt, die Menschen, die Arbeit, die Fische, alles bleibt gleich, ist aber doch irgendwie fremd für zwei junge Männer, die vom Fischen zurück­kommen. Aus der Zeit gefallen. Durch das Fischen spielt Mark Jenkin mit der Zeit. Sie verhält sich hier wie das Meer, auf dem das Geis­ter­schiff treibt. Und es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als auf dem Meer zu sein: Nicht auf dem Meer zu sein. Aber die Zeit verhält sich auch wie ein Geist, ein Banshee, der im wunder­schön aufge­nom­menen Dorf in Cornwall spukt, zwischen toten Vätern und Erin­ne­rungen. Doch die Zeit verhält sich auch wie unser Blick: Früh wird eine Aufnahme kurz rückwärts gespielt und ab dann lässt uns der Film bei jeder in der Luft schwe­benden Möwe und bei jeder schnellen Welle zweifeln, ob sich die Zeit noch vorwärts bewegt, ob sie sich überhaupt bewegen kann. Unglaub­lich und zeitlos! – Nicolas Meußling

Eine Rückkehr, die mehr verstört als tröstet. Ein Fischer­boot, drei Jahr­zehnte verschwunden, liegt plötzlich wieder im Hafen eines Dorfes, das längst aufge­geben hat. Nick und Liam heuern an, doch nach der Rückkehr finden sie sich im Jahr 1993 wieder und werden für die verschwun­dene Crew gehalten. Mark Jenkin insze­niert diese Zeit­schleife als inten­sives, körper­li­ches Kino. Besonders die Szenen auf hoher See beben nur so vor Inten­sität. Aufein­an­der­fol­gende Bild­fetzen. Dazu ein Sound, der Sturm, Maschinen und den eigenen Wahnsinn einfängt. Der Film kreist um die Sehnsucht nach einem Gestern, das mehr Halt gibt als die Gegenwart. Doch ist die Flucht in die Vergan­gen­heit nicht manchmal gefähr­li­cher als das, wovor man eigent­lich wegläuft? – Pia Kottbusch

Rau, rostig und verfallen wirkt vieles in der kleinen Hafen­stadt in Cornwall. Eine barfüßige Greisin im Morgen­mantel hat den Zweiten Blick. Durch das Dach des jungen Vaters Nick (George MacKay) regnet es ständig und die Reparatur ist teuer. Also heuern er und der unbeküm­merte Liam (Callum Turner) als Fischer auf der Rose of Nevada an, einem Schiff, das ohne seine Besatzung wieder aufge­taucht ist. Der seltsame Kapitän, der sie gnadenlos herum­kom­man­diert, scheint aus der Zeit gefallen. Als Nick und Liam an Land zurück­kehren, befinden sie sich im längst vergan­genen Jahr 1993 und werden für die verschol­lenen Seeleute gehalten. Der in Cornwall aufge­wach­sene Regisseur schafft es durch seine atmo­sphärisch gelungene Insze­nie­rung, jede Unwahr­schein­lich­keit zu über­trumpfen. Ein Film wie ein unruhiger, packender Traum auf der Nacht­fähre nach England. – Katrin Hill­gruber

Langsam, atmo­sphärisch und fesselnd erzählt Mark Jenkin in seinem Zeitrei­se­thriller eine Geschichte voller uner­klär­li­cher Details über Verlust, Erin­ne­rung und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Die Handlung spielt in einem herun­ter­ge­kom­menen Fischer­dorf in Cornwall. Der Ort wirkt verstummt, wie gelähmt; die Trauer über ein Unglück auf See vor 30 Jahren hat sich wie ein Schleier über ihn gelegt. Als das verschol­lene Schiff »Rose of Nevada« auf myste­riöse Weise wieder auftaucht, stechen zwei Männer mit ihm in See: Nick (George MacKay) und Liam (Callum Turner). Nach ihrer Rückkehr sind sie in der Vergan­gen­heit gelandet, in einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung schien. Der Film entwi­ckelt einen unwi­der­steh­li­chen Sog und brennt sich ins Gedächtnis wie eine ungelöste, sehn­suchts­volle Frage ein. – Tanja Moll

See You When I See You
R: JAY DUPLASS · USA 2026 · Spotlight

»Is it happening to you, Aaron?« Basierend auf seinem Memoir »Tragedy Plus Time: A Tragi-Comic Memoir« verfasste der Komiker Adam Cayton-Holland das Drehbuch und verar­beitet somit wahre Bege­ben­heiten fiktiv. Eine wackelige Hand­ka­mera führt uns durch Aarons Leben. Er hat vor Kurzem seine Schwester und beste Freundin Leah tot in ihrem Bade­zimmer aufge­funden. Während für seine Eltern und seine große Schwester das Leben scheinbar weiter­geht, klammert er sich an Erin­ne­rungen. In surrealen Traum­szenen wird Leah Aaron wort­wört­lich entrissen, ohne, dass er etwas dagegen tun kann. Trotz Thera­pie­stunden splittert seine mentale Gesund­heit. Gleich­zeitig lernt er jedoch, mit seinen Erin­ne­rungen umzugehen. Durch das direkte Eintau­chen in Aarons Gefühl­stu­mult, ermög­licht es der Film, das sensible Thema des Suizids greifbar zu machen. – Karolina Brell

Sicko
R: Aitore Zhol­das­kali – Kasach­stan 2026 · Wett­be­werb CineVi­sion

Krebs. Klei­der­haken. Kasach­stan. Der Taxi­fahrer Azamat befindet sich in tiefen Schulden. Als er bei einem Auto­un­fall auch seine einzige Einnah­me­quelle verliert, fällt ihm in seiner aussichts­losen Lage nur eine Lösung ein. Er gaukelt seiner Mutter vor, dass seine Frau Tanshl­opan Krebs hat und dringend Geld für eine OP braucht. Seiner Frau bleibt keine andere Wahl als sich der Lüge ihres Mannes zu unter­werfen. Was zunächst als eine schlag­fer­tige Satire startet, entpuppt sich später als ein brutaler Genre­streifen, welcher von Gewalt, Kontrolle und Miss­brauch handelt. Aitore Zhol­das­kali schafft es gekonnt eine Inten­sität zu erzeugen, welche zeitweise an Oldboy und Sirat erinnert. Mit seiner künst­le­ri­schen Präzision gelingt es dem Film mit Leich­tig­keit, eines der High­lights des dies­jäh­rigen Filmfests zu werden. – Constantin Bombelli

Strange River
R: Jaume Claret Muxart · D/E 2026 · Wett­be­werb CineCoPro

Sommer­strö­mung. Der auf 16mm gedrehte queere Coming-of-Age-Film lässt seinen Prot­ago­nisten in eine verwun­schene Sommer­liebe eintau­chen. Dídac (Jan Monter) ist 16 Jahre alt und verbringt mit seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Brüdern die wohl letzten gemein­samen Sommer­fe­rien. Auf Fahr­rä­dern erkundet die barce­lo­ni­sche Familie die Fluss­land­schaft der Donau, in den stickigen Camping­zelten kommt es nachts zu kleinen geschwis­ter­li­chen Riva­li­täten. Ein Gespräch mit der Mutter, die im selben Alter, am selben Ort, ihre erste Liebe erlebt hat, bahnt schließ­lich die Begegnung mit einem geheim­nis­vollen Jungen an. Der kata­la­ni­sche Regisseur Jaume Claret Muxart vermit­telt in impres­sio­nis­ti­schen Natur­bil­dern eine zärtliche Erzählung über die sinnliche Entde­ckung der eigenen Sexua­lität und das Erwach­sen­werden. – Amelie Hoch­häusler

The Sun Rises On Us All
R: Cai Shangiun · China 2025 · CineMas­ters

Do you believe in fate? Fragt Meiyuns Ex-Partner ihren neuen Liebhaber. Denn er tut es. Doch nicht so Meiyun. In ihrem Versuch, in einer vermeint­lich glück­li­chen Gegenwart mit einem neuen Partner und eigenen Kindern anzu­kommen, holt sie ihr altes Leben ein. Ein Leben, das von Schuld definiert wird. Denn Meiyuns Ex, der plötzlich wieder in ihr Leben kracht, saß für sie im Gefängnis. Nun soll sie Buße tun. Baoshu nistet sich bei ihr ein und macht klar: Er ist jetzt der Herr im Haus. Der Film zeichnet ein Bild sich stets verschie­bender Bezie­hungs­dy­na­miken, und pendelt hin und her: zwischen Liebe und Leid, leisem Protest und stillem Gehorsam, Verant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung. Er etabliert in Meiyun eine moderne, chine­si­sche Frau, die sich fragt: Darf ich mich von den Ketten meiner Vergan­gen­heit lösen? – Maria Feckl

Transit Times
R: Ana-Felicia Scutel­nicu · D/Moldawien/RO 2026 · CineCoPro

Ihr schlanker Hals, ihre fein­glied­rigen Hände, ihr schlanker Körper senken sich über die Tasten des Klaviers. Eva hebt an, konzen­triert, zu einem Spiel. Sie übt für die Aufnahme im Musik­kon­ser­va­to­rium, ihre Lehrerin raucht aus dem Fenster. Wir sind in Moldawien, Ende der 90er, Zeit des Übergangs und Umbruchs. Die, die es können, verlassen das Land und gehen in den Westen. Das Geschlech­ter­ver­hältnis ist vor allem bedroh­lich: Weil es auch sechs Jahre nach dem Ende der UdSSR keine Hoffnung und kein Geld gibt, florieren Prosti­tu­tion und Mädchen­handel. Die musische Eva ist eine dieser jungen Mädchen voller Blüte, sie ist die Tochter eines Malers, der sich gegen die Witte­rungen der Zeit in einem Verschlag in der Wohnung verschanzt hat. Mutter Zina kämpft um Mann, Tochter und das nackte Überleben, während sich ein schmie­riger Mentor an Eva ranwanzt. Geschichte verkommt dann auch mal zur Folklore. – Dunja Bialas

So Happy It Hurts
R: David Helmut · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Dschun­gel­camp der Selbst­ver­mark­tung: David Helmut will den Influen­cer­wahn­sinn zerlegen und richtet sich dabei selbst so genüss­lich in ihm ein, dass die Kritik schnell zur Kompli­zen­schaft mutiert. Lena will berühmt sein, also muss eben die eigene Hochzeit als Reality-Content herhalten: Bali, Scam-Location, myste­riöse Kommune, Dschungel, Wahnsinn, alles bitte maximal insta­grammable. Das ist als grotesker Trash nicht ohne Energie, aber analy­tisch so dünn wie die Narrative, die es persi­fliert. Exotik wird zur Tapete, Kapi­ta­lis­mus­kritik zum Dekor, schwarzer Humor zur Ausrede für Belie­big­keit. Wie schon Susanne Heinrichs Die miserable Mutter leidet auch dieser Film an jenem deutschen Metablabla, das sich für klüger hält als seine Figuren und am Ende vor allem die eigene Pose bewundert. So Happy It Hurts tut weh – aber leider nicht dort, wo es sollte. – Axel Timo Purr

Ein König­reich für einen Christ­fluencer. Um endlich mehr Follower zu kriegen, möchte Lena ihren Freund David in der Reality Show „Dream Weddings“ auf Bali heiraten. Im Gepäck nach Indo­ne­sien darf eine Freun­des­gruppe aus schrillen Figur natürlich nicht fehlen. Noch bevor das Kame­ra­team anrücken kann, gerät die Gruppe mitten in eine Sekte, der sie sich anschließen, um ihr Zuhause als Hochzeits-Location zu nutzen. Die an Midsommar erin­nernde Parodie aufs Reality-TV und den durch soziale Medien beför­derten Geltungs­drang versucht so viel wie möglich aufs Korn zu nehmen. Vom Natur­ver­bun­denen zöli­ba­teren Sekten­führer, der das EC-Karten­le­se­gerät stets parat hat, wenn sexuelle Gefäl­lig­keiten ausge­tauscht werden, bis zur neuro­ti­schen Trau­zeugin, die sich in einen lokalen Surfer verguckt. Ein kleines Schmun­zeln kann der Film in diesem Wirrwarr aus Absur­di­täten durchaus entlocken. Doch gerade, als der Film sich von unau­then­ti­scher Jugend­sprache und Fikal­humor zu eman­zi­pieren scheint, um auf eine fein­sin­nige Schluss­pointe hinzu­ar­beiten, wird auch schon im Drogen­rausch in einen See defäkiert, und eine Spinne beißt in die Spitze eines männ­li­chen Gliedes. Inter­es­sante Ansätze bleiben da auf der Strecke. Am Ende wird die feine Klinge des Humors sogar mit dem Hackebeil getauscht. Aber viel­leicht ist weniger Tiefgang am Ende doch der Preis für eine größere Follo­wer­schaft. – Chris Schmuck

Im Spiegel meiner Mutter
R: Jutta Brückner · D 2026 · Neues Deutsches Kino

Film ohne Flügel: Im Spiegel meiner Mutter beginnt mit einer Nachtflug übers Moor und endet mit einem Tagflug übers Moor. Dazwi­schen sucht Jutta Brückner nach Gespens­tern, findet aber nur Symbole. Die Archäo­login, die Moor­leiche, die tote Mutter, der Keller, die reno­vierte Univer­sität: Alles verweist auf alles, bis nichts mehr wirklich atmen kann. Corinna Harfouch soll und müsste diesen Film eigent­lich tragen, darf aber ihr Potential kaum ausspielen; sie wirkt ausge­bremst, so wie der ganze Film wie auf Hand­bremse läuft. Die Dialoge stehen starr im Raum, die Musik drängt sich fast schon uner­träg­lich bedeu­tungs­voll vor jedes Gefühl. Und dann noch dieser halbe Engel, der sich seine Flügel erst verdienen muss und dessen gespro­chenes Deutsch eine weitere Leer­stelle markieren soll: eine Symbolik, in der keine Symbolik mehr liegen kann. Über­mutter, Schuld, Liebe, Vater: ein Labyrinth aus Plat­ti­tüden, das sich selbst erklärt und jede Suche, vor allem aber Ambi­guität ausschließt. – Axel Timo Purr

Was haben wir gelacht
R: Eva Müller, Isabel Schneider · D 2026 · Spotlight

Beate hat alles, nur nicht das Talent sich in den Vorder­grund zu schieben: Eva Müllers und Isabel Schnei­ders Doku­men­ta­tion stellt die richtige Frage: Wer bestimmt eigent­lich, worüber gelacht wird? Denn wer das bestimmt, hat Macht und die hatten Frauen im deutschen Fernsehen der 1990er nicht gerade im Überfluss. Eva Müller und Isabel Schneider montieren Erin­ne­rungen von und Inter­views mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Esther Schweins und Gaby Köster mit Archiv­bil­dern, die heute wie eine Zeitreise in die Abgründe der Offen­sicht­lich­keit wirken: Mini ist wieder in, geh doch mal; Assis­ten­tinnen mit „Tendenz zur Hinter­grün­dig­keit“, offenes Antat­schen, Frauen als Dekor. Die Doku zeigt, was femi­nis­ti­sche Wellen verändert haben – und wie viel heut­zu­tage nur unsicht­barer geworden ist. Ein Film so wichtig wie Die Unbeug­samen für die Politik war, dabei geht der Film weit über die Komik hinaus: er ist eine kluge Archäo­logie des Geläch­ters, der vor allem die beängs­ti­gende Frage stellt: übersehen wir heute soviel wie damals? – Axel Timo Purr