43. Filmfest München 2026
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Rauchschwaden der Zukunft. Eine Großfamilie trifft sich auf ihrem riesigen Anwesen, um über die Zukunft zu entscheiden. Verkauft man und geht mit der Zeit, oder korrumpiert man damit das Vermächtnis der Vorfahren? Dazwischen die Sorgen der Tochter der Haushälterin, die um die Zukunft ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter bangt. Eine Hitzewelle sorgt dafür, dass ein Großbrand um sich greift und der Rauch die Familie in die immer enger werdenden Räume zwängt. Während der Raum kleiner wird, werden die Zukunftssorgen und Konflikte immer größer, entladen sich in Frust und Alkoholkonsum. Das Familiendrama ist ausgestattet mit beeindruckender Kameraarbeit, die die Weiten des Anwesens wie auch die Zuflucht in die scheinbar zu kleine Welt des Hauses atemberaubend ablichtet. Hat der Brand das Haus erreicht, ist die Zukunft nach wie vor ungeklärt. Das einzige, was sicher zu sein scheint, ist die Unsicherheit. Die Räume der Erinnerung mögen ausbrennen, doch verschwinden werden sie nicht. – Chris Schmuck
Eine Stunde, eine einzige Einstellung und keine Zeit zum Verschnaufen. Mit 3 Zile În Septembrie macht Tudor Giurgiu seine Plansequenz zum Motor der Erzählung. Die Kamera folgt Bianca während ihrer Hochzeitsnacht, die eine dramatische Wendung nimmt, als sie den Betrug ihres Verlobten entdeckt. Die ständig bewegte Kamera begleitet diesen Zusammenbruch mit großer Dynamik. Diese Inszenierung hält eine ständige Spannung aufrecht und vermittelt den Eindruck, die Ereignisse in Echtzeit mitzuerleben. Hinter dieser geschlossenen Kulisse zeigt der Film auch eine umfassendere Realität. Durch den Blick der Mutter hinterfragt er einen nach wie vor sehr präsenten gesellschaftlichen Druck: zuerst zu heiraten und die Probleme erst danach zu lösen. Eine Logik, die oft dazu führt, den Schein zu wahren, anstatt Konflikte anzugehen – aus Angst, sich vor anderen bloßzustellen. – Aymeric Dupuis
Unzertrennliche Gefährtinnen. Bei einem Spaziergang entlang der Seine erzählt Pflegeheimleiterin Marie-Lou (Virginie Efira) von ihrem Anthropologiestudium in Japan. Theaterregisseurin Mari (Tao Okamoto) studierte Philosophie in Paris. Sie haben sich eben erst kennengelernt, als Mari offenbart, dass sie an Krebs leidet. Über ihre spiegelbildlich verschränkten Biographien verbinden sie sich unversehens. Ryûsuke Hamaguchi gestaltet das Zusammentreffen seiner Figuren an der Grenze der Sterblichkeit mit außergewöhnlichem Tiefengefühl. Er setzt seine humanistische Utopie in den Alltag eines Altenpflegeheims und bindet sie in eine Reflexion kapitalistischer Strukturen ein. Drei unvergessliche Stunden lang kommen wir in Berührung damit, was es bedeutet, am Leben zu sein, den Körper zu spüren und Liebe füreinander zu empfinden. – Amelie Hochhäusler
Krankheit kann, wie Liebe, plötzlich zuschlagen – wobei es in diesem Film um beides eigentlich nur am Rande geht. Ryûsuke Hamaguchis neuer Film, erstmals nicht komplett in Japan angesiedelt, ist ambitioniert und humanistisch, aber auch reichlich belehrend und einfach etwas zu lang, weil seine drei Filmstunden durch »das Meditative« allein nicht gerechtfertigt werden. Es handelt sich eher um Posen des Slow Cinema. »Das Japanische« ist mehr Geste, als Substanz. Am stärksten ist All of a Sudden, wenn er die überkonstruierte Zweierbeziehung in seinem Zentrum verlässt: in den realistischen Szenen mit Demenzpatienten und ihren Familien, unterlegt mit alten Fotos. Zärtlich und schön gefilmt, wirkt alles zugleich lackiert, konstruiert und mit einigen allzu-perfekt-fürsorglichen Figuren ausgestattet. Kurz: reichlich selbstverliebt. – Rüdiger Suchsland
Ein stiller Film über das Ende, der das Leben umso kostbarer erscheinen lässt. Erzählt wird von zwei Frauen, die einander erst kurz vor dem Abschied begegnen: von der Pflegeheimleiterin Marie-Lou und der todkranken Theaterregisseurin Mari. Aus ihrer unverhofften Freundschaft entsteht kein Trost durch Jenseitsversprechen, sondern durch Sprache, Aufmerksamkeit und Berührung. Hamaguchi verwandelt philosophische Debatten über Pflege, Kapitalismus, Kunst und Sterblichkeit in erstaunlich lebendiges Kino. Virginie Efira und Tao Okamoto spielen mit dokumentarischer Wahrhaftigkeit, während die Kamera Blicke, Gesten und Zufälle sammelt, bis der vorhersehbare Abschied in den Bergen von Kyoto nicht wie eine Niederlage wirkt, sondern wie ein kleines Wunder. – Tanja Moll
Ein wundersamer Brückenschlag zwischen Video-Gamern und alten Römern vollzieht sich im Nordwesten Spaniens, an der Grenze zu Portugal. Fünf junge Männer unterhalten sich über ihre heroischen Erfolge in Computerspielen, während sie sich Schritt für Schritt durch eine urtümliche Sumpflandschaft vorankämpfen. An ihrem Ziel, in den Ruinen eines antiken Thermalbads, durchleben sie dann unter einem überwältigenden Sternenhimmel eine magische Nacht, in der sie rückhaltlos von ihren Unsicherheiten und existentiellen Ängsten sprechen. Später lauschen wir am selben Ort Latein sprechenden jungen Männern, die über ihre Zweifel am Kriegseinsatz in der fernen Provinz Dakien sinnieren. Gabriel Azorín und sein Kameramann Giuseppe Truppi öffnen in einem betörenden Flow die Tore der Wahrnehmung. – Wolfgang Lasinger
Bärenjagen
R: Peter Meister · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Teneriffa: Bärenjagen ist eine Sensation. Eine historische Komödie, als wäre dieses Genre in Deutschland nicht fast so ausgestorben wie der letzte Bär. Peter Meister, der schon mit Das schwarze Quadrat aus der Heist-Komödie etwas Eigenes, Schräges, Neues gemacht hat, gelingt hier ein fast noch größerer Wurf. Deutschland 1834: die Revolution gärt, Büchners Hessischer Landbote zirkuliert, Amerika lockt als demokratische Projektion und ein Bär soll als unbürokratischste aller Lösungen die unzufriedene Bevölkerung ablenken. Daraus wird ein furioser Western über Leute, die wegwollen, aber im deutschen Wahnsinn feststecken. Das Ensemble läuft zu Hochform auf, die Dialoge sitzen, der Soundtrack ist grandios eigenwillig: »Wenn ich ein Vöglein wär«, Düsterboys Teneriffa-Sehnsucht. Selten war Vormärz so komisch, klug und gegenwärtig. Und Applaus in der Pressevorführung: wann gab’s das schon? – Axel Timo Purr
Die Ballade von Mittwoch auf Donnerstag
R: Christoph Otto · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Döner-Therapie: Christoph Ottos Film ist ein Kneipen-Mosaik als Deutschlanddiagnose, eine nächtliche Ethnografie zwischen Tresen, Shisha-Lounge, Döner-Therapie und Antialkohol-Liga. Denn Alkohol ist hier nicht nur Rauschmittel, sondern auch Wahrheitsserum, Trigger, Gesprächsöffner und Katastrophenbeschleuniger: Plötzlich liegen Patriarchat, Nahostkonflikt, Heizungsgesetz, steigende Mieten, Boomer-Frust und die Frage, ob Jesus heute noch eine Runde ausgeben würde, auf dem Tisch. Das ist Feldforschung mit geiler Kamera, komisch, böse, präzise. Eine Polizistin redet Racial Profiling klein und wird übergriffig groß, politische Haltungen verhärten sich, alte Wunden brechen auf, Deutschland steht gleichzeitig am Abgrund und im vermeintlichen Höhenflug. Die Dialoge sitzen, die Szenen knallen, jede Bar wird zur Versuchsanordnung. Ein furioses, trinkfestes, hellwaches Gegenwartspanorama. Und natürlich auch: ein fantastischer Köln-Film! – Axel Timo Purr
Der Film im Film...im Film. Vor lauter Meta-Ebenen könnte man fast den Überblick verlieren, wäre Almodóvar nicht Altmeister der Verschachtelungen. Der Film erzählt von der Kunst und von Trauer. Wir wohnen Wortgefechten bei: Ist es geschmacklos, die private Tragödie eines Menschen für seine Kunst zu nutzen, oder ist es nötig als Künstler, seine Realität in seine Kunst einzuarbeiten? Eine Frage ohne richtige Antwort. Dies weiß auch Almodóvar, der diese Fragen nie einseitig verhandelt, den Zuschauer vielmehr seine eigenen Antworten in den Dialogen suchen lässt. Dabei verschmelzen die Geschichten des gealterten Autoren Raúl und dem neuen Drehbuchs, das er gerade schreibt, miteinander. Immer weiter verschiebt er die Grenzen der Inspiration, zu Lasten der Beziehung mit seinem Umfeld. Seine Hauptfigur Elsa flüchtet ins idyllische Lanzarote, um ihre inneren Konflikte zu lösen, Raúl in sein Drehbuch, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Während Raúls gefährliches Spiel mit der Inspiration zu Brüchen führt, scheint Elsa ihre Erlösung zu finden. – Chris Schmuck
Realität vs. Fiktion. Almodóvar selbst bezeichnet seinen neuesten Film Bitteres Fest als »fast schon autobiographisch«. Ein Regisseur auf der Suche nach Inspiration für seinen nächsten großen Film. Hier heißt Pedro aber Raúl und schreibt gerade sein nächstes Drehbuch. Es handelt von Elsa, einer Regisseurin, die von Trauer und Schmerz geplagt ist. Wie Raúl. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion beginnen zu verschwimmen, als er die Ereignisse seiner Freunde mit ins Drehbuch einbettet. Es ist eine Sache, sich selbst als Inspiration für seine Kunst zu nehmen, aber seine engsten Vertrauten? Raúl ändert Namen und Geschichten, doch der Kern bleibt vorhanden. Elsa ist Raúl. Patricia ist Mónicas Freundin Elena. Bonifacio ist Santi. Trotz feuriger Kritik von seiner Ex-Kollegin Mónica schreibt Raúl weiter und die Antwort auf die Frage der Inspiration bleibt offen. – Karolina Brell
Nach der letzten freien Nationalsratswahl am 9. November 1930 befindet sich Österreich auf dem Weg in einen autoritären Ständestaat. Der Gymnasiast Bruno Kreisky (Nils Arztmann mit »Blondchen in Blüten«-Charme) ist als Industriellensohn ein »Gestopfter«, den die sozialistische Arbeiterjungend Wiens nicht in ihren Reihen haben will. Doch er taucht immer wieder bei deren illegalen Treffen auf und geht für seine politischen Überzeugungen sogar ins Gefängnis. Am Tag seines Jura-Examens vollzieht Hitler den »Anschluss« Österreichs, was den jüdischen Sozialdemokraten Kreisky doppelt in Gefahr bringt. Die weitgehend unbekannte Jugendzeit des legendären SPÖ-Bundeskanzlers wäre ein lohnendes Thema gewesen. Doch Sicheritz macht daraus zu nervender Musik und vor der immergleichen Straßenkulisse Geschichtsunterricht mit der Holzhammermethode. – Katrin Hillgruber
Fingerfood Film. Jess verliert ihre Tochter an das College und findet am selben Tag einen abgetrennten Finger in ihrem Fast Food. Immerhin erhält sie viel Geld für ihre Schweigsamkeit. Doch der Franchisegeber ist misstrauisch und möchte herausfinden, wo der Finger herkommt. Das erinnert mit skurrilen Figuren, trockenem Humor, vielen Wendungen, etwas Gewalt und John Goodman stark an frühe Coen-Brüder-Filme. Glücklicherweise aber es ist es dann doch keine vorhersehbare Hommage – der Film zeigt vielmehr, wie viel doch in diesem einfachen Konzept steckt. Die Eskalation macht Spaß und die Figuren verschwinden nicht hinter den Stars (neben John Goodman noch Judy Greer, Sean Astin und Bryan Cranston). Sie behalten unter ihrer Absurdität doch noch etwas Echtes und Greifbares. Kurzweilig, spaßig, mit ein bisschen Herz – Fingerfood halt. – Nicolai Meußling
Zwischen Laufsteg, Leistungsdruck und Lebenskrisen. Couture begleitet drei Frauen, die im Trubel der Paris Fashion Week ihren eigenen Herausforderungen gegenüberstehen. Maxine, eine Regisseurin, die mit Mode wenig anfangen kann, soll einen Kurzfilm drehen und erhält gleichzeitig eine niederschmetternde Krebsdiagnose. Ada, ein Nachwuchsmodel aus Kenia, ringt mit Überforderung, familiären Lügen und einer Branche, die sie sofort objektiviert. Angèle, routinierte Make-Up-Artist im Backstage-Chaos, die eigentlich ganz anderen Träumen folgen möchte. Alice Winocour findet in dieser lärmenden, rastlosen Modewelt jene stillen Augenblicke, in denen die Figuren ihre Bruchstellen zeigen. Gerade dieser Kontrast zwischen äußerem Tempo und inneren Konflikten verleiht dem Werk seine Kraft. Ein Film über die glitzernde Oberfläche der Modewelt und die stillen Krisen der Menschen dahinter. – Pia Kottbusch
In a prison, what’s left to see but a dream? Der Afghane Majid ist in den Iran geflohen, um seiner Schwester ein besseres Leben zu bieten – aber jetzt soll sie verheiratet werden. »Willst du ihr nun auch noch ihre Träume nehmen?«, flüstert die Sehnsuchtsfigur, die Majids nächtliche Schlaflosigkeit durchbricht und sich wie ein Seidentuch um seine Einsamkeit schmiegt. Er arbeitet auf Baustellen, wo er nicht hingehört. Wo die Leute nicht sprechen, sondern sich nur auskotzen. Gefangen in einem Dickicht milchiger Planen, die Majids Behausung genauso durchziehen wie seine nächtlichen Gedanken. Dort hinein mischen sich die Rufe der schönen Fremden, die als Aufblitzen auf dem Handydisplay begannen. Wo Worte keine Heilung bringen, verfällt Majid ihrem betörenden Tanz. Ein Film, der von Schattenspielen regiert wird und sich anfühlt wie ein Wachtraum ohne Ausweg. – Maria Feckl
Drei Kameradinnen
R: Milena Aboyan · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Erklär mir meine Wut: Milena Aboyans Drei Kameradinnen ist ein gut gemeinter Affront-Film gegen doppelmoralige »positive Integrationsprognosen« der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft – und gerade daran scheitert er auch. Shida Bazyars Romanvorlage war schon engagierte Prosa mit einem Hang zur Lehrfabel, die ihre Figuren bisweilen zu Aufsageautomaten bestimmter Haltungen machte; die Verfilmung verstärkt dieses Problem noch. Hani, Kasih und Saya sollen in unterschiedlichen Tonlagen gegen die Zumutungen der deutschen Gesellschaft, gegen Rassismus, Medienbilder und Verdächtigungslogiken anschreien. Nur vertraut der Film dieser Wut kaum, sondern erklärt sie unentwegt: aus dem Off, im fiktiven Interviewrahmen, in überdeutlichen Mediensatiren, in erratischen Animationsspielereien, im finalen Monolog, der noch einmal sagt, was längst gesagt wurde. Ein viraler Videoausschnitt, verschleierte Tanten, der farbige Leif: alles wird hier zum Zeichen, zur These, zur pädagogischen Markierung. Dabei läge die Stärke im Widerspruch zwischen Sayas Widerstand und dem so anderen „Überleben“ von Hani und Kasih. Doch Drei Kameradinnen will nicht aushalten, dass Ambivalenz politisch schärfer sein kann als Erklärung. Wenn unsere Mütter weinen, müssen wir für sie lächeln: ein starker Satz. Der Film aber lächelt nicht. Er doziert nur. – Axel Timo Purr
Baum für Baum eine Lichtung schlagen. Frieda hat von ihrer Oma einen Wald geerbt. Der »Zullus« war in der Familie ein wichtiger Ort, die Oma hat ihn einst gepflanzt. Weil die Eltern kaum den Hof halten können, will Frieda, die in Wien kurz vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeit steht, den Wald verkaufen. Oder zumindest einzelne Bäume, um die Beerdigung zu bezahlen. Der »Käfer« aber kommt ihr dazwischen, hat den Wald wertlos gemacht. Katharina Rabl und ihre Drehbuchautorin Karla Cristòbal erzählen von einem transgenerationellen Schicksal. Wie die Borke eines Baumes trägt der Film die Lügen einer Familie Schicht für Schicht ab, bis der Stamm nackt und für alle sichtbar daliegt. Dafür fällt die mundartsprechende Julia Windischbauer sogar Bäume, und Johanna Orsini, die man aus den Filmen von Daniel Hoesl kennt, gibt die bärbeißige Mutter. – Dunja Bialas
Erzähl mir dein Morgen
R: Ella Cieslinski, Nina Wesemann · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Spielarten des Lebens: Erzähl mir dein Morgen hat eine schöne Idee. Zwei Freundinnen treffen in der alten Heimat nicht nur aufeinander, sondern auch auf ihre früheren und möglichen späteren Ichs, die in der filmischen Gegenwart neue verhandelt werden. Nico und Lori arbeiten mit Schülern, die mit ihrem fiktiven 30-jährigen Zukunfts-Ich sich selbst einen Brief in die Vergangenheit schicken sollen. Und plötzlich steht die Frage im Raum, was aus den eigenen Lebensentwürfen von Nico und Lori geworden ist und es stellt sich heraus: Das Leben kommt anders, als man denkt. Das ist nett und auch wahr, aber nicht sonderlich überraschend. Interessant wird der Film dort, wo er fast ethnografisch vom kleinstädtischen Allerlei erzählt, von Schule, Herkunft, Weggehen und Bleiben. Doch die Umsetzung ist holprig. Timing und Tonalität geraten immer wieder aus den Fugen, die Dialoge stocken so steif, dass man aus der eigentlich intensiven Freundschaftsgeschichte lieber wieder Abschied und in eine ungewisse Zukunft flüchten möchte. – Axel Timo Purr
Trauer und Träume. Eine durchzechte Nacht, ein vernebelter Morgen und dann ein Schock! Vorrausgehend die klare Empfehlung, sich nicht über diesen Film zu informieren. Sandra Wollner schockiert zunächst mit einem Schlag in die Magengrube, um uns danach mitzunehmen auf eine Reise zwischen Traum und Realität. Sie verzichtet auf die gängigen Bilder solcher Familientragödien, die abgenutzt und repetitiv wirken könnten, sondern erforscht den Schmerz mithilfe subtiler Andeutungen, unausgesprochener Schuldzuweisungen sowie der Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit. Der von Aftersun bekannte Kameramann Gregory Oke sorgt dabei für atemberaubende Bilder, egal ob vom Urlaubsparadies Teneriffa oder im Dickicht der Hochhäuser von Berlin. Everytime hallt auch Stunden und Tage nach dem Ansehen noch nach, lässt einen schwelgen in den Gedanken von Traum und Wirklichkeit. Eine einzigartige Erfahrung. – Chris Schmuck
Sandra Wollner ist ein wirklich großer Film geglückt! Für mich ist Everytime bisher der beste Film des Jahres: Reif, alles über Bilder erzählend, ohne auf Dialoge zu verzichten und in Slow-Cinema-Manierismen zu verfallen; ruhig, genau im richtigen Moment langsam, aber auch schnell, ohne daraus einen Fetisch zu machen. Ein Film, der das Rätsel an den Anfang stellt, ohne sich zu verrätseln – denn Geschichte und Figuren sind eigentlich ganz einfach. Ein Kind verschwindet. Wie bei Antonioni öffnet sich der Vertigo und ein Riss: Ein Moment der Leere, der Everytime. Schon vorher war alles möglich in diesem Film – Latenz ohne Bedrohung. Vielleicht war, wie bei Camus, am Ende die Sonne schuld. Im Kino von Sandra Wollner ist alles möglich. Ein mutiger, toller Film! »Everything is connected«, sagt Chris Marker. – Rüdiger Suchsland
Eindringliches Drama über Verlust, Trauer und die Zerbrechlichkeit der Wirklichkeit. Was zunächst wie eine realistische Geschichte über den Tod der siebzehnjährigen Jessie beginnt, entwickelt sich durch einen überraschenden surrealen Twist zu einer poetischen Reflexion über Erinnerung und Wahrnehmung. Wie in einem Paralleluniversum findet die jüngere Schwester Melli einen Raum, in dem die Zeitebenen verschmelzen und Trost und Hoffnung heraufbeschwören. Besonders beeindruckend sind die starken Bilder — etwa der quadratische Sonnenuntergang, der ihre Perspektive widerspiegelt und zeigt, wie das Kino Realität verwandeln kann. Eine visuell außergewöhnliche Erfahrung! – Tanja Moll
Fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn: Pawel Pawlikowskis Fatherland ist der Eröffnungsfilm des diesjährigen Filmfests und weniger eine Verfilmung von Colm Tóibíns »Zauberer« als eine asketische Auskopplung. Breitet der Roman Leben, Familie, Exil, Begehren und Werk Thomas Manns episch aus, komprimiert der Film all dies auf wenige Tage, wenige Räume, wenige Blicke. Diese Konzentration ist einerseits faszinierendes, ästhetisches und schauspielerisch großartig umgesetztes Prinzip, aber immer wieder auch Makel. Denn wo der Roman Verflechtungen sichtbar macht, setzt der Film auf Ellipse, historische Kenntnis und die Resonanz des Ungesagten. Das wirkt mal wie Verdichtung, dann aber wie ein Zuviel an Leerstelle: Figuren und Konflikte blitzen nur auf, statt sich zu entfalten. Gerade Szenen, die etwa Klaus Mann und die Versehrungen der Manns berühren, wirken dadurch nicht verdichtet, sondern schematisch, fast stereotyp und wie allzu bekannte Chiffren für Exil, Drogensucht, Homosexualität, Vaterkonflikt und Selbstzerstörung, ohne dass der Film ihnen genügend Zeit gäbe, aus dieser Funktionshaftigkeit herauszutreten. – Axel Timo Purr
Forever 16
R: Brezel Göring · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Super 8, Super geil: Brezel Görings Forever 16 ist so was, bei dem man nach zehn Minuten denkt: Was ist das denn? Und nach elf: Warum gibt es davon nicht viel mehr? Drei alte Freundinnen nach Jahren mal wieder zusammen, ein gemeinsamer Urlaub, verletzte Eitelkeiten, alte Experimentalfilmgruppenwunden, dann kommt noch Rudolf dazu und plötzlich soll ein Film über eine Serienmörderin gedreht werden. Natürlich schrammelig. Natürlich schief. Natürlich großartig. So wie Forever 16 selbst. Wo andere Filme Freundschafts-Reenactments und Vergangenheitsbewältigung brav ausbuchstabieren – siehe Erzähl mir dein Morgen – flackert hier alles: Farben, Ton, Dialoge, Begehren, Mordlust, Musik. Die Sätze wie schlecht gelernt und noch schlechter aufgesagt, aber genau darin liegt ihr Glück: prallhohl, abgründig, komplett neben der Spur und doch präziser als jeder Realismus. Dazu dieser affengeile Stero-Total-Soundtrack, der jede Szene anstößt, mitschleift, hochdreht, als sei das Kino plötzlich DJ-Pult, Kellerbar, Kunstinstallation und schlechte Idee zugleich. »Wann hattest du das letzte Mal einen Orgasmus?« – »Im Traum.« – »Und davor?« – »Beim Wichsen.« Geht’s noch besser? Forever 16 ist vielleicht die schönste, schrägste Überraschung dieses Filmfests: unscharf, unverschämt, unsterblich halbstark. – Axel Timo Purr
Stereo Total: Gibt es so nicht mehr. 2021 ist Sängerin Françoise Cactus der deutschen Band verstorben. Gründungsmitglied Brezel Göring hat ihr nun ein federleichtes Requiem gedreht, den auf Super-8 gefilmten Für Immer 16, der auf einem Roman von Cactus basiert. Ein gemeinsamer Urlaub soll das zerstrittene Experimentalfilm-Trio Charlotte, Helena und Oskar wieder zusammenbringen, gelangweilt beschließen sie der alten Zeiten wegen einen Kriminalfilm zu drehen. Die kettenrauchende Lilith Stangenberg ist das fulminante Zentrum dieses schönen, wilden, amüsanten Films, der freimütig mit Amateurfilm-Motiven kokettiert. Im Latexanzug werden in der prallen Sonne Männer gemordet, Geigen dürfen ausschließlich schief gespielt werden, und jedwede Moral bleibt ohnehin auf der Strecke: »Der Mord hat dir gutgetan!« – Benedikt Guntentaler
Die ganze Ungeheuerlichkeit des Begriffs Gastarbeiter zeigt sich in Cristina Diz’ und Stefan Butzmühlens äußerst präziser Signatur der frühen 70er Jahre. Irias Mutter hat sich der männlichen Dominanz im heimatlichen Galicien nach Köln entzogen, nach einem Arbeitsunfall verfügt die Verwandtschaft, dass die im Koma Liegende nach Spanien gebracht wird. Irias Freund, Hajo, aus besserer Familie und rebellischer Student, erklärt sich bereit, sie in seinem Kombi gemeinsam mit Iria zu überführen. Der Roadtrip über die Grenzen offenbart eine gespenstische Allianz des Patriachats in der BRD und im Spanien Francos, der sich Iria entgegenstemmt. Die spröd-herbe Kameraarbeit von Rui Poças schafft poetische Momente von seltener atmosphärischer Prägnanz, in der Vertrautheit und Fremde auf unheimliche Weise verschmelzen. – Wolfgang Lasinger
Überall zu Gast. Iria hat sich an das Köln der 70er Jahre einigermaßen gewöhnt, bis ihre Mutter verletzt wird. Die Ärzte können nicht viel machen, und ihre Familie ist sich einig, dass sie zurück nach Galicien muss. Irias Freund Hajo erklärt sich bereit, sie im Auto seiner Eltern in die Heimat zu fahren. Auf diese Fahrt baut der Film auf und gibt uns dort ein bisschen von allem: Sie streiten sich ein bisschen, versöhnen sich ein bisschen, tanzen ein bisschen, erfahren ein bisschen über sich selbst. Ein bisschen oberflächlich bleibt das zwar, aber das kann man dem Film verzeihen, denn angekommen in Galicien fügt sich alles zusammen und auf einmal ist Iria auch Gast in ihrem alten Zuhause. Die Fragen nach Fremde und Heimat werden erweitert und konkretisiert. Wir sehen, wie Einsamkeit und Entfremdung in geteilten Vergangenheiten entstehen können, wir sehen, was es bedeutet, immer Gast zu sein. – Nicolai Meußling
Am Stammtisch: Marie Kreutzers Drama operiert am Nabel des Zeitgeschmacks und wie schon in ihrem letzten, dem ebenfalls einem aktuellen Thema verpflichteten Corsage – Sisi so nah wie nie, nicht ohne Kunstfehler. Gentle Monster ist brisantes, tagesaktuelles Material: Frauen, die ihre Leben um Männer herum bauen, deren dunkle Seiten sie lieber nicht sehen wollen. Doch statt Ambivalenz, psychologischer Tiefe oder wirklicher Verstörung liefert der Film zu oft nur die dramatisierte Reproduktion dessen, was aus einschlägigen Medienskandalen über Pädophilie längst bekannt ist. Wenn Kino in Richtung Aktivismus driftet, sollte es mehr können als das die besseren Schlagzeilen. Besonders schmerzhaft ist die Parallelgeschichte um die Polizistin Elsa und ihren demenzkranken Vater: aufgesetzt, platt, und wie alles hier ganz nah am Stammtisch-Skandal. Und dann noch Léa Seydoux, die selten so verschenkt und festgeschrieben auf eine penetrante Schluchzrolle war. Ein Film über blinde Flecken, der selbst erstaunlich wenig sieht. – Axel Timo Purr
Bulgarischer Realismus. Veska kehrt nach Jahren im Ausland an ihren Geburtsort Swilengrad zurück, um dort archäologische Ausgrabungen zu leiten. Als sie ihrem alten Freund Said begegnet, wird sie in Unterwelt-Strukturen verwickelt. Grisebachs knapp dreistündiges Meisterwerk erzählt die Geschichte dieses bulgarischen Transit-Ortes vorrangig durch elliptische Dialoge, gebrochen von ständigen Autofahrten und Ortswechseln. Das titelgebende Abenteuer kann dabei nur erahnt werden, wie überhaupt alles in diesem Film in Andeutungen verhaftet bleibt: Die Vergangenheit hat sich unauslöschlich in Ort und Figuren eingeschrieben, Veskas Unternehmungen sind immer auch Versuche einer Wiedergutmachung dessen, was sie selbst erleben musste. Mit Laiendarstellern gedreht, vermittelt der Film eine Nähe, wie sie lange nicht mehr im Kino zu erleben war. – Benedikt Guntentaler
»Was heißt es zu vergeben?« In einer wüsten Landschaft an der bulgarisch-türkisch-griechischen Grenze treffen Veska (Yana Radeva, eine grandiose Laiendarstellerin) und Said (Syuleyman Alilov Letifov) wieder aufeinander. Seit der Zeit, aus der sie sich kennen, prägen Schmuggelgeschäfte und Machenschaften der Mafiachefs die Region. Veska ist als Archäologin zurückgekehrt, die Tätigkeit des Ausgrabens führt Valeska Grisebach auch narrativ durch: Das Fortwirken einer Gewaltgeschichte tritt wieder an die Oberfläche. In Gesprächsrunden erzählen Frauen von erlebten Übergriffen, während sich in den Männerrunden die fortbestehenden sexistischen Strukturen äußern. Über die beiden Rückkehrerfiguren lässt uns Grisebach erkunden, was gegenwärtig weiterwirkt – und ob dem zu entrinnen ist. – Amelie Hochhäusler
Wie ein Terrain Vague, das einen nicht mehr loslässt, so ist dieser Film, ein quasi dokumentarisches Roadmovie des ewigen Hin und Her, wo die dubiosen Machenschaften zwischen Schmugglern, Schleppern, Glücksspielern ein feines Gespinst im Hintergrund bilden, das den Gesprächen zwischen den vielen Figuren, die in unterschiedlichsten Konstellationen zusammensitzen, entwächst. Mittendrin Veska, die Archäologin, die für Ausgrabungen zurückgekehrt ist in ihre kleine Heimatstadt Swilengrad an der Grenze Bulgariens zur Türkei. Die Begegnungen mit den alten Bekannten rufen die Gespenster der Vergangenheit auf und lassen vor allem die scheinbar unverrückbaren Grenzen zwischen den Geschlechtern als Bruchkanten der Schicksale schmerzhaft spürbar werden. Doch Veska ist bereit, aufs Ganze zu gehen, auch wenn sie dabei die ungeschriebenen Gesetze der Männer verletzt. – Wolfgang Lasinger
Von Betrügern und Betrogenen. Zunächst ist es Liebe auf den ersten Blick, später muss nebeneinander aus Mangel an sexueller Anziehung masturbiert werden, damit Geschlechtsverkehr möglich ist. Die Liebesgeschichte von Sasja und Olivia ist durchzogen von Gleichgültigkeit, bis Sasja eine zwanglose Affäre mit einer Kellnerin eingeht. Eine Meisterleistung von Regisseur Kim Sundbeck, hier keine kitschige Taschentuchromanze, sondern einen Film voller Leichtigkeit und viel Liebe für seine nicht immer liebenswerten Figuren zu inszenieren. Ein Blick der beiden HauptdarstellerInnen reicht, um Gefühlswelten klar zu machen und der trockene Humor lassen die gerade mal 84 Minuten wie im Flug vergehen. Großes Highlight des Films sind jedoch die karikaturesken Nebenfiguren wie Sasjas Chef, der seine Bürotür an die Wand nagelt, um zu zeigen, dass sie immer für alle offen steht, sowie der Lebensgefährte von Olivias bester Freundin, der seinen Beruf wie auch sein Hobby Badminton deutlich zu ernst nimmt. Bei all der Komik erzählt Sundbeck im Kern von zwei Menschen, die durch ihre Fehler ihre Menschlichkeit behalten im sonst so aufdringlich entmenschlichten Genre der Liebeskomödie. – Chris Schmuck
H wie Habicht
R: Philippa Lowthorpe · USA/GB 2026 · Spotlight
Habicht als Heilmittel: H wie Habicht basiert auf Helen Macdonalds großem Nature-Writing-Buch H is for Hawk, doch Philippa Lowthorpes Verfilmung übersetzt dessen Verstörung vor allem in weinerlichen Pathos. Claire Foy spielt Helen, die nach dem Tod des Vaters in Trauer und Depression versinkt und einen Habicht abrichtet, um wieder zu sich zu finden. Nur ist hier der Vogel weniger Gegenüber als therapeutisches Instrument: Natur als Spiegel, Habicht als Heilmittel, Wildheit als Selbsthilfeprogramm. Interessanter wäre die bizarre Vater-Tochter-Bindung gewesen, die der Film nicht einmal andeutet. Stattdessen gibt es viel Britishness, Brücken, Themse-Quelle, Museumsrede, Kirchenrede, erste Jagd – alles zu lang, zu laut, zu aufgesetzt. Brendan Gleeson bleibt als Vater Erinnerungskulisse, Claire Foy muss leiden, die Musik drückt auf die Tube. Am Ende gesundet der Mensch am Tier. Nur das Kino kränkelt. – Axel Timo Purr
Seine Produktivitätsspaziergänge unternahm Schriftsteller Gerhart Hauptmann auf der Ostseeinsel Hiddensee, wo er 1930 ein Haus erwarb. So beginnt Annekatrin Hendel ihren Dokumentarfilm und verbindet in den ersten vielversprechenden dreißig Minuten historische Spuren mit der Gegenwart. Dann rückt die letzte Bürgermeisterwahl in den Fokus, daneben erfahren wir erschöpfend von den Lebensgeschichten und Schicksalen zahlreicher Inselbewohner – auch die Schlagersänger bleiben übrigens nicht unerwähnt. Die erzählerische Konzentration verliert sich vollkommen, als kurz vor Schluss nochmals ausführlich auf die NS-Vergangenheit der Insel zurückgegangen wird – ein Stoff, der einen eigenen Film ergibt. Der zerfaserte Schnitt verunklart, was eigentlich erzählt werden will. Irgendwann wartet man nur noch auf die Abreise. – Amelie Hochhäusler
Auf den Trümmern der Arbeiterklasse. Eine Gruppe von britischen Jugendfreunden feiert einen 30. Geburtstag. Dieser endet in einem Club in vollkommenem Exzess, aus dem Figuren gerissen werden, wenn mit einem Schnitt der Alltag wieder Einzug hält. Aus den Partyfreunden werden wieder eine Mutter von zwei Kindern, ein Bauleiter eines Hochhauses, ein Essenslieferant, ein durch ein Erbe reich gewordener Investor sowie ein Drogenkurier. Ihre Geschichten sind sehr eng miteinander verwoben. Barnard erzählt von sozialer Ungerechtigkeit und der Sehnsucht nach mehr. Wie die zwischendurch eingeblendeten Gebäude stürzen auch die Träume der sechs Freunde immer wieder in sich zusammen. Von Übertretern der Klassengrenzen zu Opfern des Systems deckt I See Buildings Fall Like Lightning sämtliche Aspekte der britischen Mittelschicht ab. Der Kampf gegen das System scheint zum Ende hin verloren zu sein, doch gerade dann schafft Barnard einen herzerwärmenden Ausstieg, der entzweite Figuren versöhnt und dem Zuschauer zwar kein Happy-End, aber eine tröstende Wärme schenkt. Eingestürzte Gebäude können eben auch wieder aufgebaut werden. – Chris Schmuck
Identität als Ware: Eine verheerend missglückte Verfilmung des klugen Bestsellers von Mithu Sanyal. Wo der Roman Identität als Ware, Projektion und Zumutung vielschichtig und äußerst kreativ verhandelt, findet der Film nur Oberfläche, Klamauk und Pose und praktiziert langweilige Phrasendrescherei. Selbst die Göttin Kali wird zur Nummernrevue degradiert. Die Seminarraumszenen mit grotesk schunkelnden Studierenden wirken ebenso ratlos wie die Demonstrationssequenz, eine der unglaubwürdigsten, ja fast schon groteskesten seit Langem. Das Schauspiel laviert gefährlich nah am Dilettantismus, die Inszenierung erinnert eher an einen Low-Budget-Studentenfilm als an Kino. Am Ende bleibt die Frage: Wäre dieser Film überhaupt ausgewählt worden, läge ihm nicht ein Bestseller zugrunde, der eines der brisantesten Themen unserer Gegenwart berührt? – Axel Timo Purr
Glückliche Paare und andere. Zu den anderen gehören Angela und Joe, die Besuch von ihren Nachbarn erwarten. Zumindest Angela erwartet ihn und Joes Unwissen leitet den ersten Streit des Films mit flotten Dialogen, Überlappungen und Situationskomik ein. Die Figuren bleiben zwar simpel, werden aber von allen vier Schauspielern erhoben und besonders Penélope Cruz und Edward Norton lassen es mühelos aussehen. Das schnelle Drehbuch wird von einem sehr effektiven, theatralischen Staging und vielen unterschiedlichen 35mm-Blickwinkeln auf das teure San-Francisco-Apartment unterstützt, sodass das Kammerspiel nie langweilig wird. Nur in der zweiten Hälfte – sobald der Titel eine neue Bedeutung erhält – werden die Spannungen des Nicht-Gesagten und das Um-die-Probleme-Herumtanzen ersetzt durch gespielt-tolerante Diskussionen über Sex und den erwartbaren Egoismus der Figuren. – Nicolas Meußling
Eine Wohnung, zwei Paare und zwei Einladungen. Was mit einer einfachen Einladung zum Abendessen beginnt, eskaliert schnell zu einer brutalen Ehekrise zwischen Angela und Joe. Bereits vor, aber auch während dem spontanen Besuch der lauten Nachbarn von oben, Piña und Hawk, ist die Entfremdung des Paares spürbar. Durch ein Zusammenspiel von lauernder Musik, überlappenden Stimmen und gut platzierten Witzen, erzielt Wilde scharfe Wortgefechte, die verletzen. Denn in der Wohnung entblößen sich schließlich nicht nur die Figuren, sondern auch die Realität der Beziehung von Angela und Joe. Ist das überhaupt noch Liebe? Die Spannung platzt. Stille kehrt ein. Mit dieser Neuverfilmung des spanischen Originals Sentimental (2020) schafft es Wilde mit einem präzisen, theatralischen Herangehen die bröckelnde Beziehung eines Ehepaares festzuhalten. – Karolina Brell
Sextipps als Gastgeschenk. Olivia Wilde porträtiert die vor dem scheitern stehende Ehe von Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen), die sich mit dem scheinbar perfekten Paar von nebenan konfrontiert sieht. Angerichtet mit Wein und Käse entfaltet sich ein Kammerspiel was dank seiner guten Schauspieler für einige Lacher sorgt. So steht zunächst eine gemeinsame Faszination für Teppiche von Angela und Nachbar Hawk (Edward Norton) sowie Joes Abneigung, die ungeliebten Nachbarn als Gäste in der Wohnung zu empfangen, im Vordergrund. The Invite kommt jedoch an seine Grenzen, wenn die Nachbarn von ihren sexuellen Erfahrungen berichten und Angela und Joe so karikativ fasziniert sind von diesem Lebensstil, dass man sich fast fremdschämt. Nicht, dass diese Konstellation nicht für die nötigen komödiantischen Momente sorgen könnte, aber es zeigt sich eine immernoch im US-Kino verhaftete Scham und Spießigkeit, die nicht zu übersehen ist. Schließlich ist die kontrastrierung der Sexualitäten der einzige Trumpf, den Olivia Wilde ausspielt, was dem zu Beginn herrlich eingeführten Wortwitz und Nachbarschaftlichen Sticheleien nicht gerecht wird. Am Ende ist die Weinflasche leer, der Käse aufgegessen und die Luft raus. Damit verharrt der Film in der Reihe von US-Komödien, die ihr Potenzial dank ihrer anhaftenden Hollywood'schen Biederkeit nicht in Gänze ausschöpfen können. – Chris Schmuck
Kalter Hund
R: Pauline Roenneberg · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Unmögliche Menschen: Am Morgen seines 100. Geburtstags liegt der Patriarch tot im Bett und mit seinem Suizid bricht die perfekte Fassade einer oberbayerischen Familie krachend zusammen. Was folgt, hat in seinen dysfunktionalen Abgründen fast Thomas-Bernhard’sches Ausmaß, nur dass hier nicht Österreich, sondern Oberbayern der Ort des Grauens ist. Corinna Harfouch brilliert einmal mehr in einer ihrer inzwischen fast emblematischen Mutter-Täter-Opfer-Rollen, während der Film den familiären Horror souverän Schicht für Schicht freilegt. Dass er diese Abgründe immer wieder mit Humor erträglicher machen will, ist in der musikalischen Grundierung gelegentlich etwas zu viel. Auch bei der brillanten Idee der Familienaufstellung wäre weniger Komödie und mehr Bernhardscher Ernst vielleicht stärker gewesen. Doch angesichts der großartigen Ensemble- und Regieleistung ist das Klagen auf hohem Niveau. – Axel Timo Purr
Kein Victor Eremita. 25 Jahre nach La Libertad kehrt Misael Saavedra als eremitischer Holzfäller auf die Kino-Leinwand zurück. Der große argentinische Regisseur Lisandro Alonso beobachtet ihn erneut bei Waldarbeiten, automatisierten Abläufen, die sich Tag für Tag gleichen. Von dieser kontemplativen Ausgeglichenheit nimmt der Film allerdings Abstand, als Misaels psychisch erkrankte Schwester zu ihm ziehen muss; ihre Klinik wird aus finanziellen Gründen geschlossen. Mit ihr kommt ein Irritationsmoment in den herausragenden Film, Misaels Alltag wird gespiegelt und kontrastiert. Die Bilderfolge wird abrupter, das Verhältnis zur Natur ändert sich, und die im Titel anklingende Ambiguität wird eingelöst: Gesellschaftlich bedingt verschiebt sich die (freiheitliche?) Privatheit. – Benedikt Guntentaler
Eine eigenwillige Fortsetzung von Lisandro Alonsos großartigem Film »La libertad« nach 25 Jahren. Dem Aufbruch folgt die Enttäuschung, der Freiheit die Unfreiheit, verkörpert durch die psychisch kranke Schwester des Einsiedlers Misael Saavedra. Dessen ursprüngliche Freiheit wird eingeengt – durch Menschen, durch Gefühle, durch die Unfähigkeit, sich abzugrenzen. Ein bemerkenswerter Befund. Die Freiheit verdoppelt sich nicht, sondern hat sich halbiert. Alonso erspart seinem Publikum den Kitsch, aber auch die Illusionen. Der Argentinier bleibt der Filmemacher, der er ist: »Slow-Cinema« ist bei ihm kein Manierismus, kein »Festivalkino«, sondern pure Intensität, ruppig und klar wie die Abwehr der Albiceleste, und dann mitunter von magischer Genauigkeit und Schönheit – wie die langen Bälle von Lionel Messi. – Rüdiger Suchsland
Ziemlich beste WG-Bewohner. Der homosexuelle iranische Flüchtling Amir bekommt keine Wohnung, weil er keinen Job hat und keinen Job, weil er keine Wohnung hat. Als die 101-jährige Agnes nach einem WG-Mitbewohner sucht, um nicht in einem Altersheim zu landen, bietet sich die Möglichkeit einer symbiotischen Beziehung, aber auch einer innigen Freundschaft. Helena Hufnagel perfektioniert mit ihrem vierten Spielfilm die Feelgood-Komödie. Mit einem großartigen Pacing, fantastischen Dialogen, aber auch einer ernstzunehmenden Dramatik und Schwere gelingt es dem Film in nur 108 Minuten eine Menge an Emotionen loszulösen. Auch wenn Lieblingsmenschen sowohl in Thematik als auch in Bildsprache stark an Ziemlich beste Freunde erinnert, beweist die ebenbürtige Qualität ein tiefergehendes emotionales Verständnis von Hoffnung, Verlust und dem Sterben. – Constantin Bombelli
Stacheldraht, Gitter, Bretter, Käfig. Es sind Grenzen und Barrieren, die den Geschwistern Somira und Shafi die lange Flucht nach Malaysia erschweren. Sie sind Rohingya, ohne myanmarische Staatsbürgerschaft, und werden seit 2017 immer stärker verfolgt. Die Kinder verstehen das nicht, wissen nicht, wo sie sind, suchen ihren Onkel, begegnen aber immer wieder Menschen, die ihr Leid ausnutzen. Wir sehen früh, warum es trotz des dokumentarischen Stils kein Dokumentarfilm sein kann: Handys werden abgenommen, wir sehen kamerafreie Räume. Dokumentarisch sind aber die Geschichten und Träume vieler Nebenfiguren, die ausschließlich Rohingya sind. Sie und die Kinder bewegen sich nicht nur im tatsächlichen, sondern auch im urbanen Dschungel, in Räumen zwischen Wäldern und Gärten, an Straßenrändern, abgelegenen Wegen und verlassenen Häuser. Lost Places für Lost People. – Nicolai Meußling
Maja, 29, ehemaliger Popstar, depressiv. Jung wurde sie berühmt, lebt aber jetzt wieder bei ihrer Mutter und beaufsichtigt als Aushilfslehrerin Klausuren. Statt dramatisch Fall und Aufstieg zu zeigen, sehen wir, wie sie irgendwie weitermacht. Sie wird großartig von der Sängerin Marie Ulven („Girl in Red“) gespielt und über die Musik kann man sich dem Film gut nähern. Sehr schnell baut er einen ruhigen, hypnotischen Rhythmus auf und bricht ihn genauso schnell immer wieder ab. Er spielt mit Tempi und Zeiten, Träumen und Erinnerungen. Parallel zu Maja gibt uns Aida als Schülerin, Tänzerin und Fan von Maja eine andere Melodie. Ihre Wege kreuzen sich kurz, beeinflussen sich aber stark. Alle Figuren wirken echt und modern, in ihren belanglosen Gesprächen mit unangenehmen Pausen und schlechten Witzen, in ihren geteilten Unsicherheiten, in ihrer Suche nach Verbindungen. – Nicolai Meußling
After the Rhapsody. Rami Malek spielt im New York der 80er Jahre einen an HIV erkrankten homosexuellen Musiker, der zwischen Selbstzerstörung und Ikonografie langsam unterzugehen scheint. Die Parallelen zu Maleks Rolle als Freddie Mercury haften dem Film die ganze Zeit über an, was das Drama merklich hemmt. Trotz seiner interessanten Ästhetik entfaltet das Werk nie sein Potenzial, obwohl es eindrückliche Szenen gibt wie den zerrissenen Malek, der auf dem Hochzeitstag seiner Eltern ein Lied singt oder wenn Körper an Körper im Nachtleben der Schwulenszene der 80er Jahre hemmungslos getanzt wird. Die schauspielerischen Leistungen und Sachs’ Blick für das ästhetische machen den Film allemal sehenswert. – Chris Schmuck
Die Liebe ist ein seltsames Spiel. New York in den 80ern. Der Connie-Francis-Klassiker dröhnt aus den Lautsprechern, als der queere Performance Artist Jimmy als letzter seines Theaterensembles in der Garderobe sitzt und seine Zeilen probt. Emotionen übermannen ihn. Auch das Publikum bekommt diese seltsame Liebe in all ihren Facetten zu spüren. Denn Jimmy braucht die Inszenierung wie die Luft zum Atmen. Im Publikum sitzt währenddessen sein Partner, der Jimmy mit einer Hingabe liebt, die ganz still ist und keine Bühne möchte. Die Jimmys Seitensprünge toleriert und seine Medikation für die fortgeschrittene Aids-Erkrankung Tag für Tag dosiert. So unnahbar Jimmy scheint – in seinen Gesangseinlagen kommt ihm der Film am nächsten. Unklar bleibt, ob Jimmy die eigenen Sehnsüchte besingt oder doch in den Spiegel blickt, wenn er singt: »When will he come, the man I love?« – Maria Feckl
Mein Sommer bei Nonna
R: Margherita Spampinato · I 2025 · CineKindl
Zwischen Alltagsgespenstern: Mein Sommer bei Nonna ist ein ethnografisch präzise beobachteter Film über Langeweile als Schule des Lebens. Nico wird aus dem digitalen Norden zu seiner Großtante Gela nach Sizilien geschickt, wo es kein Wi-Fi gibt, dafür Geister, Erinnerungen und die liebevoll eingerichtete Wohnung eines ganzen Lebens. Margherita Spampinato extrahiert daraus keine bloße Generationengeschichte, sondern erzählt auch vom unüberwindbaren Graben zwischen Nord- und Süditalien. Aurora Quattrocchi ist umwerfend als resolute Großtante, die Nico ein anderes Leben zumutet. Zwischen Alltagsgespenstern, alten und neuen Verlusten auf allen Seiten (Hund, Babysitterin, Geliebte) entsteht eine zärtliche Geschichte über das Weiterleben. Und ganz nebenbei zaubert Spampinat noch eine zärtliche erste Liebe zwischen Tomboy und Femboy herbei. Ein Film fast ohne Männer, mit Trapani als seltener Kulisse und einem wunderbaren Schluss zu Johann Strauss an der schönen blauen Donau. – Axel Timo Purr
Die miserable Mutter
R: Susanne Heinrich · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Im rot glänzenden Morgenmantel sitzt uns die miserable Mutter (Rosa Landers) gegenüber. Zwischen Musical, Soap und Karikatur entsteht eine hyperkonstruktive Inszenierung von Mutterschaft, die ihre eigene Künstlichkeit reizvoll ausstellt: Das Neugeborene ist mal echtes Baby, mal Puppe, der Vater heißt Peter Pan und bemüht sich vorbildlich, alles richtig zu machen. Doch letztlich bleibt es die Mutter, die sich – ganz buchstäblich – den Arm für das Kind ausreißt. Regisseurin Susanne Heinrich begegnet ihrem überstrapazierten Thema mit spielerischer Lust an der Überzeichnung. Ihr gelingt ein komödiantisch scharfer Kommentar auf Care-Arbeit, patriarchale Familienbilder und den ausufernden Social-Media-Diskurs rund um Mutterschaft. Wie erlösend, dass am Ende die guten Feen samt Kinderchor zu Hilfe kommen. – Amelie Hochhäusler
Mutterschaft zwischen Überforderung und Selbstbehauptung. Die miserable Mutter ist eine musikalische Komödie, die ihre eigene Verzweiflung nicht kaschiert. Zwischen Feen, sprechenden Babys und einem himmlischen Kinderchor entfaltet sich ein Musical, das die emotionalen Abläufe der frühen Mutterschaft beleuchtet. Mit Choreos, die Leichtigkeit versprechen und bitteren Wahrheiten, die dahinter liegen. Die Protagonistin, gefangen mit ihrem Neugeborenen und dem Kindsvater Peter Pan, erlebt Mutterschaft als radikale Verengung. Der Alltag begrenzt sich auf Sofa, Stadtpark und Mutter-Kind-Gruppen. Der Film zeigt, wie die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen. »Man erinnert sich immer weniger daran, wer man vorher war.« Gesellschaftliche Erwartungen, Körperbilder und Diskurse werden in überdrehten und zugleich präzisen Bildern gebrochen. Eine Inszenierung, die die Komplexität von Mutterschaft mit Witz und Schmerz zugleich sichtbar macht und Mut gibt. – Pia Kottbusch
Metablabla: Die miserable Mutter heißt nicht nur so, sie arbeitet auch hart daran, den Titel performativ einzulösen. Susanne Heinrich geht nach Das melancholische Mädchen erneut auf Metaebenen-Jagd, diesmal durch bonbonbunte Papplandschaften, Musical-Anmutungen und das diskursive Gefängnis der Mutterschaft. Körper, Subjekt, Gesellschaft, Sofa, Stadtpark, Mutter-Kind-Café: Alles wird ausgestellt, intoniert, analysiert, distanziert. Bis aus Metaebene nur noch Metablabla wird. Der Film will die Verkindlichung der Welt, Gen-Z-Influencer-Sprech und Selbstoptimierungsstereotype durch den Kakao ziehen, produziert dabei aber selbst vor allem kaum mehr als die Banalität des Klugen. Rot Frau, grün Mann, Baby Blues, Peter Pan: Symbolik aus dem Baukasten. Dass Meta-Meta-Kino mehr als das sein kann, zeigen der ästhetisch ähnlich operierende Barbie oder Ulrich Köhlers Gavagai. Hier bleibt davon nur eine bunt singende und tanzende Phrasendreschmaschine. – Axel Timo Purr
Als Mutter kann man nur versagen — und zwar auf allen Ebenen: Diese ironische, augenzwinkernde Botschaft überbringt Susanne Heinrichs kunterbuntes, überzeichnetes Musical. Im roten Morgenmantel bildet die namenlose Mutter (Rosa Landers) einen starken Kontrast zu den Grundfarben des bühnenhaften knalligen Ambientes. Singend und tanzend, das Baby tragend und wickelnd oder mit ihrem Partner namens Peter Pan diskutierend, bezaubert sie mit kunstvollen Choreographien. Pointierte, kluge, ironisch geladene Dialoge werfen Fragen auf, ohne einfache Antworten zu liefern. Statt ein denkbares ideales Bild der perfekten Mutter zu skizzieren, wird ein buntes, vielschichtiges, komplexes Bild von Überforderung, Selbstzweifel, Witz und schließlich Selbstbehauptung. Jacques-Demy-angehauchte Melodien verleihen dem Film nostalgischen Charme und machen ihn zu einem höchst unterhaltsamen Erlebnis. – Tanja Moll
Morgen war Krieg
R: Nicolas Ehret · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Brennende Kerzen auf Ohren: Nicolas Ehret entwirft ein Deutschland nach dem Zerfall der EU, in dem rechtspopulistische Kräfte regieren und ein Krieg im Raum steht. Ehrets Film sucht dabei jene grünhistorisch verdunkelte Schwere, die man aus deutschen Dystopie-Serien wie Dark oder Tribes of Europa kennt: gedämpfte Farben, bedeutungsschwangere Dialoge, dräuende Klänge. Das hat durchaus starke Momente, etwa wenn brennende Kerzen auf Ohren gesetzt werden und plötzlich ein körperlicheres, überraschendes Kino aufscheint. Doch zu oft bleibt alles im Ungefähren. Was politisch eigentlich geschehen ist, wird kaum greifbar; die Fahnenflucht wird mit viel Pathos und Opfergestus aufgeladen, ohne wirklich zu verstören. Manche Dialoge kippen unter ihrer eigenen Schwere ins Abstruse. Im Vergleich zu Alex Garlands ähnlich angedachtem, überragendem Civil War wirkt Morgen War Krieg wie gut gemeintes Krisenkino: ernsthaft, ambitioniert, aber zu diffus, um wirklich weh zu tun. – Axel Timo Purr
Schmutziger Mystery-Thriller, Giallo und Splatter, Haunted House, all das mischt sich betörend: Caro (Asia Argento) reist nach Venezuela, um das Erbe ihres verstorbenen Vaters anzutreten. Doch das halb verfallene Anwesen wurde von der Hausangestellten und ihrem Anhang in Beschlag genommen. Caro versucht ihre Ansprüche geltend zu machen, erst mit legalen Mitteln und dann auch über zweifelhafte Einschüchterungskommandos. Was als Allegorie auf den Kolonialismus lesbar sein könnte, wird phantasmagorisch überwuchert: Thielen Armand zapft verschiedene Formen des Imaginären an, von den mythisch-spiritistischen Urgründen des Archaisch-Gewaltsamen bis zu den Genrereferenzen aus den 70ern, um einen visuell in Bann zu schlagen. Die sinnliche Tonspur setzt noch eins drauf: die Urwald-Geräusche und der suggestiv-dräuende Score erzählen eine eigene Geschichte, während die Handlung sich in einer fatalen Eskalationsspirale entlädt. – Wolfgang Lasinger
Die gleißende Sonne des Film noir scheint bei Caros Einreise nach Venezuela. Der Grenzpolizist, der sie kontrolliert, ist martialisch bewaffnet. Doch das ist nur ein Vorgeschmack auf einen rotgrünen Alptraum – rot wie Blut, grün wie der Urwald –, der die abgeklärt wirkende Frau, überzeugend gespielt von Asia Argento, im Landesinneren erwartet. Die Italienerin will eigentlich nur die von ihrem Vater geerbte Kakaoplantage samt malerisch heruntergekommenem Anwesen verkaufen. Den Vater hatten ihre Mutter und sie vor Jahrzehnten in Richtung Europa verlassen. Entsprechend fremd sind Caro die Angestellten von damals, die auf das Gewohnheitsrecht pochen und einfach bleiben. Und so kämpft die gestiefelte Neo-Kolonialherrin mit Gaucho-Hut ebenso brutal wie faszinierend gegen eine Allianz des Irrationalen, gegen das »Land ohne Tod«, wie Alfred Döblin den Urwald einmal nannte. – Katrin Hillgruber
Der Teufel kommt aus Akasava. Caro kehrt nach jahrelangem Exil in ihre venezolanische Heimat zurück, um die verwahrloste Villa ihres verstorbenen Vaters zu verkaufen. Vor Ort stellt sie aber fest, dass die ehemaligen Angestellten nun das Haus besetzen. Es folgt ein brutaler Kampf um Anspruch, Ehre und die koloniale Vergangenheit des Landes. Jorge Thielen Armands dritter Film bietet aber keine typische Genrekost. Stattdessen liefern die ausgedehnten Einstellungen von adrigen Händen, blätterndem Putz und warmen Lichtern eine haptische Seherfahrung, welche durch die raue Optik verstärkt wird. Wenn man sich als Zuschauer darauf einlassen kann, erzeugt La muerte no tiene dueño eine hypnotische Wirkung, welche das Blut in der venezolanischen Erde zwischen den Fingern erfahrbar macht. – Constantin Bombello
»A pool is not just a pool.« Mit diesem Satz beschreibt Regisseurin Sol Iglesias SK ihren Film nach der Vorführung. Er fasst ihn perfekt zusammen. Die Schwimmbäder sind hier nicht einfach Orte zum Baden, sondern ein Spiegel einer Gesellschaft, die von sozialen Ungleichheiten geprägt ist. In einem Argentinien, das unter extremer Hitze leidet, können einige mit dem Flugzeug fliehen, während andere diese Möglichkeit nicht haben. So geht es auch den vier Jugendlichen, denen der Film folgt. Sie sehen die Flugzeuge über sich hinwegfliegen und wissen, dass sie sich ein solches Leben nicht einmal vorstellen können. Die Schwimmbäder bleiben ihr einziger Zufluchtsort vor einer Hitze, die Körper und Geist gleichermaßen erschöpft. Ohne seine Botschaft aufzudrängen macht Sol Iglesias SK die Hitzewelle zu einem Sinnbild für die sozialen, politischen und klimatischen Spannungen, die heute Argentinien prägen und die Sorgen der jungen Generation widerspiegeln. – Aymeric Dupuis
Drahtseiltanz über dem Abgrund. Sein Leben lang wurde Nino Paradis gefragt: Ist das wirklich dein Name? Denn das knallharte Leben in den Pariser Banlieues ist alles andere als paradiesisch. Sein Vater wähnt den Sohn an der Uni, doch die hat er längst abgebrochen. Zu viele Gelegenheitsjobs sind nötig, um über die Runden zu kommen. In einer wilden Partynacht wird Nino gewalttätig. Dass er eine Freundin verteidigen wollte? Unerheblich. Wer würde Nino schon glauben? Seine unprivilegierte Herkunft holt ihn stets ein. Lale und Nino müssen sich stützen, um nicht den Halt zu verlieren. Mit seiner unerschütterlichen Zuneigung füreinander trotzt das Pärchen im Zentrum der Pariser Großstadtkälte wie eine zarte Blume, die aus Asphalt emporwächst. Ein Hinweis auf das zentrale Motiv des Films: Die Hoffnung der Jugend, dass sich die Dinge zum Guten wenden. – Maria Feckl
Eine Säuglingsstation in Schwarzweiß, jugendliche Stotterer, die vor Fernsehpublikum eine Spontanheilung erleben oder die Katastrophe von Tschernobyl aus nächster Nähe: Der renommierte Dokumentarist Alexander Rodnyansky hat außergewöhnliche Filmausschnitte zusammengestellt, um eine Synthese aus der Geschichte der Ukraine und der seiner eigenen Familie zu schaffen. Die Invasion der deutschen Wehrmacht, das Massaker an ukrainischen Juden von Babyn Jar 1941 und schließlich die jahrzehntelange Unterdrückung durch Moskau erzählt das Regieduo vor dem aktuellen Hintergrund des russischen Angriffskriegs. Gewidmet hat Rodnyansky seine epische, immer wieder überraschende Collage unter anderem seinem Mentor, dem Naturfilmer und Humanisten Felix Sobolev. Er konnte sein kreatives Potential zu Sowjetzeiten nie richtig entfalten – nur eine von so vielen ukrainischen Tragödien. – Katrin Hillgruber
Ordnung schaffen wo Chaos ist. The Piano Tuner ist ein Heist Movie, der lieber verstimmt als glatt aufgeht und gerade dadurch überzeugt. Daniel Roher, nach seinem Doku-Oskar für Nawalny plötzlich im Spielfilm, baut aus Neo-Noir, Charakterkomödie und Liebesdrama einen zärtlich-schönen, sehr altmodischen und leicht schrägen New-York-Film über Menschen, die Ordnung schaffen müssen, wo Chaos ist. Leo Woodall und Havana Rose Liu finden bei einem ersten Kuss mit Klaviervorspiel einen neuen Ton, und Dustin Hoffman gibt dem alten Stimmer eine bizarre, melancholische Gravität. Die Spielarten der Liebe sind hier so zahlreich wie die Spielarten der Jewishness. Nicht alles sitzt; Fauda-Macher Lior Raz wirkt fast überbesetzt, die tickende Uhr als Katastrophenmaschine ist allzu deutlich ausgestellt. Aber The Piano Tuner hat Rhythmus, Wärme und genug Dissonanz, um interessant zu bleiben. – Axel Timo Purr -> zur arteshot Videokritik
Leben heißt Wandel. Plitsch Platsch Forever! will nicht nur Freibadfilm sein, sondern Initiationsgeschichte in die Gegenwart. Natascha Beller erzählt von Pola und Polly, vom Sommer als fragilem Versprechen, von Abschied, Sparzwang und der Zumutung, dass Leben Wandel heißt. Das Freibad als mikrokosmisches Symbol für unsere makrokosmische Gegenwart wird dabei zum kleinen Gemeinwesen, das plötzlich verschwinden soll und die Kinder lernen, dass Protest nicht Pose sein muss, sondern Selbstermächtigung sein kann. Am stärksten ist der Film, wenn er die Politisierung der Jugend ernst nimmt und das Gefühl, dass wir alle Migranten in einer sich verändernden Welt sind, radikal nach vorn stellt. Doch nicht alles trägt: Die Erzählung holpert, der Score erschlägt so einiges, die Coolness wirkt bisweilen aufgesetzt und auch die Hauptdarsteller überzeugen nicht durchgehend. Aber der Impuls stimmt natürlich: Plitsch, platsch, Widerstand. – Axel Timo Purr
Rebecca Horn schrieb Essays und Gedichte, schuf Installationen und Bilder, machte Filme (»Busters Bedroom«, 1990) und setzte die Objekte in Bewegung. Claudia Müllers Film zeigt, was dahinter steckt: Den Ausbruch einer 1944 geborenen Kaugummifabrikantentochter aus der westdeutschen Nachkriegsprovinz in die internationale Welt von Rom und New York. Deutschland hat sie trotzdem nie verlassen. Der braune Schlamm, der auch Horns Familiengeschichte immer wieder berührt, wird in ihrem Werk konterkariert durch kühle Objekte aus Stahl und Glas, durch Maschinen, die belebt werden, um surrealistische Stromschläge in die schnurrenden Räderwerke des Wiederaufstiegs- und Wiedervereinigungsdeutschlands zu schleudern,. Am Ende arbeitete sie dann in den Mauern der SS-Knäste und dem Niemandsland zwischen Berlins Mauer. Kunst muss irritieren und stören und Sicherheiten untergraben, sagt Heiner Müller im Film. Recht hat er. – Rüdiger Suchsland
Same as it ever was. Die Stadt, die Menschen, die Arbeit, die Fische, alles bleibt gleich, ist aber doch irgendwie fremd für zwei junge Männer, die vom Fischen zurückkommen. Aus der Zeit gefallen. Durch das Fischen spielt Mark Jenkin mit der Zeit. Sie verhält sich hier wie das Meer, auf dem das Geisterschiff treibt. Und es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als auf dem Meer zu sein: Nicht auf dem Meer zu sein. Aber die Zeit verhält sich auch wie ein Geist, ein Banshee, der im wunderschön aufgenommenen Dorf in Cornwall spukt, zwischen toten Vätern und Erinnerungen. Doch die Zeit verhält sich auch wie unser Blick: Früh wird eine Aufnahme kurz rückwärts gespielt und ab dann lässt uns der Film bei jeder in der Luft schwebenden Möwe und bei jeder schnellen Welle zweifeln, ob sich die Zeit noch vorwärts bewegt, ob sie sich überhaupt bewegen kann. Unglaublich und zeitlos! – Nicolas Meußling
Eine Rückkehr, die mehr verstört als tröstet. Ein Fischerboot, drei Jahrzehnte verschwunden, liegt plötzlich wieder im Hafen eines Dorfes, das längst aufgegeben hat. Nick und Liam heuern an, doch nach der Rückkehr finden sie sich im Jahr 1993 wieder und werden für die verschwundene Crew gehalten. Mark Jenkin inszeniert diese Zeitschleife als intensives, körperliches Kino. Besonders die Szenen auf hoher See beben nur so vor Intensität. Aufeinanderfolgende Bildfetzen. Dazu ein Sound, der Sturm, Maschinen und den eigenen Wahnsinn einfängt. Der Film kreist um die Sehnsucht nach einem Gestern, das mehr Halt gibt als die Gegenwart. Doch ist die Flucht in die Vergangenheit nicht manchmal gefährlicher als das, wovor man eigentlich wegläuft? – Pia Kottbusch
Rau, rostig und verfallen wirkt vieles in der kleinen Hafenstadt in Cornwall. Eine barfüßige Greisin im Morgenmantel hat den Zweiten Blick. Durch das Dach des jungen Vaters Nick (George MacKay) regnet es ständig und die Reparatur ist teuer. Also heuern er und der unbekümmerte Liam (Callum Turner) als Fischer auf der Rose of Nevada an, einem Schiff, das ohne seine Besatzung wieder aufgetaucht ist. Der seltsame Kapitän, der sie gnadenlos herumkommandiert, scheint aus der Zeit gefallen. Als Nick und Liam an Land zurückkehren, befinden sie sich im längst vergangenen Jahr 1993 und werden für die verschollenen Seeleute gehalten. Der in Cornwall aufgewachsene Regisseur schafft es durch seine atmosphärisch gelungene Inszenierung, jede Unwahrscheinlichkeit zu übertrumpfen. Ein Film wie ein unruhiger, packender Traum auf der Nachtfähre nach England. – Katrin Hillgruber
Langsam, atmosphärisch und fesselnd erzählt Mark Jenkin in seinem Zeitreisethriller eine Geschichte voller unerklärlicher Details über Verlust, Erinnerung und die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Die Handlung spielt in einem heruntergekommenen Fischerdorf in Cornwall. Der Ort wirkt verstummt, wie gelähmt; die Trauer über ein Unglück auf See vor 30 Jahren hat sich wie ein Schleier über ihn gelegt. Als das verschollene Schiff »Rose of Nevada« auf mysteriöse Weise wieder auftaucht, stechen zwei Männer mit ihm in See: Nick (George MacKay) und Liam (Callum Turner). Nach ihrer Rückkehr sind sie in der Vergangenheit gelandet, in einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung schien. Der Film entwickelt einen unwiderstehlichen Sog und brennt sich ins Gedächtnis wie eine ungelöste, sehnsuchtsvolle Frage ein. – Tanja Moll
»Is it happening to you, Aaron?« Basierend auf seinem Memoir »Tragedy Plus Time: A Tragi-Comic Memoir« verfasste der Komiker Adam Cayton-Holland das Drehbuch und verarbeitet somit wahre Begebenheiten fiktiv. Eine wackelige Handkamera führt uns durch Aarons Leben. Er hat vor Kurzem seine Schwester und beste Freundin Leah tot in ihrem Badezimmer aufgefunden. Während für seine Eltern und seine große Schwester das Leben scheinbar weitergeht, klammert er sich an Erinnerungen. In surrealen Traumszenen wird Leah Aaron wortwörtlich entrissen, ohne, dass er etwas dagegen tun kann. Trotz Therapiestunden splittert seine mentale Gesundheit. Gleichzeitig lernt er jedoch, mit seinen Erinnerungen umzugehen. Durch das direkte Eintauchen in Aarons Gefühlstumult, ermöglicht es der Film, das sensible Thema des Suizids greifbar zu machen. – Karolina Brell
Krebs. Kleiderhaken. Kasachstan. Der Taxifahrer Azamat befindet sich in tiefen Schulden. Als er bei einem Autounfall auch seine einzige Einnahmequelle verliert, fällt ihm in seiner aussichtslosen Lage nur eine Lösung ein. Er gaukelt seiner Mutter vor, dass seine Frau Tanshlopan Krebs hat und dringend Geld für eine OP braucht. Seiner Frau bleibt keine andere Wahl als sich der Lüge ihres Mannes zu unterwerfen. Was zunächst als eine schlagfertige Satire startet, entpuppt sich später als ein brutaler Genrestreifen, welcher von Gewalt, Kontrolle und Missbrauch handelt. Aitore Zholdaskali schafft es gekonnt eine Intensität zu erzeugen, welche zeitweise an Oldboy und Sirat erinnert. Mit seiner künstlerischen Präzision gelingt es dem Film mit Leichtigkeit, eines der Highlights des diesjährigen Filmfests zu werden. – Constantin Bombelli
Sommerströmung. Der auf 16mm gedrehte queere Coming-of-Age-Film lässt seinen Protagonisten in eine verwunschene Sommerliebe eintauchen. Dídac (Jan Monter) ist 16 Jahre alt und verbringt mit seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Brüdern die wohl letzten gemeinsamen Sommerferien. Auf Fahrrädern erkundet die barcelonische Familie die Flusslandschaft der Donau, in den stickigen Campingzelten kommt es nachts zu kleinen geschwisterlichen Rivalitäten. Ein Gespräch mit der Mutter, die im selben Alter, am selben Ort, ihre erste Liebe erlebt hat, bahnt schließlich die Begegnung mit einem geheimnisvollen Jungen an. Der katalanische Regisseur Jaume Claret Muxart vermittelt in impressionistischen Naturbildern eine zärtliche Erzählung über die sinnliche Entdeckung der eigenen Sexualität und das Erwachsenwerden. – Amelie Hochhäusler
The Sun Rises On Us All
R: Cai Shangiun · China 2025 · CineMasters
Do you believe in fate? Fragt Meiyuns Ex-Partner ihren neuen Liebhaber. Denn er tut es. Doch nicht so Meiyun. In ihrem Versuch, in einer vermeintlich glücklichen Gegenwart mit einem neuen Partner und eigenen Kindern anzukommen, holt sie ihr altes Leben ein. Ein Leben, das von Schuld definiert wird. Denn Meiyuns Ex, der plötzlich wieder in ihr Leben kracht, saß für sie im Gefängnis. Nun soll sie Buße tun. Baoshu nistet sich bei ihr ein und macht klar: Er ist jetzt der Herr im Haus. Der Film zeichnet ein Bild sich stets verschiebender Beziehungsdynamiken, und pendelt hin und her: zwischen Liebe und Leid, leisem Protest und stillem Gehorsam, Verantwortung und Selbstbehauptung. Er etabliert in Meiyun eine moderne, chinesische Frau, die sich fragt: Darf ich mich von den Ketten meiner Vergangenheit lösen? – Maria Feckl
Ihr schlanker Hals, ihre feingliedrigen Hände, ihr schlanker Körper senken sich über die Tasten des Klaviers. Eva hebt an, konzentriert, zu einem Spiel. Sie übt für die Aufnahme im Musikkonservatorium, ihre Lehrerin raucht aus dem Fenster. Wir sind in Moldawien, Ende der 90er, Zeit des Übergangs und Umbruchs. Die, die es können, verlassen das Land und gehen in den Westen. Das Geschlechterverhältnis ist vor allem bedrohlich: Weil es auch sechs Jahre nach dem Ende der UdSSR keine Hoffnung und kein Geld gibt, florieren Prostitution und Mädchenhandel. Die musische Eva ist eine dieser jungen Mädchen voller Blüte, sie ist die Tochter eines Malers, der sich gegen die Witterungen der Zeit in einem Verschlag in der Wohnung verschanzt hat. Mutter Zina kämpft um Mann, Tochter und das nackte Überleben, während sich ein schmieriger Mentor an Eva ranwanzt. Geschichte verkommt dann auch mal zur Folklore. – Dunja Bialas
So Happy It Hurts
R: David Helmut · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Dschungelcamp der Selbstvermarktung: David Helmut will den Influencerwahnsinn zerlegen und richtet sich dabei selbst so genüsslich in ihm ein, dass die Kritik schnell zur Komplizenschaft mutiert. Lena will berühmt sein, also muss eben die eigene Hochzeit als Reality-Content herhalten: Bali, Scam-Location, mysteriöse Kommune, Dschungel, Wahnsinn, alles bitte maximal instagrammable. Das ist als grotesker Trash nicht ohne Energie, aber analytisch so dünn wie die Narrative, die es persifliert. Exotik wird zur Tapete, Kapitalismuskritik zum Dekor, schwarzer Humor zur Ausrede für Beliebigkeit. Wie schon Susanne Heinrichs Die miserable Mutter leidet auch dieser Film an jenem deutschen Metablabla, das sich für klüger hält als seine Figuren und am Ende vor allem die eigene Pose bewundert. So Happy It Hurts tut weh – aber leider nicht dort, wo es sollte. – Axel Timo Purr
Ein Königreich für einen Christfluencer. Um endlich mehr Follower zu kriegen, möchte Lena ihren Freund David in der Reality Show „Dream Weddings“ auf Bali heiraten. Im Gepäck nach Indonesien darf eine Freundesgruppe aus schrillen Figur natürlich nicht fehlen. Noch bevor das Kamerateam anrücken kann, gerät die Gruppe mitten in eine Sekte, der sie sich anschließen, um ihr Zuhause als Hochzeits-Location zu nutzen. Die an Midsommar erinnernde Parodie aufs Reality-TV und den durch soziale Medien beförderten Geltungsdrang versucht so viel wie möglich aufs Korn zu nehmen. Vom Naturverbundenen zölibateren Sektenführer, der das EC-Kartenlesegerät stets parat hat, wenn sexuelle Gefälligkeiten ausgetauscht werden, bis zur neurotischen Trauzeugin, die sich in einen lokalen Surfer verguckt. Ein kleines Schmunzeln kann der Film in diesem Wirrwarr aus Absurditäten durchaus entlocken. Doch gerade, als der Film sich von unauthentischer Jugendsprache und Fikalhumor zu emanzipieren scheint, um auf eine feinsinnige Schlusspointe hinzuarbeiten, wird auch schon im Drogenrausch in einen See defäkiert, und eine Spinne beißt in die Spitze eines männlichen Gliedes. Interessante Ansätze bleiben da auf der Strecke. Am Ende wird die feine Klinge des Humors sogar mit dem Hackebeil getauscht. Aber vielleicht ist weniger Tiefgang am Ende doch der Preis für eine größere Followerschaft. – Chris Schmuck
Im Spiegel meiner Mutter
R: Jutta Brückner · D 2026 · Neues Deutsches Kino
Film ohne Flügel: Im Spiegel meiner Mutter beginnt mit einer Nachtflug übers Moor und endet mit einem Tagflug übers Moor. Dazwischen sucht Jutta Brückner nach Gespenstern, findet aber nur Symbole. Die Archäologin, die Moorleiche, die tote Mutter, der Keller, die renovierte Universität: Alles verweist auf alles, bis nichts mehr wirklich atmen kann. Corinna Harfouch soll und müsste diesen Film eigentlich tragen, darf aber ihr Potential kaum ausspielen; sie wirkt ausgebremst, so wie der ganze Film wie auf Handbremse läuft. Die Dialoge stehen starr im Raum, die Musik drängt sich fast schon unerträglich bedeutungsvoll vor jedes Gefühl. Und dann noch dieser halbe Engel, der sich seine Flügel erst verdienen muss und dessen gesprochenes Deutsch eine weitere Leerstelle markieren soll: eine Symbolik, in der keine Symbolik mehr liegen kann. Übermutter, Schuld, Liebe, Vater: ein Labyrinth aus Plattitüden, das sich selbst erklärt und jede Suche, vor allem aber Ambiguität ausschließt. – Axel Timo Purr
Was haben wir gelacht
R: Eva Müller, Isabel Schneider · D 2026 · Spotlight
Beate hat alles, nur nicht das Talent sich in den Vordergrund zu schieben: Eva Müllers und Isabel Schneiders Dokumentation stellt die richtige Frage: Wer bestimmt eigentlich, worüber gelacht wird? Denn wer das bestimmt, hat Macht und die hatten Frauen im deutschen Fernsehen der 1990er nicht gerade im Überfluss. Eva Müller und Isabel Schneider montieren Erinnerungen von und Interviews mit Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Esther Schweins und Gaby Köster mit Archivbildern, die heute wie eine Zeitreise in die Abgründe der Offensichtlichkeit wirken: Mini ist wieder in, geh doch mal; Assistentinnen mit „Tendenz zur Hintergründigkeit“, offenes Antatschen, Frauen als Dekor. Die Doku zeigt, was feministische Wellen verändert haben – und wie viel heutzutage nur unsichtbarer geworden ist. Ein Film so wichtig wie Die Unbeugsamen für die Politik war, dabei geht der Film weit über die Komik hinaus: er ist eine kluge Archäologie des Gelächters, der vor allem die beängstigende Frage stellt: übersehen wir heute soviel wie damals? – Axel Timo Purr