18.06.2026

Ruhm ist vergänglich und gefährlich

LOL 2.0
Kuscheln 2.0
(Foto: Wild Bunch)

Sophie Marceau über LOL 2.0

Als 13-Jährige bewarb sie sich für die Rolle der Vic in der Kultro­manze La Boum – Die Fete und 1980, ein Jahr später, war die Tochter einer Verkäu­ferin und eines Kraft­fah­rers Frank­reichs absoluter Teenie-Star. Aber Sophie Marceau ließ sich nicht festlegen; nach La Boum 2 – Die Fete geht weiter kaufte sie sich aus dem Vertrag mit der Filmfirma frei und legte seitdem eine grandiose Karriere hin. Nach einigen erotisch geprägten Filmen bril­lierte sie neben Mel Gibson 1995 als Prin­zessin Isabelle in Brave­heart und vier Jahre später als Gegen­spie­lerin von James Bond in Die Welt ist nicht genug. In dem Ster­be­hilfe-Drama Alles ist gut gegangen zeigte sie 2021 unter der Regie von François Ozon ihre ernste Seite. 2022 war sie in Une femme de notre temps. Nach mehr als 40 Filmen genießt die 59-Jährige den Ruf einer Charak­ter­dar­stel­lerin.

Das Gespräch führte Margret Köhler

artechock: In LOL 2.0 spielen Sie 17 Jahre nach dem Kultfilm LOL wieder die jetzt 55-jährige Anne, die ihre Freiheit genießen will und sich erneut mit den Krisen ihrer erwach­senen Kinder beschäf­tigen muss. Wie kam es zur Fort­set­zung?

Sophie Marceau: Regis­seurin Lisa Azuelos’ Thema ist die Stellung der Frau und Mutter in unserer Zeit. Erst war ich der Idee gegenüber skeptisch, aber das Drehbuch fand ich erfri­schend, witzig und solide. Es war ein neuer Film für mich, den man auch ohne den ersten schauen kann. Ein Blick in die Welt von heute. Ich habe vier Filme mit Lisa gedreht und wir tauschen uns oft über unser Leben als Frau und Mutter aus. Es geht um Neuge­stal­tung in unserem Leben, um Vers­tändnis zwischen den Gene­ra­tionen. Dass meine Film­tochter wieder bei mir einzieht, bremst meinen Ausflug in die Freiheit.

artechock: Das ist ein gene­reller Trend, wieder ins »Hotel Mama« zu ziehen.

Sophie Marceau: Die 20- bis 30-Jährigen haben es auch wirklich nicht leicht; Familie ist für sie ein Schutz­raum, viel­leicht der einzige. Und Jobs findet man nicht auf der Straße. In dem Alter muss man expe­ri­men­tieren und auspro­bieren, dazu fehlt in der virtu­ellen Welt oft die Zeit bzw. sie wird von den Jungen nicht gelassen. Alles muss schnell gehen.

artechock: Die Filmfigur, die sich eine Zeit lang mit jüngeren Lovern vergnügt hat, trifft nun auf einen Mann ihres Alters. Ist das die Abkehr von den wilden Jahren?

Sophie Marceau: Jede Frau kann machen, was sie will, ob jung oder zwischen 50 und 60. Viel­leicht möchte man nach einigen Aben­teuern mal wieder einen Partner im gleichen Alter finden. Da gibt es keine festen Regeln.

artechock: Das Zusam­men­treffen von Anne und ihrem neuen Freund war Zufall. Wie stehen die Chancen, auch im höheren Alter einen adäquaten Partner zu finden?

Sophie Marceau: Man weiß nie, was im Leben noch alles passiert. Liebe ist eine Konstante im Leben. Wir brauchen jemanden, dem wir Zuneigung entge­gen­bringen, in den wir uns verlieben. Klar, das passiert nicht jeden Tag, aber es passiert. Ich liebe diese uner­war­teten Begeg­nungen. Natürlich ist es möglich, einen Mann meines Alters zu finden. Es ist schade, dass die meisten Menschen anein­ander vorbei­laufen. Liebe heißt, sich wieder zu entdecken, durch den Blick des Anderen.

artechock: Mischen Frauen über 50 heute mehr mit? Werden Sie mehr beachtet als noch vor Jahren? Steht ihre Filmfigur für eine selbst­be­stimmte Gene­ra­tion?

Sophie Marceau: Man hat uns lange genug und nur zu gerne in eine Schublade gesteckt und dabei unsere Talente nicht beachtet. Wir waren immer schon da mit unseren Erfah­rungen, unserem Wissen, unserer Neugier. Wir sind belastbar, zuver­lässig und kümmern uns um alles. Das war irgendwie selbst­ver­s­tänd­lich und inter­es­sierte mich lange einfach nicht. Auch in puncto Gefühl sind wir inzwi­schen unab­hän­giger. Die patri­ar­chale Gesell­schaft hat ausge­dient.

artechock: Am Ende sind alle happy. Brauchen wir im Kino die Illusion vom Glück?

Sophie Marceau: In diesen gruse­ligen Zeiten mit all ihren Krisen ist ein Feelgood-Movie doch eine Erlösung. Man will doch mal durch­atmen, bei allem, was den ganzen Tag auf uns einstürzt. Das Filmende ist nicht so weit von unserem Leben entfernt. Trotz allem finden sich die Familien zusammen, feiern eine Geburt mit großer Begeis­te­rung. Die Menschen benötigen Gemein­sam­keit, die gibt ihnen Halt. Heute weiß man ja nicht mehr, zu wem man gehört. Man erfindet falsche Profile und fühlt sich trotz aller digitalen Kommu­ni­ka­tion allein. Die Verbin­dung zu sich selbst und zu anderen gehört zum mensch­li­chen Glücks­re­zept. Natürlich kann so eine Community auch schreck­lich und schwierig sein, aber wir brauchen sie. Die Familie ist die erste Gemein­schaft, die wir kennen­lernen. Man kann sich heute auch Familien schaffen, Alter­na­tiv­formen wie bei den Jungen, Freunde können auch Familie sein. Es geht um Hoffnung, nicht um Verzweif­lung.

artechock: Sie waren gerade mal 14, als der Erfolg mit La Boum – Die Fete über sie herein­brach. Wie denken Sie an diese Zeit zurück?

Sophie Marceau: Ich verab­scheue es, zurück­zu­bli­cken. Ich schaue mir auch keine Fotos von früher an und keine Filme. Die Vergan­gen­heit inter­es­siert mich nicht mehr. Ich wurde so oft foto­gra­fiert, überall und überall. Es war die Hölle. Ich habe auch keine Fotos von damals und hänge nicht an den Dingen von gestern, es sei denn, sie helfen mir zu wachsen. Und ich schwimme nicht in Nostalgie, wenn ich zufällig mal ein Foto entdecke, sage ich mir, hui, war ich schön.

artechock: Ist früher Ruhm Fluch oder Segen?

Sophie Marceau: Es gibt immer zwei Seiten. Wenn man sehr jung ist, kann man am Ruhm zerbre­chen, oder man überlebt. Als junger Mensch ist man sehr fügsam und auch verletz­lich, man versteht schnell, wie liebens­wert man ist, aber wenn man nicht aufpasst, kann einen das System unter sich begraben. Ich war überhaupt nicht auf den Rummel und die Folgen vorbe­reitet. Immer unter den Augen anderer zu stehen und beurteilt zu werden, empfand ich als ziemlich stressig. Ich hatte kein eigenes Leben mehr.

artechock: Kann man sich überhaupt auf so eine Erfolgs­welle vorbe­reiten?

Sophie Marceau: Ich war ständig in Hab-Acht-Stellung, damit mich der Strom nicht mitreißt. Dieses Stadium zwischen Faszi­na­tion und Wider­stand, das hat mich gerettet. Deshalb habe ich vom Ruhm gar nicht so profi­tiert, es ist sehr riskant, sich naiv zu expo­nieren. Man muss unbe­irrbar einen eigenen Weg finden, sonst geht man unter.

artechock: Aber was bedeuten Ihnen Ruhm und Karriere persön­lich?

Sophie Marceau: Im Film­busi­ness wird man bescheiden. Man kann an die Spitze kata­pul­tiert werden und im nächsten Moment tief fallen. Da gehört schon eine Portion Mut dazu, das durch­zu­stehen. Ruhm ist vergäng­lich und gefähr­lich. Heute wird alles öffent­lich, es gibt keine Geheim­nisse und fast kein Privat­leben mehr. Natürlich möchte man seine Arbeit, seine Filme mit anderen teilen und hofft auf Wert­schät­zung. Unter Gleich­gül­tig­keit leidet man.

artechock: Ist es nicht auch eine Last, immer schön und nett zu sein?

Sophie Marceau: Und wie! Danke, bitte, guten Tag und immer lächeln. Das gehört zu den Pflichten, die Popu­la­rität mit sich bringt. Damit alles geschmeidig läuft, muss man das akzep­tieren. Nichts gegen Schönheit, aber wir können nicht ewig schön und perfekt bleiben. Mit 70 sehe ich mit meinen Fältchen sicher anders aus. Ich muss aller­dings zugeben, dass Lächeln und Höflich­sein die Beziehung verein­fa­chen. Aber mich zu ändern, um zu gefallen oder eine Rolle in der Gesell­schaft zu spielen, die nichts mit mir zu tun hat, kommt nicht in Frage. Man muss darauf achten, seinen Platz zu behalten. An einem bestimmten Punkt muss man den Staf­fel­stab weiter­geben. Dass ich in LOL 2.0 Groß­mutter werde, das war schon witzig.

artechock: Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?

Sophie Marceau: Fragen Sie mich nicht, ich gehe nach meinem Bauch­ge­fühl, meinem Instinkt. Eine Strategie steckte jeden­falls nicht dahinter. Ich muss bei einem Regisseur oder einer Regis­seurin aufge­hoben sein, ihm vertrauen.

artechock: Hat sich die Art der Verführ­bar­keit und Verfüg­bar­keit von Frauen nicht nur im Alltag, sondern auch auf der Leinwand durch MeToo verändert? Steht der äußere Schein weniger im Vorder­grund?

Sophie Marceau: Hoffent­lich. Es war nicht toll, auf das Aussehen reduziert zu werden, auf Busen und Po. Die Schau­spie­le­rinnen meiner Gene­ra­tion fühlten sich unwohl, man hat sich gekannt, war viel­leicht sogar befreundet, aber wir haben geschwiegen. Es dauerte, bis wir endlich mal den Mund aufge­macht und Tacheles geredet haben. Ich hoffe, es gibt heute mehr Klarheit darüber und Aner­ken­nung einer anderen Weib­lich­keit. Und dass Männer nicht mehr so offensiv vorgehen. Ich glaube, MeToo hat geholfen, die Sexua­li­sie­rung und Demü­ti­gung von Schau­spie­le­rinnen zu verrin­gern.

artechock: Einige befürchten den Verlust von Kunst und Kultur des Flirtens.

Sophie Marceau: Die Männer haben jetzt mehr Angst, auf jemanden zuzugehen und die Initia­tive zu ergreifen, dafür sind die Frauen mutiger. Viel­leicht flirtet die junge Gene­ra­tion heute anders. Die Wahl­mög­lich­keiten in allen Bereichen nehmen zu, auch im Bezie­hungs­dschungel. Verän­de­rung braucht Zeit, neue Aufge­schlos­sen­heit und Intel­li­genz. Das geht nicht von heute auf morgen.

artechock: Welchen Träumen hängen Sie noch an?

Sophie Marceau: Ich bin niemand, der großen Träumen nachhängt und sich darin verliert. Ich mache, packe an. Natürlich wünsche ich mir Harmonie. Ein Traum ist viel­leicht, dass die Welt von morgen meinen Enkeln noch Möglich­keiten bietet. Ich hoffe, mich mit Menschen umgeben zu können, die sich dem Schrecken des Alltags furchtlos mit Intel­li­genz und Würde entge­gen­stellen. Wir haben eine Aufgabe auf der Erde. Evolution und Verän­de­rung gehen Hand in Hand, es muss weiter­gehen.

artechock: Sie sind Opti­mistin?

Sophie Marceau: Ja. Ich glaube an das Licht, es gibt immer ein Licht im Dunkeln.