Ruhm ist vergänglich und gefährlich |
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| Kuscheln 2.0 | ||
| (Foto: Wild Bunch) | ||
Als 13-Jährige bewarb sie sich für die Rolle der Vic in der Kultromanze La Boum – Die Fete und 1980, ein Jahr später, war die Tochter einer Verkäuferin und eines Kraftfahrers Frankreichs absoluter Teenie-Star. Aber Sophie Marceau ließ sich nicht festlegen; nach La Boum 2 – Die Fete geht weiter kaufte sie sich aus dem Vertrag mit der Filmfirma frei und legte seitdem eine grandiose Karriere hin. Nach einigen erotisch geprägten Filmen brillierte sie neben Mel Gibson 1995 als Prinzessin Isabelle in Braveheart und vier Jahre später als Gegenspielerin von James Bond in Die Welt ist nicht genug. In dem Sterbehilfe-Drama Alles ist gut gegangen zeigte sie 2021 unter der Regie von François Ozon ihre ernste Seite. 2022 war sie in Une femme de notre temps. Nach mehr als 40 Filmen genießt die 59-Jährige den Ruf einer Charakterdarstellerin.
Das Gespräch führte Margret Köhler
artechock: In LOL 2.0 spielen Sie 17 Jahre nach dem Kultfilm LOL wieder die jetzt 55-jährige Anne, die ihre Freiheit genießen will und sich erneut mit den Krisen ihrer erwachsenen Kinder beschäftigen muss. Wie kam es zur Fortsetzung?
Sophie Marceau: Regisseurin Lisa Azuelos’ Thema ist die Stellung der Frau und Mutter in unserer Zeit. Erst war ich der Idee gegenüber skeptisch, aber das Drehbuch fand ich erfrischend, witzig und solide. Es war ein neuer Film für mich, den man auch ohne den ersten schauen kann. Ein Blick in die Welt von heute. Ich habe vier Filme mit Lisa gedreht und wir tauschen uns oft über unser Leben als Frau und Mutter aus. Es geht um Neugestaltung in unserem Leben, um Verständnis zwischen den Generationen. Dass meine Filmtochter wieder bei mir einzieht, bremst meinen Ausflug in die Freiheit.
artechock: Das ist ein genereller Trend, wieder ins »Hotel Mama« zu ziehen.
Sophie Marceau: Die 20- bis 30-Jährigen haben es auch wirklich nicht leicht; Familie ist für sie ein Schutzraum, vielleicht der einzige. Und Jobs findet man nicht auf der Straße. In dem Alter muss man experimentieren und ausprobieren, dazu fehlt in der virtuellen Welt oft die Zeit bzw. sie wird von den Jungen nicht gelassen. Alles muss schnell gehen.
artechock: Die Filmfigur, die sich eine Zeit lang mit jüngeren Lovern vergnügt hat, trifft nun auf einen Mann ihres Alters. Ist das die Abkehr von den wilden Jahren?
Sophie Marceau: Jede Frau kann machen, was sie will, ob jung oder zwischen 50 und 60. Vielleicht möchte man nach einigen Abenteuern mal wieder einen Partner im gleichen Alter finden. Da gibt es keine festen Regeln.
artechock: Das Zusammentreffen von Anne und ihrem neuen Freund war Zufall. Wie stehen die Chancen, auch im höheren Alter einen adäquaten Partner zu finden?
Sophie Marceau: Man weiß nie, was im Leben noch alles passiert. Liebe ist eine Konstante im Leben. Wir brauchen jemanden, dem wir Zuneigung entgegenbringen, in den wir uns verlieben. Klar, das passiert nicht jeden Tag, aber es passiert. Ich liebe diese unerwarteten Begegnungen. Natürlich ist es möglich, einen Mann meines Alters zu finden. Es ist schade, dass die meisten Menschen aneinander vorbeilaufen. Liebe heißt, sich wieder zu entdecken, durch den Blick des Anderen.
artechock: Mischen Frauen über 50 heute mehr mit? Werden Sie mehr beachtet als noch vor Jahren? Steht ihre Filmfigur für eine selbstbestimmte Generation?
Sophie Marceau: Man hat uns lange genug und nur zu gerne in eine Schublade gesteckt und dabei unsere Talente nicht beachtet. Wir waren immer schon da mit unseren Erfahrungen, unserem Wissen, unserer Neugier. Wir sind belastbar, zuverlässig und kümmern uns um alles. Das war irgendwie selbstverständlich und interessierte mich lange einfach nicht. Auch in puncto Gefühl sind wir inzwischen unabhängiger. Die patriarchale Gesellschaft hat ausgedient.
artechock: Am Ende sind alle happy. Brauchen wir im Kino die Illusion vom Glück?
Sophie Marceau: In diesen gruseligen Zeiten mit all ihren Krisen ist ein Feelgood-Movie doch eine Erlösung. Man will doch mal durchatmen, bei allem, was den ganzen Tag auf uns einstürzt. Das Filmende ist nicht so weit von unserem Leben entfernt. Trotz allem finden sich die Familien zusammen, feiern eine Geburt mit großer Begeisterung. Die Menschen benötigen Gemeinsamkeit, die gibt ihnen Halt. Heute weiß man ja nicht mehr, zu wem man gehört. Man erfindet falsche Profile und fühlt sich trotz aller digitalen Kommunikation allein. Die Verbindung zu sich selbst und zu anderen gehört zum menschlichen Glücksrezept. Natürlich kann so eine Community auch schrecklich und schwierig sein, aber wir brauchen sie. Die Familie ist die erste Gemeinschaft, die wir kennenlernen. Man kann sich heute auch Familien schaffen, Alternativformen wie bei den Jungen, Freunde können auch Familie sein. Es geht um Hoffnung, nicht um Verzweiflung.
artechock: Sie waren gerade mal 14, als der Erfolg mit La Boum – Die Fete über sie hereinbrach. Wie denken Sie an diese Zeit zurück?
Sophie Marceau: Ich verabscheue es, zurückzublicken. Ich schaue mir auch keine Fotos von früher an und keine Filme. Die Vergangenheit interessiert mich nicht mehr. Ich wurde so oft fotografiert, überall und überall. Es war die Hölle. Ich habe auch keine Fotos von damals und hänge nicht an den Dingen von gestern, es sei denn, sie helfen mir zu wachsen. Und ich schwimme nicht in Nostalgie, wenn ich zufällig mal ein Foto entdecke, sage ich mir, hui, war ich schön.
artechock: Ist früher Ruhm Fluch oder Segen?
Sophie Marceau: Es gibt immer zwei Seiten. Wenn man sehr jung ist, kann man am Ruhm zerbrechen, oder man überlebt. Als junger Mensch ist man sehr fügsam und auch verletzlich, man versteht schnell, wie liebenswert man ist, aber wenn man nicht aufpasst, kann einen das System unter sich begraben. Ich war überhaupt nicht auf den Rummel und die Folgen vorbereitet. Immer unter den Augen anderer zu stehen und beurteilt zu werden, empfand ich als ziemlich stressig. Ich hatte kein eigenes Leben mehr.
artechock: Kann man sich überhaupt auf so eine Erfolgswelle vorbereiten?
Sophie Marceau: Ich war ständig in Hab-Acht-Stellung, damit mich der Strom nicht mitreißt. Dieses Stadium zwischen Faszination und Widerstand, das hat mich gerettet. Deshalb habe ich vom Ruhm gar nicht so profitiert, es ist sehr riskant, sich naiv zu exponieren. Man muss unbeirrbar einen eigenen Weg finden, sonst geht man unter.
artechock: Aber was bedeuten Ihnen Ruhm und Karriere persönlich?
Sophie Marceau: Im Filmbusiness wird man bescheiden. Man kann an die Spitze katapultiert werden und im nächsten Moment tief fallen. Da gehört schon eine Portion Mut dazu, das durchzustehen. Ruhm ist vergänglich und gefährlich. Heute wird alles öffentlich, es gibt keine Geheimnisse und fast kein Privatleben mehr. Natürlich möchte man seine Arbeit, seine Filme mit anderen teilen und hofft auf Wertschätzung. Unter Gleichgültigkeit leidet man.
artechock: Ist es nicht auch eine Last, immer schön und nett zu sein?
Sophie Marceau: Und wie! Danke, bitte, guten Tag und immer lächeln. Das gehört zu den Pflichten, die Popularität mit sich bringt. Damit alles geschmeidig läuft, muss man das akzeptieren. Nichts gegen Schönheit, aber wir können nicht ewig schön und perfekt bleiben. Mit 70 sehe ich mit meinen Fältchen sicher anders aus. Ich muss allerdings zugeben, dass Lächeln und Höflichsein die Beziehung vereinfachen. Aber mich zu ändern, um zu gefallen oder eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, die nichts mit mir zu tun hat, kommt nicht in Frage. Man muss darauf achten, seinen Platz zu behalten. An einem bestimmten Punkt muss man den Staffelstab weitergeben. Dass ich in LOL 2.0 Großmutter werde, das war schon witzig.
artechock: Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?
Sophie Marceau: Fragen Sie mich nicht, ich gehe nach meinem Bauchgefühl, meinem Instinkt. Eine Strategie steckte jedenfalls nicht dahinter. Ich muss bei einem Regisseur oder einer Regisseurin aufgehoben sein, ihm vertrauen.
artechock: Hat sich die Art der Verführbarkeit und Verfügbarkeit von Frauen nicht nur im Alltag, sondern auch auf der Leinwand durch MeToo verändert? Steht der äußere Schein weniger im Vordergrund?
Sophie Marceau: Hoffentlich. Es war nicht toll, auf das Aussehen reduziert zu werden, auf Busen und Po. Die Schauspielerinnen meiner Generation fühlten sich unwohl, man hat sich gekannt, war vielleicht sogar befreundet, aber wir haben geschwiegen. Es dauerte, bis wir endlich mal den Mund aufgemacht und Tacheles geredet haben. Ich hoffe, es gibt heute mehr Klarheit darüber und Anerkennung einer anderen Weiblichkeit. Und dass Männer nicht mehr so offensiv vorgehen. Ich glaube, MeToo hat geholfen, die Sexualisierung und Demütigung von Schauspielerinnen zu verringern.
artechock: Einige befürchten den Verlust von Kunst und Kultur des Flirtens.
Sophie Marceau: Die Männer haben jetzt mehr Angst, auf jemanden zuzugehen und die Initiative zu ergreifen, dafür sind die Frauen mutiger. Vielleicht flirtet die junge Generation heute anders. Die Wahlmöglichkeiten in allen Bereichen nehmen zu, auch im Beziehungsdschungel. Veränderung braucht Zeit, neue Aufgeschlossenheit und Intelligenz. Das geht nicht von heute auf morgen.
artechock: Welchen Träumen hängen Sie noch an?
Sophie Marceau: Ich bin niemand, der großen Träumen nachhängt und sich darin verliert. Ich mache, packe an. Natürlich wünsche ich mir Harmonie. Ein Traum ist vielleicht, dass die Welt von morgen meinen Enkeln noch Möglichkeiten bietet. Ich hoffe, mich mit Menschen umgeben zu können, die sich dem Schrecken des Alltags furchtlos mit Intelligenz und Würde entgegenstellen. Wir haben eine Aufgabe auf der Erde. Evolution und Veränderung gehen Hand in Hand, es muss weitergehen.
artechock: Sie sind Optimistin?
Sophie Marceau: Ja. Ich glaube an das Licht, es gibt immer ein Licht im Dunkeln.