79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Gepaarten |
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| Innige Umarmung: Ryūsuke Hamaguchis All of a Sudden | ||
| (Foto: Cannes · Ryūsuke Hamaguchi · ALL OF A SUDDEN) | ||
Von Dunja Bialas
Auch ein Period Picture, und doch setzt sich eine andere, utopische und eben nicht historische Tonlage durch. Coward ist eine Erzählung aus dem Ersten Weltkrieg, im blutigen Jahr 1916, in dem es zum Schlachten von Verdun kam. Der Film spielt an der Front, welche, ist nicht ganz klar, es könnte Verdun sein, oder auch Flandern, die jungen Soldaten sind Belgier.
Die Front ist ein Platzhalter, befördert nicht die Kriegshistorie, mehr die Emotionen des Schreckens: der Gewalt, des Sterbens, später der Angst, und, in vielen Facetten, der Flucht.
Lukas Dhont, der zuletzt mit Close eine zärtlich-traurige Geschichte einer unerfüllten schwulen Liebe zwischen zwei Heranwachsenden auf dem Lande in unserer Zeit gezeigt hatte, wagt im Eindruck der Historie den Schritt in die Utopie. Nach dem Schlachtfeld, nach den Schützengräben, sozusagen im Feierabend des Krieges, nähern sich die jungen Soldaten Pierre (Emmanuel Macchia) und Francis (Valentin Campagne) einander während der Proben zu einer Revue. Francis ist der kreative Kopf, er reißt die Jungs mit in seine Phantasie, die mit Tänzen und Liedern die schreckliche Gegenwart aushebelt. Für ihre physische Präsenz und die Performance, die zugleich fragil und kraftvoll, tastend und wissend ist, wurden Emmanuel Macchia und Valentin Campagne als beste Schauspieler ausgezeichnet.
Emmanuel Macchia ist ein Laie, eigentlich studiert er Landschaftsarchitektur, Valentin Campagne hat eine private Schauspielschule besucht und Bühnenerfahrung. Sein Francis genießt sichtlich die Aufmerksamkeit der Kameraden, dreht zu immer ausgereifteren Bühnenstücken auf, macht die Illusion perfekt. Als Paarung funktionieren sie wie Salz und Pfeffer, das ist auch sehr klassisch. Jeder bringt eine andere Stimmung in den Film, ein anderes Temperament. Fordernd und auch beschützend agiert Valentin Campagne, Emmanuel Macchias Pierre ist der Soldat, der zunächst beherzt die Verwundeten vom Schlachtfeld zieht und in der emotionalen Erschütterung mit Francis die Angst lernt. Er ist der titelgebende Feigling.
Dhont umspielt mit seinen komplementären Protagonisten die Gewalt des Krieges mit der Ästhetik der Poesie. Die schmutzigen, tarnfarbenen Bilder des Schützengrabens und das gewaltvolle Blutrot werden wie in einem pazifistischen Kraftakt in das fragile, durchwirkte Beige eines poetischen Eskapismus überführt. Zunächst tauchen wir ein in die Bilder nach der Gewalt auf dem buchstäblichen Schlachtfeld; die Verwundeten und Getöteten sind der erschreckende Ertrag des Krieges. Die jungen Soldaten tragen die blutenden, verstümmelten Körper auf Leintüchern ab. Pick-ups karren massenweise Leichen heran, die Jungs legen sie in einer Reihe auf die Erde. Die Gefallenen sind so alt wie sie. Einer der Soldaten übergibt sich, er wird den Krieg nicht durchstehen. Auf der Bühne binden sie sich dann das helle Verbandszeug und die Leinentücher um ihre ausgemergelten Leiber und tanzen in einer fragilen Groteske des Krieges den Can-Can.
Die Körper der Schauspieler sind gleichermaßen Austragungsort von Krieg, Poesie und Liebe. Valentin Campagne feiert die Travestie auf der Bühne, Emmanuel Macchia, der einen Bauerssohn spielt, holt unerschrocken die Verstümmelten vom Feld. Hinter der Bühne sieht Pierre Francis bei der Performance zu, versteht sein Spiel intuitiv, bringt eigene Nuancen hinein. Als sie auf Tournee gehen und zum ersten Mal Zimmer und Betten beziehen, kommt es zu einer zärtlich-tastenden Liebesszene.
So findet das Weltkriegsdrama in der Liebesgeschichte einen befreienden, sehr erotischen und vor allem pazifistischen Eskapismus. Der Gegensatz von Gewalt, Töten, Blut und Zartheit, Sehnsucht und Liebe, den Emmanuel Macchia und Valentin Campagne verkörpern, ist ergreifend. Und Dhont versagt sich diesmal die Absage auf die Utopie, auch um die Historie nicht über die schwule Liebe richten zu lassen.
Das Schauspiel funktioniert nur mit dem Gegenüber, das sagt uns die Jury um Park Chan-wook mit dieser doppelten Auszeichnung. Es bedeutet das Ende der Einzelleistungen und auch eine Absage an die Filme, die ganz um den einen Schauspieler – wie etwa der großartige Swann Arland in Emmanuel Marres Notre Salut (der den Preis für das Beste Drehbuch gewann) – oder eine Schauspielerin kreisen. Léa Seydoux (in Arthur Hararis L’inconnue) und Adèle Exarchopoulos (in Jeanne Herrys Garance) lieferten im Wettbewerb herausragende Performances, meine Kollegin Amelie Hochhäusler berichtet hier darüber.
Auch bei der besten Darstellerin fiel der Blick der Jury wieder auf eine Paarung. Virginie Efira und Tao Okamoto spielen in Ryūsuke Hamaguchis All of a Sudden zwei Frauen, die sich in einer Begegnung anfreunden. Der Austausch auf Freundschaftsebene und das Versagen des Melodrams bringen eine zarte Humanität ohne allzu leidenschaftliche Gefühle zum Ausdruck. Um das Humane geht es Hamaguchi in seinem Film auch ganz allgemein.
Virginie Efira spielt Marie-Lou, die Direktorin eines Pflegeheims, die mit einem ganz eigenen Konzept das Heim leitet. Ihr Verfahren ist das der »humanitude«, ein Kofferwort, das Humanität und die französische »habitude«, die Gewohnheit, vereint. Unter dem Stichwort bringt uns der Film vier Säulen der pflegenden Zuwendung nahe, die den an Alzheimer erkrankten Patienten ihre menschliche Würde zurückgeben – über den Blick, das Ansprechen, die Berührung und die »Vertikalität«. Hamaguchi nimmt sein Konzept der Humanitude sehr ernst, er trichtert es den Zuschauern regelrecht ein. Der lernt: Mit dem Blick nimmt man zu den Patienten Kontakt auf Augenhöhe auf. Mit dem Ansprechen erläutert man, was man gerade mit ihnen macht – ich ziehe dir das Hemd aus, ich mache das Wasser an, ich nehme einen Waschlappen, ich wasche dich. Mit der Berührung geht man auf Hautkontakt, befreit die Patienten aus ihrem taktilen Nirwana. Die Vertikalität schließlich birgt zwar die Gefahr, dass die Patienten stürzen, sie gibt ihnen aber auch die menschliche Würde des aufrechten, vielleicht auch nur gebückten, Gangs zurück.
Tao Okamoto spielt die Theaterregisseurin Mari Morisaki, die ein Stück gegen die Psychiatrie auf die Bühne gebracht hat. Es ist Deleuze’sche Anti-Psychiatrie in Reinform, die hier zur Anschauung kommt, losgetreten von Maris Zögling, der stark an Autismus leidet. In einem wilden Lauf läuft er mit rudernden Armen dem Zug nach, in dem Marie-Lou sitzt. Sie steigt aus, nimmt sich seiner an, vorsichtig, neugierig. So trifft sie auf Tao.
Die Utopie von Hamaguchi will, dass Marie-Lou fließend japanisch spricht, Tao französisch mit zartem japanischen Akzent. Es geht ihm um den Austausch, das intuitive Verstehen und die zusammenführende Begegnung, die zwar all of a sudden geschieht, aber nicht zufällig ist. Sie sind Seelenverwandte, die sich gefunden haben.
Nach dem Theaterstück hebt in einer nicht enden sollenden Nacht das Sprechen zwischen Marie-Lou und Tao an, während der Nachtschicht von Marie-Lou. In einem schlichten Aufenthaltsraum vollzieht sich eine der schönsten, ergreifendsten und ungewöhnlichsten Szenen des diesjährigen Wettbewerbs von Cannes. Tao erläutert Marie-Lou das Prinzip des Kapitalismus an einem Whiteboard. Mit rotem Marker zieht sie Kreise auf das weiße Blatt und erläutert, wie der Kapitalismus die Demokratie auffrisst, indem ihm sukzessive alle Sphären des Lebens untergeordnet werden: die Natur, der Körper, die Landschaft, alles wird zugerichtet auf die Verwertbarkeit, auf die Optimierung, auf die Effizienz.
Die Szene nimmt sich Zeit. Eine Viertelstunde lang zeigt die Kamera nur das Tafelbild aus Kreisen, Schraffierungen, Begriffen, die sich allmählich zu einem eigenen Kosmos füllen. Dazu die sanfte Stimme von Tao, während Marie-Lou ihrer Whiteboard-Performance aufmerksam folgt. Hamaguchi transportiert über seine Schauspielerinnen einen Akt menschlicher Hinwendung, den er durch seine Lebensphilosophie zärtlich und theoretisch, für sein humanitäres Konzept, auskleidet.
Und er versagt sich konsequenterweise auch die höchstdramatische Leidensgeschichte, die er zwar in der totkranken Tao anlegt, aber lieber mit Sanftheit erzählt. Ihr Sterben vollzieht sich fast unbemerkt, in subtilen Andeutungen. Auch die Freundschaft wird bei Hamaguchi nicht dramatisiert und in eine Liebesgeschichte überführt. Seine Figuren befinden sich außerhalb eines drängenden Begehrens, sie sind ätherisch, und doch berühren sie sich, in einer tiefen Humanitude.
Mit den beiden Doppelauszeichnungen des Schauspiels hat die Jury zugleich auch eine Filmpaarung ausgezeichnet, die aus zwei entgegengesetzten Richtungen von der Liebe und dem Tod erzählt. Als physische Utopie, die aus dem Tod herausführt, und als ätherische Seelenverwandtschaft, die ein Bewusstsein über ihr Ende – und den Tod – hat. Schöner kann man das Schauspiel, das sich in Cannes so reich gezeigt hat, nicht umarmen.