16.05.2026

Die Unentschlossenen

Histoires parallèles
Writers in Crime: Isabelle Huppert und Adam Bessa
(Foto: Cannes · Asghar Farhadi · Carole Bethuel)

Rudi Rosenbergs »Words of Love« in »Un certain regard« weiß nicht recht, wohin. Asghar Farhadis »Parallel Tales« im Wettbewerb vereint Isabelle Huppert, Catherine Deneuve, India Hair und Virginie Efira in einem großartigen Ensemble, ist aber auf der Langstrecke überfordert

Von Dunja Bialas

Blackout. Cannes 2026 beginnt genau so, wie Cannes 2025 aufgehört hat: Mit einem Strom­aus­fall. Zumindest ist der Stadtteil Bocca betroffen, an dessen Rand sich der Cineum-Multiplex befindet. Der Saal­an­sager ruft dem Publikum zu, dass sie auf Anwei­sungen der Festi­val­lei­tung warten, ob sie den Film weiter­spielen. Quelques mots d’amour (Words of Love) wurde perfekt gestoppt. Genau in dem Moment, als die Tochter die Mutter fragt, ob der Mann, den sie da sieht, ihr Vater sei, genau bevor die Mutter antwortet: kommt der Blackout.

Blackout
Cliff­hanger (Foto: Dunja Bialas)

Das Publikum in Frank­reich benimmt sich zivil. Keiner schimpft auf die Ener­gie­ver­sorger, niemand regt sich auf, weil er seinen Anschluss­film jetzt viel­leicht verpasst. Kaum einer geht – noch nicht einmal aux toilettes.

Rudi Rosenberg: Töchter ohne Vater

Rück­bli­ckend betrachtet hätte man jedoch an dieser Stelle tatsäch­lich das Weite suchen sollen, raus in die Sonne oder diesen Text hier fertig schreiben. Denn nach Auflösung des Cliff­han­gers, Achtung, Spoiler: »oui«, kommt in dem Film von Rudi Rosenberg, dessen letzte Regie­ar­beit bereits Jahre zurück­liegt und der auch als Schau­spieler nicht mehr in Erschei­nung getreten ist, eigent­lich gar nichts mehr. Der Vater ist auch leib­haftig ein Ignorant und Arsch, Tochter Abigaëlle (Nour Salam) muss trotzdem noch ein paar Enttäu­schungs­schleifen durch­laufen, bis sie es endlich begreift. Eine Halb­schwester tut sich noch auf, ein Hund läuft zu und wieder weg. Aber dann spricht die Tochter der sich aufop­fernden Mutter die erlö­senden titel­ge­benden Worte der Liebe auf den Anruf­be­ant­worter.

Hafsia Herzi spielt die Allein­er­zie­hende – die Augen­lider noch mehr auf Halbmast gesenkt als sonst, die langen Haare osten­tativ in einen prak­ti­schen Zopf gebunden. Sie durchlebt im Alltag eine Tour de Force und holt sich bei einem halb­scha­rigen, schrul­ligen und sehr sympa­thi­schen Psycho­the­ra­peuten Rat. Sie solle sich auf die Seite der Tochter schlagen, sagt er, nicht entnervt darüber sein, dass Abigaëlle dem Vater hinter­her­rennt. Wenn sie die Schule schwänzt, weil sie hofft, dass ein Anruf kommt, solle sie sich doch einen AB anschaffen. Eine der schönsten Szenen ist, wie er einen alten Anruf­be­ant­worter aus der Schublade zaubert.

Rudi Rosenberg ist jedoch zu unent­schlossen, was er mit dem Film eigent­lich erzählen will. Er perspek­ti­viert die soziale Klasse, ohne sie zu benennen, und blickt auf den Migra­ti­ons­hin­ter­grund, ohne ein Argument daraus abzu­leiten. Nur die Neun­zi­ger­jahre, in denen der Film spielt, können Wirkung entfalten. Das Zeit­ko­lorit gibt eine schöne Einbet­tung – siehe Anruf­be­ant­worter, eine Tele­fon­zelle spielt auch noch eine Rolle und Briefe, die mit Rückporto verschickt werden. Die Zeit erklärt unter Umständen auch, weshalb sich die Figuren so seltsam verhalten (das Fami­li­en­recht war noch nicht soweit, aber von recht­li­chen Aspekten ist während des Films keine Rede). Als dann ein Chat an einem Computer beginnt, jubelt man innerlich auf: das Ende der medialen Steinzeit, die hier auch eine emotio­nale ist, rückt näher. Die benutzte E-Mail-Adresse »msn« wurde genau 1999 von Microsoft lanciert. Kaum zu glauben, dass seitdem so viel epochale Zeit vergangen ist.

Die Reihe »Un certain regard« ist eigent­lich verläss­lich für neue Stimmen und Film­spra­chen, die expe­ri­men­tier­freu­diger sind als bei den Filmen des großen Palmen-Wett­be­werbs. Viel­leicht ergibt sich ja noch eine wirkliche Entde­ckung.

Asghar Farhadi: Die Kraft der Imagi­na­tion

Sehr viel, zu viel Zeit braucht Asghar Farhadi im Wett­be­werb, um in Histoires paral­lèles (Parallel Tales) seine laby­rin­thi­sche Geschichte über die Schrift­stel­lerin Sylvie (Isabelle Huppert) zu entfalten, die wie im Fenster zum Hof mit einem Teleskop in die darü­ber­lie­gende Wohnung eindringt, in der sich ein Tonstudio befindet, und für die dort beob­ach­teten Menschen eine unheil­volle Drei­ecks­ge­schichte imagi­niert. Ihr Manuskript wird von der Verle­gerin abgelehnt. Catherine Deneuve und Isabelle Huppert sind in der Szene vereint, was so noch nie – außer im Ensem­ble­film 8 femmes – vorge­kommen ist. Ein groß­ar­tiger Moment, in dem die beiden Diven des fran­zö­si­schen Starkinos einander gegen­ü­ber­sitzen, die Deneuve majes­tä­tisch, grandios, die Huppert ungleich jugend­li­cher, leben­diger.

Das abge­lehnte Manuskript gibt Sylvie einem Mann sans papiers zu lesen, der bei ihr ausmistet, weil die Wohnung verkauft werden soll – so will es die Tochter (India Hair), die schwanger ist (Samen­spende) und Geld braucht. Adam (Adam Bessa) schreibt den Roman hand­schrift­lich ab und gibt ihn seinem Schwarm Nita (Virginie Efira) zu lesen, die justament in dem Appar­te­ment arbeitet, in dem der Kolpor­ta­ge­roman spielt.

Deren Leben wird schließ­lich durch die romaneske Imagi­na­tion ange­steckt, und die Verhält­nisse verkehren sich, als das Imaginäre frei­ge­setzt wird. Farhadi entlässt seine Figur in die Eman­zi­pa­tion und Freiheit, was Sylvies Roman­figur nicht vergönnt war. Die sich aufdrän­gende Frage lautet wieder einmal: Was wollte uns Farhadi eigent­lich mit seiner Kolpor­tage erzählen? Schließ­lich nutzt er sie dann doch nur aus, um die Figur von Virginie Efira, die eine Geräu­sche­ma­cherin spielt, zu der natürlich auch die Imitation von Sex-Atmo gehört, immer wieder erotisch aufzu­laden.

Histoires paral­lèles ist an Krzysztof Kieś­low­skis Dekalog, Sechs (»du sollst nicht ehebre­chen«) angelehnt. Farhadi hat den Ehebruch in die Imagi­na­tion verschoben, wurde dabei aber viel zu verschach­telt. Und weil alles ausin­sze­niert ist, auch viel zu lang.

Adam findet am Ende zu seiner eigenen Stimme und beginnt tatsäch­lich zu schreiben; auch er kann sich also eman­zi­pieren. Seinen Text beginnt er mit ganz einfachen Worten: »Ich habe nie geschrieben.« Diese einfache Geschichte hätte man lieber gesehen.