Die Unentschlossenen |
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| Writers in Crime: Isabelle Huppert und Adam Bessa | ||
| (Foto: Cannes · Asghar Farhadi · Carole Bethuel) | ||
Von Dunja Bialas
Blackout. Cannes 2026 beginnt genau so, wie Cannes 2025 aufgehört hat: Mit einem Stromausfall. Zumindest ist der Stadtteil Bocca betroffen, an dessen Rand sich der Cineum-Multiplex befindet. Der Saalansager ruft dem Publikum zu, dass sie auf Anweisungen der Festivalleitung warten, ob sie den Film weiterspielen. Quelques mots d’amour (Words of Love) wurde perfekt gestoppt. Genau in dem Moment, als die Tochter die Mutter fragt, ob der Mann, den sie da sieht, ihr Vater sei, genau bevor die Mutter antwortet: kommt der Blackout.
Das Publikum in Frankreich benimmt sich zivil. Keiner schimpft auf die Energieversorger, niemand regt sich auf, weil er seinen Anschlussfilm jetzt vielleicht verpasst. Kaum einer geht – noch nicht einmal aux toilettes.
Rückblickend betrachtet hätte man jedoch an dieser Stelle tatsächlich das Weite suchen sollen, raus in die Sonne oder diesen Text hier fertig schreiben. Denn nach Auflösung des Cliffhangers, Achtung, Spoiler: »oui«, kommt in dem Film von Rudi Rosenberg, dessen letzte Regiearbeit bereits Jahre zurückliegt und der auch als Schauspieler nicht mehr in Erscheinung getreten ist, eigentlich gar nichts mehr. Der Vater ist auch leibhaftig ein Ignorant und Arsch, Tochter Abigaëlle (Nour Salam) muss trotzdem noch ein paar Enttäuschungsschleifen durchlaufen, bis sie es endlich begreift. Eine Halbschwester tut sich noch auf, ein Hund läuft zu und wieder weg. Aber dann spricht die Tochter der sich aufopfernden Mutter die erlösenden titelgebenden Worte der Liebe auf den Anrufbeantworter.
Hafsia Herzi spielt die Alleinerziehende – die Augenlider noch mehr auf Halbmast gesenkt als sonst, die langen Haare ostentativ in einen praktischen Zopf gebunden. Sie durchlebt im Alltag eine Tour de Force und holt sich bei einem halbscharigen, schrulligen und sehr sympathischen Psychotherapeuten Rat. Sie solle sich auf die Seite der Tochter schlagen, sagt er, nicht entnervt darüber sein, dass Abigaëlle dem Vater hinterherrennt. Wenn sie die Schule schwänzt, weil sie hofft, dass ein Anruf kommt, solle sie sich doch einen AB anschaffen. Eine der schönsten Szenen ist, wie er einen alten Anrufbeantworter aus der Schublade zaubert.
Rudi Rosenberg ist jedoch zu unentschlossen, was er mit dem Film eigentlich erzählen will. Er perspektiviert die soziale Klasse, ohne sie zu benennen, und blickt auf den Migrationshintergrund, ohne ein Argument daraus abzuleiten. Nur die Neunzigerjahre, in denen der Film spielt, können Wirkung entfalten. Das Zeitkolorit gibt eine schöne Einbettung – siehe Anrufbeantworter, eine Telefonzelle spielt auch noch eine Rolle und Briefe, die mit Rückporto verschickt werden. Die Zeit erklärt unter Umständen auch, weshalb sich die Figuren so seltsam verhalten (das Familienrecht war noch nicht soweit, aber von rechtlichen Aspekten ist während des Films keine Rede). Als dann ein Chat an einem Computer beginnt, jubelt man innerlich auf: das Ende der medialen Steinzeit, die hier auch eine emotionale ist, rückt näher. Die benutzte E-Mail-Adresse »msn« wurde genau 1999 von Microsoft lanciert. Kaum zu glauben, dass seitdem so viel epochale Zeit vergangen ist.
Die Reihe »Un certain regard« ist eigentlich verlässlich für neue Stimmen und Filmsprachen, die experimentierfreudiger sind als bei den Filmen des großen Palmen-Wettbewerbs. Vielleicht ergibt sich ja noch eine wirkliche Entdeckung.
Sehr viel, zu viel Zeit braucht Asghar Farhadi im Wettbewerb, um in Histoires parallèles (Parallel Tales) seine labyrinthische Geschichte über die Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert) zu entfalten, die wie im Fenster zum Hof mit einem Teleskop in die darüberliegende Wohnung eindringt, in der sich ein Tonstudio befindet, und für die dort beobachteten Menschen eine unheilvolle Dreiecksgeschichte imaginiert. Ihr Manuskript wird von der Verlegerin abgelehnt. Catherine Deneuve und Isabelle Huppert sind in der Szene vereint, was so noch nie – außer im Ensemblefilm 8 femmes – vorgekommen ist. Ein großartiger Moment, in dem die beiden Diven des französischen Starkinos einander gegenübersitzen, die Deneuve majestätisch, grandios, die Huppert ungleich jugendlicher, lebendiger.
Das abgelehnte Manuskript gibt Sylvie einem Mann sans papiers zu lesen, der bei ihr ausmistet, weil die Wohnung verkauft werden soll – so will es die Tochter (India Hair), die schwanger ist (Samenspende) und Geld braucht. Adam (Adam Bessa) schreibt den Roman handschriftlich ab und gibt ihn seinem Schwarm Nita (Virginie Efira) zu lesen, die justament in dem Appartement arbeitet, in dem der Kolportageroman spielt.
Deren Leben wird schließlich durch die romaneske Imagination angesteckt, und die Verhältnisse verkehren sich, als das Imaginäre freigesetzt wird. Farhadi entlässt seine Figur in die Emanzipation und Freiheit, was Sylvies Romanfigur nicht vergönnt war. Die sich aufdrängende Frage lautet wieder einmal: Was wollte uns Farhadi eigentlich mit seiner Kolportage erzählen? Schließlich nutzt er sie dann doch nur aus, um die Figur von Virginie Efira, die eine Geräuschemacherin spielt, zu der natürlich auch die Imitation von Sex-Atmo gehört, immer wieder erotisch aufzuladen.
Histoires parallèles ist an Krzysztof Kieślowskis Dekalog, Sechs (»du sollst nicht ehebrechen«) angelehnt. Farhadi hat den Ehebruch in die Imagination verschoben, wurde dabei aber viel zu verschachtelt. Und weil alles ausinszeniert ist, auch viel zu lang.
Adam findet am Ende zu seiner eigenen Stimme und beginnt tatsächlich zu schreiben; auch er kann sich also emanzipieren. Seinen Text beginnt er mit ganz einfachen Worten: »Ich habe nie geschrieben.« Diese einfache Geschichte hätte man lieber gesehen.