18.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Die Zeitentbundenden

Everytime
Stillstand der Sonne
(Foto: Cannes · Sandra Wollner)

Sandra Wollner bringt in »Everytime« die Zeit zum Kollabieren. Einer der eindrücklichsten Filme des diesjährigen Cannes – nur lief er nicht im Wettbewerb

Von Dunja Bialas

Die Zeit löst sich auf in Cannes. Man lebt gleich­zeitig in der Zukunft, Gegenwart und Vergan­gen­heit. Morgens um 7 Uhr plant man bei der Ticket­be­stel­lung sein Leben vier Tage im Voraus. Die Filme erlebt man in reinster Gegen­wär­tig­keit, im Hier und Jetzt absoluter Präsenz, im Kinosaal, den Blick auf die Leinwand gebannt. Hunger oder Durst gibt es in diesem Zustand der bedürf­nis­losen Entrückt­heit nicht. Und dann kommt das Schreiben der Texte, in denen man sich zurü­ckerin­nert an das, was man vor etlichen Filmen, gar Tagen gesehen hat. Die Lücke zwischen dem Sehen und Schreiben ist da, unüber­brückbar, unver­meid­lich.

Die Gedanken kommen mir beim Sehen von Everytime. Sandra Wollners Film, der in der Reihe »Un certain regard« läuft, ist ein Film reinster Gegen­wär­tig­keit, der sich hinaus­stiehlt aus der Zeit, der zurück­reicht in die Vergan­gen­heit der Figuren und hinein­blickt in den Zustand des Irrealis. Das ist mindes­tens Futur II, in der Unmög­lich­keits­form. Im gegen­wär­tigen Augen­blick des Sehens schlägt einem Everytime mit der Faust ins Gesicht. A punch in the face. Brutal, schmerz­haft, unaus­weich­lich.

Birgit Minich­mayer spielt eine Allein­er­zie­hende von zwei Töchtern in Berlin, Plat­tenbau. Das gezeich­nete Milieu ist chaotisch, zu Beginn des Film zanken sich Melli (Lotte Shirin Keiling), die Jüngere, und Jessi (Carla Hütter­mann), die Ältere, um das gemein­same Zimmer. Bei Jessi ist die Pubertät in vollem Gang, mit ihrem Freund Lux (Tristán López) macht sie Mathe­auf­gaben, viel­leicht ein Vorwand für Sex, die Kinder­zim­mer­erotik deutet sich an. Nelli ist im nervigsten Schwes­tern­alter überhaupt. Die Lösung ist Eska­pismus, Jessi und Lux gehen auf Raves, nehmen Party­drogen. Und als sie einmal zusammen auf dem Dach des Hoch­hauses zuge­dröhnt den Sonnen­auf­gang erleben, stürzt Jessi in den Tod.

Ab da beginnt der Film.

Wo Everytime gerade noch eine sozi­al­rea­lis­ti­sche Problem-Tonlage ange­schlagen hatte, klingt plötzlich Mascha Schi­lin­skis betö­render Sound of Falling an. Vor dem Sturz fährt die Kamera in einer langen Einstel­lung die Fassade des Plat­ten­baus entlang. Die Balkone und Fenster sind in oran­ge­far­benes Rosa getaucht, sie baden im Wider­schein der aufge­henden Sonne. Ein Schemen drängt sich dazwi­schen; es ist der hinab­fal­lende Körper von Jessi. Alles kommt abrupt und brutal und hat sich dennoch angekün­digt.

Sandra Wollner setzt von Beginn an die Vorah­nungen. Jessi spielt einmal ein Videogame, in dem in einer schwin­del­erre­genden Anordnung die Spiel­figur über hals­bre­che­ri­sche Gesteins­treppen hinun­ter­ge­leitet werden soll. Immer neue Trep­pen­klötze bauen sich auf, in einer künst­li­chen, elysi­schen Land­schaft. Die Aufgabe ist nicht zu bewäl­tigen, nimmt einen Sog in die Tiefe.

Vom Rave zurück­keh­rend queren Jessi und Lux die Tram­bahn­schienen. Plötzlich ist Jessi allein, niemand mehr da, Lux ist wie vom Erdboden verschluckt. Es ist still, menschen­leer. Das Verschwinden der Menschen, das soziale Nichts ist exis­ten­ziell, nur auf der Plotebene begreifbar als Effekt des einge­wor­fenen Drogen­cock­tails. Wir erinnern uns an Gaspar Noés Enter the Void. Dieser Still­stand der Zeit, das Verharren in einem seltsamen Limbus, einem entgrenzten Zustand, wo sich die Anschauung der Welt von der Wirk­lich­keit disso­zi­iert, in eine Unbe­stimmt­heits­stelle enthebt, webt feine Struk­turen der Verun­si­che­rung in das Erzählte. Wo befinden wir uns?

Everytime kann in einem stark erzählten Mittel­teil als Beginn der Trau­er­ar­beit gelesen werden, als Verar­bei­tung eines Ereig­nisses, das so hätte nicht passieren dürfen. Die Mutter und Nelli tun so, als wäre der Alltag eine Aufgabe, die nur erledigt werden muss. Haus­auf­gaben machen, das Zimmer aufräumen, mitein­ander Fernsehen, Video­games spielen. Abends im Bett sieht sich Nelli den Nach­rich­ten­ver­lauf mit ihrer toten Schwester an. Sie beginnt ihr zu schreiben und holt sich das Leben über die vergan­genen Instant-Nach­richten zurück. Und sie sieht sich auf dem Fernseher alte Home-Videos an, die bei einem Urlaub auf Teneriffa entstanden sind. Die kleine Jessi sitzt in einer Aufnahme entrückt auf einem Beton­boden einer Tief­ga­rage. Vor ihr piept ein elek­tri­sches Spiel­zeug­auto, piep, piep, piep. Ein Bild wie in einem Loop, das Kleinkind sitzt faszi­niert davor, wie hypno­ti­siert.

Die Vergan­gen­heit bricht über andere Bilder und Medien in die Gegen­wär­tig­keit des Erzählens hinein. Video­games, der Chat mit der Schwester, die Home-Videos geben das moderne Substitut für die klas­si­schen Super-8-Aufnahmen, die noch in Sandra Wollners Das unmög­liche Bild den Ausgangs­punkt bildeten. Wie dort gibt es auch hier ein letztes Bild, kurz vor dem Tod. Jessi hat die aufge­hende Sonne aufge­nommen.

Auf den Urlaubs­vi­deos ist ein Panorama der Berge von Teneriffa zu sehen. Ein Sonnen­fleck zeichnet sich auf der grünen Fassade des bewal­deten Hangs ab. Die steilen Hänge, die herab­fal­lenden Linien der Berge und Häuser verweben sich motivisch zu einem einzigen exis­ten­zi­ellen Fores­ha­dowing. Auch das ist die Disso­zia­tion des Raumes, wenn alles zusam­men­fällt.

Sandra Wollner zeigt die Trauer direkt und brutal. Zuerst die Unmög­lich­keit, mit einer tele­fo­nie­renden Mutter am Grab, Birgit Minich­mayer gibt ihrer Figur die Dynamik eines großen Chaos, von ständiger Über­for­de­rung und ständiger Tour de Force. Vieles, das gezeich­nete Milieu, der Blick auf die Kinder und die kraft­vollen Farben erinnert an Sean Bakers The Florida Project. Die Mutter hält die Fäden mühevoll zusammen, ist für die kleine Tochter da, als sie endlich weinen kann, ist für den schluch­zenden Lux da, den sie im betrun­kenen Zustand bei einer S-Bahn-Station aufge­lesen hat, und der sich den Trau­ernden im Patchwork anschließt.

Gemeinsam brechen sie in die Vergan­gen­heit auf. Sie fahren nach Teneriffa, genau an den Ort, wo Jessi in den Urlaubs­vi­deos zu sehen ist. Der wilde Ozean wird von den Badenden durch einen Wall abge­halten, sie sind in einer fragilen Sicher­heit gewogen ange­sichts des Todes, den die Wellen bedeuten. Diese Demar­ka­tion, diese Schwelle zwischen Leben und Tod, beschreitet Wollner in dem furiosen letzten Teil. Hier löst sich die Gewiss­heit über das Erzählte endgültig in den Irrealis auf, in den Modus der Unmög­lich­keit und zugleich in die Vorstel­lung darüber, dass letztlich alles gleich­zeitig da sein kann – Zeit besteht nur als Jederzeit, als everytime. Der Tod und das Leben, die Vergan­gen­heit und die Zukunft, alles ist gleich­zeitig da, wenn wir nicht mehr wissen, wo wir eigent­lich sind. Im Zustand größter Not feuern Kinder eine Leucht­ra­kete in den Himmel: Safe our souls. Der Schuss hält den Himmels­lauf der Sonne an, die als strah­lendes Quadrat zum Still­stand kommt. Was sehen wir, wenn wir in die Sonne schauen?

Sandra Wollners Everytime vereint die imaginäre Kraft von Mascha Schi­linski und die sozi­al­rea­lis­ti­sche Genau­ig­keit von Sean Baker und ist einer der eindrück­lichsten Filme von Cannes. Zu schade, dass er nicht im Wett­be­werb läuft.