79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Zeitentbundenden |
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| Stillstand der Sonne | ||
| (Foto: Cannes · Sandra Wollner) | ||
Von Dunja Bialas
Die Zeit löst sich auf in Cannes. Man lebt gleichzeitig in der Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Morgens um 7 Uhr plant man bei der Ticketbestellung sein Leben vier Tage im Voraus. Die Filme erlebt man in reinster Gegenwärtigkeit, im Hier und Jetzt absoluter Präsenz, im Kinosaal, den Blick auf die Leinwand gebannt. Hunger oder Durst gibt es in diesem Zustand der bedürfnislosen Entrücktheit nicht. Und dann kommt das Schreiben der Texte, in denen man sich zurückerinnert an das, was man vor etlichen Filmen, gar Tagen gesehen hat. Die Lücke zwischen dem Sehen und Schreiben ist da, unüberbrückbar, unvermeidlich.
Die Gedanken kommen mir beim Sehen von Everytime. Sandra Wollners Film, der in der Reihe »Un certain regard« läuft, ist ein Film reinster Gegenwärtigkeit, der sich hinausstiehlt aus der Zeit, der zurückreicht in die Vergangenheit der Figuren und hineinblickt in den Zustand des Irrealis. Das ist mindestens Futur II, in der Unmöglichkeitsform. Im gegenwärtigen Augenblick des Sehens schlägt einem Everytime mit der Faust ins Gesicht. A punch in the face. Brutal, schmerzhaft, unausweichlich.
Birgit Minichmayer spielt eine Alleinerziehende von zwei Töchtern in Berlin, Plattenbau. Das gezeichnete Milieu ist chaotisch, zu Beginn des Film zanken sich Melli (Lotte Shirin Keiling), die Jüngere, und Jessi (Carla Hüttermann), die Ältere, um das gemeinsame Zimmer. Bei Jessi ist die Pubertät in vollem Gang, mit ihrem Freund Lux (Tristán López) macht sie Matheaufgaben, vielleicht ein Vorwand für Sex, die Kinderzimmererotik deutet sich an. Nelli ist im nervigsten Schwesternalter überhaupt. Die Lösung ist Eskapismus, Jessi und Lux gehen auf Raves, nehmen Partydrogen. Und als sie einmal zusammen auf dem Dach des Hochhauses zugedröhnt den Sonnenaufgang erleben, stürzt Jessi in den Tod.
Ab da beginnt der Film.
Wo Everytime gerade noch eine sozialrealistische Problem-Tonlage angeschlagen hatte, klingt plötzlich Mascha Schilinskis betörender Sound of Falling an. Vor dem Sturz fährt die Kamera in einer langen Einstellung die Fassade des Plattenbaus entlang. Die Balkone und Fenster sind in orangefarbenes Rosa getaucht, sie baden im Widerschein der aufgehenden Sonne. Ein Schemen drängt sich dazwischen; es ist der hinabfallende Körper von Jessi. Alles kommt abrupt und brutal und hat sich dennoch angekündigt.
Sandra Wollner setzt von Beginn an die Vorahnungen. Jessi spielt einmal ein Videogame, in dem in einer schwindelerregenden Anordnung die Spielfigur über halsbrecherische Gesteinstreppen hinuntergeleitet werden soll. Immer neue Treppenklötze bauen sich auf, in einer künstlichen, elysischen Landschaft. Die Aufgabe ist nicht zu bewältigen, nimmt einen Sog in die Tiefe.
Vom Rave zurückkehrend queren Jessi und Lux die Trambahnschienen. Plötzlich ist Jessi allein, niemand mehr da, Lux ist wie vom Erdboden verschluckt. Es ist still, menschenleer. Das Verschwinden der Menschen, das soziale Nichts ist existenziell, nur auf der Plotebene begreifbar als Effekt des eingeworfenen Drogencocktails. Wir erinnern uns an Gaspar Noés Enter the Void. Dieser Stillstand der Zeit, das Verharren in einem seltsamen Limbus, einem entgrenzten Zustand, wo sich die Anschauung der Welt von der Wirklichkeit dissoziiert, in eine Unbestimmtheitsstelle enthebt, webt feine Strukturen der Verunsicherung in das Erzählte. Wo befinden wir uns?
Everytime kann in einem stark erzählten Mittelteil als Beginn der Trauerarbeit gelesen werden, als Verarbeitung eines Ereignisses, das so hätte nicht passieren dürfen. Die Mutter und Nelli tun so, als wäre der Alltag eine Aufgabe, die nur erledigt werden muss. Hausaufgaben machen, das Zimmer aufräumen, miteinander Fernsehen, Videogames spielen. Abends im Bett sieht sich Nelli den Nachrichtenverlauf mit ihrer toten Schwester an. Sie beginnt ihr zu schreiben und holt sich das Leben über die vergangenen Instant-Nachrichten zurück. Und sie sieht sich auf dem Fernseher alte Home-Videos an, die bei einem Urlaub auf Teneriffa entstanden sind. Die kleine Jessi sitzt in einer Aufnahme entrückt auf einem Betonboden einer Tiefgarage. Vor ihr piept ein elektrisches Spielzeugauto, piep, piep, piep. Ein Bild wie in einem Loop, das Kleinkind sitzt fasziniert davor, wie hypnotisiert.
Die Vergangenheit bricht über andere Bilder und Medien in die Gegenwärtigkeit des Erzählens hinein. Videogames, der Chat mit der Schwester, die Home-Videos geben das moderne Substitut für die klassischen Super-8-Aufnahmen, die noch in Sandra Wollners Das unmögliche Bild den Ausgangspunkt bildeten. Wie dort gibt es auch hier ein letztes Bild, kurz vor dem Tod. Jessi hat die aufgehende Sonne aufgenommen.
Auf den Urlaubsvideos ist ein Panorama der Berge von Teneriffa zu sehen. Ein Sonnenfleck zeichnet sich auf der grünen Fassade des bewaldeten Hangs ab. Die steilen Hänge, die herabfallenden Linien der Berge und Häuser verweben sich motivisch zu einem einzigen existenziellen Foreshadowing. Auch das ist die Dissoziation des Raumes, wenn alles zusammenfällt.
Sandra Wollner zeigt die Trauer direkt und brutal. Zuerst die Unmöglichkeit, mit einer telefonierenden Mutter am Grab, Birgit Minichmayer gibt ihrer Figur die Dynamik eines großen Chaos, von ständiger Überforderung und ständiger Tour de Force. Vieles, das gezeichnete Milieu, der Blick auf die Kinder und die kraftvollen Farben erinnert an Sean Bakers The Florida Project. Die Mutter hält die Fäden mühevoll zusammen, ist für die kleine Tochter da, als sie endlich weinen kann, ist für den schluchzenden Lux da, den sie im betrunkenen Zustand bei einer S-Bahn-Station aufgelesen hat, und der sich den Trauernden im Patchwork anschließt.
Gemeinsam brechen sie in die Vergangenheit auf. Sie fahren nach Teneriffa, genau an den Ort, wo Jessi in den Urlaubsvideos zu sehen ist. Der wilde Ozean wird von den Badenden durch einen Wall abgehalten, sie sind in einer fragilen Sicherheit gewogen angesichts des Todes, den die Wellen bedeuten. Diese Demarkation, diese Schwelle zwischen Leben und Tod, beschreitet Wollner in dem furiosen letzten Teil. Hier löst sich die Gewissheit über das Erzählte endgültig in den Irrealis auf, in den Modus der Unmöglichkeit und zugleich in die Vorstellung darüber, dass letztlich alles gleichzeitig da sein kann – Zeit besteht nur als Jederzeit, als everytime. Der Tod und das Leben, die Vergangenheit und die Zukunft, alles ist gleichzeitig da, wenn wir nicht mehr wissen, wo wir eigentlich sind. Im Zustand größter Not feuern Kinder eine Leuchtrakete in den Himmel: Safe our souls. Der Schuss hält den Himmelslauf der Sonne an, die als strahlendes Quadrat zum Stillstand kommt. Was sehen wir, wenn wir in die Sonne schauen?
Sandra Wollners Everytime vereint die imaginäre Kraft von Mascha Schilinski und die sozialrealistische Genauigkeit von Sean Baker und ist einer der eindrücklichsten Filme von Cannes. Zu schade, dass er nicht im Wettbewerb läuft.