24.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Die Grandes Dames von Cannes

Roma Elastica
Marion Cotillard in Bertrand Mandicos »Roma Elastica«
(Foto: Cannes · Bertrand Mandico · Roma Elastica)

»Garance«, »L’Inconnue«, »Full Phil« und »Roma elastica« bedienen das Potential ihrer Hauptdarstellerinnen in vollen Zügen

Von Amelie Hochhäusler

Das Leben von Garance

In Jeanne Herrys Wett­be­werbs­film Garance entfacht Adèle Exar­cho­poulos einmal mehr jene rohe Inten­sität, die sie seit Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle) (2013) zu einer der inter­es­san­testen gegen­wär­tigen fran­zö­si­schen Schau­spie­le­rinnen macht.

Garance
Adèle Exar­cho­poulos (Foto: Cannes · Trésor Films · Fou-Chi-Mi · Studio­canal · Artémis · France 3)

Die Titel­figur Garance lebt im Rhythmus der Schau­spie­lerei: Vorspre­chen, Thea­ter­proben, Auffüh­rungen, lange Nächte in Clubs. Ihre Alko­hol­sucht begleitet und taktet ihr Leben. Seit ihrer Jugend trinkt sie, jeden Tag. Der Film erzählt von der Abhän­gig­keit und deren Auswir­kungen auf ihr Berufs­leben, jedoch geschieht dies nicht im Modus des Urteils über die Figur. Vielmehr wird mit Leich­tig­keit die ständige Trans­for­ma­tion ihrer Lebens­si­tua­tion verfolgt. Sie findet Halt in einer queeren Freun­des­gruppe, die ihr die Angst vor dem Allein­sein nehmen kann. Doch es gibt eben auch Rück­schläge: Der Alko­hol­konsum nimmt zu, mani­fes­tiert sich in Blackouts und Panik­at­ta­cken. Aber auch hier verfährt der Film nicht mora­li­sie­rend, im Gegenteil: An einem ihrer Tief­punkte trifft Garance auf die einfühl­same Pauline (Sara Giraudeau). Die Liebes­be­zie­hung verleiht Garances Leben schließ­lich einen ruhigeren Takt – es geht um die Möglich­keit des Ankommens und damit auch um das Loslassen der Sucht.

Und natürlich erzählt der Film auch vom Schau­spiel: Die Bühnen­auf­füh­rungen im Erwach­senen- und Kinder­theater, expres­sive Synchro­ni­sa­ti­ons­szenen sowie die emotio­nale Verfas­sung der Figur geben Exar­cho­poulos Raum, die Viel­sei­tig­keit des eigenen Spiels zu entfalten.

Die Unbe­kannte: Léa Seydoux

Ebenso eindrück­lich hat sich Léa Seydoux seit Blau ist eine warme Farbe in Frank­reich verankert. Kaum ein Festi­val­jahr vergeht ohne sie – und das aus gutem Grund. Filme wie Bruno Dumonts France (2021) oder Bertrand Bonellos La bête (2023) sind zwar nicht in Cannes gelaufen, aber wohl am kraft­vollsten in Erin­ne­rung geblieben. Eine ähnliche Inten­sität strebt der dies­jäh­rige Wett­be­werbs­film L’Inconnue von Arthur Harari an. Der Titel kann program­ma­tisch gelesen werden, denn der Film bleibt sich selbst gänzlich unbekannt.

The Unknown
Léa Seydoux (Foto: Cannes · L’inconnue · Arthur Harari)

Der Film eröffnet mit der Photo­gra­phie einer Frau (Léa Seydoux), Eve ist ihr Name. Die Kamera fixiert das Bild, ein Zoom lässt uns immer weiter in das Gesicht vordringen, bis sich die Photo­gra­phierte schließ­lich im eigenen Bild auflöst. Photo­graph, und Prot­ago­nist des Films, ist David Zimmerman (kaum zu erkennen: Niels Schneider). Nachts in einem Club begegnet er unter Drogen­ein­fluss Eve. Sie haben unmit­telbar Geschlechts­ver­kehr. Und hier geschieht das entschei­dende Moment, das den Plot struk­tu­riert: Bei dem sexuellen Akt geht die Seele von David in den Körper von Eve über (und Eve lebt im männ­li­chen Körper von David weiter). Er lebt also nun in ihr. Soweit, so gut. David, nun von Seydoux verkör­pert, sitzt vor einem Hand­spiegel, erkundet den weib­li­chen Körper. Körper­dys­phorie, Iden­ti­täts­ver­lust sowie die Rekon­struk­tion der Identität von Eve – all das wird ange­rissen, doch dann kommt es unver­mit­telt zu einer weiteren Meta­mor­phose. Malia, eine junge Frau, findet sich nach dem Sex mit dem bereits von fremder Seele beses­senen David Zimmerman in dessen Körper wieder, ohne jedoch weiter von der ersten Metem­psy­chose erzählt zu haben. Die aufge­baute Komple­xität des ersten Teils wird zunehmend wirr. Der Film irrt nicht nur uns, sondern auch sich selbst.

Es finden sich einige begeis­terte Stimmen zu L’Inconnue. Unsere Diskus­sionen entbrannten regel­recht. Jemand sagte unmit­telbar nach der Sichtung »Die Goldene Palme, ganz klar«. Die Schau­spiel­palme für Seydoux kommt eher in Frage – die Einzel­schau­spieler*innen jedoch gingen dieses Jahr leer aus.

Fulfill­ment à la Kristen Stewart

Ein groteskes Gegen­pro­gramm findet man in Quentin Dupieuxs Full Phil, der im Mitter­nachts­kino zu sehen war. Dupieux setzt Kristen Stewart und Woody Harrelson als Tochter-Vater-Duo in Szene, die sich nach Jahren der Distanz in einem Pariser Hotel­zimmer begegnen, um zu »recon­necten«.

Full Phil
Kristen Stewart und Woody Harrelson (Foto: Cannes · Quentin Dupieux)

Ohne dass vergan­gene Konflikte weiter konkre­ti­siert werden, teilt sich die Dynamik sofort mit: Phil, der Vater, möchte unter keinen Umständen die verstopfte Toilette beim Hotel­per­sonal melden. Madeleine, die Tochter, hält das selbst­ver­s­tänd­lich für absurd. Verschärft wird die ohnehin ange­spannte Situation durch eine dritte Figur: eine Ange­stellte des Hotels (Charlotte Le Bon), die sich um das Wohl Made­leines sorgt und Phil auf seine Aggres­si­vität hinweist. Made­leines Interesse am Aufent­halt liegt vor allem darin, auf Rechnung des Vaters den Room Service auszu­kosten. Ein Tablett nach dem anderen wird ins Zimmer gebracht. Madeleine isst und isst: Hähn­chen­keulen, Steaks, ganze Torten. Dazu fließt Wein. Als Vater und Tochter schließ­lich beschließen, gemeinsam etwas zu unter­nehmen, gehen sie – natürlich – essen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu, und Phil geht es dabei zunehmend schlechter. Eine groteske Komik speist sich aus der fami­liären Spannung. Kristen Stewarts genuss­volles, schau­felndes Essen, das man eher schon als Einver­leiben bezeichnen sollte, macht in diesem Jahr mit die größte Freude.

Der Tod der Schau­spie­lerin

Ein glanz­volles fran­zö­si­sches Schau­spielduo findet sich in voller Ekstase in Roma Elastica von Bertrand Mandico, ebenfalls im Mitter­nachts­kino. Es sind die frühen 1980er Jahre. Marion Cotillard verkör­pert die ameri­ka­ni­sche Filmikone Eddie, die erfährt, dass sie bald sterben wird – and she doesn’t care. Alle verehren, lieben und begehren Eddie, darunter vor allem ihre loyale Make-Up Artistin Valentina, gespielt von Noémie Merlant. Es wird geraucht, konsu­miert und gedreht: ein Science-Fiction-Film in Rom. Mandico verschränkt die Ebenen des Films-im-Film mit dem körper­li­chen und psychi­schen Zerfall der Prot­ago­nistin zu einem deli­rie­renden Rausch­zu­stand.

Roma Elastica
Noémie Merlant und Marion Cotillard (Foto: Cannes · Bertrand Mandico · Roma Elastica)

Eddie wird von ihrem jüngeren Selbst verfolgt. In einer ihrer Drogen­nächte hat sie einen »bad trip«, der filmisch ausex­er­ziert wird: aus einer Verlet­zung am Hinter­kopf wächst das Gesicht ihres jüngeren Ichs hervor. Spie­ge­lungen und Verdopp­lungen geraten außer Kontrolle, Eddies psycho­ti­scher Wahn wird bis an die äußerste Grenze ausge­spielt – Gaspar Noé ist da schon beinahe zurück­hal­tend.

Chanel-Kostüme, vulgäres Sprechen, exzessive Filmdreh- und Party­szenen entwi­ckeln in der Mitter­nachts­pre­miere des Festivals einen rausch­haften Sog: Mandico lässt die Schau­spie­le­rinnen zugleich strahlen und zerfallen, begehren und sterben. Roma Elastica ist über­stei­gert, trashig und voll­kommen hypno­tisch. Wie schön, dass sich Cotillard und Merlant dem eksta­ti­schen Zustand des Kinos hingeben.