79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Grandes Dames von Cannes |
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| Marion Cotillard in Bertrand Mandicos »Roma Elastica« | ||
| (Foto: Cannes · Bertrand Mandico · Roma Elastica) | ||
In Jeanne Herrys Wettbewerbsfilm Garance entfacht Adèle Exarchopoulos einmal mehr jene rohe Intensität, die sie seit Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle) (2013) zu einer der interessantesten gegenwärtigen französischen Schauspielerinnen macht.
Die Titelfigur Garance lebt im Rhythmus der Schauspielerei: Vorsprechen, Theaterproben, Aufführungen, lange Nächte in Clubs. Ihre Alkoholsucht begleitet und taktet ihr Leben. Seit ihrer Jugend trinkt sie, jeden Tag. Der Film erzählt von der Abhängigkeit und deren Auswirkungen auf ihr Berufsleben, jedoch geschieht dies nicht im Modus des Urteils über die Figur. Vielmehr wird mit Leichtigkeit die ständige Transformation ihrer Lebenssituation verfolgt. Sie findet Halt in einer queeren Freundesgruppe, die ihr die Angst vor dem Alleinsein nehmen kann. Doch es gibt eben auch Rückschläge: Der Alkoholkonsum nimmt zu, manifestiert sich in Blackouts und Panikattacken. Aber auch hier verfährt der Film nicht moralisierend, im Gegenteil: An einem ihrer Tiefpunkte trifft Garance auf die einfühlsame Pauline (Sara Giraudeau). Die Liebesbeziehung verleiht Garances Leben schließlich einen ruhigeren Takt – es geht um die Möglichkeit des Ankommens und damit auch um das Loslassen der Sucht.
Und natürlich erzählt der Film auch vom Schauspiel: Die Bühnenaufführungen im Erwachsenen- und Kindertheater, expressive Synchronisationsszenen sowie die emotionale Verfassung der Figur geben Exarchopoulos Raum, die Vielseitigkeit des eigenen Spiels zu entfalten.
Ebenso eindrücklich hat sich Léa Seydoux seit Blau ist eine warme Farbe in Frankreich verankert. Kaum ein Festivaljahr vergeht ohne sie – und das aus gutem Grund. Filme wie Bruno Dumonts France (2021) oder Bertrand Bonellos La bête (2023) sind zwar nicht in Cannes gelaufen, aber wohl am kraftvollsten in Erinnerung geblieben. Eine ähnliche Intensität strebt der diesjährige Wettbewerbsfilm L’Inconnue von Arthur Harari an. Der Titel kann programmatisch gelesen werden, denn der Film bleibt sich selbst gänzlich unbekannt.
Der Film eröffnet mit der Photographie einer Frau (Léa Seydoux), Eve ist ihr Name. Die Kamera fixiert das Bild, ein Zoom lässt uns immer weiter in das Gesicht vordringen, bis sich die Photographierte schließlich im eigenen Bild auflöst. Photograph, und Protagonist des Films, ist David Zimmerman (kaum zu erkennen: Niels Schneider). Nachts in einem Club begegnet er unter Drogeneinfluss Eve. Sie haben unmittelbar Geschlechtsverkehr. Und hier geschieht das entscheidende Moment, das den Plot strukturiert: Bei dem sexuellen Akt geht die Seele von David in den Körper von Eve über (und Eve lebt im männlichen Körper von David weiter). Er lebt also nun in ihr. Soweit, so gut. David, nun von Seydoux verkörpert, sitzt vor einem Handspiegel, erkundet den weiblichen Körper. Körperdysphorie, Identitätsverlust sowie die Rekonstruktion der Identität von Eve – all das wird angerissen, doch dann kommt es unvermittelt zu einer weiteren Metamorphose. Malia, eine junge Frau, findet sich nach dem Sex mit dem bereits von fremder Seele besessenen David Zimmerman in dessen Körper wieder, ohne jedoch weiter von der ersten Metempsychose erzählt zu haben. Die aufgebaute Komplexität des ersten Teils wird zunehmend wirr. Der Film irrt nicht nur uns, sondern auch sich selbst.
Es finden sich einige begeisterte Stimmen zu L’Inconnue. Unsere Diskussionen entbrannten regelrecht. Jemand sagte unmittelbar nach der Sichtung »Die Goldene Palme, ganz klar«. Die Schauspielpalme für Seydoux kommt eher in Frage – die Einzelschauspieler*innen jedoch gingen dieses Jahr leer aus.
Ein groteskes Gegenprogramm findet man in Quentin Dupieuxs Full Phil, der im Mitternachtskino zu sehen war. Dupieux setzt Kristen Stewart und Woody Harrelson als Tochter-Vater-Duo in Szene, die sich nach Jahren der Distanz in einem Pariser Hotelzimmer begegnen, um zu »reconnecten«.
Ohne dass vergangene Konflikte weiter konkretisiert werden, teilt sich die Dynamik sofort mit: Phil, der Vater, möchte unter keinen Umständen die verstopfte Toilette beim Hotelpersonal melden. Madeleine, die Tochter, hält das selbstverständlich für absurd. Verschärft wird die ohnehin angespannte Situation durch eine dritte Figur: eine Angestellte des Hotels (Charlotte Le Bon), die sich um das Wohl Madeleines sorgt und Phil auf seine Aggressivität hinweist. Madeleines Interesse am Aufenthalt liegt vor allem darin, auf Rechnung des Vaters den Room Service auszukosten. Ein Tablett nach dem anderen wird ins Zimmer gebracht. Madeleine isst und isst: Hähnchenkeulen, Steaks, ganze Torten. Dazu fließt Wein. Als Vater und Tochter schließlich beschließen, gemeinsam etwas zu unternehmen, gehen sie – natürlich – essen. Die Lage spitzt sich immer mehr zu, und Phil geht es dabei zunehmend schlechter. Eine groteske Komik speist sich aus der familiären Spannung. Kristen Stewarts genussvolles, schaufelndes Essen, das man eher schon als Einverleiben bezeichnen sollte, macht in diesem Jahr mit die größte Freude.
Ein glanzvolles französisches Schauspielduo findet sich in voller Ekstase in Roma Elastica von Bertrand Mandico, ebenfalls im Mitternachtskino. Es sind die frühen 1980er Jahre. Marion Cotillard verkörpert die amerikanische Filmikone Eddie, die erfährt, dass sie bald sterben wird – and she doesn’t care. Alle verehren, lieben und begehren Eddie, darunter vor allem ihre loyale Make-Up Artistin Valentina, gespielt von Noémie Merlant. Es wird geraucht, konsumiert und gedreht: ein Science-Fiction-Film in Rom. Mandico verschränkt die Ebenen des Films-im-Film mit dem körperlichen und psychischen Zerfall der Protagonistin zu einem delirierenden Rauschzustand.
Eddie wird von ihrem jüngeren Selbst verfolgt. In einer ihrer Drogennächte hat sie einen »bad trip«, der filmisch ausexerziert wird: aus einer Verletzung am Hinterkopf wächst das Gesicht ihres jüngeren Ichs hervor. Spiegelungen und Verdopplungen geraten außer Kontrolle, Eddies psychotischer Wahn wird bis an die äußerste Grenze ausgespielt – Gaspar Noé ist da schon beinahe zurückhaltend.
Chanel-Kostüme, vulgäres Sprechen, exzessive Filmdreh- und Partyszenen entwickeln in der Mitternachtspremiere des Festivals einen rauschhaften Sog: Mandico lässt die Schauspielerinnen zugleich strahlen und zerfallen, begehren und sterben. Roma Elastica ist übersteigert, trashig und vollkommen hypnotisch. Wie schön, dass sich Cotillard und Merlant dem ekstatischen Zustand des Kinos hingeben.