Die Dienende |
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| Der Tätigkeitsbereich der Hausangestellten | ||
| (Foto: Cannes · Radu Jude · Journal d’une femme de chambre) | ||
Von Dunja Bialas
Orte und Wettbewerbe. Alles teilt sich in Cannes fein säuberlich in verschiedene Spielorte auf. Auf dem Terrain des Campus, auf dem sich der Wettbewerb, aber auch der Marché zuträgt, stehen tatsächlich baumhohe Palmen. Das Palais des Festivals lässt mit Espresso bis zum Abwinken, Softdrinks und Arbeitsräumen keine Wünsche offen. Das große Premierenkino Louis Lumière mit dem roten Teppich und die Leinwände für die Pressevorführungen befinden sich gleich nebenan – Salle Agnès Varda, Salle Buñuel, Salle Debussy. Glückliches Cannes.
Will man aber einen der anderen Wettbewerbe besuchen, die im großen Festival eingelagerten eigenständig kuratierten Reihen und die unabhängige Semaine de la Critique, die unverrückbar zu Cannes gehören, muss man sich zwischen den Flaneuren den Weg über den Palmenhain bahnen, wo sich, am Meer aufgereiht, die Pavillons des Village du Festival mit den Landesvertretungen der Filmförderungen und Showcases der großen Branchenblätter Deadline und Variety befinden. Kioske mit Eis und Crêpes, ein Open-Air-Kino und viele schicke Open-Air-Clubs direkt am Strand bieten den Schauplatz für alle, die dabei sein wollen; Smokings, High Heels und üppige Abendkleider, die trotz frischer Abendtemperaturen immer auch viel Haut zeigen, werden hier zur Schau getragen. Man kann auch die Protagonisten der Leinwände beim Spazierengehen treffen. Vor vier Jahren begegnete ich hier der wenig später verstorbenen Charlbi Dean Kriek, die mit Ruben Östlunds Triangle of Sadness die Goldene Palme gewann. Jetzt gehe ich zum Théâtre Croisette, zur Premiere von Radu Judes Le Journal d’une femme de chambre. Eine Frau fällt mir auf, die mir direkt entgegenkommt. Sie trägt ein altrosa, transparentes Spitzenkleid, das in seiner Zerbrechlichkeit direkt aus dem Fin de siècle zu stammen scheint. Der Rock ist geschlitzt, zwischen den zarten Spitzenbahnen blinken ihre rosigen Knie hervor, die wenig ätherisch wirken, eher überraschend handfest.
Wenig später sehe ich sie wieder. Ana Dumitrașcu steht in ihrem durchbrochenen Spitzenkleid neben Radu Jude auf der Bühne des Théâtre Croisette. Sie ist die femme de chambre in Radu Judes Buñuel-Transformation über die Kammerzofe als Fetisch ihres Herrn. Vincent Macaigne ergreift als einziger Schauspieler das Mikrofon. »N’attendez pas la fin du monde«, zitiert er einen Filmtitel von Jude. Warten Sie nicht auf das Ende der Welt. Die Tonlage ist gesetzt.
Man ist verblüfft, wie naheliegend die Adaption von Octave Mirbeaus »Tagebuch einer Kammerzofe« aus dem Jahr 1900 durch den rumänischen Regisseur erscheint. Er muss nicht lange suchen und findet seine Célestine in einer rumänischen Hausangestellten und Kindermädchen, die in Bordeaux in der großbürgerlichen Bourgeoisie angeheuert hat, während sie ihre Tochter zurück in einem Dorf in Moldawien gelassen hat, bei der Großmutter. Bei ihren Dienstherren (herrlich bemüht: Mélanie Thierry und wunderbar zutraulich: Vincent Macaigne) ist sie die 24-Stunden-Kraft, die putzt, das Essen kocht, den Sohnemann von der Schule abholt, ihm Märchen aus ihrer Heimat erzählt. Abends isst sie wie eine Katze Thunfisch aus der Dose und versucht, im Videocall mit ihrer Tochter den mütterlichen Faden nicht abreißen zu lassen. Tag für Tag geht das so, strukturiert durch das Datum der filmischen Tagebucheinträge, beginnend im September.
Wir erleben den petit train-train der alltäglichen Erledigungen. Viele Spiegel und Glasflächen werden geputzt – in der Vitrine befindet sich eine wertvolle Puppensammlung, die sie bloß nicht anrühren soll –, der Boden gewischt, die Figurinen mit Staubwedel abgewedelt, auch zwischen den Beinen.
Wenn sie den Sohn von der Schule abholt, kreuzt sie den Weg eines Verkäufers von Straßenzeitungen. Die Existenz der Arbeitsmigranten ist allgegenwärtig, und doch gibt es eine Hierarchie: den einen geht es besser, die anderen sind auf der Straße. Radu Jude fackelt da nicht lange; er macht es einfach, lässt die Gegensätze sich selbst zeigen und spielt auch lustvoll die Stereotype aus. Célestines Arbeitgeber sind sehr bemüht, möglichst nicht als Dienstherren zu erscheinen. Wenn Célestine die Lieblingsgerichte des Hausherrn rumänisch interpretiert, lässt er sich augenblicklich zu devoten Hingabebekenntnissen hinreißen. Beim vertrauensvollen Gespräch beim Kaffee verlangt die Dienstherrin, dass Célestine doch verraten soll, woher sie die Märchen nimmt, die sie ihrem Sohn erzählt. Als Anerkennung ihrer literarischen Ader vermittelt sie sie an eine Theatergruppe, in der ausschließlich Arbeitsmigranten spielen. Aufgeführt wird: »Le journal d’une femme de chambre«.
Was sich auf der Bühne zuträgt, ist nicht nur das klassische Vergrößerungsglas auf das Geschehen in Form einer mise-en-abyme – hier lässt Jude Ana Dumitrașcu zu komödiantischer Hochform aufdrehen, was ihr im quasi-realistischen Spiel der anderweitigen Handlung nicht erlaubt ist. Die sexuellen Phantasien des Bühnen-Dienstherren werden hier entfesselt, der Stiefelfetisch des Originals, den auch Buñuel ins Zentrum setzte, inszeniert. Höhepunkt ist eine Sexszene, die Ana Dumitrașcu mit einem Besenstil performt – man denkt an die Sexszenen von Bad Luck Banging or Loony Porn oder an N'attendez pas trop de la fin du monde – die wasserstoffblonde Ilinca Manolache von dort spielt hier die Theaterregiseurin.
Den größten Witz entfaltet Jude jedoch in seiner abrupten Montage. Sätze werden mitten im Wort abgeschnitten, Dinge einfach stehengelassen. Lakonisch und kurzweilig ist das. Und dann gibt es noch die Handyaufnahmen aus Rumänien, in denen die zurückgelassene Tochter filmt: ihre behäbige Großmutter, die Hühner, die Katzen, das Sofa, den Esstisch. Alles ist fahrig aufgenommen, aus der strengen Subjektive, einmal wirft die Tochter das Handy auf den Boden, weil die Mutter ihr Versprechen nicht halten kann. Sie ruft dann ins Leere, bis sich die Großmutter erbarmt und Célestine vom Boden aufliest.
Die Freiheiten, die Jude in N'attendez pas trop de la fin du monde (nur auf Mubi veröffentlicht) und in Kontinental ‘25 durch den experimentellen Einsatz des digitalen Mediums (Handy, Social-Media-Ästhetik) gefunden hat, bändigt er hier und sublimiert ihn zu einer Form, die sich geschmeidig in das Arthouse einfügt. Hier wird niemand mehr schockiert. Das könnte man ihm auch anlasten: Lässt er das Bürgertum, zu dem ja auch die Zuschauer seiner Filme gehören, ästhetisch zu sehr in Ruhe? Er hält ihnen aber den moralischen Spiegel vor, wie in einer klassischen Molière-Komödie. Wenn die Dienstherren Célestine bei einer Abendrunde herbeirufen und sie fragen, was »sie als Osteuropäerin« zum Ukraine-Krieg sagt, dann wirft das die Abgründe des Gutgemeinten auf. Entlang der Klassenunterschiede inszeniert Jude so ein Europa, das in den Zustand der Perversion geraten ist.
Die Dienstherren sind auf dieser viel allgemeineren Ebene dann auch der Westen, die Dienstmagd, die den Arsch der Reichen auswischt, ist Osteuropa. Radu Jude macht es einem aber viel leichter, fernab jeder Symbolik. Der Film liegt offen am Abgrund der Verhältnisse, man muss einfach nur hinsehen. Wie großartig.