17.05.2026

Die Dienende

Journal d'une femme de chambre
Der Tätigkeitsbereich der Hausangestellten
(Foto: Cannes · Radu Jude · Journal d’une femme de chambre)

Radu Judes »Le Journal d’une femme de chambre« in der Quinzaine des Cinéastes inszeniert die Abgründe Europas – auf höchst komödiantische Weise

Von Dunja Bialas

Orte und Wett­be­werbe. Alles teilt sich in Cannes fein säuber­lich in verschie­dene Spielorte auf. Auf dem Terrain des Campus, auf dem sich der Wett­be­werb, aber auch der Marché zuträgt, stehen tatsäch­lich baumhohe Palmen. Das Palais des Festivals lässt mit Espresso bis zum Abwinken, Soft­drinks und Arbeits­räumen keine Wünsche offen. Das große Premie­ren­kino Louis Lumière mit dem roten Teppich und die Leinwände für die Pres­se­vor­füh­rungen befinden sich gleich nebenan – Salle Agnès Varda, Salle Buñuel, Salle Debussy. Glück­li­ches Cannes.

Will man aber einen der anderen Wett­be­werbe besuchen, die im großen Festival einge­la­gerten eigen­s­tändig kura­tierten Reihen und die unab­hän­gige Semaine de la Critique, die unver­rückbar zu Cannes gehören, muss man sich zwischen den Flaneuren den Weg über den Palmen­hain bahnen, wo sich, am Meer aufge­reiht, die Pavillons des Village du Festival mit den Landes­ver­tre­tungen der Film­för­de­rungen und Showcases der großen Bran­chen­blätter Deadline und Variety befinden. Kioske mit Eis und Crêpes, ein Open-Air-Kino und viele schicke Open-Air-Clubs direkt am Strand bieten den Schau­platz für alle, die dabei sein wollen; Smokings, High Heels und üppige Abend­kleider, die trotz frischer Abend­tem­pe­ra­turen immer auch viel Haut zeigen, werden hier zur Schau getragen. Man kann auch die Prot­ago­nisten der Leinwände beim Spazie­ren­gehen treffen. Vor vier Jahren begegnete ich hier der wenig später verstor­benen Charlbi Dean Kriek, die mit Ruben Östlunds Triangle of Sadness die Goldene Palme gewann. Jetzt gehe ich zum Théâtre Croisette, zur Premiere von Radu Judes Le Journal d’une femme de chambre. Eine Frau fällt mir auf, die mir direkt entge­gen­kommt. Sie trägt ein altrosa, trans­pa­rentes Spit­zen­kleid, das in seiner Zerbrech­lich­keit direkt aus dem Fin de siècle zu stammen scheint. Der Rock ist geschlitzt, zwischen den zarten Spit­zen­bahnen blinken ihre rosigen Knie hervor, die wenig ätherisch wirken, eher über­ra­schend handfest.

Premiere von Radu Jude
Im Théâtre Croisette (Foto: Dunja Bialas)

Wenig später sehe ich sie wieder. Ana Dumit­rașcu steht in ihrem durch­bro­chenen Spit­zen­kleid neben Radu Jude auf der Bühne des Théâtre Croisette. Sie ist die femme de chambre in Radu Judes Buñuel-Trans­for­ma­tion über die Kammer­zofe als Fetisch ihres Herrn. Vincent Macaigne ergreift als einziger Schau­spieler das Mikrofon. »N’attendez pas la fin du monde«, zitiert er einen Filmtitel von Jude. Warten Sie nicht auf das Ende der Welt. Die Tonlage ist gesetzt.

Die rumä­ni­sche Kammer­zofe

Man ist verblüfft, wie nahe­lie­gend die Adaption von Octave Mirbeaus »Tagebuch einer Kammer­zofe« aus dem Jahr 1900 durch den rumä­ni­schen Regisseur erscheint. Er muss nicht lange suchen und findet seine Célestine in einer rumä­ni­schen Haus­an­ge­stellten und Kinder­mäd­chen, die in Bordeaux in der groß­bür­ger­li­chen Bour­geoisie ange­heuert hat, während sie ihre Tochter zurück in einem Dorf in Moldawien gelassen hat, bei der Groß­mutter. Bei ihren Dienst­herren (herrlich bemüht: Mélanie Thierry und wunderbar zutrau­lich: Vincent Macaigne) ist sie die 24-Stunden-Kraft, die putzt, das Essen kocht, den Sohnemann von der Schule abholt, ihm Märchen aus ihrer Heimat erzählt. Abends isst sie wie eine Katze Thunfisch aus der Dose und versucht, im Videocall mit ihrer Tochter den mütter­li­chen Faden nicht abreißen zu lassen. Tag für Tag geht das so, struk­tu­riert durch das Datum der filmi­schen Tage­buch­ein­träge, beginnend im September.

Wir erleben den petit train-train der alltäg­li­chen Erle­di­gungen. Viele Spiegel und Glas­flächen werden geputzt – in der Vitrine befindet sich eine wertvolle Puppen­samm­lung, die sie bloß nicht anrühren soll –, der Boden gewischt, die Figurinen mit Staub­wedel abge­we­delt, auch zwischen den Beinen.

Wenn sie den Sohn von der Schule abholt, kreuzt sie den Weg eines Verkäu­fers von Straßen­zei­tungen. Die Existenz der Arbeits­mi­granten ist allge­gen­wärtig, und doch gibt es eine Hier­ar­chie: den einen geht es besser, die anderen sind auf der Straße. Radu Jude fackelt da nicht lange; er macht es einfach, lässt die Gegen­sätze sich selbst zeigen und spielt auch lustvoll die Stereo­type aus. Céles­tines Arbeit­geber sind sehr bemüht, möglichst nicht als Dienst­herren zu erscheinen. Wenn Célestine die Lieb­lings­ge­richte des Hausherrn rumänisch inter­pre­tiert, lässt er sich augen­blick­lich zu devoten Hinga­be­be­kennt­nissen hinreißen. Beim vertrau­ens­vollen Gespräch beim Kaffee verlangt die Dienst­herrin, dass Célestine doch verraten soll, woher sie die Märchen nimmt, die sie ihrem Sohn erzählt. Als Aner­ken­nung ihrer lite­ra­ri­schen Ader vermit­telt sie sie an eine Thea­ter­gruppe, in der ausschließ­lich Arbeits­mi­granten spielen. Aufge­führt wird: »Le journal d’une femme de chambre«.

Was sich auf der Bühne zuträgt, ist nicht nur das klas­si­sche Vergröße­rungs­glas auf das Geschehen in Form einer mise-en-abyme – hier lässt Jude Ana Dumit­rașcu zu komö­di­an­ti­scher Hochform aufdrehen, was ihr im quasi-realis­ti­schen Spiel der ander­wei­tigen Handlung nicht erlaubt ist. Die sexuellen Phan­ta­sien des Bühnen-Dienst­herren werden hier entfes­selt, der Stie­fel­fe­tisch des Originals, den auch Buñuel ins Zentrum setzte, insze­niert. Höhepunkt ist eine Sexszene, die Ana Dumit­rașcu mit einem Besenstil performt – man denkt an die Sexszenen von Bad Luck Banging or Loony Porn oder an N'attendez pas trop de la fin du monde – die wasser­stoff­blonde Ilinca Manolache von dort spielt hier die Thea­ter­re­gi­seurin.

Den größten Witz entfaltet Jude jedoch in seiner abrupten Montage. Sätze werden mitten im Wort abge­schnitten, Dinge einfach stehen­ge­lassen. Lakonisch und kurz­weilig ist das. Und dann gibt es noch die Handy­auf­nahmen aus Rumänien, in denen die zurück­ge­las­sene Tochter filmt: ihre behäbige Groß­mutter, die Hühner, die Katzen, das Sofa, den Esstisch. Alles ist fahrig aufge­nommen, aus der strengen Subjek­tive, einmal wirft die Tochter das Handy auf den Boden, weil die Mutter ihr Verspre­chen nicht halten kann. Sie ruft dann ins Leere, bis sich die Groß­mutter erbarmt und Célestine vom Boden aufliest.

Die Frei­heiten, die Jude in N'attendez pas trop de la fin du monde (nur auf Mubi veröf­fent­licht) und in Konti­nental ‘25 durch den expe­ri­men­tellen Einsatz des digitalen Mediums (Handy, Social-Media-Ästhetik) gefunden hat, bändigt er hier und subli­miert ihn zu einer Form, die sich geschmeidig in das Arthouse einfügt. Hier wird niemand mehr scho­ckiert. Das könnte man ihm auch anlasten: Lässt er das Bürgertum, zu dem ja auch die Zuschauer seiner Filme gehören, ästhe­tisch zu sehr in Ruhe? Er hält ihnen aber den mora­li­schen Spiegel vor, wie in einer klas­si­schen Molière-Komödie. Wenn die Dienst­herren Célestine bei einer Abend­runde herbei­rufen und sie fragen, was »sie als Osteu­ropäerin« zum Ukraine-Krieg sagt, dann wirft das die Abgründe des Gutge­meinten auf. Entlang der Klas­sen­un­ter­schiede insze­niert Jude so ein Europa, das in den Zustand der Perver­sion geraten ist.

Die Dienst­herren sind auf dieser viel allge­mei­neren Ebene dann auch der Westen, die Dienst­magd, die den Arsch der Reichen auswischt, ist Osteuropa. Radu Jude macht es einem aber viel leichter, fernab jeder Symbolik. Der Film liegt offen am Abgrund der Verhält­nisse, man muss einfach nur hinsehen. Wie großartig.