24.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Die Geschichtsversessenen

pawel pawlikowski fatherland
Meisterlich: Paweł Pawlikowskis Vaterland
(Foto: Cannes · Pawel Pawlikowski · Fatherland)

Period Picture im Wettbewerb: Paweł Pawlikowski gewinnt den Grand Prix als bester Regisseur für VATERLAND, ex aequo mit den »Javis«, Javier Calvo und Javier Ambrossi, für LA BOLA NEGRA

Von Dunja Bialas

Friedhofsmeer
Cimetière Grand Jas (Foto: Dunja Bialas)

Ein schier unend­li­ches Meer der Toten. Der Cimetière Grand Jas in Cannes ist, anders als die deutschen Friedhöfe, eine Gesteins­wüste. Auf mehreren Ebenen reihen sich alte, verwit­terte Grab­platten. Die Gräber reichen zurück bis ins vorletzte Jahr­hun­dert, auf vielen sind Aufkleber ange­bracht, die Besitzer mögen sich doch bitte um die Gräber kümmern. Auf diesem riesigen Gesteins­feld sind wir völlig allein unterwegs, als wir an einem heißen Nach­mittag das Grab von Klaus Mann besuchen. Die Sonne brennt gleißend auf uns nieder, wie in Camus’ »L’étranger«.

Sonne
Wenn nicht schon alle tot wären, müssten wir jetzt töten (Foto: Dunja Bialas)

Wir durch­queren den menschen­leeren Friedhof, machen uns bewusst, dass wir gerade durch die Ruhe­stätten der Toten gehen, die dicht an dicht liegen, in einer nekro­man­ti­schen Stadt. Es geht durch die Chry­san­themen- und Veil­chen­allee, wir durch­dringen die Grab­ein­heiten, arbeiten uns über Treppen hinab. Immer wieder öffnet sich der Blick aufs Meer, dann über­queren wir ein Totenfeld mit schlichten weißen Kreuzen, die an die Gefal­lenen des Ersten Welt­kriegs erinnern. Die Sektion heißt »Verdun«, gemahnt an das Schlacht­feld. Auf dem Grab von Klaus Mann liegen verdorrte und verblasste Rosen und zahllose Steinchen, die die Besucher hinter­lassen haben.

Klaus Mann
Klaus Mann hat sich in Cannes das Leben genommen, am 21. Mai 1949, fünf Jahre, nachdem er zurück­ge­kehrt war nach Europa; er hatte in der US-Armee gegen die Nazis gekämpft, kam mit dem Zustand in Europa nicht mehr klar, war verkannt und als Homo­se­xu­eller stig­ma­ti­siert. 77 Jahre später stehen wir an seinem Grab. (Foto: Dunja Bialas)

Roadmovie durch das geteilte Deutsch­land: »Vaterland«

Von seinem Tod in Cannes weiß ich nur wegen Paweł Pawli­kow­skis Film Vaterland, der im Wett­be­werb lief. Der Film beginnt mit einer Szene mit Klaus Mann (August Diehl), sie erzählt von seinem homo­se­xu­ellen Begehren. Er tele­fo­niert mit seiner Schwester Erika, spricht von seiner Depres­sion. Erika (Sandra Hüller) ist mit dem Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) unterwegs auf einer Lesereise anläss­lich des 200. Geburts­tags von Goethe.

vaterland
(Foto: Cannes · Pawel Pawli­kowski · Father­land)

Sie beginnt in Frankfurt, seiner Geburts­stadt, und führt nach Ostdeutsch­land, hinter den Eisernen Vorhang, und zu Goethes Ster­be­zimmer nach Weimar. Auf dem Weg erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Sohnes. Hanns Zischler spielt gefasst, sein Thomas Mann ist würde- und sorgen­voll, bedächtig. Fast wirkt Pawli­kow­skis Film auch wie eine Hommage an Wim Wenders’ Im Lauf der Zeit, ein anderes Roadmovie, das entlang der Grenze durch das geteilte Deutsch­land führt, mit dem noch jungen Hanns Zischler.

Präzise am Alltag der Goethe-Reise entlang erzählt der Film vom Scheitern des Vaters, Emotionen zu zeigen, sein Ego hinter die Tat seines verzwei­felten Sohnes zu stellen. Zu sehr ehrt ihn, für Goethe sprechen zu dürfen, als deutscher Schrift­steller geadelt zu werden. Hand­lungs­trä­gerin ist indes die Tochter Erika, sie orga­ni­siert die Fahrt, schreibt Briefe, ist seine Managerin. Sie will ihn überreden, die Reise zu unter­bre­chen, bleibt aber letztlich in einer dem Vater unter­ge­ord­neten Position. Es ist und bleibt das Vater-Land.

Die Verschmel­zung der Reise mit dem Suizid des Sohns sei histo­risch nicht akkurat, sagt mein Kollege Sven von Reden im »Framing-Podcast«. Tatsäch­lich ereignete sich der Suizid von Klaus, als der Vater in Stockholm war. Die Zusam­men­le­gung der Ereig­nisse bringt eine Fiktio­na­li­sie­rung, die sich wie ein Brennglas auf das Vater-Sohn-Verhältnis legt und die Zeit verdichtet. Wie in Ida (2013) und Cold War (2018) filmt Pawli­kowski in Schwarz­weiß, im histo­ri­sie­rend wirkenden Academy-Format. Vaterland ist der Abschluss der Trilogie, die von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt.

Die Bilder nehmen sich wie reale histo­ri­sche Ansichten der Städte aus, lassen die Erzählung ganz beiläufig in ihnen aufgehen und halten den Zeitfluss in der Anschauung inne: die Fahrt im schicken Buick Super Sedan über die Beton­platten der Ostzone, die nüch­ternen Vortrags­säle, die schlichten Hotel­zimmer, eine leere Kirche im Osten, wo ein Organist Bach spielt. Wenig sieht nach Period Picture aus, eher wie Post­karten aus der Zeit. Erzählt wird unauf­ge­regt, reduziert, und dennoch wird deutlich, wie viel Gewicht Thomas Mann hatte, wie er als Hoff­nungs­träger galt, im Westen wie im Osten, wo man sich an die Kraft der deutschen Literatur erinnern wollte. Mann sollte ein Agent des Ostens werden, er hat es abgelehnt. Auch davon erzählt der Film. Pawli­kowski wurde für seine Fahrt durch das geteilte Deutsch­land mit dem Grand Prix als bester Regisseur ausge­zeichnet.

Kriegs­wirren in Spanien: »La bola negra«

Es gab dieses Jahr viel Erin­ne­rungs­ar­beit im Wett­be­werb von Cannes. Pawli­kowski teilt sich den Grand Prix du Jury mit den »Javis«. Die Spanier Javier Calvo und Javier Ambrossi nehmen sich in La bola negra des frag­men­ta­risch geblie­benen Romans von Federico García Lorca an, in dem er, so der Film, zum ersten Mal in seinem Werk explizit über Homo­se­xua­lität spricht. Die titel­ge­bende »schwarze Kugel« ist ein Abstim­mungs­in­stru­ment, das zum Einsatz kommt, als der Prot­ago­nist des Romans, Carlos (Milo Quifes), in den Club des örtlichen Casinos aufge­nommen werden will, einem wichtigen gesell­schaft­li­chen Treff­punkt. Weiße und schwarze Kugeln werden in den Abstim­mungs­kanal geworfen, am Ende sind die schwarzen in der Überzahl, Carlos wird die Aufnahme verwei­gert – weil bekannt ist, dass er schwul ist. Ihm wird geraten, das Prozedere zu wieder­holen, sich selbst zu verleugnen. Das Drama ist im Jahr 1932 ange­sie­delt.

Hinzu kommen weitere Zeit­ebenen: 1937, im Spani­schen Bürger­krieg, sehen wir die blutigen Ausein­an­der­set­zungen zwischen den Franco-Faschisten, die mit Unter­s­tüt­zung der Mussolini-Faschisten die Verfechter der Republik in einem regel­rechten Krieg bekämpften. Im Lazarett lernt der einfach gestrickte Sebastián (Guitar­ri­ca­del­a­fuente), der sich den Faschisten ange­schlossen hat, einen repu­bli­ka­ni­schen Verwun­deten kennen, mit dem er zarte Bande knüpft.

La bola negra
Soldaten im Lazarett 1937 (Foto: Cannes · La bola negra · Movistar Plus)

Dieser wiederum kannte Federico García Lorca und hatte ihm kurz vor dessen Erschießung in Granada verspro­chen, »La bola negra« zu veröf­fent­li­chen. Das Manuskript wird dann von Sebastián abgeholt, weil auch der Über­bringer Rafael Rodríguez Rapún (Miguel Bernar­deau), ein »gutaus­se­hender« (Lorca im Film) Fußball­spieler, erschossen wird. Das Manuskript nimmt also den Umweg über viele Figuren, und im entschei­denden Moment fallen auch noch drei Blatt eng beschrie­benes Papier heraus, die Kamera zeigt uns, wie sie am Boden liegen bleiben, erklärt das posthume Fragment.

Die dritte Zeitebene ist 2017, in der der Enkel von Sebastián das Lorca-Manuskript erbt. Über­ra­schen­der­weise spielt Glenn Close eine García-Lorca-Expertin, weniger über­ra­schend ist, dass Penélope Cruz für die Männer im Bürger­krieg heiße Tänze aufführt. La bola negra ist viel zu lang und episch breit erzählt. Im letzten Drittel entgleist der Film regel­recht, als er einfach kein Ende findet und immer wieder neue Bildideen entwirft.

Die Historie der unter­drückten Homo­se­xua­lität gibt einen inter­es­santen Faden, wird aber recht offen­sicht­lich in Szene gesetzt. Der redu­zierte Vaterland ist hier viel ahnungs­voller und voller Andeu­tungen, die subtil die Ebenen in den Plot hinein­weben. Und so ist La bola negra weder ästhe­tisch noch narrativ mit dem meis­ter­li­chen Vaterland auf Augenhöhe, was den Grand-Prix-Doppel­preis dann doch sehr in Frage stellt.