79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Geschichtsversessenen |
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| Meisterlich: Paweł Pawlikowskis Vaterland | ||
| (Foto: Cannes · Pawel Pawlikowski · Fatherland) | ||
Von Dunja Bialas
Ein schier unendliches Meer der Toten. Der Cimetière Grand Jas in Cannes ist, anders als die deutschen Friedhöfe, eine Gesteinswüste. Auf mehreren Ebenen reihen sich alte, verwitterte Grabplatten. Die Gräber reichen zurück bis ins vorletzte Jahrhundert, auf vielen sind Aufkleber angebracht, die Besitzer mögen sich doch bitte um die Gräber kümmern. Auf diesem riesigen Gesteinsfeld sind wir völlig allein unterwegs, als wir an einem heißen Nachmittag das Grab von Klaus Mann besuchen. Die Sonne brennt gleißend auf uns nieder, wie in Camus’ »L’étranger«.
Wir durchqueren den menschenleeren Friedhof, machen uns bewusst, dass wir gerade durch die Ruhestätten der Toten gehen, die dicht an dicht liegen, in einer nekromantischen Stadt. Es geht durch die Chrysanthemen- und Veilchenallee, wir durchdringen die Grabeinheiten, arbeiten uns über Treppen hinab. Immer wieder öffnet sich der Blick aufs Meer, dann überqueren wir ein Totenfeld mit schlichten weißen Kreuzen, die an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern. Die Sektion heißt »Verdun«, gemahnt an das Schlachtfeld. Auf dem Grab von Klaus Mann liegen verdorrte und verblasste Rosen und zahllose Steinchen, die die Besucher hinterlassen haben.
Von seinem Tod in Cannes weiß ich nur wegen Paweł Pawlikowskis Film Vaterland, der im Wettbewerb lief. Der Film beginnt mit einer Szene mit Klaus Mann (August Diehl), sie erzählt von seinem homosexuellen Begehren. Er telefoniert mit seiner Schwester Erika, spricht von seiner Depression. Erika (Sandra Hüller) ist mit dem Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) unterwegs auf einer Lesereise anlässlich des 200. Geburtstags von Goethe.
Sie beginnt in Frankfurt, seiner Geburtsstadt, und führt nach Ostdeutschland, hinter den Eisernen Vorhang, und zu Goethes Sterbezimmer nach Weimar. Auf dem Weg erreicht ihn die Nachricht vom Tod seines Sohnes. Hanns Zischler spielt gefasst, sein Thomas Mann ist würde- und sorgenvoll, bedächtig. Fast wirkt Pawlikowskis Film auch wie eine Hommage an Wim Wenders’ Im Lauf der Zeit, ein anderes Roadmovie, das entlang der Grenze durch das geteilte Deutschland führt, mit dem noch jungen Hanns Zischler.
Präzise am Alltag der Goethe-Reise entlang erzählt der Film vom Scheitern des Vaters, Emotionen zu zeigen, sein Ego hinter die Tat seines verzweifelten Sohnes zu stellen. Zu sehr ehrt ihn, für Goethe sprechen zu dürfen, als deutscher Schriftsteller geadelt zu werden. Handlungsträgerin ist indes die Tochter Erika, sie organisiert die Fahrt, schreibt Briefe, ist seine Managerin. Sie will ihn überreden, die Reise zu unterbrechen, bleibt aber letztlich in einer dem Vater untergeordneten Position. Es ist und bleibt das Vater-Land.
Die Verschmelzung der Reise mit dem Suizid des Sohns sei historisch nicht akkurat, sagt mein Kollege Sven von Reden im »Framing-Podcast«. Tatsächlich ereignete sich der Suizid von Klaus, als der Vater in Stockholm war. Die Zusammenlegung der Ereignisse bringt eine Fiktionalisierung, die sich wie ein Brennglas auf das Vater-Sohn-Verhältnis legt und die Zeit verdichtet. Wie in Ida (2013) und Cold War (2018) filmt Pawlikowski in Schwarzweiß, im historisierend wirkenden Academy-Format. Vaterland ist der Abschluss der Trilogie, die von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt.
Die Bilder nehmen sich wie reale historische Ansichten der Städte aus, lassen die Erzählung ganz beiläufig in ihnen aufgehen und halten den Zeitfluss in der Anschauung inne: die Fahrt im schicken Buick Super Sedan über die Betonplatten der Ostzone, die nüchternen Vortragssäle, die schlichten Hotelzimmer, eine leere Kirche im Osten, wo ein Organist Bach spielt. Wenig sieht nach Period Picture aus, eher wie Postkarten aus der Zeit. Erzählt wird unaufgeregt, reduziert, und dennoch wird deutlich, wie viel Gewicht Thomas Mann hatte, wie er als Hoffnungsträger galt, im Westen wie im Osten, wo man sich an die Kraft der deutschen Literatur erinnern wollte. Mann sollte ein Agent des Ostens werden, er hat es abgelehnt. Auch davon erzählt der Film. Pawlikowski wurde für seine Fahrt durch das geteilte Deutschland mit dem Grand Prix als bester Regisseur ausgezeichnet.
Es gab dieses Jahr viel Erinnerungsarbeit im Wettbewerb von Cannes. Pawlikowski teilt sich den Grand Prix du Jury mit den »Javis«. Die Spanier Javier Calvo und Javier Ambrossi nehmen sich in La bola negra des fragmentarisch gebliebenen Romans von Federico García Lorca an, in dem er, so der Film, zum ersten Mal in seinem Werk explizit über Homosexualität spricht. Die titelgebende »schwarze Kugel« ist ein Abstimmungsinstrument, das zum Einsatz kommt, als der Protagonist des Romans, Carlos (Milo Quifes), in den Club des örtlichen Casinos aufgenommen werden will, einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt. Weiße und schwarze Kugeln werden in den Abstimmungskanal geworfen, am Ende sind die schwarzen in der Überzahl, Carlos wird die Aufnahme verweigert – weil bekannt ist, dass er schwul ist. Ihm wird geraten, das Prozedere zu wiederholen, sich selbst zu verleugnen. Das Drama ist im Jahr 1932 angesiedelt.
Hinzu kommen weitere Zeitebenen: 1937, im Spanischen Bürgerkrieg, sehen wir die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Franco-Faschisten, die mit Unterstützung der Mussolini-Faschisten die Verfechter der Republik in einem regelrechten Krieg bekämpften. Im Lazarett lernt der einfach gestrickte Sebastián (Guitarricadelafuente), der sich den Faschisten angeschlossen hat, einen republikanischen Verwundeten kennen, mit dem er zarte Bande knüpft.
Dieser wiederum kannte Federico García Lorca und hatte ihm kurz vor dessen Erschießung in Granada versprochen, »La bola negra« zu veröffentlichen. Das Manuskript wird dann von Sebastián abgeholt, weil auch der Überbringer Rafael Rodríguez Rapún (Miguel Bernardeau), ein »gutaussehender« (Lorca im Film) Fußballspieler, erschossen wird. Das Manuskript nimmt also den Umweg über viele Figuren, und im entscheidenden Moment fallen auch noch drei Blatt eng beschriebenes Papier heraus, die Kamera zeigt uns, wie sie am Boden liegen bleiben, erklärt das posthume Fragment.
Die dritte Zeitebene ist 2017, in der der Enkel von Sebastián das Lorca-Manuskript erbt. Überraschenderweise spielt Glenn Close eine García-Lorca-Expertin, weniger überraschend ist, dass Penélope Cruz für die Männer im Bürgerkrieg heiße Tänze aufführt. La bola negra ist viel zu lang und episch breit erzählt. Im letzten Drittel entgleist der Film regelrecht, als er einfach kein Ende findet und immer wieder neue Bildideen entwirft.
Die Historie der unterdrückten Homosexualität gibt einen interessanten Faden, wird aber recht offensichtlich in Szene gesetzt. Der reduzierte Vaterland ist hier viel ahnungsvoller und voller Andeutungen, die subtil die Ebenen in den Plot hineinweben. Und so ist La bola negra weder ästhetisch noch narrativ mit dem meisterlichen Vaterland auf Augenhöhe, was den Grand-Prix-Doppelpreis dann doch sehr in Frage stellt.