26.10.2023

Tagebuch eines Kinomachers

Kino achteinhalb
Kino achteinhalb in Celle: antigewerblich, 34 Kinosessel, 85 qm...
(Foto: Stefan Eichardt)

Stefan Eichardt über das Kino »achteinhalb« in Celle. Über Filme, die er gern zeigt, und solche, die er nicht so gern zeigt, aber manchmal doch zeigen muss. Über Kino als diskursiven Raum und warum Filme, in denen guter Sex gezeigt wird, nicht unbedingt eine gute Idee sind

Von Stefan Eichardt

Kino acht­ein­halb Celle (es gibt ein zweites Kino acht­ein­halb in Saar­brü­cken) ist ein sehr kleines, anti­ge­werb­li­ches Kino (Eingangstür, Kasse, Lager­fläche, Theke, Kino­technik sowie 34 Kino­sessel befinden sich alle in einem 85 qm großen Raum). Unser ehren­amt­li­cher, gemein­nüt­ziger Verein wurde vor 29 Jahren gegründet – ich (Jahrgang 1958) bin eines der Grün­dungs­mit­glieder sowie erster Vorsit­zender.
Unser Spiel­be­trieb ist unge­för­dert; bei Inves­ti­tionen in Technik wurden wir bislang zu 50% von der nordmedia gefördert. Wir haben sehr ausführ­liche Film­seiten auf unserer Webseite – u.a. eine Art Kriti­ker­spiegel von »a« wie artechock bis »s« wie Standard.

Die Frage ist bei uns in der Regel nicht, wie ein Film vom anwe­senden Publikum ange­nommen wurde. Vielmehr sind die Besucher in der Regel zufrieden mit dem jewei­ligen Film, so dass die eigent­liche Frage eher lauten müsste, was die Menschen antreiben könnte, überhaupt in ausrei­chender Anzahl ins Kino zu gehen?
Past Lives haben wir vor allem aus program­ma­ti­schen Gründen gezeigt, ohne die Erwartung, dass ausrei­chender Besuch kommt. Gerade Spiel­filme mit OmdU oder TmdU wollen kaum Leute sehen – Celle ist ja eine Mittel­stadt (70.000 Einwohner) ohne Univer­sität. Es gibt Filme, die zeigen wir, damit die Kasse stimmt und Filme wie z. B. Past Lives, Aftersun, Orphea in Love, Close, Black Box, The Ordi­na­ries oder Verlorene Illu­sionen, um unseren program­ma­tisch/cine­as­tisch/gesell­schafts­po­li­ti­schen Ansprüchen zu genügen

Der Hinweis auf unseren gesell­schaft­li­chen Anspruch soll dabei nicht hoch­tra­bend klingen und ist auch nicht so gemeint, ihm ist bereits Genüge getan, wenn, wie bei deutschen Spiel­filmen leider die Regel, gesell­schaft­liche Reali­täten nicht völlig ausge­blendet werden. Arbeits­lose etwa kommen in deutschen Unter­hal­tungs­filmen so gut wie nicht vor. So haben wir beispiels­weise wegen einer margi­nalen Neben­hand­lung den ansonsten relativ belang­losen Film Ein Kuss von Beatrice mit gutem Gewissen gezeigt: Catherine Frot spielt darin eine Hebamme, deren Klinik priva­ti­siert wird. Ihr wird gekündigt und anschließend die gleiche Stelle zu nied­ri­gerem Gehalt angeboten. Sie lehnt das ab und macht sich selb­ständig. Alles ohne großes Tamtam.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz auf die Bedeutung unseres Kinoraums im gesell­schaft­li­chen Kontext eingehen:
Unser Kinoraum ist nicht nur ein Licht­spiel­haus, sondern auch ein Raum für Diskur­sives und Kontro­verses. Weil man im gesell­schaft­lich luft­leeren Raum als Kino­verein nicht jahrelang überleben kann und wir insti­tu­tio­nell (z. B. Kommu­nales Kino, VHS) nicht vernetzt sind, haben wir uns durch zahl­reiche Koope­ra­tionen ein eigenes Netz in der Region aufgebaut.
Die Philo­so­phin Rahel Jaeggi sagt in dem sehens­werten Film Der lange Sommer der Theorie, dass die Lebens­form Stadt beinhalte, dass es öffent­liche Orte gibt, an denen man sich trifft, ohne sich zu verab­reden und ohne dafür zu zahlen. Daher zeigen wir regel­mäßig Doku­men­tar­filme, die gesell­schaft­lich Rele­vantes thema­ti­sieren, ohne dafür Eintritts­geld zu verlangen.
Vor einiger Zeit bat mich der Kultur­aus­schuss der Stadt Celle, in einer ihrer Sitzungen das Kino acht­ein­halb vorzu­stellen. Eingedenk Jaeggis Defi­ni­tion von Stadt erlaubte ich mir dabei das Bonmot: »Kino acht­ein­halb sei der Ort, wo Celle zur Stadt werde.«

Wir zeigen nur einen Spielfilm die Woche (Freitag/Samstag/Mittwoch) und Donnerstag oft einen Doku­men­tar­film.
Die meisten der oben genannten Filme haben kaum Resonanz gezeigt. Bei Verlorene Illu­sionen, der eigent­lich alles mitbringt, was die meisten Zuschauer mögen, liegt das m. E. am Titel. Der Verleih, mit dem ich über den kommer­zi­ellen Miss­erfolg dieses Films gespro­chen habe, war der gleichen Meinung.

Ich schreibe manchmal Titel (wie z. B. bei The Ordi­na­ries) um, weil sie mir unge­eignet scheinen, Interesse zu wecken. Filmtitel und Trailer sind wichtig. Bei Verlorene Illu­sionen kam eine Frau sehr früh ins Kino, offen­barte dann, dass sie gar nicht den Film sehen, sondern einen Gutschein zum Verschenken erwerben möchte. Ich fragte sie, warum sie den Film nicht sehen wolle. Sie antwor­tete, sie habe gelesen, dass es sich um ein Drama handele und Dramen hätte sie genug in ihrem Leben. Ich erklärte ihr bei der Gele­gen­heit, dass Drama ein Ober­be­griff für viele Film­genres sei und dass fast jeder Film ein (Film-) Drama sei. Jeden­falls ordne ich auf unserer Inter­net­seite, wenn es nur irgendwie vertretbar ist, unsere Filme knallhart dem Genre Komödie zu. Tragi­komödie ist da fast schon das höchste der Gefühle...

Aftersun und Orphea in Love waren nicht nur schlecht besucht, sondern wurden auch von den wenigs­tens Leuten, die kamen, verstanden. Was mir bei Aftersun richtig weh tut.

Jeden­falls war Past Lives nicht nur gut besucht, sondern wurde trotz der Unter­titel sehr gut aufge­nommen. Dabei fiel mir ein, dass ich den wunder­schön elegi­schen 2046 von Wong Kar-Wai noch einmal sehen möchte.

Wir verzichten durchaus auf Filme, die gute Zuschau­er­zahlen gemacht haben wie z. B. zuletzt Die Unschär­fe­re­la­tion der Liebe oder Der Geschmack der kleinen Dinge, wenn wir zu der Auffas­sung gelangen, dass sie das von uns vertret­bare Niveau unter­schreiten. (Irrtümer in beide Rich­tungen der Skala immer wieder inbe­griffen.)
Die damalige Dispo­nentin von Neue Visionen Anne Lakefeld sagte vor Jahren zu mir: »Das Programm des Kino acht­ein­halb unter­scheidet sich von dem anderer Kinos nicht durch die Filme, die ihr zeigt (denn die zeigen Programm­kinos mit mehreren Lein­wänden zum Großteil auch), sondern durch die Filme, die ihr nicht zeigt.«

Deshalb hätte ich persön­lich auf Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste verzichtet, obwohl der sicher­lich gut Kasse machen wird. Aber die Mitglieder aus unserem Kino­verein möchten ihn gerne sehen, so dass wir (deswegen gestern ein Gespräch mit der Dispo­nentin von den FilmA­gen­tinnen) ihn natürlich zeigen werden. Bei dem Gespräch sagte mir die Dispo­nentin, dass ihr aktueller Lieb­lings­film Wild wie das Meer sei. Ich hatte den Film leider verworfen. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, warum. Die Geschichte klang mir wohl zu banal und dann die Sexszenen. Gerade mit schönen Sexszenen, sehr gelun­genen Sexszenen, wo man gerne mit von der Partie wäre, verhält es sich meiner Erfahrung nach so: Nehmen wir Blau ist eine warme Farbe. Wunder­schöner, perfekter Sex. Menschen, die einzeln ins Kino kommen, würdigen das. Die meisten kommen aber als Pärchen und werden dann unwei­ger­lich wie unaus­ge­spro­chen mit ihrem eigenen Sexleben konfron­tiert, was bei einem tristen Sexleben zu allem anderen als einem Knistern führt. Es wäre für die dann kein schöner Kinoabend, sondern eher Stress.
Dass ich Wild wie das Meer bislang, warum auch immer, nicht auf dem Zettel hatte, betrachte ich jetzt als Fehler. Und da wir nur einen Spielfilm die Woche zeigen, weiß ich im Moment nicht, ob ich ihn noch unter­bringen kann.
Es ist ja zudem so, dass es Monate gibt, wo man nicht jeden Film zeigen kann, den man zeigen möchte, so wie es Anfang 2023 der Fall war. Danach aller­dings gab es eine unglaub­liche Flaute, so dass wir Filme zeigen mussten, die wir sonst nicht gezeigt hätten. (Leider kamen die teilweise sogar gut an, wie z. B. der Kitsch­film Die Insel der Zitro­nen­blüten. Das tut durchaus weh, wenn man gleich­zeitig erleben muss, wie Aftersun voll­kommen untergeht.)

Es gibt aber auch Filme, die von einer spießigen deutschen Film­kritik nieder­ge­macht und bei uns zum Kult wurden. Ich denke da z. B. an Flitzer, der von der Kritik als peinlich und unter aller Würde darge­stellt wurde, der sich aber in keiner Form über seine Prot­ago­nisten lustig macht oder sie entblößt.
Es lohnt sich übrigens, einen Film (digi­ta­li­siert als Wieder­auf­nahme) als Verleiher in die Kinos zu bringen. Wir haben 2006 den Film Der Hals der Giraffe vom Schwarz-Weiss Film­ver­leih gezeigt.
Der damalige Chef Dieter Hertel riet mir sogar davon ab, prophe­zeite uns, dass da kaum einer käme. Weit gefehlt: bei uns avan­cierte Der Hals der Giraffe zum Kultfilm. Eine Filmperle, genau das, was unser Publikum liebt – und zwar zu Recht!

Wir sind jetzt mit unserem Programm bis Weih­nachten eigent­lich durch. Diese fünf Spiel­filme möchte ich voraus­sicht­lich bis Weih­na­chen noch leihen: Die einfachen Dinge, The Lost King, Die Theorie von Allem, Anatomie eines Falls und The Quiet Girl.
Living oder Mrs. Harris und ein Kleid von Dior wären zudem schöne Weih­nachts­filme.
Jetzt muss ich Ingeborg Bachmann zeigen, dann streiche ich viel­leicht Die Theorie von Allem, der eher die Tendenz haben wird, dass das Publikum das Kino frus­triert verlässt.

Was die idealen Filme für unser Kino sind? Filme, in denen wir 2023 ausver­kauft waren, die auch durch Mund­pro­pa­ganda ihr Publikum fanden, und mit denen die Leute durch die Bank hoch­zu­frieden waren; Filme, die aber auch ihre Qualität behaup­teten: Maria träumt – Oder: Die Kunst des Neuan­fangs (gibt es nichts dran zu meckern – nur 50.000 Besucher) und Das Leben ein Tanz (Nur 80.000 Besucher).
Das ist genau das »Zeugs«, was die Leute sehen wollen und woran es auch nichts auszu­setzen gibt, auch ich habe sie sehr gerne gesehen. Warum die dann nicht mehr Besucher haben? Muss am Verleih und an den Kinos liegen, denke ich.

Ach ja Black Box: Deutsche Kinofilme gehen ja nur bis 1989. Filme, die in der gesell­schaft­li­chen Gegenwart spielen, kann man an einer Hand zählen und liefen alle im acht­ein­halb. (Der erste Film, an den ich mich erinnere, der in der Gegenwart spielt, war Die Lügen der Sieger.)
Im Grunde sagen die meisten Besucher (und das ist seit Corona, Ukraine, Inflation noch schlimmer geworden): »Wir wollen nicht belastet aus dem Kino gehen.« Die meisten Zuschauer suchen gehobene Unter­hal­tung und Ablenkung, sobald das nicht ausdrück­lich garan­tiert ist, sinkt der Zuspruch.
Zu Lebzeiten meines Vaters und in meiner Jugend wurden Filme noch als Angebot wahr­ge­nommen, sich geistig mit etwas ausein­an­der­zu­setzen.
Um dem einen Ort zu geben, haben wir die Reihe »Philo­so­phi­sches Kino (Filosofie)« ins Leben gerufen und einen Philo­so­phen engagiert, der 40 km anreist, zum Film referiert und anschließend mit uns disku­tiert.

Zum Abschluss ein dazu passendes Schman­kerl: Im Dezember 2018 sah ich auf dem Bundes­kon­gress des BkF-Treffens einen 16-mm-Film. Ich habe damals sofort angeboten, dass wir uns an der Digi­ta­li­sie­rung betei­ligen, weil ich ihn 2020 zu unserem 25-jährigen Jubiläum zeigen wollte. Er ist so in der Machart der 16-mm-Filme, wie sie früher im Schul­un­ter­richt gängig waren: Anfang – Kurzfilm von Klaus Partsch.

Zur Person: Stefan Eichardt wurde 1958 in Nienburg/Weser geboren. Sein Vater betrieb in Nienburg einen Filmclub, der am Sonn­tag­vor­mittag Filme im gewerb­li­chen Kino Filmeck (seit 2022 Film­pa­last) zeigte. Sein erstes und zugleich prägendes Kino­er­lebnis war Die Nibe­lungen mit Uwe Beyer aus dem Jahr 1967. Sein Vater erklärte ihm in der Loge des Kinos, dass Hagen von Tronje kein böser Mensch sei, sondern seiner Pflicht nachkäme und loyal sei.
Als immer mehr Haushalte einen Fernseher besaßen, war damit zugleich das Ende des Filmclubs besiegelt. Eichardts Vater hatte seit 1957 die »Film­kritik« abonniert und in eigens dafür herge­stellte rote Schuber abge­heftet und im Regal anein­an­der­ge­reiht. Die Kritiken und Fotos beglei­teten Eichardt eine ganze Jugend und darüber hinaus.
Als Eichhardt nach Celle zog und sich per Zufall die Möglich­keit eröffnete, einen Kino­verein zu gründen, tat er das auch, um sich endlich vom Film­ver­leih »Die Lupe« in Göttingen die Filme leihen und sehen zu können, die ihn – wie Letztes Jahr in Marienbad – ein Leben lang über durch die »Film­kritik« begleitet hatten, die er aber noch nicht gesehen hatte.
Und ein weiterer Traum erfüllte sich: Da Eichardt in der Welt der bürger­li­chen Romane groß geworden war und ihn die gesell­schaft­liche Einrich­tung eines Jour fixe stets faszi­niert hatte, ließ sich diese Idee mit der Gründung eines Kinos als öffent­li­chem Raum zu festen Zeiten und einer zeit­ge­rechten Form spie­le­risch in die Gegenwart retten.