14.12.2017

Die deutsche Angst vor der German Angst

Jules und Jim
Im Dachboden wohnen die Geister der Vergangenheit (Foto: Bildstörung)

Die wech­sel­volle Geschichte von Robert Sigls Horror­mär­chen Laurin ist bezeich­nend für den deutschen Umgang mit seinen Film­ta­lenten

Von Dunja Bialas

»Der Main­stream verändert sich durch all jene Auto­ren­filmer, Expe­ri­men­tal­filmer, Inde­pen­d­ent­filmer, Under­ground­filmer und Genre­filmer, die eine ganz eigene Vision davon haben, was Film kann, darf und soll. Sie alle verhin­dern durch Filme mit Ecken und Kanten den geraden, glatten Fluss der Bilder. Hindern das Kino daran, sich an immer gleichen Wieder­ho­lungen abzu­nutzen. Sie tun dies, indem sie das große Bild mit ihren Bildern stören. Sie sind die BILDSTÖRUNG.« – Carsten Baiers­dörfer, Alexander Beneke von der »Bild­s­tö­rung«

Das DVD-Label »Bild­s­tö­rung« hat sich in den letzten zehn Jahren einen Namen in der Cineasten-Szene gemacht. Es hat die restau­rierte Neuauf­lage eines der besten tsche­chi­schen Filme der Geschichte heraus­ge­bracht, František Vláčils Mittel­al­te­r­epos Marketa Lazarová, den letzten Film des Russen Aleksei German, seinen eindrucks­voll düsteren Es ist schwer, ein Gott zu sein oder Posses­sion des letztes Jahr verstor­benen polni­schen Regis­seurs Andrzej Żuławski, der die Vorlage für Amat Esca­lantes vers­tö­renden La region salvaje lieferte. Eine beträcht­liche Liste von Horror­mo­vies ergänzt das DVD-Programm, allesamt filmische Raritäten, die in ihrem Gerne zu den besten gehören.

»Bild­s­tö­rung« tritt nun erneut an, die schalen Sehge­wohn­heiten der Deutschen zu durch­bre­chen: Mit der DVD/BluRay-Edition von Robert Sigls 1988 entstan­denem Gothic-Horror Laurin. Eine neue Nega­tiv­ab­tas­tung wurde vorge­nommen, so dass das Korn des 35mm-Materials die ganze Bildtiefe animiert. In einzelnen Kinos ist Laurin in der »Bild­s­tö­rung«-Edition jetzt auch auf großer Kino­lein­wand zu sehen.

Dem Film war eine wech­sel­volle Geschichte beschieden. Das Horror­mär­chen war das Filmdebüt des Münchner HFF-Absol­venten Robert Sigl, der mit ihm den Baye­ri­schen Filmpreis als bester Nach­wuchs­re­gis­seur gewann, mit Rücken­wind von Regisseur Eckhart Schmidt, der damals dem Gremium angehörte und sieben Jahre vorher den styli­schen Horror­film The Fan gedreht hatte (siehe unser Interview mit Eckhart Schmidt; Schmidt hat auch einen Doku­men­tar­film über Sigl gedreht, der auf der DVD als Bonus-Material enthalten ist). Dann war es aber auch schon wieder vorbei mit dem Ruhm. Das Bundes­in­nen­mi­nis­te­rium ließ ihm ausrichten, dass er für Laurin keinen Deutschen Filmpreis bekommen würde, »da es darin zu viele byzan­ti­ni­sche Gesichter gäbe«, wie Sigl im Interview mit dem Magazin »Deadline« erzählt.
Weitere Film­pro­jekte wurden von den entspre­chenden Förder­stellen abgelehnt. Sigl hatte sich dem Horror-Genre verschrieben, das in Deutsch­land keiner haben wollte. Trotz seiner großen Tradition, die die expres­sio­nis­ti­sche Stumm­film­zeit mit Werken von Robert Wiene (Genuine), F.W. Murnau (Nosferatu), Paul Wegener (Der Golem) begründet hatte, gras­sierte eine große Angst vor der German Angst.

Robert Sigl hatte Laurin aus Kosten­gründen in Ungarn gedreht, obgleich seine Geschichte von der neun­jäh­rigen Laurin an der deutschen Nordsee spielt. Die histo­ri­sche Ausstat­tung und Bauten machten dies notwendig, alles sollte »so opulent wie möglich« wirken, erzählt Sigl. Es ist das 19. Jahr­hun­dert, alles gemahnt an die Atmo­s­phäre von Theodor Storms »Schim­mel­reiter«. Kleine Jungen verschwinden auf myste­riöse Weise, Laurins Mutter stirbt unter unge­klärten Umständen, der Vater ist meist auf hoher See, die Groß­mutter scheint direkt einem Film von Carl Theodor Dreyer zu entsteigen. In einer Burgruine kommt es schließ­lich zum spiri­tu­ellen Gothic-Showdown zwischen dem kleinen Mädchen und dem unbe­kannten schwarzen Mann.

Für die deutsche Origi­nal­fas­sung wurde der komplett unga­ri­sche Cast nach­syn­chro­ni­siert, was sonisch an die Synchron­fas­sungen des osteu­ropäi­schen Kinos erinnert, die einst im Fernsehen ausge­strahlt wurden, und den Retro- und Märchen­touch unter­streicht. Auch die Kamera ist altmo­disch, wirkt darin ihrer Zeit aber komplett voraus. Zooms, die als Close-ups auf den Gesich­tern enden, waren schon seit den 1970er Jahren aus der Mode, erst jetzt erfahren sie eine zöger­liche Reha­bi­li­ta­tion als stilis­ti­sches Mittel. In den Erzähl­fluss einge­schnit­tene Details von groß kadrierten schein­baren Neben­säch­lich­keiten – eine Puppe, ein Kleid, ein Foto, sind Vehikel des Horrors, auf die auch der Giallo-Meister Dario Argento setzte. Die Atmo­s­phäre von Kubrick (The Shining) oder Hitchcock (Rebecca) durch­zieht ebenfalls den Film.

In Deutsch­land verschwand der Film nach seiner kurzen Aufmerk­sam­keit durch den Baye­ri­schen Filmpreis bald in der Versen­kung, während er im Ausland eine ungleich breitere Rezeption erfuhr, die ihn dort zum Kultfilm werden ließ, in England und Spanien erschien er schon früh als VHS-Videotape und DVD, aller­dings in minderer Qualität, was aber garan­tierte, dass er weiterhin gesehen wurde.

Dass sich das Verhältnis der Deutschen zum Genrefilm allmäh­lich wandelt, ist zu hoffen. Auf dem dies­jäh­rigen Max-Ophüls-Festival war zumindest ein Horror-Werk aus der Schmiede der Berliner Film­hoch­schule »dffb« nach dessen Welt­pre­miere auf dem kata­la­ni­schen Fantasy-Film­fes­tival in Sitges zu sehen. Hagazussa von Lukas Feigel­feld zeigt eine fast schon beun­ru­hi­gend reife Sicher­heit im Wahl seiner Horror-Mittel, in mittel­al­ter­li­cher Atmo­s­phäre wird die weibliche Gebär­fähig­keit zur Quelle subtilen Horrors. Hoffent­lich ist Lukas Feigel­feld mehr Akzeptanz bei den Förder­instanzen beschieden, als dies Robert Sigl erfuhr. Während dieser für seinen Erstling noch Förder­gelder von der Film­för­de­rungs­an­stalt, der Baye­ri­schen Film­för­de­rung, dem Bundes­mi­nis­te­rium des Inneren, dem Kura­to­rium Junger Deutscher Film und dem Südwest­funk erhalten hatte, konnte er für Nach­fol­ge­pro­jekte – Baye­ri­scher Filmpreis hin oder her – keine Gelder mehr akqui­rieren. »Es müssen eben ameri­ka­ni­sche Produ­zenten kommen, vor denen kriechen sie. Die bekommen die Förderung für Horror­filme«, erzählt Sigl im Hinblick auf Gore Verbinskis A Cure for Wellness, der 2016 als deutsch-ameri­ka­ni­sche Co-Produk­tion in die Kinos kam und »jede Förderung abgegrast« hatte. »Die Sucht nach Harm­lo­sig­keit bei uns ist manisch«, sagt Sigl. In dem Land, wo sogar »im Keller die Sonne scheinen soll«, gäbe es eine Angst davor, in die psycho­ana­ly­ti­schen Untiefen der mensch­li­chen Seele zu blicken, wie es der Horror­film macht.

Jetzt wird Laurin zurück in den Rezep­ti­ons­kreis­lauf gebracht. »Ich bin da« – mit diesen Worten endet der Film.

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Laurin. Ein Film von Robert Sigl, Deutsch­land 1989, 84 Min. (unge­schnitten), Ton: Deutsch & Englisch Stereo, DVD&BluRay bei Bild­s­tö­rung

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