25.10.2007

Betörene Bilder von der Crême de la Crême ostasiatischen Filmschaffens

The Banquet von Feng Xiaogang

Das Asia-Filmfest gastiert eine Woche lang im Münchner Gloria Palast

Von Claus Schotten

Am Donnerstag, dem 25. Oktober, eröffnet das 4. Asia-Filmfest in München. Anschließend können die Liebhaber fernöst­li­cher Filmkunst eine Woche lang aus dem Vollen schöpfen. Im Programm sind viele Filme, die im letzten Jahr die großen europäi­schen A-Festivals berei­cherten. Venedig 2006 ist mit The Banquet vertreten. Der groß­ar­tige Film erinnert anfangs mit seinem Setting und seinen opulenten Bildern an Zhang Yimous The Curse of the Golden Flower , setzt aber weniger auf die Über­wäl­ti­gung des Zuschauers durch Massen­szenen, als auf exquisit gestal­tete Tableaus. Für Design und Choreo­grafie zeich­neten die gleichen Leute verant­wort­lich, wie bei Tiger & Dragon. Auch bei der Dreh­buch­vor­lage griff man auf das Beste zurück, was der Weltmarkt hergab: Shake­speares Hamlet , der frei adaptiert wurde. Aus dem dies­jäh­rigen Festival am Lido ist Glory to the Filmmaker dabei, Takeshi Kitanos Ausein­an­der­set­zung mit seinem Beruf, eine überdreht Antwort auf .

Die Berlinale ist mit dem Action­film Eye in the Sky aus Hongkong, der schrillen Musical-Parodie Dasepo Naughty Girls und Park Chan-wooks I’m a Cyborg, But That’s OK vertreten. In letzterem ist Yeong-goon überzeugt, dass sie ein Cyborg ist. Konse­quent verwei­gert sie jegliche Essens­auf­nahme und will sich statt­dessen von Batterien und anderen Strom­quellen ernähren. Das angenehme an dem Film: er nimmt den Titel wörtlich und vermit­telt die Sicht von Yeong-goon, aber auch den anderen Patienten der psych­ia­tri­schen Klinik, als das natür­lichste der Welt.

Die unter­kühlte Liebes­ge­schichte Ploy lief dieses Jahr in Cannes im Wett­be­werb. Pen-Ek Ratana­ruang, der schon mit Last Life in the Universe begeis­terte, erzählt von Wit und Dang, einem Paar, dass in der Unzeit zwischen Nacht und frühen Morgen in einem Flug­ha­fen­hotel in Bangkok strandet. Müde von der Reise und vom Jet-lag geplagt können sie weder schlafen noch wachen. So sind sie ganz ihrer Umgebung ausge­setzt. Menschen­leere Korridore und Bars, fahles Licht und trübe Grautöne werden zu einer Art Vorhölle. Und genau wie äußeren Umstände sieht es nach sieben Jahren Ehe auch in ihrer Beziehung aus. Trotzdem geht der Film mit einem opti­mis­ti­schen Bild zu Ende.

Der Eröff­nungs­film Vexille hat im August auch das Festival in Locarno eröffnet. Das Sci-Fi-Anime wurde mit modernster CGI-Animation erschaffen. Die Bilder werden einhellig gelobt, auch wenn manchem Kritiker die Story nicht gefällt. Klas­si­sche Animation bietet dagegen Tales from Earthsea aus den Ghibli-Studios. Mit seinem Regie­debüt zeichnet sich Goro Miyazaki als würdiger Nach­folger seines berühmten Vaters Hayao aus, der u.a. Prin­zessin Mononoke und Chihiros Reise ins Zauber­land erschaffen hat, Auch wenn er dessen unein­ge­schränkte Meis­ter­schaft noch nicht erreicht, bietet Tales from Earthsea guten Zeichen­trick und eine spannende Fantasy-Geschichte.

Das Bouquet aus typischen (und weniger typischen) Festival-Filmen wird durch Genre-Produk­tionen aus Bereichen wie Horror (Roommates), Action (Invisible Target), Thriler (Confes­sion of Pain), Fantasy (Dororo) und Martial-Arts (Under­ground Fighter) ergänzt. Mit Uncle’s Paradise ist selbst ein pink eiga vertreten, die japa­ni­sche Variante des Soft­pornos, die sich durch den Einfalls­reichtum ihrer Regis­seure und Autoren auszeichnet. Anders als beim deutschen Pedant dient die Handlung hier nicht nur dazu die Sex-Szenen notdürftig zusammen zu halten. Vielmehr werden die Sex-Szenen in die Handlung inte­griert um den Produ­zenten bei Laune zu halten und die Finan­zie­rung des Films zu sichern. Moderne Liebesd­rahmen wie Eternal Summer und Straw­berry Short­cakes runden das Angebot in die andere Richtung ab. Zusammen ergibt sich ein umfang­rei­ches Panorama fernöst­li­chen Film­schaf­fens.

Während die 4 in Japan als Unglücks­zahl gilt, ist davon bei der 4. Ausgabe des Asia-Filmfests nichts zu spüren. Im Gegenteil: Das Festival ist noch einmal deutlich gewachsen und dauert jetzt eine volle Woche mit insgesamt 48 Vorstel­lungen. Gleich­zeitig hat es sich auf seine Stärken konzen­triert. Die Film­aus­wahl fokus­siert sich ganz auf Ostasien mit zwei thailän­di­schen Filmen als Ergänzung. Und der alt-ehrwür­dige Gloria-Palast ist endgültig zum Festi­val­zen­trum geworden. Im Mathäser laufen nur noch Teile der Retro­spek­tive, Wieder­ho­lungen und – aus tech­ni­schen Gründen – die beiden Matineen. Schon im letzten Jahr hatte sich das Gloria als Spielstätte bewährt. Der Saal ist wesent­lich stim­mungs­voller als die funk­tio­nalen Rechteck-Kästen des Mathäsers. Zwischen den Filmen konnte man im hübschen Foyer im Angebot des DVD-Standes stöbern, sich stil­ge­recht am Asia-Imbiss verpflegen oder mit anderen Film­freaks unter­halten, ohne dass Teenie-Horden auf der Suche nach dem Saal mit dem neusten Hollywood-Block­buster durch die Diskus­sion tram­pelten. So kam unge­hemmtes Festival-Feeling auf. Szenen wie vor zwei Jahren, als am Wochen­ende im Mathäser sich eine Gruppe von Spontanen in den neusten Gojira-Film verirrten und dann ebenso entsetzt wie lautstark fest­stellten, dass dieser im Original mit engli­schen Unter­ti­teln lief, bleiben einem so erspart.

Die größte und erfreu­lichste Verän­de­rung gegenüber dem Vorjahr betrifft aber eindeutig die Retro­spek­tive. Wurde den Vorjahren unter dieser Rubrik eher eine Hommage mit einzelnen älteren Filmen ohne großen Zusam­men­hang gezeigt, wird die Retro­spek­tive diesmal ihrem Namen volls­tändig gerecht. Es werden sämtliche 14 Spiel­filme des korea­ni­schen Ausnahme-Regis­seurs Kim Ki-duk gezeigt, von den Anfängen bis zu seinen beiden neusten Werken Time und Breath , die erstmals in Deutsch­land zu sehen sind. Ergänzt wird die Reihe noch durch eine Fernseh-Doku­men­tion über den Regisseur. Während seine Erfolgs­filme von The Isle bis Bin-jip in den letzten Jahren häufiger in den Kinos liefen, bietet sich nun die Möglich­keit auch seine Frühwerke, die teils noch nie in München gezeigt wurden, auf der großen Leinwand zu sehen, wenn auch nur als Video­pro­jek­tion.

Kim Ki-duk ist ein Künstler, der in seinem Werk bestimmte Motive wie die schwim­mende Insel – von The Isle über Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling bis Hwal – Der Bogen – oder Prosti­tu­tion – von The Birdcage Inn über Bad Guy bis Samaria – immer wieder aufgreift, aber stets zu sehr unter­schied­li­chen Filmen verrab­eitet. Auch biogra­fi­sche Details wie seinen Wehr­dienst bei der Marine oder seine Zeit als Straßen­maler in Paris fließen in seine Filme ein. Eine so geballte Retro­spek­tive bietet die daher einmalige Gele­gen­heit seine Entwick­lung zu verfolgen und quer durch die Filmo­grafie nach Paral­lelen und rote Fäden zu suchen. Spannende Entde­ckungen sind garan­tiert.