11.07.2019
Kinos in München

Die Filmkunstwiege

Das Studio Isabella
Dinosaurier sterben nicht – das Studio Isabella (Foto: Studio Isabella)


Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von Strea­m­ing­diensten und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Das Studio Isabella wird 100 Jahre alt. Wer erleben will, wie sich Kino zur Zeit der Cineasten, Exis­ten­tia­listen und Studenten anfühlte, findet hier ein wert­volles Zeugnis aus einer versun­kenen Zeit

Von Dunja Bialas

Ein unschein­bares Kino, das Studio Isabella. Es befindet sich relativ versteckt in einem Winkel in der Münchner Maxvor­stadt, an der Ecke von Neureu­ther- und Isabel­lastraße. In dem aus dem vorletzten Jahr­hun­dert stam­menden Wohnhaus liegt das Kino hinter einer für München unge­wöhn­li­chen Holz­fas­sade direkt im Erdge­schoss. An der Hauswand ange­bracht sind große Schaukästen, in denen man die Urkunden der zahl­rei­chen Programm­preise bewundern kann, die das Isabella in den Jahr­zehnten angehäuft hat. In Kino-Nach­bar­schaft wohnten einst die Cineasten von morgen, meist waren es Studenten, die damals noch nicht »Studie­rende« hießen. Sie gingen zahlreich in das Kino, das Studio Isabella hatte magische Anzie­hungs­kräfte. Heute verströmt es mit seinem seit den 1980er Jahren nahezu unver­än­derten Ambiente den typischen, leicht verkom­menen Charme kleiner Pariser Kinos, wie das Accattone oder das Studio des Ursulines. Louis Anschütz ist der Betreiber dieses wie in der Zeit versun­kenen Film­thea­ters, und wie sein Haus ist auch er eng mit der Kino­ge­schichte Münchens verbunden. Eine Geschichte, die tatsäch­lich bald Geschichte sein wird, wenn sich in der Stadt nicht doch noch ein cine­as­ti­scher Ruck in Richtung Bestands­er­hal­tung ergibt.

Louis Anschütz trat das Erbe des großen Kino-Pioniers Fritz Falter an, als es um die Kinos bereits schlecht stand. Immer mehr Schuh­schach­tel­kinos, Vorläufer der großen Multi­plexe, machten sich breit, als er Geschäfts­führer und Programm­ge­stalter des Isabella wurde. Das Kino mit nur einem Saal gehört zu einem seitdem auslau­fenden und betrieb­lich schwer zu erhal­tenden Geschäfts­mo­dell. Zum Hundert­jäh­rigen gibt es also leider nicht nur Positives zu vermelden, das lässt Anschütz im Gespräch durch­bli­cken, in das er immer wieder seinen mit Sarkasmus gewürzten Humor einstreut. Aber wer könnte ihm das »Früher war alles besser« schon verübeln?

Gut Licht, gut Ton und volle Kassen

Anschütz war einmal Inhaber einer Gesell­schaft mit dem klin­genden Namen »Gut Licht, gut Ton und volle Kassen«, die auch das Türken­dolch, das Film­ca­sino, das Neue Rottmann und das Neue Arena betrieb. Das pracht­vollste seiner Häuser, in »einma­liger« Lage, wie Anschütz schwärmt, war das Film­ca­sino, das 2010 einem Club weichen musste. Nicht nur von horrend hohen Mieten war damals die Rede, auch von einer mumi­fi­zierten Leiche, die mysteriös hinter der Kino­lein­wand lag. Das Türken­dolch, eine Hochburg des Studen­ten­kinos mit charak­te­ris­ti­schem Schlauch-Saal, war schon 2001 einer Boutique gewichen. Im selben Jahr hatte er das Rottmann an Rex- und Cincinatti-Betreiber Thomas Wilhelm abgegeben. Anschütz' kleines Imperium der Film­kunst­kinos, zu denen bis Mitte der 1980er Jahre auch das Neue Arena gehörte, schrumpfte so vor fast zehn Jahren schlag­artig auf einen Saal. Es brachen harte Zeiten an, die Digi­ta­li­sie­rungs­welle tat ihr übriges.

Filmkunst-Boom

Das war die analoge Zeit, als es noch 35mm-Filme gab und Film­streifen zum Anfassen. Auch heute noch hat Anschütz im Isabella einen analogen Phillips SP30-Projektor in seinem Kino stehen, wird ihn aber wohl nicht mehr einsetzen. Die Kopien- und Rech­te­lage gebe das nicht mehr her. »Entweder sind die Rechte bei Todes­strafe verboten, oder man bekommt überhaupt nichts«, sagt er in seiner leicht defä­tis­ti­schen Art. Das digitale Zeitalter hat in dem Kino alter Filmkunst die Spuren der Absenz hinter­lassen. Nicht nur, dass die Ansprüche an Technik und Komfort mit der Zeit gestiegen sind, auch das Frei­zeit­ver­halten der Studenten hat sich in Richtung Bier­garten verlagert, weg von dem exis­ten­tia­lis­ti­schen Esprit, der einst die jungen Leute ins Kino spülte. Harold und Maude war Anfang der 1970er Jahre der erfolg­reichste Film des Isabella. Den je 500. Besucher erwartete eine Cat-Stevens-LP mit der Harold und Maude-Filmmusik, wie in »Neue Paradiese für Kino­süch­tige« nach­zu­lesen ist. Das war zwar noch zu Zeiten von Fritz Falter, aber auch Anschütz kannte noch die »vollen Kassen«, nach denen er seine GmbH benannt hatte. Zum 100. Jubiläum seines Kinos bringt er noch einmal den Lein­wand­zauber von Harold und Maude ins Kino zurück, am 28.7., um 20:30 Uhr.

100 Jahre Studio Isabella

Am 12. Juli 1919, gut ein halbes Jahr nach dem Ende des Ersten Welt­kriegs, eröff­neten die Isabella-Licht­spiele. Es war ein Kino, das die Bewohner des Viertels mit Filmen versorgte, wie es zu dieser Zeit viele gab. Ein einfaches Kino des Alltags, anders als das über hundert­jäh­rige Send­linger-Tor-Film­theater, das als präch­tiger Kino­pa­last gebaut worden war. Schon 1954, im Jahr, als Fritz Falter auch die Film­kunst­wo­chen aus der Taufe hob, wurde das Isabella mit einer Cine­ma­scope-Breitwand ausge­stattet. 1961 übernahm dann Falter und nannte es, analog zu seinem Occam-Studio, dem ersten Programm­kino der BRD, Studio Isabella. Als »Versuchs­bühne« sorgte es fortan mit Filmen des neuen europäi­schen Auto­ren­kinos für cine­as­ti­sche Entde­ckungen. Eine Tradition, die Anschütz auch heute aufrecht erhält, mit ausge­suchten Filmen in der »OmU«-Fassung und dem immer mittwochs statt­fin­denden spani­schen Kino, wo er mit der Münchner Gruppe »CineE­spañol« koope­riert.

Seinen Saal hat Anschütz, seit er das Kino übernahm, nahezu unver­än­dert gelassen. Nur die Stühle, die aus dem Isabella einst einen Ort des »stolzen und unbe­quemen Sitzens für die wahre Filmkunst« machten, wie sich Anschütz erinnert, tauschte er durch gepols­terte Kinett-Sessel aus, »„Bravo“ heißt der. Das ist wie ein Thea­ter­sessel«, sagt Anschütz bei der Orts­be­ge­hung. Seit den 1980er Jahren hat er sie für viel Geld gekauft, heute wird ausge­bes­sert. Wo das neue Astor im Arri mit aufwän­diger Lichtshow herum­prahlt, übt sich das Isabella in Ironie. An der dunklen Wand entfaltet sich ein echtes Eighties-Feeling mit frühen LED-Licht­spielen. Eine blaue Leucht­stoff­röhre umrahmt die Leinwand, auch dies ein Gruß aus der vergan­genen Moderne.

Das Kino im Inves­ti­ti­ons­stau

»Wenn man hier was machen will, dann muss man fast alles machen. Man kann hier nicht einfach nur so ein bisschen rumbas­teln«, kommen­tiert Anschütz den Zustand seines Kinos, aber er kann sich auch immer noch freuen an den Leucht­stoff­röhren, den roten Sesseln, der kleinen verspielten Licht­schau. Der viel beschrie­bene »Inves­ti­ti­ons­stau« der Kinos, der sich flächen­de­ckend auf Bundes­ebene zuträgt und zu einschlägigen Vorschlägen für die anste­hende Novel­lie­rung des Film­för­de­rungs­ge­setzes geführt hat, die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters derzeit in Exper­ten­runden disku­tiert: Hier ist er sichtbar. Außerdem steht die zweite Digi­ta­li­sie­rungs­welle ins Haus. Wie nur das alles schultern?

Auch ange­sichts des jetzt mit finanz­starken acht Millionen Euro auf »State of the art« gebrachten Arri-Kinos, das sich jetzt »Astor im Arri« nennt, fragt Anschütz ganz offen: »Wir werden sicher nicht weitere 100 Jahre überleben, nicht 50. 20? 10? Noch 1 Jahr???« Für das Ein-Leinwand-Kino werde es vermut­lich kaum jemanden geben, der noch richtig in den Betrieb einsteigen will. Das neue Arri, mit dessen Betrei­bern er sich in der Vergan­gen­heit stets über die zu spie­lenden Filme abge­stimmt hatte, hat jetzt spürbare negative Auswir­kungen fürs Isabella: »Die Leute gehen in der Woche, im Monat nur in so und so viele Filme. Das wird jetzt einfach abgesaugt. Dann habe ich weniger Besucher, auch wenn der [Geschäfts­führer Hans-Joachin Flebbe] ganz andere Sachen spielt. Dann gehen mir die deutschen Filme futsch, der spielt alle deutschen Filme. Der Junge muss an die frische Luft hätte ich auch gerne gespielt.«

Wie man durch eine Türe kommt

Anschütz weiß aber auch, dass viele auch sein »reno­vie­rungs­be­dürf­tiges Kino«, wie er selbst sagt, lieben. Oft aber nur grund­sätz­lich. Der letzte Besuch liegt meist schon länger zurück, erfährt er, wenn er nachfragt. Dabei ist es wie bei den Tante-Emma-Läden: Bei ihrem Verschwinden war das Gejammer groß, einge­kauft wurde aber bei den Super­markt­mo­gulen. Als Anschütz sieht, wie sich eintref­fende Gäste mit der hundert­jäh­rigen Flügeltür abmühen, setzt er humorig nach: »Ich hätte doppelt so viele Zuschauer, wenn die Leute wüssten, wie man durch diese Tür reinkommt.«

+ + +

100 Jahre Studio Isabella

Straßen­fest zum Geburtstag am 24.7.2019 ab 17 Uhr

Anschließend: Eröffnung der 67. Film­kunst­wo­chen München
mit Pedro Almódo­vars Leid und Herr­lich­keit (OmU, Preview)
Rest­karten unter 089 / 271 88 44

Bei den 67. Film­kunst­wo­chen zeigt das Studio Isabella eine kleine Retro­spek­tive mit ausge­suchten Filmen von Almódovar, darunter auch Raritäten wie Pepi Luci, Bom und der Rest der Bande (Mittwoch, 31.7., 18:30 Uhr, OmU), Matador (Mittwoch, 7.8., 18:30 Uhr, OmU) und Labyrinth der Leiden­schaften (Mittwoch, 14.8., 18:30 Uhr, OmU).

Literatur:
– »Neue Paradiese für Kino­süch­tige – Münchner Kino­ge­schichte 1945 bis 2007«, hg. von Monika Lerch-Stumpf mit HFF München, Dölling und Galitz Verlag, 368 Seiten, 42 Euro.

top