06.12.2018
Kinos in München

Alles hat seinen Preis

Das Neue Rex
Der Garderobier


Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von DVD und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Das alte Arri-Kino wurde zur luxu­riösen Astor Film Lounge umgebaut

Von Dunja Bialas

Reflex­artig schießt das Reizwort »Luxus« in den Kopf. Im neu umge­bauten Arri, jetzt etwas sperrig »Astor Film Lounge im Arri« genannt, geht es nobel zu: Der so genannte »Doorman« begrüßt einen, die Mäntel werden an der Gaderobe entge­gen­ge­nommen, man lässt sich in geräumige Kino-Leder­sessel sinken, legt die Beine hoch und nimmt den Begrüßungs­cock­tail in Empfang, der einem an den Platz gebracht wird. Während man auf den Film­be­ginn wartet, bewundert man die LED-Lightshow, die die Wände bespielt, oder schmökert in einem Buch: die stehen griff­be­reit in den Bücher­re­galen des als Biblio­thek gestal­teten Kino-Saals im Keller. Und, wenn einem die Lektüre gefällt, kann man das Buch sogar mit nach Hause nehmen und fertig­lesen.

Der Gast auf der Couch

Aber ist das alles schon Luxus? Sollten in der heutigen hoch­mo­dernen Zeit guter Service und die schönste und beste Ausstat­tung nicht selbst­ver­s­tänd­lich sein? Gerade in Hinblick auf die Konkur­renz, die die vielen privaten Wohn­zimmer darstellen, scheint das für ein Kino doch durchaus angezeigt: Zu Hause winken Netflix, Pausen­taste, Kühl­schrank, die Beine hochlegen und auf der Couch einschlafen, im Kino dagegen Tuch­füh­lung mit dem Sitz­nach­barn, Köpfe, die in die Leinwand hinein­ragen, unge­müt­liche Sessel, in denen man keine Liege­po­si­tion einnehmen kann, und Warte­schlangen an der Kasse, bei den Getränken und auf den Toiletten, die einem den Rest geben.

Kino wird von den Streaming-Diensten und dem Home-Enter­tain­ment heraus­ge­for­dert, und darauf reagiere man mit dem Arri-Umbau, so macht Hans-Joachim Flebbe, der neue Kino­ma­nager, beim Pres­se­ge­spräch deutlich. Seine Idee vom Kino soll den Besuch zu einem Erlebnis machen, bei dem nicht zwingend der Film das Wich­tigste ist, vielmehr das ganze Drumherum. »Der Gast steht im Mittel­punkt – und der Wunsch, ihm einen entspannten Film­ge­nuss zu bieten«, heißt es in der an die Presse verteilten Infor­ma­ti­ons­bro­schüre. Man will sich auch vom Pöbel abheben und einen kulti­vierten Rahmen bieten: nicht nur die Garderobe zeigt das deutliche Bemühen, es mit der Hoch­kultur aufzu­nehmen. So wird betont, dass man hier nicht vom »Geruch von Nachos mit Käsesauce und tele­fo­nie­renden Mitbe­su­chern« belästigt werde. Popcorn gebe es aber schon.

Der Multiplex-Pionier

Die »Astor Film Lounge im Arri« gehört zu einem Konzept, das der Mulitplex-Pionier Flebbe bereits erfolg­reich in Hannover, Hamburg, Köln und Berlin umsetzt. 1990 hatte er die Cinemaxx-Kette gegründet und damit den Angriff auf die kleineren fami­li­en­be­trie­benen Kinos begonnen. Nach zwanzig Jahren im Vorstand und dem Börsen­gang von Cinemaxx wandte er sich dann dem Premium-Segment zu, das nun ein neues Kino­er­lebnis verschaffen soll. Flebbe ist aber auch ein Cineast, der sich in den 80er Jahren in der Filmkunst versucht hatte; er war Mitglied der »Gut Licht, Gut Ton und volle Kassen Kino­be­triebs-GmbH«, zusammen mit Louis Anschütz (heute Studio Isabella), der als einziger GmbH-Inhaber über­dauert hat. Heute zeigt sich der Kino­lieb­haber Flebbe darin, dass ihm gute Projek­ti­ons­qua­lität überaus wichtig ist. Bereits mit den Cinemaxx-Kinos standen für ihn – neben der maximal kommer­zi­ellen Auswert­bar­keit der Filme – die tech­ni­schen Aspekte der Kino­vor­füh­rung an erster Stelle. So sorgte er für freien Blick auf die haus­wand­hohen Leinwände und für über­wäl­ti­genden Kinoton. Verab­schiedet hat er damit die jeder Beschrei­bung spot­tenden Schuh­schach­tel­kinos der 80er Jahre, mit denen die Ära der Mehrsaal-Kinos begann. Die Premium-Kette »Astor Film Lounge« setzt nun mit ausfahr­baren Leder­ses­seln, Getränken, Garderobe und Biblio­thek (die als Marken­zei­chen der Kette gilt) auf größt­mög­li­chen Komfort und Service, die Bedienung durch das Personal ist im Eintritts­preis inbe­griffen (regulär: ab 13 Euro (Loge: 15,50 Euro); Studenten-, Senioren- und früher-Nach­mittag-Tarif: 11,50 Euro bzw. 14 Euro). Ermäßi­gung, weil man kein Begrüßungs­ge­tränk, keine Garderobe und keinen Butler möchte, gibt es leider nicht.

Gut Licht, gut Ton

Der wahre Grund für den Besuch der »Astor Film Lounge im Arri« sollte auch nicht dieser leicht wegzu­den­kende und kosten­trei­bende Schnick­schnack sein, sondern einzig und allein die Technik. Flebbes Bestreben, beste Kino­qua­lität zu liefern, vermählt sich hier mit der orts­ge­ge­benen ARRI-Technik auf höchstem Niveau. Sechs Millionen Euro kostete allein der Innen­ausbau und die tech­ni­schen Einrich­tungen. Und das kann sich sehen und hören lassen.

Der große Saal, auch »Prunksaal« Astor 1 genannt, wartet mit einem Leinwand-Riesen von 200 Quadrat­meter auf, der größten Projek­ti­ons­fläche der Stadt außerhalb der Mulit­plexe. Hier hat man 335 großzügige Leder­sessel unter­ge­bracht. Spek­ta­kulär ist die Dolby-Atmos-Anlage, die von Flebbe als »3D für die Ohren« beschrieben wird: hier kommt der Ton punkt­genau aus jeder erdenk­li­chen Stelle im Raum und lässt dabei die klas­si­schen Dolby-Surround-Systeme wie einfalls­loses Mono wirken. Gespielt werden hier folglich auch nur die Filme, die mit dieser Technik herge­stellt wurden. Das sind große und teure Produk­tionen, die sich im geho­be­nenen Main­stream-Segment befinden. Das Astor 1 ist damit ein Vorzei­ge­saal für alles, was Kino heute technisch kann. Lobend hervor­zu­heben ist, dass München jetzt endlich über einen 70mm-Projektor verfügt. Vorbei ist damit die Zeit, als man dafür extra nach Hamburg oder gar London fahren musste. Es sei also unbedingt empfohlen, sich einmal von der visuellen und akus­ti­schen Raumtiefe der Projek­tion über­wäl­tigen zu lassen.

Die beiden anderen Säle sind vergleich­weise normal. Der ehemalige Arri-Saal ist nun mit 175 Plätzen in etwa film­mu­se­ums­groß und bis auf die aufklapp­baren Leder­sessel ohne weitere Beson­der­heit. Im Keller gibt es dann noch das soge­nannte Club-Kino mit 80 rotplü­schigen Sesseln, das in engli­scher Landadel-Manier mit dunklen Bücher­re­galen aufwartet und für die Arthouse-Filme reser­viert ist, die nicht den ganz großen Besu­cher­an­drang erwarten. Der Sound ist in beiden Sälen Dolby-7.1, somit gäbe es prin­zi­piell die Möglich­keit, hier den neuen Godard The Image Book zu sehen, der diese noch immer rare Anlage erfordert. Voraus­ge­setzt, der das Publikum heraus­for­dernde Film wird fürs Programm ausge­wählt.

Und volle Kassen

Denn die großen Säle wollen erst einmal ausge­lastet sein. Das Astor-Arri will sich zunutze machen, dass das Arthouse-Segment schon längst der neue Main­stream geworden ist und umgekehrt viele Main­stream-Filme auch Arthouse-kompa­tibel sind. Für die erste Woche stehen so drei Filme im Programm, die den geplanten Spagat vorführen: 100 Dinge, eine Komödie mit Matthias Schweig­höfer, Widows, der neue Film von Steve McQueen, und Bohemian Rhapsody mit Atmos-Sound.

Die Band­breite ist damit klar. Der konsen­staug­liche Qualitäts­film ist hier Programm, nicht das anspruchs­volle Arthouse, das Flebbe eher in der Nische verortet. Im Hinblick auf die Kinos in der Nach­bar­schaft betont er so auch, dass er dem Studio Isabella keine Konkur­renz machen werde. Die Arthouse-Filme, die Kino­be­treiber Louis Anschütz dort zeige, werde man bei ihm nicht finden. Eher muss sich wohl Thomas Kuchen­reu­ther mit seinen Kinos Münchner Freiheit über die neue Konkur­renz Sorgen machen; auch er setzt auf ein publi­kum­träch­tiges Arthouse; 100 Dinge, Bohemian Rhapsody und Widows stehen bei ihm ebenfalls auf dem Programm. Die inhalt­liche Nähe zu seinen Kinos sei kein Zufall, erzählt Kuchen­reu­ther, Flebbe habe sich immer Inspi­ra­tion bei seiner Program­mie­rung geholt.

Alles in allem bleibt ein zwie­späl­tiges Gefühl bei der Begehung des neuen Astor-Arri zurück. Ohne Vorbehalt kann die Ausstat­tung der Säle, das schöne Foyer mit der 50er-Jahre-Anmutung und natürlich die High-End-Technik bewundert werden. Mulmig wird es einem, weil das Geschäfts­kon­zept allzu leicht zu durch­schauen ist. Kino soll hier als wertvolle Hoch­kultur erscheinen, letztlich verbirgt sich hinter der Astor Film Lounge aber nur eine Marketing-Idee. Ganz klar wird hier auf das finanz­starke, konser­va­tive Bürgertum gezielt. Kino als hoch­wer­tiges Film­er­lebnis ist eben keine »Kultur für alle« mehr: Alles hat seinen Preis.

top