20.12.2018
Kinos in München

Das Kino an der Isar

Museum-Lichtspiele
Die schöne Buchstaben-Anzeigetafel erinnert daran, wie sich Kinogehen einmal anfühlte


Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von DVD und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Die Museum Licht­spiele in der Au locken mit Filmen in der Origi­nal­ver­sion sowie einem Kinder­film­pro­gramm. Außerdem läuft dort seit Ewig­keiten jede Woche die Rocky Horror Picture Show

Von Ingrid Weidner

Ein trüber Montag­nach­mittag im Winter. In das geräumige Foyer der Museum Licht­spiele schlen­dern Zuschauer, lösen Tickets, kaufen Getränke. Auch die ein oder andere Tüte Popcorn wandert über die Theke. Das zweitäl­teste Kino Münchens eröffnete 1910 seine Türen in einem statt­li­chen, sechs­ge­schos­sigen Eckhaus im Stil des Neubarock mit der Haus­nummer Lili­en­straße 2. Die Dach­woh­nung im Haus, die eine Glas­py­ra­mide krönt, soll einmal eine der teuersten Wohnungen Münchens gewesen sein, doch das ist lange her. Schräg gegenüber findet sich das Müller­sche Volksbad, das Wannen- und Brau­senbad aus der Jugend­stil­zeit. Geht man über die Isar, landet man direkt im Deutschen Museum.

Als der Kino­pio­nier Carl Gabriel am 24. November 1910 dort das Kino als »Gabriels Tonbild­theater« eröffnete, war die Kunstform Film zwar noch neu, er hatte aber bereits drei Jahre zuvor das heutige Gabriel als erstes Kino der Stadt eröffnet, drei Jahre später folgte das Send­linger-Tor-Kino.

Die Au war zu Beginn des letzten Jahr­hun­derts ein Viertel, in dem Hand­werker, Tagelöhner und Arbeiter lebten. Nur ein paar hundert Meter entfernt in der Zeppe­lin­straße befindet sich das Geburts­haus von Karl Valentin. Als knapp Dreißig­jäh­riger entdeckte er im Kino in der Au, dessen regel­mäßiger Gast er gewesen sein soll, den Film. Ab 1912 entwi­ckelte er so seine »Valen­ti­naden«, kurze Sketche fürs Kino.

Carl Gabriel war ein selbst­be­wusster Gründer, der das Kino gleich nach sich selbst benannte. 1857 als Sohn eines Mena­ge­rie­be­sit­zers geboren, kam er aus einer Schau­stel­ler­fa­milie und wusste, wie sich mit Unter­hal­tung Geld verdienen lässt. Er tingelte mit seinem Jahr­markts­ge­schäft viele Jahre durch Europa und landete schließ­lich 1892 in München. Bereits ein Jahr später war er mit ersten Attrak­tionen auf dem Okto­ber­fest vertreten. Mit den Jahren brachte er zahl­reiche Fahr­ge­schäfts­klas­siker an die Isar, vom Riesenrad bis zur Achter­bahn, und stieg sogar zum »Okto­ber­fest­könig« auf. Ein Wachs­fi­gu­ren­ka­bi­nett, das »Inter­na­tio­nale Handels­pan­op­tikum« in der Neuhauser Straße, sicherte ihm regel­mäßige Einnahmen. Gerade weil er ein gutes Gespür für Attrak­tionen und Buden­zauber hatte, inter­es­sierte er sich früh für die Expe­ri­mente der Gebrüder Lumière und ihren Kine­ma­to­gra­phen.

Carl Gabriel war von der neuen Technik begeis­tert und eröffnete in München insgesamt fünf Kinos. Zuerst das bereits erwähnte Gabriel, das 1907 als American Bio eröffnete, das »Gabriels Tonbild­theater« (heute Museum-Licht­spiele), die Send­lin­gertor-Licht­spiele (heute Film­theater Send­linger Tor). Außerdem die Alhambra-Licht­spiele in der Lind­wurm­straße, die bis 1970 exis­tierten, und die Rathaus-Licht­spiele in der Wein­straße 8, die sich ebenfalls bis Anfang der 1970er Jaher hielten. Etwa 20 weitere Gabriel-Kinos in Städten wie Berlin, Augsburg, Passau oder Bochum machten aus ihm den ersten Kino-Großmogul.

Meta­mor­phosen oder die vielen Wand­lungen eines Kinos

In den Museum-Licht­spielen, das von seinem Betreiber Matthias Stolz meist zärtlich »MuLi« genannt wird, änderte sich neben dem Namen so manches über die Jahre. In den 1970er Jahren kam ein zweiter Saal hinzu, den die damaligen Betreiber an Beate Uhse vermie­teten, die ihn als »Intimes Theater mit anspruchs­vollen Filmen für Erwach­sene« nutzt – es war die Hochzeit der deutschen Erotik­filme. Schließ­lich kam in den 1980er Jahren ein dritter Saal hinzu und bei einem weiteren Umbau in den 1990ern ein vierter. Dabei blieb es dann.

In den vier Sälen mit bequemen, rot gepols­terten Sesseln finden heute insgesamt 276 Gäste Platz. Vor fünf Jahren wurde auch das Foyer umgebaut. Jetzt empfängt eine große Theke die Besucher mit Süßig­keiten, Popcorn und Getränken. »2012 haben wir die Kinos digi­ta­li­siert und auch in den Ton inves­tiert. Aller­dings haben wir uns bewusst gegen 3D entschieden. Unser Publikum weiß das zu schätzen«, erzählt Geschäfts­führer Matthias Stolz. Der 38-Jährige kam 2012 von Heidel­berg nach München, um sich hier um das Tages­ge­schäft zu kümmern. Der zweite Geschäfts­führer, Mathias Wild, konzen­triert sich auf Verwal­tungs­auf­gaben. Stolz hat seinen Umzug nach München nicht bereut und lobt die Münchner Kino­land­schaft sowie das kolle­giale Mitein­ander, das er mit anderen Kino­be­trei­bern pflegt, nicht zuletzt mit Elisabeth Kuonen-Reich, die in der oberen Au am Rosen­heimer Platz den Rio Film­pa­last betreibt. »Man kennt und schätzt sich«, sagt Stolz, und kommt sich nicht in die Quere.

Gezeigt werden in den Museum-Licht­spielen vor allem Filme in der engli­schen oder ameri­ka­ni­schen Origi­nal­ver­sion. Ohne Unter­titel. Filme im Original zu zeigen war aller­dings nicht die Idee von Stolz, bereits in den 1970er Jahren konzen­trierten sich die Betreiber auf diese Sparte. Egal ob Arthouse, Anima­ti­ons­filme oder Block­buster – Stolz und sein Team zeigen ganz unter­schied­liche Genres. Ebenfalls schon ziemlich lange gibt es ein regel­mäßiges Programm für Kinder und Familien mit Filmen wie Die kleine Hexe oder Der kleine Drache Kokosnuss. In der Matineen-Reihe gibt es auch deutsch­spra­chige Filme, ganz so streng nehmen es die Macher dann doch nicht.

Und wer kommt ins Kino? Neben Familien und Studenten schätzt vor allem ein inter­na­tio­nales Publikum das Licht­spiel­haus, wie Matthias Stolz erzählt. »Viele Leute, die in München arbeiten und aus der ganzen Welt kommen«, fasst er großzügig zusammen. Manche zieht ein auch ganz spezi­eller Programm­punkt an, der sogar in München-Reise­füh­rern erwähnt wird: In den Herbst- und Winter­mo­naten, immer in den Nächten von Freitag und Samstag, bieten die Museum Licht­spiele ein ganz beson­deres Spektakel: The Rocky Horror Picture Show. Das Musical mit dem berühmten Tim Curry wird als Mitspiel-Paket angeboten, mit Reis, Tröte und weiteren Uten­si­lien, die mit dem Ticket direkt an der Kasse erworben werden können. In diesem Setting werden Jung­ge­sel­len­ab­schiede oder Partys für Vertriebs­mit­ar­beiter abge­halten, Touristen kommen oder auch Münchner, die ihren Besuchern eine verrück­tere Seite ihrer Stadt zeigen wollen, umschreibt Stolz das bunte Publikum. Stolz gibt bei der Insze­nie­rung des Dauer­bren­ners, wo im Kinosaal Reis geworfen wird und sich das Publikum bei den einschlägigen Szenen Hütchen aufsetzt, womöglich seiner zweiten Leiden­schaft Ausdruck, für die er sich privat stark macht, aber einige Verant­wor­tung über­nommen hat: Seit 2017 ist er Schatz­meister bei Narrhalla e.V., dem ältesten Faschings­verein Münchens. Das erklärt wohl auch, warum der Film in seinem Hause zum Kult geworden ist.

Wegen diesen Möglich­keiten zum viel­fältig kultu­rellen Enga­ge­ment fühlt sich der Heidel­berger Matthias Stolz pudelwohl in München, das Kino­ma­chen bleibt dabei natürlich seine erste Leiden­schaft. Aber findet ein Profi wie er überhaupt die Zeit, selbst noch Filme zu sehen? Im laufenden Betrieb sei das schwierig, räumt Stolz ein, und im eigenen Haus komme er tatsäch­lich kaum dazu. Doch er schaut gerne bei seinen Münchner Kollegen vorbei, geht etwa den Berg hoch ins Rio oder besucht einen der anderen Kino­be­treiber in der Stadt, die die Kino­kultur pflegen.

Weil ja bald Weih­nachten ist, wünscht sich Matthias Stolz nach dem heißen Sommer für die Museum Licht­spiele gutes Kino­wetter für die Feri­en­zeit. Die tropi­schen Sommer­tem­pe­ra­turen hatten zu einem Besu­cher­an­sturm an der nahe gelegenen Isar und in die Bier­gärten geführt, nicht im Kino. Von dieser abträg­li­chen Wetter­lage muss man sich als Kino erst einmal erholen. Netflix dagegen sieht Stolz nicht als Konkur­renten, da ist er zuver­sicht­lich, dass das Kino nicht vom Wohn­zimmer verdrängt wird. Mit seinem Kinder­film-Programm will er die Kino­be­su­cher von morgen an die Kultur des Kino­ge­hens heran­führen. Einen Versuch ist es wert.

+ + +

Literatur:
– »Neue Paradiese für Kino­süch­tige – Münchner Kino­ge­schichte 1945 bis 2007«, hg. von Monika Lerch-Stumpf mit HFF München, Dölling und Galitz Verlag, 368 Seiten, 42 Euro.

top